Die zehn Rechte des Social-Media-Nutzers

Inspiriert von Daniel Pennacs Zehn Rechte des Lesers aus Wie ein Roman.


Erstens: Du darfst auch nur ein Social-Network benutzen. – Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr, WordPress, Google Blogs und Snapchat und Jodel und … meine Güte, du arbeitest doch am Tag acht Stunden, schläfst ganze acht – oder mehr oder weniger – und dann sollst du deiner Zeit damit verplempern, deine ganzen Aktivitäten in allen Netzwerken, die es da gibt zu aktualisieren. Kein Wunder, wenn die Freunde schon lästern, dass du aussiehst als hätte dein Jahresurlaub im Keller stattgefunden.


Und dann dieser Stress … Wer hat eigentlich gesagt, dass du bei jedem Netzwerk dabei sein musst? Der Großteil deiner deutschen Freunde tummelt sich ja eh nur auf Facebook und den Sinn von Twitter hast du auch nie verstanden. Und Model wirst du im Leben auch nicht mehr … Es ist völlig okay, wenn du  nur bei Facebook bist. Oder nur bei Twitter. Oder nur bei Ello. Dein Leben wird dadurch auch viel entspannter. Daher: Durchatmen.

Zweitens: Du darfst dein Empfangsgerät komplett ausschalten. – PLING. KLONK. GONG. Schon wieder eine Nachricht. Und das kurz bevor du einschlummerst. Na ja, kann ja wichtig sein, also Gerät schnappen und gucken und – schon bist du aus deinem Einschlafrhythmus raus und kannst von vorne anfangen. Einschlafen dauert ja auch seine Zeit. Wäre schön, wenn man einfach so die Augen zumachen und puff – träum – aber nee … Genauso wie du deine Ruhe brauchst, braucht auch dein Gerät eine Auszeit. Gönn sie ihm. Schalt es komplett aus. Oder wenn dir das zu radikal ist, siehe nächstes Gebot.

Drittens: Du darfst Regeln einrichten. – Merkwürdigerweise haben das die Meisten schon. Allerdings nur für den E-Mailaccount. Da gehen halt Mail von den Verwandten direkt in einen Ordner ebenso wie die Newsletter und wenn ein bestimmter Begriff im Betreff erscheint, wird die Nachricht sofort gelöscht. Im Büro kennt man das auch. Aber heutzutage können die diversen Geräte – okay, PC und Mac nicht ganz so – auch Regeln für den Gebrauch von sich selbst einstellen. Du willst ab Acht keine Anrufe mehr? Kein Problem. Du möchtest nicht mehr in die Mails schauen, wenn der Krimi läuft? Kein Thema. iOS hat dafür ja diese wunderbaren Zeit-Limits eingeführt. Du willst ein Gerät ins Schlafzimmer mitnehmen, weil es den Wecker ersetzt hat? Dann führe konsequent die Regel ein, dass dich definitiv keiner und keine Anwendung mehr stört ab einem bestimmten Zeitpunkt.

Viertens: Du musst nicht alles lesen. – Du hast den Vorsatz, deine gesamte Twitter-Timeline nachzulesen, während das Gerät geschlafen hat? Oder deine Facebook-Timeline? Oder was auch immer es so gibt an Zeitsträngen? Vergiss – es. Wirklich. Das hat keinen Sinn, weil ja ständig neue Inhalte auftauchen und du dann wie der Hase hinter dem Igel herläufst. Aber auch in anderer Hinsicht ist das sinnvoll: Nicht jedes Posting verdient den Literaturnobelpreis und auch der klügste Mensch schreibt manchmal etlichen Mist. Jetzt ist das mit dem Nichtlesen ja erstmal etwas blöd geregelt, denn im Grunde liest du ja schon dies Postings an sich aber wenn du den Eindruck hast, dass dein Gegenüber momentan eine Dauerkrise im Lamentieren hat … dann besuch halt seine Profil eine Zeitlang nicht. Spart auch Nerv

