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Die Diät-(Un)Kultur oder Der Schlankheitswahn und seine Folgen

Sie strahlen uns von den Plakatwänden an: Junge, attraktive, gebräunte Körper. Natürlich in relaxt-beschwingten Posen. Und vor allem: Sie lächeln. Sie lächeln immer. Oder sie grinsen wenigstens. – Sie verkünden, endlich die richtige Methode für das Verlieren von Pfunden gefunden zu haben: Anzeigen für <Medikamente> in Zeitschriften. Die Wunderkur, die dafür sorgt, dass man weniger isst. Vorher-Nachher-Photos zeigen: Es funktioniert. Man muss es nur wollen. Und das Produkt kaufen. – Auch du kannst es schaffen, verkünden die Titelblätter der Gesundheitsmagazine, auch du, Mann, mit dem Bierbauch kannst in kurzer Zeit das Sixpack erreichen. Und dann wirst du erfolgreich. Dann wirst du keine Probleme im Leben haben. – Beim Betrachten von Zeitschriften wird man von Diäten geradezu erschlagen: Hier, jetzt mit noch mehr Kohl in sieben Tagen drei Kilos runter. Du willst doch eine Strandfigur haben, oder? Ja, dann knie dich richtig rein, iss nur Ananas, verzichte auf Kohlehydrate, mach Trennkost und in der nächsten Woche präsentieren wir Dir dann die nächste Diät. Die nächste hippe Ernährungsreligion. – Ach komm schon, sagen die Bekannten, du könntest ja auch weniger Pfunde auf den Rippen haben. Du weißt doch: Die Gesundheit. Und später im Alter: Die Knie. Und der Rücken überhaupt. Und guck mal, die Doris, der Peter, die haben so schön abgenommen in der letzten Zeit. Frag doch mal, was die gemacht haben. Wir meinen es ja nur gut…

Das sind nur einige Beispiele dafür, wie weit die Diät-Kultur – oder besser: Die Diät-Unkultur – im Alltag vorgedrungen ist. Ihre Schäden sind bisher nicht bemessen worden, ja, in Deutschland scheint sich auch bisher kaum jemand für diese Unartskultur zu interessieren. Denn schließlich gibt es vom Staat hinunter bis zum Freundeskreis den Konsens: Zuviel Fett ist ungesund. Und immer ertönt regelmäßig im Lauf eines Jahres der Drohruf von Wissenschaftlern, dass wir Deutschen zu dick werden. Und denkt doch mal bitte an die Kinder. Die sind auch viel zu dick. Die müssten einfach mehr Bewegung haben und etwas weniger essen, dann funktioniert das alles schon. Überhaupt, die Fetten sollten sich nicht so anstellen. Die haben halt nicht genug Willensstärke. Die können halt nicht anders. Und selbst schuld, wenns mit der Karriere nicht klappt, wenns in der Beziehung nicht läuft: Paar Pfunde weniger sind das Zaubermittel, um jedes Problem zu lösen. Sieht man ja in den diversen Rom-Coms und der neuen Netflix-Serie Unsatiable. Werde schlank und hab Erfolg. So einfach ist das.

Worum es geht und worum es nicht geht

Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, dass bei bestimmten Personen eine Abnahme des Gewichts bestimmte Krankheiten lindern kann. Es geht auch nicht darum, dass ein Laktoseintoleranter seine <Diät> ändern sollte. Oder darum, dass nicht bestimmte Maßnahmen bisweilen erforderlich sind, weil man selbst mit dem Körper unzufrieden ist.

Anmerkung: Dann sollte man allerdings gerade nicht mit Diäten anfangen, sondern man sollte sich auf eine Ernährungsumstellung vorbereiten. Allerdings muss man bisweilen auch herumprobieren, was für einen passt. Ebenso gilt das für die Fitness.

