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Die totale Zwangsdigitalisierung – oder warum wir Medienkompetenz fächerübergreifend vermitteln müssen

IMG_0677Vorneweg: Ich verstehe, dass Lehrer bemüht sind ihre Schüler zu schützen. Das ist auch eine Aufgabe, die Lehrer erfüllen müssen und so ist das, was der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, gegenüber dem Dradio Kultur sagt nun aus seiner Warte durchaus einsehbar. Aber – gerade an diesen Äußerungen lässt sich feststellen, dass es Bruchstellen gibt, die Kraus mit Worten überbügelt.

 Ich meine es jetzt nicht in dem Sinn, dass Schule im herkömmlichen Sinn verschwinden wird, sondern ich meine es in dem Sinn, dass Schule sich natürlich auch neuen Herausforderungen im medialen und auch im inhaltlichen Bereich oder auch im gesellschaftlich-erzieherischen Bereich stellen muss.

 Fragt sich, wenn die Schule mit der Zeit gehen muss wie soll sie angemessen auf das Reagieren was die Zeit mit sich bringt? In diesem Fall das Internet und die neuen Methoden zu Lehren und zu Lernen? Natürlich gibt es wie immer in Bewegungen Extremisten der einen wie der anderen Sorte – von „wir müssen alles digital machen“ bis zu „nur Handschrift ist das Wahre“ ist in der aktuellen Debatte ja so ziemlich alles vertreten. Wenn Schule mit der Zeit gehen soll reicht da noch das, was man früher Computer-AG nannte? Gehört zur neuen Zeit nicht auch das Vermitteln dazu wie ich mich für die spätere Jobsuche auf XING oder in Facebook bewege? Gehört nicht auch dazu im Sowi-Unterricht oder im Religionsunterricht über Cybermobbing und die Folgen von Vereinsamung und eben auch den Gefahren des Häppchen-Informartions-Schnappens zu diskutieren? Gehört also die Unterrichtung von Medienkompetenz nicht eher fächerübergreifend dazu – aber auf jeden Fall in die neue moderne Schule?

Es habe ihm bisher noch niemand nachweisen können, dass eine Ausstattung mit je einem Computer für jeden Schüler wirklich etwas bringe und sie dadurch in Leistungstests besser abschnitten.

Mag sein, aber die Aussage muss hinterfragt werden: Der Computer ist nur ein Hilfsmittel. Nicht mehr, nicht weniger – und Werkzeuge sind immer nur so gut oder schlecht wie der, der sie bedienen kann oder der, dem sie vermittelt worden sind. Und zudem frage ich mich: Warum eigentlich immer diese Fixierung auf Leistung? Sind Werkzeuge in den Augen Kraus nur dann gut, wenn sie Schüler dazu bringen in Leistungstest gut abzuschneiden? Dann müsste man Ritalin erlauben, das soll bekanntlich total super sein für die Konzentrationsfähigkeit. Ich weiß jetzt auch nicht ob es nicht doch irgendwelche Studien gibt, die zeigen das Computer lernunterstützend sein können, aber andererseits führt Kraus jetzt auch keine richtigen Belege für seine Behauptung an.

„Ich habe den Eindruck, dass Kinder ohnehin durch die neuen Medien dazu neigen, sich nur noch Häppcheninformationen zu holen…

Häppcheninformationen hat zum Beispiel dieser Artikel – Nutzungsmuster elektronischer Medien und Zusammenhänge mit der Gesundheit von Kindern und Jugendliche, erschienen bei der Konrad-Adenauer-Stiftung – zwar nicht im Visier, aber er warnt auch vor den Gefahren von zuviel Fernsehen, Computern. Dass ein Zuviel natürlich nie gesund kein kann wußte Paracelsus jedoch schon. Und auch an dieser Stelle hätte Kraus eine Menge Argumente für seine Stellung finden können. Allerdings betont schon das Vorwort der Studie – das auf der Webseite zugänglich ist – Medien sind immer nur EIN Faktor. Nicht ein alleiniger. Es mag sein, dass Konzentrationsfähigkeit ebenso wie die gefürchtete Digitale Demenz – wo ist die eigentlich abgeblieben? – zur Stelle treten wenn man sich länger und intensiver mit Computern und Sozial Media erfasst. Allerdings könnte es auch daran liegen, dass das Gehirn lernt sich den neuen Medien anzupassen. Man glaubt immer gerne, die Evolution wäre komplett mit uns als Spitze der Schöpfung abgeschlossen – aber natürlich stimmt das nicht. Sie ist halt nur vielleicht verlangsamt. Doch wer liefert uns denn die Häppcheninformationen eigentlich? Hat das Kraus hinterfragt? Wer schmeißt uns denn allerorten – selbst am Bahnhof mit Infostelen oder -wänden – mit Belanglosigkeiten zu? Das ist nicht nur der eigene Freundeskreis auf Facebook, nein, das sind auch andere Mitspieler. Und wenn Nachrichtenbeiträge im Privatradio nicht länger als 1:30 sein sollen: Dann ist das nicht die Schuld des Computers. Alleine. Dies aber zu hinterfragen wäre Aufgabe gerade einer Person, die dem Lehrerverband vorsteht. Weil hier nämlich Kritik und Kritikfähigkeit gefordert ist. Ja, Schüler neigen dazu Häppcheninformationen zu konsumieren. Aber das ist ein allgemeiner gesellschaftlicher Trend. Da darf sich die Schule auch gerne entgegenstellen – aber das nur auf ein Medium alleine zu schieben ist verfehlt.