Fünftens: Du musst nicht alles posten. – Einst wandelte Sokrates durch die Strassen von Athen. Plötzlich kam ein Mann aufgeregt auf ihn zu. „Sokrates, ich muss dir etwas über deinen Freund erzählen, der…“ „Warte einmal, „unterbrach ihn Sokrates. „Bevor du weitererzählst – hast du die Geschichte, die du mir erzählen möchtest, durch die drei Siebe gesiebt?“ „Die drei Siebe? Welche drei Siebe?“ fragte der Mann überrascht. „Lass es uns ausprobieren,“ schlug Sokrates vor. „Das erste Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Bist du dir sicher, dass das, was du mir erzählen möchtest, wahr ist?“ „Nein, ich habe gehört, wie es jemand erzählt hat.“ „Aha. Aber dann ist es doch sicher durch das zweite Sieb gegangen, das Sieb des Guten? Ist es etwas Gutes, das du über meinen Freund erzählen möchtest?“ Zögernd antwortete der Mann: „Nein, das nicht. Im Gegenteil….“ „Hm,“ sagte Sokrates, „jetzt bleibt uns nur noch das dritte Sieb. Ist es notwendig, dass du mir erzählst, was dich so aufregt?“ „Nein, nicht wirklich notwendig,“ antwortete der Mann. „Nun,“ sagte Sokrates lächelnd, „wenn die Geschichte, die du mir erzählen willst, nicht wahr ist, nicht gut ist und nicht notwendig ist, dann vergiss sie besser und belaste mich nicht damit!“ (Stangl, 2019). https://arbeitsblaetter-news.stangl-taller.at/die-drei-siebe-des-sokrates-wahrheit-gute-notwendigkeit/ 


Würde man das wirklich bei Facebook anwenden, hätten etliche Accounts dort ein Riesenproblem. Aber ergänzend dazu: Du musst nicht jede Kleinigkeit dem Internet anvertrauen. Überlege dir bitte vorher, was du wo und wie reinschreibst. Muss die Welt wirklich wissen, dass du dir gerade die Zehennägel geschnitten hast? Ebend.

Sechstens: Du musst dich nicht rechtfertigen. – Eine Diskussion in den Kommentaren. Es geht heiß her. Meinungen prallen aufeinander. Und da es schnell passiert, dass man die Sachebene verlässt und persönlich wird, kommt man rasch in den Druck, sich rechtfertigen zu müssen. Ja, man habe das und das geschrieben, aber nur, weil damals die Eltern so fies waren und überhaupt … Sei wie Pontius Pilatus, wenn es zu diesen Dingen kommt: Nach dem Johannesevangelium kam der Hohe Rat während Jesu Kreuzigung entrüstet auf ihn zu und verlangte, dass die Inschrift über Jesus geändert werden mussste. Das mit INRI, ihr wisst schon. Worauf Pilatus ein wahres Wort sicherlich gelassen aussprach: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben. Ihr müsst eure Meinung nicht verteidigen oder dutzende Male erneut wiederholen – es reicht, wenn ihr es einmal erwähnt. Und dann darauf verlinkt für später. Spart auch enorm viel Zeit.

Siebtens: Du darfst ignorieren. – Du hast in einer Diskussion alles gesagt, aber irgendein Depp bei Facebook schreibt immer noch was und du bekommst die Nachrichten zu dieser Diskussion immer noch mit? Kann man abstellen. Jemand erklärt furios, dass er nun gefälligst endlich eine Antwort zu seiner Meinung haben will, die du schon dutzend Mal gehört hast – und die du auch längst beantwortet hast? Ignorieren. Die Taktik der Ärzte aus »Lass die Leute reden« ist hier praktisch: Sag nichts, denn das ärgert sie am Meisten. Außerdem füttert man keine Trolle. Außer man heißt Guybrush Threepwood und will Pirat werden. Heißt du Guybrush? Na also.

Achtens: Du darfst Bilder und Postings deiner Familie nicht liken. – Der nächste Familienkrach ist vorprammiert, weil du das EINE Bild von Tante Hilda nicht geliked hast. Wo sie doch so viel für dich getan hat. Und überhaupt: Sie ist deine Tante. – Egal, was da noch kommen mag: Wenn einer deiner Bekannten, Verwandten oder Freunde blöde Bilder ins Netz stellt, dann sind die Bilder halt blöd. Tante Hilda ist sicherlich total liebenswert, aber sie kann halt nicht mit einer Kamera umgehen. Findest du und hast das auch schon mal dezent angedeutet … Sei gegenüber der Mischpoke einfach mal stur. Und so schlimm wird’s schon nicht beim nächsten Familientreffen.