Es geht um das Aufzeigen einer gewissen Denkweise, die alle Menschen über einen Kamm schert und die sich um das Einzelschicksal und die vielen Gründe für das Anhäufen des Gewichts nicht kümmert. Das permanente Unwohlsein, das Gefühl, dass der eigene Körper nichts wert ist, das kommt aus der eigenen Seele. Aber Impulse von außen verstärken dieses Unwohlsein mit dem eigenen Körper, dieses Nichts-Wert-Sein-Sollend für die Gesellschaft an sich. Denn wer nicht in eine bestimmte Schublade passt, der fällt halt raus. Es geht um das Aufzeigen von dem, was im Alltag passiert – das permanente Bombardement von Medien, Werbung und Meinungen, das schlussendlich das Unwohlsein mit dem eigenen Körper auslöst. Es wird Zeit, festzustellen woher dieses Unwohlsein kommt.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes befanden sich im Jahr 2012 11 491 Patientinnen und Patienten in vollstationärer Behandlung wegen Essstörungen. Zwischen den Jahren 2000 und 2012 sind die diagnostizierten Fälle von Magersucht von 5 363 auf 6 995 gestiegen, während im selben Zeitraum die diagnostizierten Fälle von Bulimie von 2 726 auf 2 332 gesunken sind (Statistisches Bundesamt, 2014, Anzahl …). Quelle: BZgA.

Was ist Diät-(Un)Kultur?

Der englische Begriff der Diet Culture ist im Rahmen der HAES-Community – aufgelöst: Health At Every Size – und der Intuitive-Eating-Bewegung entstanden. Leider verkommt das <Intuitive Essen> in Deutschland mehr und mehr zu einer neuen Diät bzw. versprechen diverse Anbieter, man könne mit dem IE Pfunde verlieren. Dass die Grundprinzipien der HAES- und der IE-Bewegung allerdings nicht primär den Focus auf die Abnahme des Gewichtes haben wird in Deutschland gerne mal unterschlagen.

Zugegeben, ja, das Thema spielt in der deutschen Fassung des IE-Klassikers, der – seufz – Intutiv Abnehmen betitelt wurde – seufz – schon eine Rolle. Aber das Buch dreht sich nicht in erster Linie darum, trotz des irreführenden Titels. Zudem: In Deutschland erhältlich ist immer noch die Übersetzung der Erstfassung von 1995. Mittlerweile gibts im Englischen allerdings schon die dritte Auflage und zudem ein Werkbuch, das letztes Jahr erschienen und bisher nicht in Deutschland angekommen ist. Es mag sein, dass in der aktuellen englischen Auflage, die mir derzeit nicht vorliegt, das auch noch mal in einen größeren Rahmen eingeordnet wird. Aber natürlich verkauft sich Intuitiv Abnehmen besser als Intuitiv Essen…

So zeigt sich ironischerweise, wie sehr die Diät-Unkultur selbst die Kritiker sozusagen in sich vereinen kann. HAES und IE lehnen nämlich jegliche Diäten ab. Denn: Diäten funktionieren nicht. Doch noch wurde nicht erläutert, was eigentlich die Definition von Diät-(Un)Kultur ist. Das ist nicht unbedingt einfach, denn eine offizielle Definition gibt es momentan nicht. Jedenfalls keine, die in Lexikonwerken des Internets stehen würde. Aber es gibt einige Grundprinzipien, die der Diät-(Un)Kultur gemein sind:

Ich beziehe mich an dieser Stelle auf:
Kate Brown
InIt4TheLongRun 
WellSeek

Ein Podcast mit weiteren Hintergründen ebenfalls bei InIt4TheLongRun.

