Die unvollkommene abhängige Welt und die Pose von Wellenreitern

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Vermutlich wäre das Thema bei Patrick Breitenbach besser aufgehoben. Der kann das einfach besser mit Gesellschaften, Schichten und Systemen. Ich versuche das mal in Worte zu fassen, weil das nicht so einfach ist.

Wenn ich das Paradies auf Erden errichten möchte, muss ich ja dafür sorgen, dass alle Menschen gleich handeln. Oder zumindest im Einklang handeln. Sonst haben wir den Turmbau zu Babel. Wenn ich also möchte, dass Menschen – sagen wir mal – weniger Fleisch essen, weil es besser fürs Klima wäre, weil man gesünder wäre, weil … kurzum, weil es den Planeten retten würde. Gut und schön. Womit ich selbst in der Heldenrolle bin, weil ich den Planeten rette und andere Menschen nicht und das führt bei Menschen öfters zu einem nicht so nettem Verhalten Anderen gegenüber. Was dann wieder ein Problem wird, weil ich ja eigentlich die Menschen komplett „zum fleischlosem Heil“ führen möchte.

Jede Paradiesvorstellung hat aber eines gemein: Entweder gab es das mal irgendwann in mythischer Zeit als das Wünschen noch geholfen hat oder das Paradies kommt erst noch – bevorzugt nach der Apokalypse. Aber natürlich kann ich mit kleinen Schritten und Dingen ja schon mal darauf hinarbeiten – für meine eigene Seligkeit sowieso schon toll, wenn ich auf Mandelmilch umsteige, Leder vermeide, den Bienen nicht den Honig raube. Nur: Nur weil ich das Gute will und die kleinen Dinge schon jetzt praktiziere, heißt das nicht, dass am Ende auf der Welt auch das Gute rauskommt.

Wir leben halt in einer unvollkommenen Welt, in der Abhängigkeiten bestehen. Jetzt kann ich für mich wohl auswählen, wo ich vermute, dass weniger Leid auf der Welt verursacht wird – die Interessante Frage wäre dann wohl auch, was für Leid möchte ich in erster Linie mindern? Ich kann aber nicht voraussehen, ob das Gute, das ich hier vor Ort tue nicht doch irgendwo in der Welt Leid verursacht.

Natürlich kann ich Dinge reduzieren, wenn ich darum weiß. Das wäre dann halt der Blick zurück ins vergangene Paradies: Ich kaufe nur Gemüse und Obst ein, wenn es vom Feld geerntet wird. Ich verzichte auf Fleisch in der Woche. Ich lebe also vermeintlich so wie meine Ur-Ur-Ur-Großmutter damals das gemacht hat. Aber auch damals gab es Abhängigkeiten und so schön war das Leben damals nun auch wieder nicht. Außer, man war adelig und hatte irgendwo einen Landsitz, dann hatte man Personal.

Letzten Endes ist also die Pose des „Weltenretters“ dann doch nur eine Pose, oder? Weil dieser ja auch nicht weiß, ob das Gute, das er hier tut nicht doch irgendwo auf der Welt was Schlechtes auslöst. Vielleicht ist es auch das, was mich so an diesen Schwärmern – und sie sind es, sie schwärmen vom Paradies – immer so irritiert. Ich schlage mich lieber an die Brust als Pharisäer zu sein, ich weiß, ich kann eine Menge von Dingen tun, die sicherlich gut und schön sind – aber letzten Endes habe ich nicht die Übersicht über die Auswirkungen.

Einfach mehr Wissen reicht nicht, liebe Adipositas-Gesellschaft

Ich bin sauer. Zutiefst. Auf den Journalismus an sich, weil der mal wieder unreflektiert berichtet und selbst in der ausführlichen Analyse eines Themas zu oberflächlich bleibt. Ich bin auch sauer über die Einstellung der Deutschen Adipositas Gesellschaft.