Neuntens: Du musst nicht jede Anfrage annehmen. – Du sparst viel Zeit, wenn du das beherzigst. Denn irgendwann, wenn du jede Anfrage annimmst, hast du einen Haufen von Freunden und diesen Haufen im Nachhinein durchzugehen, um festzustellen, ob DER oder DIE nicht doch von der CDU zur AfD gewandert ist – also das ist mit FB eine Pest und selbst bei Twitter ist das schwierig. Daher: Vorher überlegen – woher kenne ich den, wieviele Freunde haben wir gemeinsam? Die Abonnierfunktion bei Facebook hilft da: Wenn du öffentliche Beitrage schreibst, können die Abonnenten diese sehen ohne dir zu folgen. Also kannst du – falls du nett bist – eine höfliche Antwort per DM schreiben, dass ja, eigentlich schon, aber Limit erreicht oder so daher auf Abonnier-Knopf im Profil drücken. Danke. Gern geschehen.

Zehntens: Du darfst dein Profil löschen. – Facebook raubt dir zu viel Zeit? Es bringt irgendwie nichts? Du bloggst doch besser wieder? Dann lösche dein Profil nach einer Ankündigung – was höflicher ist, weil die Leute dann wissen, dass es kein Fehler von FB ist, wenn sie dich später nicht finden. Wobei du natürlich das sechste Gebot anwendest … Nein, keine Schuldgefühle, nein, es sind immer zwei Schuld und sowieso hast du doch die Telefonnummern deiner besten Freunde, oder? Na dann…

Blogposting 07/01/2019

Posted from Diigo. The rest of my favorite links are here.

Augmented Reality für den Stadtspaziergang

Ach ja, der Sommer Anno Sechzehn. Zweitausendsechzehn. Wir und ihr und gefühlt alle. Zusammen auf Brücken sitzend, durch Parks laufend, auf unsere Smartphones starrend.  Auf der Suche nach dem nächsten Relaxo, Anton oder Pikachu, das unvermittelt auf der Strasse auftauchte und gefangen werden wollte.


Auf einmal war das Thema Augmented Reality in aller Munde. Und obwohl sich der Hype nach einigen Wochen legte, gibt es bis heute noch fleißige Spieler, die zu den Events von Pokemon Go strömen.

Andere Spielehersteller haben es nicht so ganz geschafft, sich ein Teil vom Kuchen zu erobern und ja, natürlich waren Augmented Reality Spiele nicht neu. Aber wer war schon früher daran interessiert irgendwelche Portale gegen Frösche zu verteidigen oder gegen Schlümpfe? Dass es jetzt die Serie zum Spiel Ingress bei Netflix gibt wird wohl nicht dazu führen, dass wir hier ein Revival erleben werden. Aber auch Ingress hat bis heute seine eingeschworene Fangemeinde. Wobei: Was hat schon nicht seine eingeschworene Fangemeinde … Vielleicht gelingt es Microsoft ja noch mit Minecraft World was zu reißen und das Harry-Potter-Spiel ist auch in den Startlöchern.

Verwundert rieben sich jedenfalls schon einige Kulturschaffende die Augen: Plötzlich waren Museen, Friedhöfe oder gar der Skulpturengarten enorm populär, Trauben von jungen Menschen versammelten sich vor den Türen und jagten nach Pokemon. Obwohl Ingress und Pokemon Go dieselbe Datenbank benutzten, war Ingress halt nicht unbedingt das Spiel für die Massen. Wer aber mit den Pokemon-Spielen und dem Anime, dem Manga aufgewachsen war, für den war das Fangen eines Pokemon halt etwas, dass mit nostalgischen Gefühlen verbunden war. Dass das funktionierte war klar. Dass es so gut funktioniert hat Nintendo zeitweise dann doch überrascht, vor allem in den ersten Tagen waren die Server teilweise nicht zu erreichen. Konzepte in der Kultur für diese neue Art von Spielen waren übrigens rar gesät … Und da der Hype nach einigen Woche vorbei war, war das für die Kultur auch nicht mehr wichtig. Es war halt Pop. Vergänglich. Oder?

