Archiv der Kategorie: Aus meinem Leben

Posthumer Dialog mit Johannes

Lieber Johannes,

ich lese erneut deine letzten Zeilen, ich bin nicht in der Lage vernünftig zu denken oder zu handeln – ich funktioniere momentan nur, immerhin gibt es Dinge, die getan werden müssen – aber ich kann dich nicht einfach so gehen lassen. Nicht so. Du hast uns allen die Chance genommen von dir Abschied zu nehmen – etwas, was wichtig ist. Abgesehen davon hast du unendliches Leid über deine Familie gebracht, die du doch so sehr geliebt hat. Sie werden sich – genau wie ich und andere – die nächsten Tage, Wochen und Monate fragen: Haben wir versagt?

„Ich bin in meinem Leben von Verantwortungsfalle zu Verantwortungsfalle gestolpert und habe dabei nicht gesehen, dass ich schon viel früher Verantwortung für mich selbst hätte übernehmen müssen. Nun ist es zu spät für mich. Die Geschehnisse der letzten Tage, Wochen und Monate haben mich endgültig gebrochen.“

Wenn ich nur wüßte, welche das gewesen sein sollen. Wenn du nur gesagt hättest, was das für Geschehnisse gewesen sind – das Jahr 2016 ist nicht das freundlichste bisher gewesen, es hat einige Dinge auf dem Kerbholz, die auch uns allen nicht behagten. Terror. Morde. Musiker sind gestorben, vor kurzem noch Miriam Pielhau. Und vielleicht hätten wir in diesem Blogtext von dir zu ihrem Tod schon etwas ahnen können, ahnen sollen, du schriebst darin, dass

Menschen, die sich bewusst mit ihrem Tod auseinandersetzen, machen mit ihm oftmals ihren Frieden. Sie akzeptieren ihn als das Momentum, an dem ihr Leben endet. Oft ist es nicht der Tod an sich, der ihnen Angst macht, sondern der Annäherungsprozess an ihn, die Ängste vor dem Sterben, die Verlustängste im Umfeld.

War das schon ein Wink? Ein Hinweis? Hast du damals schon mit dem Gedanken gespielt, dich selbst zu töten? War das Ende des Textes nur Tarnung? Täuschung für uns, damit wir nicht fragen, nicht eingreifen, nicht dir in die Hand fallen konnten?

Ich wünsche mir und uns mehr von der Erkenntnis, dass der Tod selbst ein Scheinriese ist. Ihn selbst müssen wir nicht fürchten, denn er kommt unweigerlich auf uns zu. Fürchten müssen wir die Leere, die er hinterlässt. Und das sollte uns Ansporn sein, dem eigenen Glück den Schleier zu entziehen und es in seiner echten Brillanz wahrzunehmen. Das macht das Leben und den Umgang mit dem Tod erträglicher.

Den Schleier des Glücks zu heben heißt, dem Glück ins wahre und volle Angesicht zu sehen. Nicht wahr? Ja, das heißt das. Sollten wir uns also keine Sorgen machen, weil du beschlossen hattest dein Leben jetzt wirklich in Fülle zu genießen? Oder zumindest beruhigen, weil der Ton der anderen Absätze so dunkeldüster war? War das Ablenkung? Hätten wir hier ein „Kopf hoch“ kommentieren sollen?

Dafür werdet ihr jetzt nachdenken. Und wahrscheinlich wird es euch dabei wie mir selbst gehen, ihr werdet keine befriedigenden Antworten finden. Das Leben als Frage. Ich habe genau das nicht mehr ausgehalten.