Worum geht es? Falls Sie es nicht mitbekommen haben sollten, liebe Lesenden: Es geht um eine Umfrage, die die Deutsche Adipositasgesellschaft mit dem Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin (EKFZ) herausgegeben hat. Eine telefonische Umfrage – wir wissen alle, wir sagen immer nur die Wahrheit am Telefon – die eine erschreckende Pandemie zu Tage befördert: Die Adipositas-Pandemie! Dass die WHO diesen Begriff verwendet macht ihn nicht unbedingt richtiger, denn was eine Pandemie ist, das wissen wir eigentlich nach zwei Jahren besser …

Jedenfalls: Wegen Corona sind die Kinder zu dick geworden, essen mehr Süßes, bewegen sich weniger. Hat man so herausgefunden. Warum gerade die Zehn- bis Zwölfjährigen betroffen sind? Keine Ahnung. Weiß man nicht. Warum generell Kinder dicker geworden sind – ebenso wie Erwachsene? Muss man das echt erklären? Vor allem: Muss man echt darüber verwundert sein und sagen, dass sei so mit das Krasseste, was man bisher kennen würde? Als ob wir vor zwei Jahren gewußt hätten, was Corona wäre und wie sich er Virus verbreitet und Lockdowns und so …

Klingt einfach – ist es nicht

Ja, ja, wir wissen ja: Mehrgewicht kann – KANN, Konjunktiv, weil die ganzen Studien Korrelationen aufzeigen und weniger wirkliche Beziehungen, was der ZEIT-Artikel auch mal erwähnen könnte, stattdessen übernimmt er unkritisch – zu Krankheiten führen. Dass das bei Diabetes auch schon wieder komplizierter ist, weil man sich mittlerweile einig ist: Vererbung spielt eine große Rolle, nun ja.

Sauer werde ich, weil der Artikel folgendes statuiert: „Die maßgeblichen Gründe für die teils drastischen Gewichtszunahmen sind eindeutig – und sie waren auch schon vor der Corona-Krise die Ursache für Übergewicht bei Kindern: mangelhafte Bewegung und ungesunde Ernährung.“ Dabei ist längst klar – und merkwürdigerweise wird das auch angesprochen, wenn später von einen „Marshallplan“ für das Ganze die Rede ist – dass dem nicht allein so ist. Dazu genügt ein Blick auf die „Obesity Map“ des NHS aus dem Jahr 2007.

Wer sich die Doppelseite anschaut, der wird erstmal erschlagen, denn nicht nur, dass der NHS fünf Felder definiert hat, die für Mehrgewicht verantwortlich sein können, es gibt auch noch etliche Unterbereiche. Und all diese Dinge beeinflussen sich auch noch gegenseitig. Greifen wir hier „Physical Activities“ raus – denn das ist ja eine DER Komponenten im Artikel – dann hängt das erstmal auch von der Grundfitness ab. Je fitter ich generell bin, desto leichter fällt mir die Bewegung. Logisch. Aber „Motorized Transport“ beeinflusst die Bewegung. Also ob ich jetzt ein Auto habe oder nicht, den Bus benutze oder nicht macht auch schon Etwas aus. Denn wenn ich kein Auto habe, aber ein Fahrrad und mich täglich zur Arbeit bewege ändert das schon die Situation an sich. Die Grundfittnes wird wiederum beeinflusst von der Thermogenese meine Körpers – die kann ich nicht willentlich beeinflussen, die passt sich meinen Gegebenheiten an. Was die Biggest Loser Studie 2016 übrigens eindrucksvoll bestätigt hat. Wer ein wenig weiter schweift stößt auf „Walkability“ der Umgebung. Wie fussgängerfreundlich ist die Umgebung? Wenn Autos ständig die besser ausgebaute Infrastruktur haben, warum sollte ich Dinge zu Fuß erledigen wollen? Manchmal kann ich das gar nicht. „Team based activities“ – habe ich die Möglichkeit mit einem Turnverein oder ähnlichem anzuschließen? Vielleicht gibt es kein Angebot dafür in meiner Nähe. Wiederum machen solche Tätigkeiten keinen Spaß, wenn nicht die optimale Umgebung dafür geschaffen wird. Eine Laufgruppe joggt gerne durch den Wald, am Rand der Autobahn eher nicht.

Die Arroganz der Altväterlichen

Jetzt ist es nicht so, als ob diese Erkenntnisse neu wären. Die „Obesity Map“ des National Health Services entstammt dem Jahr 2009. Zudem ist sie eingebettet in eine ganze Broschüre zum Thema Mehrgewicht und wie man es verhindern könnte. Klar ist also: Es gibt eine Menge von Dingen, die eine Rolle spielen. Dinge, die der Mensch an sich mal beeinflussen, mal weniger beeinflussen kann. Die Wissenschaft beschäftigt sich im Bereich der „Fat Studies“ auch in Deutschland schon länger mit den Hintergründen und auch mit der Diskriminierung. Das sollte die Adipositasgesellschaft wissen. Denn da sitzen ja die angeblichen Experten*innen für das Thema.

