Es ist 2006 und Blogs sind Klowände

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Tatsächlich begann ich mit dem Bloggen schon um das Jahr 2000, auch wenn es dafür leider keinen rechten Beweis gibt, wer möchte kann aber mal nachsehen wann der erste Beitrag von mir im Netbib-Blog stand, das war 2001, und ich hatte die Aufgabe ja, weil ich schon mit Blogs Erfahrung hatte also muss das kurz und schlicht so um 2000 gewesen sein mit dem ersten eigenen Blog – das, was heute bei Google Blogger ist war damals ein unabhängiger Dienst, Trackbacks musste man mit einem Ad-On ins Blog einhaken und der Schockwellenreiter hatte damals ein Kommentar-Tool, dass nicht im Blog lief sondern als Pop-Up-Fenster funktionierte. Wir hatten ja nichts außer HMTL-Code damals….

Die Vorläufer von Social Media nannte man ja das Web 2.0, weil es von der rein statischen Homepage weg und hin zu den Kommentarmöglichkeiten im Netz ging. Foren sind bekanntlich immer noch ein Teil beider Welten. 2004 hatten Journalisten Blogs noch nicht unbedingt auf den Radar – so ab 2005, 2006 wurde misstrauisch beäugt, was da passierte aber wie das später auch mit den Podcasts sein sollte: Erstmal entdeckten die Nichtprofessionellen, die Amateure, die Laien dieses Medium für sich. Die Faszination Texte ins Internet zu stellen und auch auf Feedback zu reagieren kann man heutzutage wohl kaum noch Jugendlichen vermitteln. Aber ja, natürlich war das total super: Auf einmal konnte man das Internet nutzen um seine eigenen Texte online zu stellen und das ohne HMTL-Kenntnisse! Wunderbar!

Klowände des Internets

Während dann einige Fronten bei Blogs sichtbar wurden – Don Alphonso plädierte dafür, Blogs als Mittel des Erzählens zu werten, während Sascha Lobo schon frühzeitig für eine nicht aufhaltsame Kommerzialisierung plädierte – im Rückblick lässt sich sagen, dass die beiden Möglichkeiten immer noch existieren und darüber darf man froh sein – während also die Blogger untereinander noch sich fanden und über die Möglichkeiten des neuen Mediums nachdachten brauste 2006 Remy von Matt in die Parade. Und brachte damit eine Einschätzung ins Spiel, die sich offenbar bis heute gehalten hat. Vielleicht nicht bei allen Kollegen des Print oder des Marketings – besonders des Marketings nicht, die Blogger als wertvolle Zielgruppe erkennen, die gehegt und gepflegt werden sollte. 

Für „die Klowände des Internets“ hat sich von Matt zwar irgendwie dann doch entschuldigt – aber das Wort an sich und die Einschätzung haben sich gehalten. Nicht bei allen Journalisten, jedoch wabert diese Einschätzung noch durch die Welt. Zwar wanderten Blogs dann als Experimentierfeld in die Online-Tageszeitungen, die WAZ hatte sogar eine eigene Community für Blogger – aber klammheimlich fuhr man die Aktivitäten dann doch wieder zurück. Journalisten schreiben zwar Kolumnen, sind aber in der Regel nicht unbedingt blogaffin. Blogs sind nämlich Arbeit. Sie bedeuten, dass man die Kommentare überwachen muss – weil da jeder Mensch was reinschreiben kann ist die menschliche Dummheit natürlich auch vertreten. Sie bedeuten auch, dass man einen Rückkanal öffnet und dieser sollte auch einigermaßen betreut werden, ansonsten kann man es gleich sein lassen. Lustig war natürlich im Anfang die Methode, etwas ein Blog in der Zeitung zu nennen, was eigentlich nur die gedruckte Kolumne war und dann auch keine Möglichkeit zur Kommentierung bot. Falls sich jemand an die Essener WAZ und deren Chefredakteur erinnert – was habe ich mich damals amüsiert…

Blogger sind keine Verleger

Michael Spehr nun scheint gerade aus dem Jahr 2007 angerufen zu haben. Denn sein Artikel in der FAS – der ironischerweise nach der Replik von Thorsten Knüwer online erscheint, was wohl auch etwas aussagt – behauptet, mal wieder, Blogs seien tot. Man sollte, so Spehr, diesen Begriff einfach zu Grabe tragen weil…

Die Blogger von früher schreiben entweder direkt auf den Seiten der etablierten Verlage oder sie sind, wie Sascha Pallenberg, mit professionellem Webauftritt, mit hohen Besucherzahlen, Werbung, Sponsoren und fest angestellten Mitarbeitern nichts anderes als, sagen wir es ruhig: Verleger.

Natürlich ist das Unsinn – das war schon 2006 Unsinn als die ersten Verlage mit Blogs experimentierten und das ist heute auch nicht richtiger geworden. Natürlich gibts Blogger, die für Verlage schreiben. Es gibt sogar Blogger, die für Unternehmen arbeiten. Es gab Blogger, die versuchten ein eigenes Netzwerk für die Vermarktung aufzusetzen, was aber dann scheiterte. (Und mich sehr amüsierte.) Es gibt aber auch Blogger, die aus Spaß an der Freude schreiben und die sich nicht durch Werbung finanzieren. Man muss sich als Journalist nur mal die Mühe machen zu recherchieren. Heutzutage ist Recherche aber überbewertet.