Was hast du verdammtnochmal erwartet, Johannes? Dass wir nach diesem Akt uns nicht fragen, nicht zweifeln, nicht verwirrt sind? Wie kannst du nur! Und natürlich werden wir keine Antworten mehr bekommen – weil wir dich nicht mehr fragen können, du verdammter Egoist! Wolltest du das überhaupt? Dass wir fragen? War es für dich nicht vielleicht sogar einfacher das Wüten der ganzen Welt auf deine Schultern zu nehmen? Du hast das Leben als Frage nicht mehr ausgehalten. „Tod und Zerfall ist alles, was ich seh!“ Die Last der Welt auf deinen Schultern und du alleine als Atlas, der sie tragen muss. Ja. Solche Momente kenne ich. Ich kenne solche Momente aber als Teil des normalen Lebens, dass nach diesen Momenten der Trauer und Angst gerade auch das Glück kommt, dem ich den Schleier entziehen kann. Du konntest das letztendlich nicht mehr. Deine Frage an die Welt bleibt ungehört, deine Verzweiflung hast du nur als Abschiedsbrief hinterlassen. Ich bin nicht in der Lage, mich in deine einzufühlen. Dazu hättest du mehr erzählen, mehr von dir preisgeben, mehr sagen müssen was mit dir momentan los ist.

Vielleicht bekommt mein feiger Abgang wenigstens dahingehend einen Sinn, dass er dem ein oder anderen Warnung genug ist, dass die permanente Orientierung am Außen und das fortwährende Fassadewahren am Ende nicht die Lösung sein kann.

Bullshit, Johannes! Verdammter egoistischer Bullshit! Was hätte es dich gekostet mit dieser Fassade zu brechen? Deinen Stolz? Dein Selbstbewusstsein? Hast du geglaubt, wir, deine Freunde, deine Bekannten, würden dich verdammen weil du nicht so perfekt bist, wie du immer selbst geglaubt hast zu sein? Verdammt noch mal, für wie kleingläubig und engstirnig hast du uns gehalten, Johannes? Wir hätten dich nicht fallen gelassen – die Suchaktion hast du vielleicht noch am Rande mitbekommen, aber offenbar hat sie nicht mehr verhindern können was du getan hast. Verdammt nochmal: Gerade weil wir dich mochten, dich schätzten, dich liebten hätten wir dich doch um keinen Deut der Welt fallengelassen! Warum hast du offenbar geglaubt, dass es nicht mehr machbar ist? Dass alles zu spät ist? Das ist es aber nie!

Ich kann nur euch entschuldigen. Ihr trägt für nichts von alledem  Verantwortung. Viele von euch haben sich nach Kräften bemüht, und dafür bin ich jeder und jedem Einzelnen dankbar. In vielen Momenten habt ihr die Welt für mich einen Augenblick lang heller gemacht. Leider nicht hell genug, dass ich meine inneren Dämonen, derer es einfach zu viele gibt, hätte besiegen zu können.

Diese Absolution erkenne ich nicht an. Nein, mein Lieber: Das gilt nicht. Du kannst uns nicht freisprechen von Zweifeln, Ängsten, Gedanken, die nach deinem Freitod aufkommen. Das ist zu billig. Das ist zu einfach. Das kannst du nicht. Natürlich tragen wir Verantwortung! Der Kleine Prinz trägt Verantwortung für eine einzige Rose und wir tragen Verantwortung für jeden einzelnen Menschen, den wir kennen, schätzen, mögen. Du kannst uns nicht mit einem lapidaren Satz aus der Verantwortung nehmen – das könnte allenfalls Gott. Und selbst Gott hat die Menschheit nur ein einziges Mal mit einer Sintflut bestraft und danach gerade einen anderen Weg gewählt. Wenn man daran glauben will. Nein, du kannst uns nicht einfach von einer Verantwortung freisprechen, Johannes, die wir für dich als Mitmenschen gehabt haben. Das ist zu einfach.

Seht sie als das, was sie ist. Die Aufhebung einer Täuschung über einen Menschen, den es so nicht wirklich gab. Ein Mensch, der ich nicht war. Ein Mensch, der ich vorgab zu sein. Ich hoffe, diese Enttäuschung macht das Loslassen und Vergessen leichter. Die Welt hat bessere Menschen als mich verdient, sie hat vor allem bessere Gedanken verdient als die Frage nach dem „Warum?“, auf die es ohnehin keine Antwort gibt.