Stattdessen wird – weil ja zu wenig Bewegung und zu ungesunde Ernährung das Problem sind – angenommen, man müsse die Menschen nur genügend schulen, ihnen flankierende Maßnahmen – Zuckersteuer! Besseres Schulessen! Werbeverbot für Süssigkeiten! – zur Verfügung stellen und das Problem würde sich, wenn nicht von alleine auflösen, zumindest irgendwie verbessern. Simsalabim! Menschen sind also eigentlich nur zu unaufgeklärt – sprich: Zu doof und zu blöd – um die Regeln für eine gesunde Ernährung anzuwenden. Ich möchte nicht wissen, wieviele Schlankheitsprivilegierte die DGE-Pyramide oder deren Grundsätze kennen. Vermutlich nichts über „Fünf am Tag“ und „Viel Wasser trinken“ hinaus. Generell ist die Annahme Mehrgewichtige seien zu dumm oder zu unwissend um Ernährungsregeln zu befolgen nun genauso diskriminierend wie sonst was. Ja, es hat etwas von dem „White Saviour“-Komplex: Wir Experten*innen wissen, was generell für alle gut ist – obwohl Ernährung individuell ist – und deswegen keinen Widerspruch! Ist doch alles nur für unser Bestes.

Geld, Geld, Geld

Unser Bestes ist laut einem bekannten Sprichwort das Geld. Das wird der Staat auch brauchen, wenn er eine „angemessene Umgebung“ schaffen soll, die dann für weniger Gewicht sorgt. Wie genau die Adipositas Gesellschaft sich jenseits vom Werbeverbot, Zuckersteuer und Co. das vorstellt – grandioser Erfolg letztens: Der Nutriscore. Nicht. – bleibt vage.

Letzten Endes aber geht es doch ums Geld. So etwa, wenn das Land oder der Bund Programme wie „NRW bewegt seine KINDER!“ auflegt – das lief bis 2017. Das Evalutionspapier spricht übrigens offenbar – soweit ich das jetzt sehe – an keiner Stelle davon, wie wunderbar irgendwelche Kinder abgenommen hätten sondern untersucht nur, ob Strukturen besser geworden sind. Was eher die Absicht des Programms war, aber im Endeffekt sollten ja auch Kinder bewegt werden. Ob die dünner geworden sind, stand nicht so unbedingt im Mittelpunkt. Zwar hat auch der Bund den Schwerpunkt Kindergesundheit – und momentan laufen etliche Projekte dazu – aber auch diese beschäftigen sich kaum damit aufzuzeigen, ob und wie durch Sportprogramme, die der Bund auflegte, Kinder und Jugendliche generell dünner geworden sind. Was doch das Interessanteste am Ganzen wäre! „Trimm dich Fit“ war das Motto der 70ger Jahre – die großangelegte Kampagne der Bundesregierung löste eine Fitness-Begeisterung ohne Maßen aus. Dünner ist die Bevölkerung offenbar dadurch nicht geworden. Auch beim Rückblick auf diese Bewegung scheint es keine Daten darüber zu geben, ob nun wirklich Leute dünner geworden sind oder fitter. Wenn also Gelder bereitgestellt werden, um Programme aufzulegen und diese anscheinend nicht mal auf den Erfolg evaluiert werden … A propos: Natürlich freuen sich Träger, wenn Dinge für die Behandlung von Krankheiten von den Krankenkassen übernommen werden. Was bei Adipositas – da das noch nicht als Krankheit definiert ist – noch nicht der Fall ist. Das Argument, die Behandlung wäre dann einfacher und man würde als Betroffener dann besser beraten … kann man so stehen lassen. Eher wahrscheinlich ist, dass eine Menge von Leuten Mehrgewichtigen zu noch mehr bariatrischen Operationen raten werden. Ohne sie richtig zu begleiten und ohne die Risiken zu erwähnen. Das ist jetzt schon ein Problem.

