Kritik an Schönheitsidealen: Oberfläche, Oberfläche, Oberfläche

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Einerseits ist der Trend des Kritisierens von Schönheitsidealen etwas, was längst überfällig ist. Dabei wissen wir alle längst, dass Soziale Medien hier gefährlich sein können und andere Länder haben schon längst eine Kennzeichnungspflicht für bearbeitete Bilder eingeführt. Dass hierzulande daran kein großes Interesse besteht verwundert nicht, denn der Druck ist momentan auf die Politik nicht allzu groß. Trotz der vorhandenen Aktivistin*ennen.

Andererseits: Wenn ich mir Sendungen wie diese anschaue – So!Gesehen, kirchlich produzierte Talkshow auf Sat1 am Sonntagmorgen – in der es um Körperbilder und Social Media geht, dann ist das leider reichlich oberflächlich. Es ist, als ob man momentan eine Agenda abzuhaken hätte: Wir müssen unbedingt sagen, dass man nicht dem Schönheitsideal zu entsprechen braucht. Irgendwas mit Ess-Strörungen brauchen wir auch noch. Dann muss Instagram irgendwie als Einfluss erwähnt werden. Dann brauchen wir unbedingt eine Demonstration, wie Filter funktionieren. Die Aufforderung, doch mal in sich selbst reinzuhören darf nicht fehlen. Und am Ende steht noch das Hashtag Bodypositivity und wir sind alle glücklich. 20 Minuten Sendezeit gefüllt, ohne wirklich in die Tiefe zu gehen. Wissensgewinn über das, was wirklich hinter dem Ideal liegt? Fehlanzeige. Das könnte man allerdings in knapp 20 Minuten auch wirklich machen.

Warum ist das zu oberflächlich?
Wenn über das Schönheitsideal gesprochen wird, wird nur erwähnt, dass es das gibt. Dass es auf Instagram auch deutlicher zu sehen ist als sonst im Alltag. Dass dieses Schönheitsideal alles verachtet, was nicht die Norm ist – das wird schon weniger angesprochen. Woher dieses Ideal eigentlich kommt? Ja, war halt mal so da. Dass da eine Geschichte hintersteckt, das wird kaum erwähnt; Fearing the Black Body ist übrigens mit das beste Buch um nachzuvollziehen, wie das Ideal der schönen, weißen, schlanken Frau zustande kommt – natürlich auch in Abgrenzung zum fetten, unästhetischen, schwarzen Körper, Rassismus? Aber hallo!

Wenn über Körper gesprochen wird, wird die allgemeine Diskriminierung von dick_fetten Körpern generell gerne umschifft. Auch im oben verlinkten Talk kommt sie nur flüchtig vor, die Bemerkung „dann war ich die fette Faule“ wird fallengelassen, bleibt dann aber auf dem Boden liegen. Das Thema wird nicht bearbeitet, es passt nicht in die Wohlfühlatmosphäre. Denn würde man sich fragen, warum dick_fette Menschen diskriminiert werden, wären wir beim Aktivismus der Bodypositivity-Bewegung. Und diesen auch politischen Anspruch der Bewegung meiden die Massenmedien in der Regel wie das zusätzliche Kilo auf der Wage. Denn da wird die Axt mal an die Wurzel gelegt: Mehrgewichtige Menschen sind nicht automatisch ungesund. Sie propagieren keine ungesunden Ideale. Sie sind auch nicht per se willensschwach oder faul. Wenn dick_fette Menschen sich so akzeptieren wie sie sind ist die Abnehm-Industrie aber sowas im Arsch. Fragen kann man sich, woher diese Gedanken kommen, warum sie immer noch verbreitet sind, was man dagegen tun kann. Am Sonntag-Morgen im lockeren Talk natürlich nicht machbar.

Es ist wichtig darauf aufmerksam zu machen, dass Körper unterschiedlich sind. Dass nicht jeder Körper automatisch gesund ist oder krank, wenn er ein gewisses Aussehen hat. Was aber nach diesen oberflächlichen Talks hängenbleibt ist eher „Instagram ist total böse“ – wobei auch wir erst die sozialen Netzwerke so gebrauchen, wie wir sie gebrauchen! Und dass man in sich hineinhorchen soll, ob man wirklich zufrieden mit sich ist. Dass man das allerdings auch erstmal lernen muss und dass das keinem von jetzt auf gleich beigebracht wird, entlarvt diesen Ratschlag als gehaltlose Floskel.