Nochmal: Warum hast du die Fassade eingehalten? Aber diese Frage zu stellen ist jetzt müßig, du kannst sie nicht mehr beantworten. Wir können von dir nur im Nachhinein Abschied nehmen, wir konnten das nicht als du noch lebtest. Wir stehen da mit unserer Wut, unseren Zweifeln – und dann kommst du mit „Ich war nicht der, der ich vorgab zu sein.“ Wen haben wir denn dann geliebt, Johannes? Nur eine Fassade? Warst du immer nur Außen, Oberfläche? Das kann ich nicht glauben und ich weigere mich auch das zu akzeptieren, diesen Gedankengang anzunehmen, Johannes. Die Welt hat bessere Menschen verdient? Mag sein! Aber du WARST ein besserer Mensch! Gerade du! Gerade du mit deiner Überzeugung, dass es anders geht, dass man Dinge besser machen, die Welt gestalten kann. Und gerade die Frage „Warum?“ hat doch zu Erfindungen geführt. Hat neugierige Menschen neue Erkenntnisse beschert. Aber so willst du das nicht verstanden haben, schon klar. Du möchtest dich ganz einfach eloquent aus der Schlinge des Schuldbewusstseins befreien, denn du fühlst wohl selbst, dass du nicht im Recht bist mit deiner Tat. Nein, mein Lieber, das lasse ich nicht zu – aber ich muss es so stehen lassen, denn ich kann nicht mehr mit dir reden. Ich kann dir deine Selbstzweifel nicht nehmen, ich kann nicht mehr in den dunklen Abgrund schauen und versuchen ihn zu erhellen. Du hast dich ihm entzogen, weil du glaubtest, uns damit eine Last zu nehmen und dich selbst endlich an einen Ort des Friedens zu begeben.

Johannes – du verdammter engstirniger und vermaledeiter Gutmensch – was soll denn jetzt werden? Was wird denn jetzt mit uns? Mit deiner Familie? Mit der Verbesserung der Welt? Mit der Möglichkeitsmachung und -findung von Alternativen? Du schmeißt das alles einfach so weg, du fühlst dich überfordert, du kannst nicht mehr. Und was sollen wir alle jetzt können, Johannes? Was erwartest du denn bitte – was sollen wir denn jetzt tun? Uns bleibt nur das, was Spike in der Serie Buffy in der Musicalfolge singt: „Life’s not a song, life isn’t bliss, life is just this, it’s living. You’ll get along, the pain that you feel only can heal by living.” – „Das Leben ist kein Lied. Das Leben ist kein Zustand immerwährenden Glücks. Das Leben ist einfach nur das: Leben. Du kommst da schon durch, die Pein, die du fühlst, kann nur dadurch geheilt werden: Durchs Leben.“ Aber verdammt nochmal, hast du nicht gewußt, wie schwer das ist?

Dein Christian

 

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Magenvirusbedingte Nichtmeldung

Falls es noch nicht alle mitbekommen haben – ich habe zwar versucht alle zu erreichen, die es angeht letzte Woche, aber falls sich der Ein oder Andere wundert: Ein Magenvirus legt mich momentan etwas ziemlich derbe flach. – Hmm, müsste ziemlich jetzt Ziemlich geschrieben werden? ;-) Egal: Ich denke, ich bin bis Trier wieder fit.

Nein, es ist nicht lustig wenn man Nächte nicht durchschlafen kann weil der Magen grummelt und fieselt…

#WIGADoku: Auf dem Weg

Momentan sieht die Textdatei für das erste Kapitel der #WIGADoku wie ein Steinbruch aus – stellenweise sind ganze Absätze vorhanden, einige Dinge sind auch schon mehr zusammenhängender als sonst, ab und an steht aber auch ein einzelner Satz noch in der Gegend herum. Es ist ja nun nicht das erste Mal, dass ich Dinge nachträglich dokumentiere und eigentlich sollte das bei #WIGA ja einfach sein – es gibt das Blog, die Vorträge zum Thema #smartplace sind ja auch da. Quellen gibts genug.