  • Die Diät-(Un)Kultur ist ein System, dass sich auf die Werte Gewicht, Größe und Aussehen eines Körpers fokussiert. Diese Werte werden dabei über die Gesundheit und das Wohlbefinden des Einzelnen gestellt.
  • Die Diät-(Un)Kultur stellt das Dogma auf, dass nur, wer <gutes Essen> zu sich nimmt, auch moralisch sein kann. Und was gutes Essen ist, dass liefert diese Kultur in diversen Essensregeln mit. Kochen mit frischen Zutaten ist gut. Schnellrestaurant-Ketten sind schlecht. Karotten sind gut. Chips sind schlecht. Vegan ist gut. Fleisch ist schlecht. Honig ist gut. Aber moment mal, Veganer lehnen Honig doch ab? Ja, was denn jetzt?
  • Die Diät-(Un)Kultur preist strikte Selbstkontrolle und stellt die Willensstärke in den Vordergrund. Damit spricht sie automatisch Jenen, die nicht ihrem Ideal entsprechen diese ab. Wenn Peter nur den Willen hätte abnehmen zu wollen, dann…
  • Die Diät-(Un)Kultur ignoriert, dass die Natur – oder wer möchte Gott – Körper in unterschiedlichen Größen, Formaten und Formen ausgebildet hat. Ihr Ideal ist der schlanke und gesunde Körper. Und nur dieser wird akzeptiert. Vermutlich wird die Evolution sich was dabei gedacht haben, dass es Menschen mit der Veranlagung zum Bilden von Fettpolstern gibt. Falls die nächste Hungersnot kommt sind Dicke definitiv erstmal im Vorteil…
  • Die Diät-(Un)Kultur propagiert: Nur ein schlanker Körper ist ein gesunder Körper. Sie ignoriert, dass man die Gesundheit eines Menschen nicht unbedingt vom Aussehen her ableiten kann – ein Kettenraucher ist sicherlich schlank, aber nicht unbedingt gesund, aber woher soll ich wisse, dass der schlanke Mann an der Kasse jetzt Kettenraucher ist? Gut, wenn er gerade zwanzig Zigarettenpackungen eingekauft hat, okay, aber ansonsten… Und bei Werbung für Fitness-Produkten kann man auch rätseln, wo man die ganzen Verbesserungen von Blutwerten und etlichen anderen internen Dingen anhand der Körperbilder nun sehen soll. Ja, die sind muskulöser und schlanker. Aber kommt es nicht auf die inneren Gesundheitswerte an? Wo sind die Tabellen, die das deutlich machen? Ebend.
  • Die Diät-(Un)Kultur existiert nicht im Vakuum. Sie ist eingebunden in das gesellschaftliche System und teilweise überlappt sie sich mit anderen Vorurteilen. Es ist nicht verwunderlich, dass Arbeitslose häufig mit dem Attribut <Dick> assoziiert werden – denn wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen bzw. wer nicht arbeitet, der achtet automatisch nicht auf seinen Körper. Vor allem, wenn sogenannten Dokumentationen stets perfekt auf die <ungesunden> Lebensmittel zoomen, die so in Wohnungen zu finden sind, wird ein ganzer Haufen von Vorurteilen abgerufen. Und natürlich können Dicke nicht so viel leisten wie ein normaler schlanker Arbeitnehmer – ganz klar. Gibt es eigentlich Studien darüber, dass dicken Menschen generell ablehnender bei Bewerbungsgesprächen begegnet wird? Es gibt definitiv den Hinweis, dass Ärzte da schon ein sehr eingefahrenes Kopfmuster haben… 

Zusammengefasst: Die Diät-(Un)Kultur ist ein System, welches anders aussehende Personen verurteilt, weil sie nicht so aussehen wie das, was das Ideal sein soll. Sie wertet Personen ab, die nicht dem schlanken Schönheitsideal entsprechen. Sie ignoriert, dass es unterschiedliche Formen und Typen von Körpern gibt und sie suggeriert ein Ideal-Bild des Körpers – in der Werbung, in Serien, in Zeitschriften. Wer nicht so ist wie das Ideal, der soll immer strebend sich bemühen, damit er erlöst werden kann. (Nach Goethe) Und wer sich nicht bemüht ist ein Versager. So einfach ist die Welt der Diät-(Un)Kultur, hier Weiß, da Schwarz. Hier Licht, da Dunkelheit. Dabei hält sie Denjenigen, die im Dunkel sind stets die Taschenlampe der Erlösung hin: Wenn du nur weniger wiegst, dann – ja, dann bist du erfolgreich. Beliebt. Dann spazierst du vor Heidi Klum hin und her und bekommst Werbeverträge. Dann fällst du die Karriereleiter nach oben. Aber so, wie du bist – so können wir dich hier im Licht nicht akzeptieren. Also ran an den Speck und <bück dich hoch, sonst wirst du ausgesiebt>. (Nach Deichkind)

Wer immer strebend sich bemüht?