Die Ursachen von Adipositas im Kindes- und Jugendalter sind vielfältig und lassen sich nicht auf das individuelle Ernährungs- und Bewegungsverhalten reduzieren. Vielmehr ist Adipositas das Resultat eines komplexen Zusammenspiels zahlreicher Einflussfaktoren verschiedener Einflussbereiche. 

RKI

Wenn selbst das RKI das mittlerweile weiß, müsste das die Adipositas-Gesellschaft auch wissen. Zudem: Sie spricht das auch an. Sie betont, dass Bürger*innen in Armut oder mit wenigen geldlichen Ressourcen – um es so zu formulieren – eher ein Problem mit dem Mehrgewicht haben als andere. Was der Staat dann hier tun soll: Ja … nun … da gibts auch nicht unbedingt so die Vorschläge der Gesellschaft zu. Man möchte sich anscheinend nicht genauer damit auseinandersetzen, das ist ja auch Aufgabe des Staates die Verhältnisse zu verbessern, eine Reform der HartzIV-Sätze anzuregen, dafür zu sorgen, dass Schwimmbäder offenbleiben und erreichbar sind, Grünanlagen genutzt werden können und der Spielplatz nicht zum Heroin-Ablageplatz verkommt. Aber während die Adipositas Gesellschaft sonst perfekte Ratschläge hat – hier schweigt sie dann. Armut ist ein Zustand, der von mangelnden Ressourcen geprägt wird. Und ja, Schulessen gehören sicherlich auch dazu, dass Kinder gut ernährt werden. Aber sich darauf alleine zu beziehen, liebe Gesellschaft, führt ja zu nichts.

Schluss und endlich: Umfragen zeigen einen gewissen Trend. Studien müssten jetzt folgen, die mit wissenschaftlich sicheren Methoden zeigen, ob die Hypothesen – mehr sind es momentan ja auch nicht – einer Überprüfung standhalten. Das wird aber dauern bzw. kostet das auch wieder Geld. Dass alles noch viel kompliziert ist als es scheint, das müsste eigentlich mittlerweile klar sein.

Kritik an Schönheitsidealen: Oberfläche, Oberfläche, Oberfläche

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Einerseits ist der Trend des Kritisierens von Schönheitsidealen etwas, was längst überfällig ist. Dabei wissen wir alle längst, dass Soziale Medien hier gefährlich sein können und andere Länder haben schon längst eine Kennzeichnungspflicht für bearbeitete Bilder eingeführt. Dass hierzulande daran kein großes Interesse besteht verwundert nicht, denn der Druck ist momentan auf die Politik nicht allzu groß. Trotz der vorhandenen Aktivistin*ennen.

Andererseits: Wenn ich mir Sendungen wie diese anschaue – So!Gesehen, kirchlich produzierte Talkshow auf Sat1 am Sonntagmorgen – in der es um Körperbilder und Social Media geht, dann ist das leider reichlich oberflächlich. Es ist, als ob man momentan eine Agenda abzuhaken hätte: Wir müssen unbedingt sagen, dass man nicht dem Schönheitsideal zu entsprechen braucht. Irgendwas mit Ess-Strörungen brauchen wir auch noch. Dann muss Instagram irgendwie als Einfluss erwähnt werden. Dann brauchen wir unbedingt eine Demonstration, wie Filter funktionieren. Die Aufforderung, doch mal in sich selbst reinzuhören darf nicht fehlen. Und am Ende steht noch das Hashtag Bodypositivity und wir sind alle glücklich. 20 Minuten Sendezeit gefüllt, ohne wirklich in die Tiefe zu gehen. Wissensgewinn über das, was wirklich hinter dem Ideal liegt? Fehlanzeige. Das könnte man allerdings in knapp 20 Minuten auch wirklich machen.

Warum ist das zu oberflächlich?
Wenn über das Schönheitsideal gesprochen wird, wird nur erwähnt, dass es das gibt. Dass es auf Instagram auch deutlicher zu sehen ist als sonst im Alltag. Dass dieses Schönheitsideal alles verachtet, was nicht die Norm ist – das wird schon weniger angesprochen. Woher dieses Ideal eigentlich kommt? Ja, war halt mal so da. Dass da eine Geschichte hintersteckt, das wird kaum erwähnt; Fearing the Black Body ist übrigens mit das beste Buch um nachzuvollziehen, wie das Ideal der schönen, weißen, schlanken Frau zustande kommt – natürlich auch in Abgrenzung zum fetten, unästhetischen, schwarzen Körper, Rassismus? Aber hallo!