Es ist aber nicht so einfach eine Sprache zu finden, die zwischen „hochwissenschaftlich“ und „leicht lesbar“ tendiert mit einem Hang zum Thema Spaß. Spaß sollte da schon dabei sein. Die ersten Gedanken waren ja, das Ganze eher wie so eine Spiegel-Reportage aufzuziehen. Ihr kennt das Schema ja. Also mir hätte das Spaß gemacht, aber das Ziel ist darauf kein Stück für die BrandEins zu machen sondern ein Handbuch. Durchaus kompakt und ansprechend, aber ein Handbuch. Vielleicht komme ich auf die Reportage-Idee nochmal für den Anhang zurück, aber so weit bin ich noch nicht.

Bis Ende nächster Woche ist Deadline – zumindest möchte ich bis dahin den ersten Entwurf an Frank Tentler übergeben können, der sicherlich noch das ein oder andere nachzubessern haben wird während ich dann das nächste Kapitel anfangen werde. Die Struktur steht, vielleicht kommt noch ein Vorwort dazu und ich habe gerade noch mal nachgeschlagen wie man Webseiten wissenschaftlich richtig zitiert. Ich bin gespannt auf die Reaktionen wenn das Ganze fertig werden wird, ansonsten ist alles Material vorsortiert – Evernote sei Danke – und alle Gedankenschnipsel kommen allmählich in die Form.

Normalerweise fange ich ja einfach am Anfang an und schreibe dann komplett bis zum Ende durch, aber da die Doku ja auch veröffentlich werden soll ist das natürlich anders als bei anderen Arbeiten. Also veröffentlicht im Sinne von eBook bzw. vielleicht doch noch ein kleines Booklets oder so. Mal schauen. Ich bin jedenfalls dran.

Ich sollte mal wieder bloggen, aber ich bin beschäftigt

Womit schon alles gesagt ist eigentlich.

Na gut, bei einem Projekt kann ich nur einen zarten Hinweis geben: Man redet da über Kunst. Mehr vielleicht später.

Und das andere Projekt ist Betreuen der SIO-Gruppe bei Google+.

So – wisster Bescheid. Abgesehen vom Ebook, das so langsam fertig wird. Dazu aber auch noch was – später. :-)

Frohe Weihnachten 2012 und auf ein interessantes Jahr 2013

„Mit Freude antworten wir sofort und auf die in ihrer Weise herausragende Mitteilung unten und drücken gleichzeitig unsere große Befriedigung aus, dass ihr gewissenhafter Autor zu den Freunden der Sun zählt:

Lieber Redakteur: Ich bin 8 Jahre alt.
Einige meiner kleinen Freunde sagen, dass es keinen Weihnachtsmann gibt.
Papa sagt: ‚Wenn du es in der Sun siehst, ist es so.‘
Bitte sagen Sie mir die Wahrheit: Gibt es einen Weihnachtsmann?
Virginia O’Hanlon.
115 West Ninety-fifth Street.

Virginia, deine kleinen Freunde haben unrecht. Sie sind beeinflusst von der Skepsis eines skeptischen Zeitalters. Sie glauben an nichts, das sie nicht sehen. Sie glauben, dass nichts sein kann, das für ihre kleinen Geister unfassbar ist. Alle Geister, Virginia, seien sie nun von Erwachsenen oder Kindern, sind klein. In diesem unseren großen Universum ist der Mensch vom Intellekt her ein bloßes Insekt, eine Ameise, verglichen mit der grenzenlosen Welt über ihm, gemessen an der Intelligenz, die zum Begreifen der Gesamtheit von Wahrheit und Wissen fähig ist.

Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Er existiert so zweifellos wie Liebe und Großzügigkeit und Zuneigung bestehen, und du weißt, dass sie reichlich vorhanden sind und deinem Leben seine höchste Schönheit und Freude geben. O weh! Wie öde wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe. Sie wäre so öde, als wenn es dort keine Virginias gäbe. Es gäbe dann keinen kindlichen Glauben, keine Poesie, keine Romantik, die diese Existenz erträglich machen. Wir hätten keine Freude außer durch Gefühl und Anblick. Das ewige Licht, mit dem die Kindheit die Welt erfüllt, wäre ausgelöscht.