Die Diät-(Un)Kultur schert alle Menschen über einen Kamm. Sie postuliert: Jeder kann schlank werden. <Weniger Essen, Mehr Bewegen> ist die Formel dafür. Diese Grundannahme – eine der Heiligen Regeln des Systems – ist aber so nicht richtig.

„Es gäbe Übergewichtige auch dann, wenn sich alle Menschen ausreichend bewegen und gesund essen würden“, so Antje Gahl, Diplom-Ökotrophologin und Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Quelle: Telekom-Webseite

„…wenn Sie sich die Zahlen anschauen, die Natur: das ist eine ganz normale biologische Verteilung. Wir haben immer einen Großteil „Normaler“ und dann haben wir Dürre und Dicke. Und es wird niemals der Fall sein, dass wir von diesen 5,8 auf 0 Prozent kommen. Das wird einfach nicht passieren.“ Uwe Knop. Quelle: RBB-Online

Aber es geht doch, sagt die Diät-(Un)Kultur: Personen nehmen doch ab. Wunder geschehen. Es ist doch ganz einfach: Die richtige Pille, die richtigen Verhaltensmaßnahmen, das moralisch richtige Essen. Gegenfrage: Wie lange hält der Gewichtsverlust nach einer Diät nun an? Schließlich sagt die Diät-(Un)Kultur doch auch, dass man möglichst sein Leben lang schlank sein sollte, um gewisse Dinge zu bekommen.

„Das Körpergewicht ist extrem gut reguliert“, sagt Matthias Blüher. Der Endokrinologe leitet die Adipositas-Ambulanz in Leipzig.  Während der Körper viele Mechanismen kennt, an Gewicht zuzulegen, versagt er dabei, das Gewicht langfristig wieder loszuwerden. Und so, sagt Blüher, „tendiert der Körper immer zurück zu dem höchsten Gewicht, das er jemals hatte.“ (…) Selbst in medizinischen Abnehmprogrammen gelingt Gewichtsverlust nur selten. Die Patienten verlieren zwar kurzfristig Kilos, bald darauf gewinnen sie sie aber wieder zurück. Nach fünf Jahren, zeigte eine Studie, die solche Programme verglich, wog kaum einer der Teilnehmer wirklich weniger (Dulloo & Montani, 2015). (…) Ärzte raten seltener zur Gewichtsabnahme als früher. Grund ist, dass heute statt des Gewichts allein das Gesamtbild des Patienten den Ausschlag gibt. Denn hat der Patient noch keine Folgeerkrankungen des Übergewichts, wie Diabetes, Gelenkbeschwerden oder psychische Probleme, dann nützt ihm das Abnehmen gesundheitlich nichts. (…) Die Patienten, deren Gesundheit bereits unter ihrem Gewicht leidet, sollten hingegen unbedingt abnehmen. Quelle: DIE ZEIT – Wobei: Die genaue Abnehmmethode sollte dann natürlich mit dem Arzt besprochen werden, der in der Regel dann halt die üblichen Methoden empfehlen wird. Ob das weiterbringt? Und das Wort LÄNGERFRISTIG möge man bitte den Krankenkassen unter die Nase halten. Es hilft also nichts, wenn man den Crash-Kurs wahrnimmt, man braucht notfalls wohl ein ganzes Leben lang ein eigenes Team. Wer Einem das bezahlt? Nächste Frage…

Abgesehen davon: Das Argument mit dem <Weniger Essen, Mehr Bewegen> ist auch in anderer Hinsicht durchaus auf die Goldwaage zu legen.