Natürlich ist Aufklärung wichtig – besonders Aufklärung darüber, dass die Gewichtsdiskriminierung bisher unglückliche Jugendliche produziert, dass Diäten nicht längerfristig funktionieren, dass Fitness-Influencer*in sich Jede*r nennen kann und dass man bei Fragen zur Ernährung generell nicht Hinz und Kunz vertraut. Aber das wäre alle zu unangenehm für einen locker entspannten Talk über Schönheitsideale.

Barcamp Köln: Digital ist halt anders, aber nicht weniger gut

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Digitale Gremiumssitzungen – alter Hut. Ob Ausschüsse, Presbytertreffen, diverse Arbeitskreise – das klappt bei Kirchens auch per Zoom. Dass jetzt wieder mehr und mehr davon weggegangen wird, weil „das Analoge doch viel schöner ist“ – das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden. Denn es geht schließlich um das Barcamp Köln, dass in diesem Jahr am 09. April stattfand. Rein digital. Per Zoom.

Ich war vorher auch gar nicht skeptisch, weil die Breakout-Räume, die Zoom dann vor – hmm – zwei Updates? Drei Updates? – eingeführt hat es ermöglichen, dass man neben dem Hauptraum auch andere Räume zur Verfügung hat. Im Grund spiegelt sich hier die analoge Raumsituation wieder, nur dass man halt nicht durchs Gebäude rennt sondern sich per Klick von einem Raum zum nächsten bewegt. Was mit Zoom sehr gut funktioniert. Auch wenn es mehrere Räume sind.

Sicherlich fehlen gewisse Dinge im analogen. Raucherecken ebenso wie der Plausch an der Kaffeemaschine – das fehlt dann und kann zwar annähernd virtuell aufgefangen werden durch die Räume, aber klar: Da fehlt dann doch die Anwesenheitskomponente. Zugegeben. Gespräche im Gang entfallen dann auch.

Im Grunde aber hängt eine Veranstaltung auch immer von den Organisatoren*innen ab. Die stecken bei Barcamps ja nur Rahmenbedingungen: Also Räume, Essen – stimmt, das entfiel ja auch – Moderation. Das Programm selbst legen die Teilnehmer ja immer direkt vor Ort selbst fest. Beim Barcamp Köln sind es halt Urgesteine der Szene, da muss man sich keine Sorgen machen, dass da was schiefläuft. Auch virtuell übrigens nicht. Livestreams von Barcamps waren ja eh schon Usus. Womit wir dann auch wieder einen Schlenker zu Kirchens machen sollten …

Kirchliche Mitarbeiter*innen scheinen immer zu erwarten, dass man ihnen sagt, was am Ende des Tages bei einer Fortbildung, Weiterbildung, Seminar, Tagung, Konferenz rauskommen soll. Oder zumindest ist man gewohnt ein Programm vorher zu haben, dann kann man sich die Referenten*innen zurechtgoogeln und ist dann halt schon vorbereitet. Das kannst du bei Barcamps nur begrenzt, weil nicht alle Vortragenden ihre Sessions schon vorher ankündigen. Es steht auch nicht immer fest, ob alle Sessions dann auch gehalten werden, darüber wird ja am Tag des Barcamps abgestimmt. Das scheint tatsächlich eine Hürde für Mitarbeiter*innen der Kirchen zu sein. Abgesehen mal davon, dass man noch bei der Verwaltung durchsetzen muss, dass Barcamps tatsächlich Fortbildungen sind und nicht nur privater Freizeitspaß. Also das auch, aber … ihr wisst schon. (Wobei, wenn man Barcamps als Fortbildungen akzeptiert haben möchte und seine Fortbildungs-Urlaubstage dafür einsetzt: Vorher bei den Organisatoren anfragen, ob die eine Teilnahmebestätigung ausstellen. So mit Brief und Siegel.)

Mich wundert das. Kirchen reden selbstverständlich vom Heiligen Geist, trauen dann aber diesem nicht zu, dass dieser vor Ort auch mal wirksam sein kann. Ja, das kann auch bei einem nicht-kirchlichem Barcamp der Fall sein und in diesem Fall gab es eine ganze Programmschiene zum Thema Ehrenamt und Engagement. Durchaus kirchliche Themenfelder. Was wohl auch noch so einen Hemmschwelle ist: Dass man nur bei Kirchens zu Veranstaltungen hingeht, die kirchlichen Hintergrund oder kirchliche Aspekte haben. Dabei wären Barcamps im Sinne der beiden EKIR-Positionspapiere genau die Orte, die Kirche als Vernetzungsmöglichkeit gebrauchen und verstehen könnte.