Nicht an den Weihnachtsmann glauben! Du könntest ebensogut nicht an Elfen glauben! Du könntest deinen Papa veranlassen, Menschen anzustellen, die am Weihnachtsabend auf alle Kamine aufpassen, um den Weihnachtsmann zu fangen; aber selbst wenn sie den Weihnachtsmann nicht herunterkommen sähen, was würde das beweisen? Niemand sieht den Weihnachtsmann, aber das ist kein Zeichen dafür, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Die wirklichsten Dinge in der Welt sind jene, die weder Kinder noch Erwachsene sehen können. Sahst du jemals Elfen auf dem Rasen tanzen? Selbstverständlich nicht, aber das ist kein Beweis dafür, dass sie nicht dort sind. Niemand kann die ungesehenen und unsichtbaren Wunder der Welt begreifen, oder sie sich vorstellen.

Du kannst die Babyrassel auseinander reißen und nachsehen, was darin die Geräusche erzeugt; aber die unsichtbare Welt ist von einem Schleier bedeckt, den nicht der stärkste Mann, noch nicht einmal die gemeinsame Stärke aller stärksten Männer aller Zeiten, auseinander reißen könnte. Nur Glaube, Phantasie, Poesie, Liebe, Romantik können diesen Vorhang beiseite schieben und die himmlische Schönheit und den Glanz dahinter betrachten und beschreiben. Ist das alles wahr? Ach, Virginia, in der ganzen Welt ist nichts sonst wahrer und beständiger.

Kein Weihnachtsmann! Gottseidank! Er lebt, und er lebt auf ewig. Noch in tausend Jahren, Virginia, nein, noch in zehnmal zehntausend Jahren wird er fortfahren, das Herz der Kindheit zu erfreuen.“

Leitartikel aus der New York Sun vom 21. September 1897.
Quelle: Wikipedia

Wie immer am 24.12. seit es das Blog in den verschiedenen Varianten gibt drucke ich erneut den Brief der kleinen Virginia ab. Ich wünsche euch damit ein frohes Fest, schönes Festivus, happy Hanukkah, fröhliche Ahnenfeier und was es sonst noch für Feste gibt, die man um diese Zeit feiern kann – wir lesen uns wieder im nächsten Jahr!

Crash Boom Bang

Jetzt ist es passiert. Der Wagen ist gegen die Wand gefahren. Totalschaden. Nichts mehr zu retten. Was annähernd funktioniert hat ist der Airbag. Benommen steht man also da, die eingefahrene Tür in der Hand, vielleicht auch nur die Klinke und denkt im ersten Moment: Scheitern ist total scheiße. Und den Satz möchte man doppelt und dreifach unterstreichen… Scheiße, Crash Boom Bang und das bei einem an sich todsicherem Ding…

Gründe warum man Dinge an die Wand fährt gibts viele. Persönliche. Sachliche. Dinge, die man selbst beinflusst hat und selbst beeinflussen kann – Dinge, auf die man keinen Einfluss hatte und haben konnte und vielleicht auch Dinge, die dazwischen liegen. Vielleicht merkt man sehenden Auges, dass die Katatstrophe auf einen zusteuert und ist das Kaninchen, welches sich aus den Augen der Schlange nicht befreien kann. Manchmal laufen Dinge einfach aus dem Ruder ohne dass man irgendwie was dafür kann, manchmal versucht man gegenzusteuern und macht die Sache nur noch schlimmer. Kurzum: Scheitern tut sauweh.

Kein Wunder, wenn man sich körperlich auf die Fresse legt tut es auch sauweh und Scheitern muss nochmal eine Steigerung dieses körperlichen Schmerzens sein, weil sich hier die Seele auf die Fresse gelegt hat und im ersten Moment nach dem Moment des Scheiterns erstmal mit einem „Aua, tut weh, aber hey, das heißt ja auch ich lebe noch“ aufrappeln muss. Und je nachdem wie stark man körperlich fällt kann man ja auch seelisch äußerst unangenehm fallen. Und ja, ich schreibe es nochmal hin: Im ersten Moment nach dem Knall ist Scheitern einfach nur scheißendreckiger Bockshornmist.