Wenn über Körper gesprochen wird, wird die allgemeine Diskriminierung von dick_fetten Körpern generell gerne umschifft. Auch im oben verlinkten Talk kommt sie nur flüchtig vor, die Bemerkung „dann war ich die fette Faule“ wird fallengelassen, bleibt dann aber auf dem Boden liegen. Das Thema wird nicht bearbeitet, es passt nicht in die Wohlfühlatmosphäre. Denn würde man sich fragen, warum dick_fette Menschen diskriminiert werden, wären wir beim Aktivismus der Bodypositivity-Bewegung. Und diesen auch politischen Anspruch der Bewegung meiden die Massenmedien in der Regel wie das zusätzliche Kilo auf der Wage. Denn da wird die Axt mal an die Wurzel gelegt: Mehrgewichtige Menschen sind nicht automatisch ungesund. Sie propagieren keine ungesunden Ideale. Sie sind auch nicht per se willensschwach oder faul. Wenn dick_fette Menschen sich so akzeptieren wie sie sind ist die Abnehm-Industrie aber sowas im Arsch. Fragen kann man sich, woher diese Gedanken kommen, warum sie immer noch verbreitet sind, was man dagegen tun kann. Am Sonntag-Morgen im lockeren Talk natürlich nicht machbar.

Es ist wichtig darauf aufmerksam zu machen, dass Körper unterschiedlich sind. Dass nicht jeder Körper automatisch gesund ist oder krank, wenn er ein gewisses Aussehen hat. Was aber nach diesen oberflächlichen Talks hängenbleibt ist eher „Instagram ist total böse“ – wobei auch wir erst die sozialen Netzwerke so gebrauchen, wie wir sie gebrauchen! Und dass man in sich hineinhorchen soll, ob man wirklich zufrieden mit sich ist. Dass man das allerdings auch erstmal lernen muss und dass das keinem von jetzt auf gleich beigebracht wird, entlarvt diesen Ratschlag als gehaltlose Floskel.

Natürlich ist Aufklärung wichtig – besonders Aufklärung darüber, dass die Gewichtsdiskriminierung bisher unglückliche Jugendliche produziert, dass Diäten nicht längerfristig funktionieren, dass Fitness-Influencer*in sich Jede*r nennen kann und dass man bei Fragen zur Ernährung generell nicht Hinz und Kunz vertraut. Aber das wäre alle zu unangenehm für einen locker entspannten Talk über Schönheitsideale.

Barcamp Köln: Digital ist halt anders, aber nicht weniger gut

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Digitale Gremiumssitzungen – alter Hut. Ob Ausschüsse, Presbytertreffen, diverse Arbeitskreise – das klappt bei Kirchens auch per Zoom. Dass jetzt wieder mehr und mehr davon weggegangen wird, weil „das Analoge doch viel schöner ist“ – das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden. Denn es geht schließlich um das Barcamp Köln, dass in diesem Jahr am 09. April stattfand. Rein digital. Per Zoom.

Ich war vorher auch gar nicht skeptisch, weil die Breakout-Räume, die Zoom dann vor – hmm – zwei Updates? Drei Updates? – eingeführt hat es ermöglichen, dass man neben dem Hauptraum auch andere Räume zur Verfügung hat. Im Grund spiegelt sich hier die analoge Raumsituation wieder, nur dass man halt nicht durchs Gebäude rennt sondern sich per Klick von einem Raum zum nächsten bewegt. Was mit Zoom sehr gut funktioniert. Auch wenn es mehrere Räume sind.

Sicherlich fehlen gewisse Dinge im analogen. Raucherecken ebenso wie der Plausch an der Kaffeemaschine – das fehlt dann und kann zwar annähernd virtuell aufgefangen werden durch die Räume, aber klar: Da fehlt dann doch die Anwesenheitskomponente. Zugegeben. Gespräche im Gang entfallen dann auch.