Digital ist auf jeden Fall anders als analog. Das ist klar. Analog ist deswegen nicht immer unbedingt besser. Genauso wie es umgekehrt der Fall ist. Für die Zukunft könnte sich ein hybrides Format etablieren, dass nicht nur Livestreams der einzelnen analogen Sessions verfügbar macht – das gab es ja schon – sondern dass auch ein separater Track als Service für Leute im Netz angeboten wird. Eine Netz-Strecke sozusagen. (Ha! Wortspiel!)

Nach der Erfahrung am Samstag ist jedenfalls die Messlatte für die nächsten digitalen Veranstaltungen sehr hoch gelegt. Ich bin gespannt, was da noch kommen wird.

#DigitaleKirche: Nächste Chance zur Vernetzung – Barcamp Köln im April

Ganz kurz der Hinweis: Barcamp Köln – im April – Chance zur Vernetzung. Findet übrigens rein digital statt und es gibt noch Karten. Kostet auch nur um die 7,- Euro. Die gehen vermutlich für das Goldie drauf, dass dann per Post versandt wird … Das ist ja schon Standard bei solchen Veranstaltungen.

Warum ist ein „nichtkirchliches“ Barcamp interessant für Kirche?

Weil es einen Track zum Thema Engagement und Ehrenamt geben wird.

„Für Sessions kommen unglaublich viele Themen in Frage. Hier ein paar Ideen, die inspirieren können:

  • Wie finde ich mein Ehrenamt?
  • Wie finden und halten Organisationen Engagierte im Jahr 2022?
  • Ich habe keine Zeit – kann ich trotzdem ehrenamtlich aktiv werden?
  • Ehrenamt im digitalen Raum – wie kann das gelingen?
  • Warum eigentlich Ehrenamt?
  • Ehrenamt und Engament in der digitalen Gesellschaft – welche Herausforderungen stehen an?
  • Wie Ehrenamt und Engagement langfristig Spaß machen“

Näheres dann auf der Seite des Barcamps Köln.

Kirche, Instagram, Corporate Influencer*innen und Öffentlichkeitsarbeit

Kirche und Instagram wirken immer noch nicht wie eine natürliche Verbindung.

Ein Zitat aus dem Artikel, der einen Sinnfluencer vorstellt. Dabei bin ich mir gar nicht so sicher, denn Instagram liegt Kirchen eher als andere Plattformen.

Es liegt vielleicht daran, dass Kirche viel Erfahrung mit Bildern hat. Altarbilder, Darstellungen der Kreuzigung, Heiligenbilder und Ikonen – das ist in der DNA der Kirche vorhanden. Propaganda damit hat Kirche auch gemacht – zudem: Was wäre die protestantische Kirche ohne die vielen Flugblätter aus Martin Luthers Zeiten? Damals war es halt die Druckerpresse, die das Evangelium transportierte. Heute sind es die sozialen Medien.

Sicherlich klicke ich dann auch Bilder an, die gut gemacht sind. Videos, bei denen ich sehe, dass sich jemand Mühe gemacht hat. Besonders bei Instagram ist es wichtig, das Bild passend zu präsentieren. Denn gerade auf Instagram ist das Bild der erste Eindruck. Die Bildbeschreibung wird manchmal gar nicht erst gelesen. Und gerade hier wird der Spagat zwischen Glanz und Authentizität spürbar.

Denn nicht alle Kirchengemeinden haben professionelle Teams. Manchmal ist es auch nur ein Einzelner, der in der Gemeinde etwas macht. Wenn der Pfarrer also einen Schaukasten photographiert, dann ist das erstmal ästhetisch nicht so prall, aber erstmal ist das ein Mehrwert für alle die, die nicht Schaukästen anschauen. Wer tut das denn noch bewußt? Eben. Schließlich entscheidet auch immer noch der Nutzer, was er anklickt oder auch nicht.

Zudem ist die Frage: Ab wann wird die Ästhetik so, dass sie wieder den werbenden Charakter annimmt? Möchte man von Menschen, denen man folgt, wirklich Glanzbilder haben, die den eleganten, easy Kirchen-Lifestyle verkörpern? Damit würden wir in die Oberflächlichkeit von Instagram einsteigen und das kann bei aller Liebe nicht das sein, was Kirche als Auftrag hat.