Natürlich gehts einem miserabel. Schließlich ist gerade eine ganze Portion von Gefühlen zerbrochen und von Erwartungen. Was hatte man sich nicht alles von diesem oder jenem Projekt versprochen, hey, hatte man sich im Vorhinein gedacht, wenn das einmal läuft dann … dann bin ich glücklicher, zufriedener, ein rundum anderer Mensch als zuvor. Genau. Wenn das und das und das funktioniert, dann hoffe ich dass es mir besser geht als zuvor. Das kostet alles Energie. Das Sich-Aus-Malen. Das Hoffen. Das Glauben. Das Herumstolzieren auf dem Dach und die Tagträumereien – nicht zu vergessen von all den Mühen, die man sich macht um einen guten Eindruck zu hinterlassen, die Tage der Vorbereitung, das Feilen an den Konzepten, die Überlegung welche Schriftart nehme ich denn jetzt am Besten oder mache ich da noch eine Verzierung dran, vielleicht doch besser die rote statt der grünen Jacke, doch besser den leichteren Schal gegen den, den einem die Freundin als Glücksbringer mitgibt … da geht ein Haufen zu Bruch wenn man scheitert. „Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht und mach dann noch ’nen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht“, spottete schon Brecht, der übrigens nach der Dreigroschenoper enorm mit dem Nachfolgestück gescheitert ist. Das tröstet einen zwar momentan nicht im Geringsten, aber vielleicht kann sich der Gedanke ja später noch nützlich erweisen. Scheitern tut weh weil die ganzen Energien, die man vorher verwendete auf einmal verpuffen – abgesehen davon, dass das Selbstwertgefühl natürlich auch erstmal einen „auf den Hut“ gehaun bekommt. Ob es davon gut wird, lieber Brecht, ist ja erstmal zu bezweifeln. Erstmal nämlich tut alles weh.

Scheitern tut weh und ist doof und scheiße und dieses „Begreife Scheitern als Chance“ klingt erstmal hölzern, abgeschmackt und envuiert. Na klar, Scheitern als Chance begreifen. Können ja auch nur die sagen, so stellt man sich jetzt trotzig, die noch nie im Leben gescheitert sind. Denen immer alles flott von der Hand ging. Die Sonntagskinder, die sich nur am Sonntag in den Wald stellen müssen, das Glasmännlein irgendwie schief anreimen und hoppla-hopp Wünsche erfüllt bekommen. Gegen die hat man eher momentan das, was der Holländer-Michel als Wehwechen gegen alles verschreibt: Ein steinernes Herz in der Brust. Ein verstocktes, sich taub stellendes Herz, dass erstmal gar keinen Raum dafür hat um Dinge wie „Ach, wird schon“, „wirst schon sehen, war besser so“ zu hören. Was selbstverständlich erstmal legitim ist, da man erstmal mit sich selbst ins Reine kommen muss, man muss erstmal das Sterben der Gefühle bewältigen, das Begraben der Hoffnungen, das Verbrennen der Möglichkeitsbrücken. Oh Gott, was werden die jetzt von einem denken? Verdammt, mein Renommee! Da kann ich nie wieder irgendwas tun, da ist verbrannte Erde und wenn sich das rumspricht – und prompt bläht sich das Drama in Opera Seria Manier auf und momentan ist noch kein Deus Ex Machina anwesend um einen zu retten. Man fällt die ganzen neun Kreise der Hölle bis in die Eiseskälte Satans, der Judas zermalmt hinunter. Wenn nicht noch mehr. Persönliche Höllen haben unendlich viele Stockwerke…