Dabei hält sich Pokemon Go erstaunlich lange – Let’s Go Pikachu, Let’s Go Evee etwa hatten eine Anbindung dazu, Pokemon konnte man hier zwischen den Switch-Spielen und Pokemon-Go austauschen. Nintendo würde das nun nicht machen, wenn sie Pokemon Go nur noch als Auslaufmodell betrachten würden. Aber was Wichtiger war und ist: Auf einmal wusste jeder, was Augmented Reality war und ist. Die Verschmelzung zwischen der Realität und dem Smartphone gehörte auf einmal zu den selbstverständlichen Dingen – und später hat Apple ja seine Smartphones per se mit diesen Funktionen ausgestattet, so dass man bei der IKEA-App per Augmented Reality seine neue Einrichtung im Wohnzimmer postieren konnte. Oder kleine witzige Animationen in Bilder einfügen konnte.

Augmented Reality war Mainstream geworden und hätte jetzt eine Fülle von Anwendungen nach sich ziehen können, die die Massen begeisterten. Nun … Hand aufs Herz: Wer nutzt Augmented Reality im Alltag? Mit seinem Smartphone? Täglich? Dachte ich mir …

Ja, momentan versucht Youtube es mal wieder und baut AR-Effekte in Videos ein. Es gab auch immer wieder mal Versuche, das beim Einkaufen zu nutzen – etwa, wenn man vorab schauen wollte, wie der Lieblingspullover am Körper aussieht bevor man den in der Umkleide anhat. Natürlich träumt man schon seit Jahren auch von Spiegeln und etlichen anderen Dingen, die die Auswahl von Mode erleichtern sollen. Aber es setzte sich nicht durch. Vielleicht weil noch nicht alle Endgeräte AR können, vielleicht auch, weil wir den Sinn des Ganzen noch nicht unbedingt einsehen. Oder die Technik an sich ist zu teuer und lohnt sich für die Wenigen, die AR im Smartphone haben, einfach noch nicht. Obwohl: Die letzte Smartphone-Generation sollte das ja eigentlich können.

Dabei kann AR durchaus fürs Stadtmarketing funktionieren, das zeigte kürzlich erst „Im Rausch der Schönheit – Digitale Erkundungen zum Jugendstil in Dortmund“. Jugendstil? Dortmund? Also Bier und Stahl und Kohle, das verbindet man ja eher mit der Stadt, aber Jugendstil? Wir sind doch nicht in Darmstadt, oder? Stimmt, aber auch Dortmund hat einige Perlen zu bieten. Aufmerksam machte die Ausstellung im MKK zum Thema und mit App und Smartphone kann man über die Ausstellung hinaus im digitalen-analogen Erlebnisraum sich auf den Weg machen.  

Klar, auch das ist nicht die erste App, die so etwas macht und es wird auch nicht die letzte sein. Aber solche Apps und solche Formate sind eher seltener geworden, wenn es um Städte oder Events geht. Wenn der Konzertbesucher schon sein Smartphone in die Luft hebt, um den Künstler zu filmen, könnte man ihm gleichzeitig eigentlich auch Zusatzinformationen liefern. Songtexte. Entstehungsgeschichte. Dass das geht weiß ich, weil ich mal in einem Team für die WIGA-App zusammengearbeitet habe, eine App, die für den Wintergarten Berlin konzipiert war und dort genau für das Open-Air-Programm. Möglich ist sowas also schon. Genutzt wird es halt nur nicht. Wobei WIGA keine AR-App war, aber immerhin funktionierte sie. Und da die Technik heute viel weiter ist als damals …

Es bleibt abzuwarten, ob Youtube jetzt den nächsten Schritt macht, was AR betrifft oder ob das auch mal wieder so ein Experiment ist, das im Sande verläuft. Wie so Etliches in dem Bereich. Während Virtual Reality sich allmählich ein Publikum erobert – allerdings wird es auch noch etwas dauern, bis es wirklich massenkompatibel ist – hat es Augmented Reality noch etwas schwer. Da Städte nun auch nicht unbedingt pralle Geldsäckel haben, werden wir wohl noch etliche Zeit entweder mit schnarchlangweiligen Apps oder dem guten alten gedruckten Stadtführer samt -plan durch die Gegend tingeln … Dabei macht das mit Gamifikation und interaktiven Elementen und der Überlagerung von Stadtansichten damals über die aktuelle durchaus mehr Spaß. Seufz.

Blogposting 06/10/2019

Posted from Diigo. The rest of my favorite links are here.