Im Grunde aber hängt eine Veranstaltung auch immer von den Organisatoren*innen ab. Die stecken bei Barcamps ja nur Rahmenbedingungen: Also Räume, Essen – stimmt, das entfiel ja auch – Moderation. Das Programm selbst legen die Teilnehmer ja immer direkt vor Ort selbst fest. Beim Barcamp Köln sind es halt Urgesteine der Szene, da muss man sich keine Sorgen machen, dass da was schiefläuft. Auch virtuell übrigens nicht. Livestreams von Barcamps waren ja eh schon Usus. Womit wir dann auch wieder einen Schlenker zu Kirchens machen sollten …

Kirchliche Mitarbeiter*innen scheinen immer zu erwarten, dass man ihnen sagt, was am Ende des Tages bei einer Fortbildung, Weiterbildung, Seminar, Tagung, Konferenz rauskommen soll. Oder zumindest ist man gewohnt ein Programm vorher zu haben, dann kann man sich die Referenten*innen zurechtgoogeln und ist dann halt schon vorbereitet. Das kannst du bei Barcamps nur begrenzt, weil nicht alle Vortragenden ihre Sessions schon vorher ankündigen. Es steht auch nicht immer fest, ob alle Sessions dann auch gehalten werden, darüber wird ja am Tag des Barcamps abgestimmt. Das scheint tatsächlich eine Hürde für Mitarbeiter*innen der Kirchen zu sein. Abgesehen mal davon, dass man noch bei der Verwaltung durchsetzen muss, dass Barcamps tatsächlich Fortbildungen sind und nicht nur privater Freizeitspaß. Also das auch, aber … ihr wisst schon. (Wobei, wenn man Barcamps als Fortbildungen akzeptiert haben möchte und seine Fortbildungs-Urlaubstage dafür einsetzt: Vorher bei den Organisatoren anfragen, ob die eine Teilnahmebestätigung ausstellen. So mit Brief und Siegel.)

Mich wundert das. Kirchen reden selbstverständlich vom Heiligen Geist, trauen dann aber diesem nicht zu, dass dieser vor Ort auch mal wirksam sein kann. Ja, das kann auch bei einem nicht-kirchlichem Barcamp der Fall sein und in diesem Fall gab es eine ganze Programmschiene zum Thema Ehrenamt und Engagement. Durchaus kirchliche Themenfelder. Was wohl auch noch so einen Hemmschwelle ist: Dass man nur bei Kirchens zu Veranstaltungen hingeht, die kirchlichen Hintergrund oder kirchliche Aspekte haben. Dabei wären Barcamps im Sinne der beiden EKIR-Positionspapiere genau die Orte, die Kirche als Vernetzungsmöglichkeit gebrauchen und verstehen könnte.

Digital ist auf jeden Fall anders als analog. Das ist klar. Analog ist deswegen nicht immer unbedingt besser. Genauso wie es umgekehrt der Fall ist. Für die Zukunft könnte sich ein hybrides Format etablieren, dass nicht nur Livestreams der einzelnen analogen Sessions verfügbar macht – das gab es ja schon – sondern dass auch ein separater Track als Service für Leute im Netz angeboten wird. Eine Netz-Strecke sozusagen. (Ha! Wortspiel!)

Nach der Erfahrung am Samstag ist jedenfalls die Messlatte für die nächsten digitalen Veranstaltungen sehr hoch gelegt. Ich bin gespannt, was da noch kommen wird.

#DigitaleKirche: Nächste Chance zur Vernetzung – Barcamp Köln im April

Ganz kurz der Hinweis: Barcamp Köln – im April – Chance zur Vernetzung. Findet übrigens rein digital statt und es gibt noch Karten. Kostet auch nur um die 7,- Euro. Die gehen vermutlich für das Goldie drauf, dass dann per Post versandt wird … Das ist ja schon Standard bei solchen Veranstaltungen.

Warum ist ein „nichtkirchliches“ Barcamp interessant für Kirche?

Weil es einen Track zum Thema Engagement und Ehrenamt geben wird.

„Für Sessions kommen unglaublich viele Themen in Frage. Hier ein paar Ideen, die inspirieren können:

  • Wie finde ich mein Ehrenamt?
  • Wie finden und halten Organisationen Engagierte im Jahr 2022?
  • Ich habe keine Zeit – kann ich trotzdem ehrenamtlich aktiv werden?
  • Ehrenamt im digitalen Raum – wie kann das gelingen?
  • Warum eigentlich Ehrenamt?
  • Ehrenamt und Engament in der digitalen Gesellschaft – welche Herausforderungen stehen an?
  • Wie Ehrenamt und Engagement langfristig Spaß machen“

Näheres dann auf der Seite des Barcamps Köln.