Irgendwann aber dann hat man die Wahl zwischen Schmollen, Asche aufs Haupt streuen und im Bußsack herumgehen, sich von der Engelsburg zu stürzen oder man ist erwachsen genug um sich einzugestehen – was der erste Stein des Besserungsweges ist: Ja, okay, ich hab da eine Entscheidung getroffen, ich hab da dem Schicksal ins Lenkrad gegriffen, ich hab den Wagen an die Wand gefahren. Scheiße, ja, es ist vielleicht ein Totalschaden aber moment mal: Mir ist doch jetzt nicht ernsthaft körperlich was passiert. Also nicht wirklich. Ich meine, okay, ja, da sind ein paar Blessuren, die Frage nach der Größe des Selbstwertes möchte man auch nicht unbedingt zu diesem Zeitpunkt verhandeln – aber erstmal hat man doch den Crash an sich überlebt. Klar. Lädiert. Ja: Den Totalschaden kann man nicht wegleugnen, der ist immer noch, unschön, aber moment mal – mir gehts doch erstmal einigermaßen gut.Vielleicht sogar so gut, dass man jetzt in die Traubenphase kommt: Na ja, war eh alles zu sauer. Warum hab ich mich da überhaupt abgemüht. Also, war ja klar: Ich und hier eine Chance haben? Nee, lass mal. Sowieso alles blöd gewesen. Klar. Nee, nee, das musste ja schiefgehen weil … und jetzt zählt man alle Dinge von A bis Z, Alpha bis Omega, Punktzeichen und Strichzeichen auf warum man selbst ja scheitern musste und warum das Ergebnis eh nicht die Mühe wert war. Nee, die Trauben da oben sind zu sauer obwohl ich keine Ahnung habe wie die schmecken. Aber andererseits dann wieder, man hätte ja auch bewußt aus der Niederlage einen Sieg machen können! Natürlich hätte man das. Und wie man das hätte tun können. Stier – Hörner – packen – drüberspringen – hic Rhodus, hic salta mein Junge aber sowas von. Klar, die hätten gegen einen doch keine Chance gehabt wenn … ähm … wenn … also, irgendwer oder irgendwas anderes außer einem selbst hielt einen davon ab auf den starken Mann zu machen, das Ruder rumzureißen – genau – sie wars, ähm, er wars, er wars, er wars der Jehova gesagt hat.
Ach Unsinn, mann war doch noch viel zu gut die ist noch eine der Reaktionen, die man so häufig hat. Pah, die verstanden einen nicht. Man ist halt was Besonderes und das versteht halt nur der, der es verstehen will und die Anderen sind eh alle zu tumb um auch nur den Nachklang der göttlichen Bedeutung des einzige wahren Sonder-Seins zu verstehen – hach, und jetzt rasch noch unter die Lichtdusche, der Heiligenschein ist schon wieder so matt…

Verständlich ist das alles. Aber leider auch alles irgendwie absoluter Kindergarten über den man als erwachsenes Wesen hinausgekommen sein sollte – dummerweise gretscht einem da dieses blöde kleine innere Kind zwischen die Beine ab und an und dann verhält mich sich doch so wie oben beschrieben. Sollte man aber nicht. Denn tatsächlich ist Scheitern erstmal scheiße aber Scheitern heißt auch gleichzeitig dass wir lernen. Sofern wir uns eingestehen: Okay. Da war die Vorbereitung nicht wie sie sein sollte. (Wenn man jetzt grollt: „Die haben auch nicht genau Deutlich gesagt, was sie jetzt wollen“ wäre das wieder das innere trotzige Kind in einem, das lassen wir mal besser drin.) Man hatte nicht alle Informationen die man brauchte. Oder man hatte alle Informationen, hat bei der Vorbereitung das Ein oder Andere vergessen. Scheiße, ja, das war nicht NICHT die neue Version von Microsoft Office sondern eine drunter, aber man selbst hat nur für die neue Version mit den blöden neuen Formaten seine Unterlagen optimiert. Oder man merkt: Mist, ich hab die Größe und Dauer des Projekts überschätzt. Der Termin ist zu eng. Die Druckertinte liegt in den letzten Zügen und das Formular, das man da vorliegen hatte sah scheiße aus. Kurz und gut: Man war einfach ein Idiot. Warum zum Teufel nochmal hat man sich das Ganze auch aufgehalst?