Ich würde mir wünschen, dass man alles mit Maß und Mitte macht, dass man die Digitalisierung des Unterrichts dort betreibt, wo es fachlich Anknüpfungspunkte gibt. Das ist nicht in jedem Fach der Fall. Das werde ich im Religionsunterricht, im Ethikunterricht, im Lateinunterricht, im Deutschunterricht nicht so notwendig haben wie beispielsweise im Informatikunterricht

Das habe ich schon weiter oben kommentiert: Nein. Da hat er Unrecht. Gewaltig. Der Informatikunterricht oder gegenwärtig das beschworene Allheilmittelfach Programmieren kann nur ein Aspekt der Medienkompetenz sein. Das ist eine Seite: Der Umgang mit der Technik. Das schwingt bei Informatik als Begriff mit. Der Ethikunterricht dagegen kann Hilfestellungen geben wenn es um die Frage geht, ob das was ich poste jemanden schadet oder nützt. Im Deutschunterricht habe ich mal gelernt wie eine Bewerbung auszusehen hat – heutzutage schreibt man sowas per Mail und ich finde, das gehört in den Deutschunterricht zu wissen wie man eine ansprechende Mail-Bewerbung schreibt und wie man die gestaltet. Ebenso wie man ein ordentliche XING-Profil anlegt. Na ja. Okay, Latein… Aber Religionsunterricht: Wie ordne ich die Propaganda-Videos für den IS ein, wenn ich über die stolpere? Wie kann ich die Manipulationen durchschauen – auch ein Thema des Ethikunterrichts eventuell. Wie ist das mit PEGIDA und Co, die behaupten für ein christliches Abendland zu marschieren – und die sich in Sozialen Medien weitaus häufiger äußern als im Fernsehen? Wichtige Fragen. Dafür ist der reine Informatik-Unterricht nicht gedacht und die Lehrer, die für den IT-Unterricht ausgebildet werden können diese Fragen auch gar nicht beantworten. Wie auch, sie sind auf Technik und Programmieren geschult.

Wer sich in einer Bibliothek nicht auskennt, wer sich in einem Lexikon nicht auskennt, nämlich Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, der wird sich auch im Internet nicht auskennen.

Ja, aber das hat doch jetzt nichts mit dem Internet an sich zu tun sondern damit wie man den Schülern beibringt Informationen zu sichten und zu filtern. Sicherlich muss und soll die Schule das leisten, aber wie kompetent oder nicht kompetent man im Gebrauch eines Mediums wird hängt nicht vom Medium selbst ab sondern von der Art und Weise wie man gelernt hat generell Dinge zu bewerten.

Aber ich muss das nicht Woche für Woche und Tag für Tag und Unterrichtsstunde für Unterrichtsstunde machen. Da würde ich einfach den Schulen vorschlagen, macht ab einem gewissen Alter einmal im Jahr einen Projekttag oder meinetwegen auch eine Projektwoche.

Als ob dann nach der Projektwoche der Lehreralltag total harmonisch verlaufen würde – das müsste Kraus aber auch besser wissen. Nein, das Thema der Digitalisierung begleitet uns ständig, wir sind dauerhaft damit konfrontiert im Alltag und es reicht daher nicht eine Sitzung oder ein begrenztes Projekt um mit dem Thema umzugehen. Wie bei allem müssen eventuell aufgestellte Regeln immer und immer wieder eingeübt, nachgebessert und nachgesehen werden. Der Vorschlag ist meines Erachtens totaler Blödsinn.

Ja, mit Sicherheit sollten Eltern auch einbezogen werden, ja, sicherlich hinken wir in Deutschland an etlichen Schulen mit der Computergeneration eine oder zwei hinterher was die Ausstattung betrifft und ja, einige Punkte sind ja auch richtig. Aber dass gerade der Vorsitzende des Lehrerverbandes offenbar nicht weiß, wie man genau mit den Dingen umgehen sollte obwohl er das wissen müsste stimmt nachdenklich. Andererseits: Hat jemand die Adresse von dem? Ich kenne da Leute, die gerne schulen…

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Grundsolide Medienkompetenz – wie das wohl Frau Schavan definiert?