Jenseits von Spehrs Definitionen darf es wohl nichts geben – das Entweder-Oder ist aber in der Diskussion rund um Qualitätsjournalismus und Blogger nun wirklich nichts Neues. Entweder man ist Journalist oder man ist Blogger. Dazwischen gibt es nichts. Behaupten jedenfalls alles seit 2006 mindestens und genau seit der Zeit ist das unrichtig. Mischformen hat es immer geben und natürlich sind Verlage immer auf der Suche nach Content – und wer als Blogger gut schreibt hat dann schnell mal ein Angebot auf den Tisch, ob man nicht auf kommerziell was machen würde. (Damit meine ich nicht E-Mails mit Stichworten wie „Synergie“, „Netzwerk“ und „Linktausch“.) Diese Entweder-Oder-Denke bringt natürlich keinen weiter, wird aber in Deutschland gerne von etlichen Journalisten gepflegt. Ich weiß nicht, welche Angstgründe dahinter stecken, welchen Widerwillen man haben muss um wie Spehr zu argumentieren – aber immer wenn ich so etwas lese, dann tippe ich auf: Da müssen enorme Ängste im Spiel sein.

Wann ist ein Blogger kein Blogger mehr?

Pallenberg verdient gutes Geld mit seiner Seite, seine Digital- und Monetarisierungsstrategie ist aufgegangen. Mit einem Blog hat das alles nichts mehr zu tun.

Da scheint Spehr ja eigentlich schon aufgedeckt zu haben, wovor er als Journalist Angst hat. Natürlich ist das rein spekulativ, aber kann jemand, der gutes Geld mit seinem Blog verdient nun auf einmal kein Blogger mehr sein? Natürlich greift er indirekt damit auch den Journalisten an. Spehr schreibt über Technik, Pallenberg schreibt auch über Technik. Warum Pallenberg auf einmal kein Blogger sein soll nur weil er erfolgreich ist – das begründet Spehr nicht. Das muss er auch nicht, schließlich schreibt er ja eine Kolumne und keine Reportage. Dennoch: Wann ist denn ein Blogger kein Blogger mehr? Nur dann doch wenn er aufhört sein Blog zu befüllen. Ob er das groß ankündigt oder still und heimlich einschlafen lässt – das ist dann eine andere Geschichte. Aber ein Blogger ist solange er ein Blog betreibt ein Blogger. Vielleicht sogar ist er ein Blogger, wenn er aufhört zu bloggen – Spehr hört ja auch nicht auf Journalist zu sein nur weil einfach mal eine Zeitlang nichts schreibt. Das aber ist eine Frage, über die wir gemeinsam mal intensiver nachdenken müssten – und die Frage, wie ein Blog aussieht oder was ein Blog eigentlich ist haben wir ja schon 2004, 2005, 2006 … geklärt. (Ein RSS-Feed sollte dazugehören, finde ich immer noch, aber schön.)

Würde Spehr jetzt erklären, was er genau für ein Blog hält, wir hätten sicherlich auch noch Diskussionsbedarf. Er entzieht sich dessen aber. Stattdessen kommt er auf eine obskure Idee.

Wer damit Erfolg hatte, ist mittlerweile wie Pallenberg ein Verleger. Wer nicht, schreibt bei Facebook.

Ah ja. Wer also keinen Erfolg hat, der landet bei Facebook. Wie genau dieser Erfolg definiert ist, das erwähnt Spehr auch wieder nicht. Es gibt tatsächlich Leute, die auch auf Facebook bloggen – seitdem Facebook die Notizen-Funktion hübsch gemacht hat sieht das auch etwas besser aus – und die damit auch Erfolg haben. Wenn man die Anzahl der Likes und Klicks betrachtet. Aber was ist denn bitte Erfolg? Und wie misst man den? Vor allem, wie möchte Spehr diesen Erfolg gemessen haben? Dass Pallenbergs Blog als Konkurrenz-Medium erfolgreicher ist als die FAS-Spalte – wie stellt man das fest? Okay, online ist das einfach, da gibts Tools für und dann kann man nachsehen wieviele Klicks wer denn jetzt hat. Und bei Facebook ist der Erfolg auch einfach messbar. Aber es geht hier ja nicht um Tools. Es geht um eine Einstellung.

Tumblr und Medium und WordPress – oh my!

Amüsanterweise hat Spehr gar nicht im Blick wieviele neue Möglichkeiten und wieviele neue Blogs es mittlerweile gibt – vermutlich sind nicht alle so, wie er denkt, dass Qualitätscontent sein müsste, aber allein wenn man an die Buchblogger-Szene denkt, die relativ neu ist sollte klar sein, dass Blogs keineswegs tot sind. Mit Medium und Tumblr haben neue Dienste den Markt erobert, die das Bloggen so einfach machen wie lange nicht mehr. Und die in sich dann wiederum eine eigene Community bilden. Von außen betrachtet ist das Ganze natürlich nicht unbedingt sichtbar, aber wer recherchiert und sich mal aufmerksam umtut kommt eigentlich an diesen neuen Entwicklungen nicht vorbei.

Abgesehen davon – einige Blogger sind schon weiter als Herr Spehr, denn sie diskutieren schon darüber was LinkedIn oder Facebook für Auswirkungen auf das Bloggen an sich haben und ob Bloggen ohne Blogs wirklich funktioniert und möglich ist. Während Spehr also den Begriff des Bloggens gerne zu Grabe tragen möchte stellt gerade diese Blogparade unter Beweis, dass Blogs keineswegs tot sind. Im Gegenteil. Leider ist diese Ironie irgendwie an Spehr vorbeigezogen, aber so ist das halt wenn man Klowände ignoriert.

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