Jetzt erst ist uns bewußt, dass wir vom Totalschaden Abstand genommen haben, dass wir jetzt erstmal angefangen haben den Schaden auseinanderzunehmen und uns zu fragen: Aus welchem Motiv habe ich eigentlich mich in dieses Unterfangen gestürzt und würde ich beim nächsten Mal wieder so handeln? Natürlich nicht! Logisch! Fehler kann man machen, aber man macht Fehler doch nicht zweimal. Gut, bestimmt nicht dreimal. Oder man macht den Fehler zum Quadrat, dass ist dann aber höhere Scheiternsmathematik. Na gut. Ja. Okay, der Totalschaden sieht immer noch nicht glücklich aus – wie auch – aber beim nächsten Mal, wenn ich wieder in dieser Situation, in dieser Lage bin dann weiß ich wenigstens, dass ich die Bremse eher ziehen sollte. Vielleicht reicht es auch ein wenig vom Gas zu gehen, ein bewußtes NEIN aus dem Fenster zu werfen, den nächsten Wagen werde ich sicherlich anders fahren. Vorsichtiger. Werde bewußt auf den Ölstand achten, ja, auch Sommer- gegen Winterreifen tauschen. Kurzum: Beim nächsten Mal, beim nächsten Projekt, beim nächsten Versuch werde ich frühzeitiger auf Dinge reagieren können.

Seltsam oder? Über Erfolge kann und darf man sich freuen, beim Scheitern gelingt einem das erstmal so gar nicht obwohl es doch auch tatsächlich eine Freude sein kann. Die Freude nämlich es a) zumindestens mal versucht zu haben und dann festzustellen, dass diese Richtung, diese Idee, dieser Plan nicht der richtige war und b) aus dem Scheitern seine ureigensten Erfahrungen mitzunehmen. Wir lernen nicht mit dem Erfolg. Wir können eventuell mit unseren Aufgaben wachsen – das klappt aber nur wenn ich und die Aufgaben gleichzeitig maßvoll wachsen, sonst wächst einem nämlich alles über den Kopf, was viel schlimmer und unangenehmer ist – wir lernen aber nur durch das Scheitern. Dadurch, dass uns – je nachdem was man hier einsetzen möchte – einen Klaps auf den Detz gibt, dass wir stolpern, dass wir hinfallen, dass wir aber auch wieder aufstehen und wissen: Gut. Das war vielleicht nicht das Passende für einen, aber eigentlich sieht dieser andere Wagen auch nicht unschicker aus als der, den man gerade an die Wand gefahren hat. Hey, moment, der hat ja noch eine bessere Zusatzausstattung und schau mal, also eigentlich ist doch…

Steigende Zahlen bei Orchestern und bei Abonnements

Erstmal ist das ja eine positive Nachricht:

Mit hervorragenden Besucherbilanzen und Rekordauslastungen ist an zahlreichen Orchester- und Musiktheaterstandorten die Saison 2011/12 zu Ende gegangen.

Meldet die DOV in einer aktuellen Pressmitteilung und wenn die es nicht weiß – Deutsche Orchestervereinigung – wer dann? Noch schöner aber wäre wenn nicht nur die Füllwörter wie „zahlreich“ da stünden oder einige wenige Beispiele wie das DSO, sondern mal genauer aufgezählt werden würde wer denn jetzt wieviele Zuschauerzahlen wann gewonnen hat. „Zahlreich“ heißt nun alles und nichts.

Nicht dass ich naiv genug wäre um zu glauben, die würden solche Zahlen freiwillig rausrücken – und klar freue ich mich auch darüber das Abonnement offenbar rennt, nur frage ich mich dann: Wer kauft die neuen Abos denn wohl? Junge Zuhörer? Oder doch wieder die Generation, die schon immer Abos gekauft hat und die verschenkt? Zudem wäre ja auch interessant zu wissen warum genau der Zuwachs erfolgte. So viele Public-Viewing-Veranstaltungen gibts nun nicht im Lande, wenngleich natürlich diese mit die Barriere gegenüber dem „Gebäude Oper“ abtragen können, ebenso gibts nicht viele Open-Air-Konzerte.

Falls Social Media eine Mitrolle spielen sollte – und beim DSO ist das wohl anzunehmen – bräuchte ich zumindest noch eine Vergleichsanzahl. Zumindest aber kann ich mal etwas abwarten, die Tage müssten die Duisburger Philharmoniker zumindest eine kleine Andeutung geben ob die bisherige 90% Auslastung gehalten wurde. Dann könnte man ja zumindest spekulieren. Doch so, ohne konkrete Zahlen und mit den in PMs üblichen Floskeln fällt das natürlich schwer.