Kirche verkündet das Evangelium. Dazu nutzt Kirche Soziale Medien und nutzt sie so, wie es die Möglichkeiten vor Ort zulassen. Unterscheiden muss man dann auch noch zwischen der Ästhetik von Influencer*innen und der Gemeinde. Es mag sein, dass ein*e Influencer*in auch Öffentlichkeitsarbeit für die Gemeinde – analog Firma – betreibt. Aber das sind dann zwei paar Schuhe.

Erprobungsräume sind überwiegend analoge Räume

Sieben von acht geförderten Projekten der sogenannten Erprobungsräume meiner Landeskirche sind tatsächlich raumzentrisch organisiert. Kurz und schlicht gesagt: Bei sieben geförderten Projekten sind Gebäude offenbar essentiell wichtig. Nur ein Projekt ist im digitalen Raum verankert. Neue Gemeindeformen, bei denen Räume eine Rolle spielen – ich gerate da immer ins Grübeln.

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Ich sehe ein: Wenn Menschen sich im analogen Raum treffen, brauchen sie Räume. Zum Treffen. Zum gemeinsamen Feiern. Zum Da-Sein. Gleichzeitig aber lösen sich die alten bekannten Raumstrukturen von Kirchen auch auf. Sie werden entwidmet, sie sind nicht mehr Dorfzentren und Lebenszentren in dieser Vielfalt der spirituellen Angebote schon lange nicht mehr. Vielleicht auch, weil Kirche die Menschen zu wenig im Alltag begleitet oder sie das zwar tut, sie allerdings nicht mehr so erkennbar ist – Kirche sollte ein begleitender Partner sein. Der auch mal von sich aus fragt, wie es dem Anderen geht. Das Zugehen auf die Menschen, das Hören, das Miteinander-Im-Gepräch sein darf sich nicht nur auf eine Stunde in der Woche beschränken. Tut es, um den vielen engagierten Leuten in der Kirche Ehre zu geben, eigentlich auch nicht. Aber wer den Apparat Kirche nur als Gebäude mit Glockenfunktion wahrnimmt, der sieht die vielfältige Angebote nicht.

Deswegen habe ich Bauchschmerzen, wenn Projekte stets raumzentriert sind, wenn Gemeinde überwiegend nur so verstanden wird, als müsste man sich immer im analogen Raum bewegen. Dass ein Projekt immerhin ein reines ONLINE-Projekt ist, ist schön und gut. Dass Gemeinde auch entstehen kann, wenn sich drei Menschen an einem Stammtisch über den Glauben unterhalten, wenn sich Leute am Marktstand treffen, wenn auf Twitter Gläubige miteinander die alte Form des Tagesgebetes aufnehmen und es gestalten oder wenn Jugendliche auf Minecraft miteinander eine Kirche bauen … Dass sind Dinge, die man nicht unbedingt planen kann.

Da man sich für die Erprobungsräume aber anmelden muss, taucht man in die Plan- und Verfügbarkeit ein. Dass der Geist Gottes sich nicht in einen Raum einsperren lässt, sollte einleuchten. Dass er sich in Prozessen nicht fangen lässt und nicht reproduzierbare Ergebnisse liefert sollte nicht verwundern – vielleicht mit ein Grund, warum man so wenig über die Evaluationsphase der bisherigen Räume liest, vielleicht spielt da der Förderungszeitraum eine Rolle. Dass aus diesen Experimenten, die auch fehlschlagen können und dürfen – gerade das Scheitern von Projekten ist ungeheuer wichtig, aber wer sieht das schon so? – Erkenntnisse entstehen, Impulse, die wichtig sind: Keine Frage.

Analoge Räume sind nun mal ein Teil auch von neuen Gemeindebewegungen. So wie Vereine ihre Vereinsheime haben, Stammtische ihre Kneipe. Doch dieses bemühte Festhalten am analogen Raum um jeden Preis … so habe ich jedenfalls den Eindruck … hindert uns daran, uns auch neuen digitalen Räumen zu widmen. Hindert uns daran zu sehen, wo der Heilige Geist in der Gemeinde wirkt. Und dass die Institution Kirche durchaus skeptisch ist, wenn auf einmal Laien Dinge in die Hand nehmen – ich rede von uns Protestanten, wir können durchaus Andachten auch ohne Geistliche abhalten, wir können ein Tagesgebet auch ohne Aufsicht von Priester*innen gestalten, Priestertum aller Gläubigen, hurra! – und sie Probleme hat, weil diese Entwicklungen nicht mit ihr abgestimmt sind oder sie einfach überfordern … Auch das ist Etwas, worüber wir nochmal nachdenken müssen.