Das gegenwärtige Schlagwort dieser Tage – neben der Deutschlandskinderverfettung, aber das Revival nehmen wir auch nochmal mit so gegen Jahresende – ist Medienkompetenz. Jeder der mich kennt weiß, dass ich das als absolut wichtigen Wert in unserer heutigen Gesellschaft halte. Das betrifft nicht nur Schule oder Kindergärten sondern eben auch das normale Leben. Ja, das Web 2.0 gehört da auch zu, klar, aber der Begriff selbst ist ja etwas umfassender. (Nein, ich werde jetzt keine Diskussion darüber anfangen wie GENAU man diesen Begriff definieren sollte, da kann man sich nämlich auch durchaus artikellang streiten. ;-))

Nun stolperte ich über eine Pressemeldung von unserer Frau Schavan, die – man höre und staune – stolz folgendes verkündet:

In unserer Medienwelt braucht man Medienkompetenzen. Deshalb erhalten Erzieherinnen und Erziehern in Kindergärten und Kindertageseinrichtungen gezielte Schulungen. Sie sollen sich selbst besser in der digitalen Welt zu Recht finden und sich selbständig im Netz weiterbilden können. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMB) hat deshalb im Dezember 2008 das Programm „Basisqualifizierung Medienkompetenz“ für pädagogisches Fachpersonal im frühkindlichen Bereich gestartet.

Etwas, was der IT-Gipfel natürlich so gar nicht diskutiert hat aber wen wunderts bei unserer geliebten Bundesregierung in der Schwatzbude schon, wenn die nur an Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft denkt. Immerhin, das Programm das da oben angesprochen wird, das geht in die zweite Runde. Nur – was wird da eigentlich vermittelt?

Angesprochen sind Erzieherinnen und Erzieher, die über keine oder nur geringe Vorkenntnisse verfügen. Mit soliden Grundkenntnissen rund um den Computer und das Internet sowie anschaulichen Beispielen aus der Praxis sollen die Erzieherinnen und Erzieher in die Lage versetzt werden, das Internet zur eigenen Weiterbildung zu nutzen. Ebenso sollen sie den Computer in der eigenen Einrichtung für medienpädagogische Projekte und zur Förderung von Medienkompetenz einsetzen können.

Die Schulungen dauern übrigens fünf Tage, das nochmal so als Info.
Okay.
Mal im Ernst: Natürlich ist es toll wenn man gerade diejenigen weiterbildet, die unsere Kinder betreuen sollen und die dann auch die Ergebnisse an den Nachwuchs vermitteln werden. Fragt sich nur, was man unter „soliden Grundkenntnissen“ versteht. Und wann die Erzieher und Erzieherinnen in ihrem ohnehin knapp bemessenem Zeitrahmen noch „sich selbst im Internet weiterbilden sollen“. Und natürlich, das hat doch unser Land bestimmt schon längst beschlossen und finanziert, gehört zu jedem Kind ein Laptop. Oder zumindest für jedes Kind ein Platz am Computer, so dass man nicht zu zweit an einem Platz sitzen muss… Bestimmt.

Klar ist Weiterbildung toll. Das Problem – und ich glaube, das haben die da oben gar nicht bedacht ist, dass sich das Internet rasend schnell weiterentwickelt. Im Jahre 2008 gabs etliche Dienste noch gar nicht, die heute das Bild prägen. Man muss ja nicht gleich jedem Trend bei der Weiterbildung hinterherhuschen, aber eine Medienkompetenz-Ausbildung – und ich merke, dass ich hier doch ein wenig in die Definition des Begriffs von meiner Seite aus gehe – ist nicht damit abgetan zu wissen wie man eine Maus und den PC – also die Hardware – bedient. Das gehört sicherlich mit dazu. Desweiteren aber gehört auch das Wissen dazu wie man Quellen sichtet und dass man im Internet nicht alles glauben darf nur weils das auf dem Bildschirm steht. Sicherlich kriegt man das eventuell mal in einer Schulung mit fünf Tagen vermittelt.

Danach aber sollte eine permanenten kontinuierliche Weiterbildung – mindestens einmal im Jahr, besser öfters – erfolgen. Eine, die vom Staat und Land vorgeschrieben ist. Denn ich glaube nicht, dass Erzieher und Erzieherinnen sich „in ihrer Freizeit“ noch irgendwie weiter mit dem Material der Schulung beschäftigen werden. Zudem: Glaubt jemand wirklich, nach fünf Tagen sind die Menschen so fit, dass sie „in der eigenen Einrichtung für medienpädagogische Projekte und zur Förderung von Medienkompetenz“ sorgen können? Und das dann für den Rest der Zeit in der Einrichtung?

Das Ganze entpuppt sich mal wieder als ein Zu-Kurz-Geratenes-Konzept, das theoretisch auf dem Papier total toll aussieht und mit Buzzwords um sich greift, letztendlich wirds aber wenn, dann nur einen Strohfeueraspekt haben. Prima, Frau Schavan. Aber irgendwie habe ich da auch nichts wirklich Konkretes erwartet…