„Leider sind diese präventiven Maßnahmen bislang nicht von großem Erfolg gekrönt“, sagt Prof. Dr. Manfred Müller vom Institut für Humanernährung und Lebensmittelkunde in Kiel. Der Grund: Es gibt zahlreiche Faktoren, die das Gewicht von Kindern bestimmen und die bislang nicht von Präventionsmaßnahmen berücksichtigt werden.“ BMBF Bemerkenswert: Ein Experte gesteht ein, dass all die Programme, die aufgelegt worden sind nichts gebracht haben. Seine Lösung dafür: Andere Programme, die mehr Aspekte berücksichtigen. Wer immer strebend sich bemüht… 

Auswirkungen der Diät-(Un)Kultur

Das permanente Bombardement der Diät-(Un)Kultur hat Folgen. Nicht nur übrigens für Übergewichtige. Erschreckenderweise hat sie Folgen für Kinder und Jugendliche. Was logisch ist, Jugendliche suchen noch nach einem eigenen Körperbild und das Selbstbewusstsein ist auch nicht gerade sehr ausgeprägt in der Pubertät.

Die Kinder- und Jugendstudie (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts RKI ergab, dass mehr als 20% aller 11- bis 17-Jährigen in Deutschland Anzeichen für eine Essstörung zeigen – und viele leiden an Wahrnehmungsverzerrungen: „Das gefühlte Übergewicht wiegt schwerer als tatsächliche Kilos zuviel.“ (KiGGS / WHO-Daten). Es sei „sehr sorgsam zu überlegen, inwieweit die derzeit allgegenwärtigen Kampagnen gegen das Übergewicht den Anteil der Jugendlichen erhöht, der sich ohne Grund als zu dick erachtet. Dabei geht es um einen sehr großen Anteil normalgewichtiger Jungen und Mädchen, die sich für ‚zu dick‘ oder ‚viel zu dick‘ halten“, lautete das RKI-Fazit bereits 2008.

Und nicht nur Frauen werden von dieser (Un)Kultur in die Essstörungen getrieben, das Männerbild des Erfolgs ist braungebrannt, tolle Frisur und halt – schlank. Wenn Mann das nicht ist und Mann damit kein Mann ist, denn ein Mann ist braungebrannt und schlank, ein Womanizer halt so wie der Pitt oder DiCaprio, dann ist man halt nichts Wert und versucht, diesen Wert zu bekommen.

Die Wissenschaftlerin Barbara Mangweth-Matzek von der Innsbrucker Uniklinik für Psychosomatische Medizin hat 470 Männer, alle zwischen 40 und 75 Jahren alt, zu ihrem Essverhalten, ihrer Sportlichkeit und Lebensqualität befragt. (…) Das Ergebnis ihrer Studie: Sieben Prozent der Untersuchungsteilnehmer wiesen wesentliche Störungssymptome auf. Dazu gehören Essanfälle, Erbrechen, die Einnahme von Abführmitteln, extremes Fasten oder ein Body-Mass-Index unter 18,5. (…) „Das waren mehr Betroffene als gedacht. Früher hätte niemand geglaubt, dass auch ältere Männer Essstörungen haben.“ (…) Denn der Druck, gut auszusehen, ist heutzutage groß – bei beiden Geschlechtern. Werbung auf Plakaten und in Zeitschriften, aber auch Fotos in sozialen Netzwerken, suggerieren das Ideal: Während Frauen möglichst schlank sein sollen, hat der Mann optimalerweise einen muskulösen, definierten Körper. Dellen, Fett, Bierbauch? Unschön und unerwünscht. Quelle: Berliner Zeitung

Dellen, Fett und Bierbauch – unerwünscht. Das Optimum: Ein muskulöser, ranker und schlanker Körper. Ein Körperbild, das auf Männerzeitschriften gefeiert wird und die Heilsversprechen werden gleich mitgeliefert. Schließlich dauert das Programm im Heft um DIESEN Körper zu bekommen ja nur eine Woche. Oder zwei. Eventuell drei?
Last but not least:

There is a serious problem when it comes eating disorders, and even more so with the way they are portrayed in the media. Maybe it’s just my personal experience, but when I first was exposed to what an eating disorder is, the poster figure was a thin girl, always. (…) My eating habits have changed but the habit of obsession over my body is a ghost in my closet that refuses to stop haunting me. Even if I am slim and know that I am, the way I see myself in the mirror is what consumes me every day. Quelle: Brett Alexander

Least:

In this world, we are witness to a moment when the word “optimal” is used in conjunction with the word “body,” when people are trying to mold themselves into high-performance, precision machines. The idea of a fat machine makes no sense when you are easily fueled and refueled on Whole Foods and Soylent. – Quelle: NYT

Was folgt jetzt nach?

Zuerst die Erkenntnis: Es gibt diese Diät-(Un)Kultur. Sie stößt Personen zu, die übergewichtig, untergewichtig sind, deren Körper aus der Norm fallen. Sie setzt diesen Personen auch stetig zu. Sie verspricht Heil, wenn gewisse Regeln befolgt werden. Heil sein ist mehr als nur gesund im eigenen Körper zu sein, das hier versprochene Heil stellt in Aussicht, dass wer immer nur sich zu einem schlanken Körper zwingt und die moralischen Gesetze einhält – dass dieser Ganz sein wird. Dass ein neues Plateau des Lebens erreicht wird auf dem keine Probleme mehr existieren und ewiges Bacardi-Feeling herrscht. Schlankheit als Eintrittskarte für das Paradies auf Erden. Ewige Glückseligkeit. Solange man nicht zunimmt…

Während in englischen Medien das Problem erkannt ist und darüber diskutiert wird, wie man am Besten damit umgeht – es fallen dabei die Worte Respekt, Anerkennung des Anderen etc. pp., wir kennen das vielleicht unter Nächstenliebe – brauchen wir hier in Deutschland eine breitere Diskussion darüber, wie wir mit dieser Unkultur umgehen wollen. Wir könnten ganz einfach damit anfangen: Wir könnten auf unsere Worte gegenüber Jugendlichen und Kindern achten. Wir könnten achtsam sein, wenn Kinder und Jugendliche auf einmal eine Diät machen, nur weil der Freund, die Freundin das gerade macht oder weil mal wieder Germanys Next Topmodel im Fernsehen läuft. Wir sollten aufpassen, wenn das Essverhalten von Kindern und Jugendlichen anders ist als das, was sie bisher praktiziert haben. Wir sollten Kinder und Jugendliche unterstützen, in dem wir sagen: Schatz, ich mag dich so wie du bist. Wir können darauf aufmerksam machen, dass Photoshop als Werkzeug eine Unmenge von Sachen kann – unter anderem das Retuschieren von Werbebildern.

Als Erwachsene können wir uns fragen: Was bedeutet es für mich eigentlich gesund zu sein? Welche Normen, Vorstellungen und Meinungen sind da in meinen Kopf – und von wem stammen sie? Habe ich vielleicht Idealvorstellungen, die nicht erreichbar sind, weil der Körper das einfach nicht mitmacht? Wir könnten im Umgang miteinander respektvoller sein – übrigens generell – und nicht ständig vermuten, dass Übergewichtige zu viel essen. Sondern in Betracht ziehen, dass es viele Faktoren gibt. Das Thema Krankheiten – Schilddrüse etwa – habe ich gar nicht mal erwähnt. Wir sollten uns vergegenwärtigen: Es gibt unterschiedliche Körperformen. Der Eine ist zu groß, der Andere ist zu klein, lange Finger, kurze Finger und es gibt Körper, die eher zur Fettbildung neigen als andere. Wenn Ärzte der Meinung sind, es sei besser – falls der Betreffende nicht erkrankt ist – nicht abzunehmen, dann sollten wir sofern das Gegenüber keine Probleme hat, das auch so akzeptieren. Im Übrigen: Wir stecken immer nur im eigenen Kopf. Nie in dem des Anderen. – Und ob jemand gesundheitliche Probleme hat, das bestimmt immer noch der Hausarzt, der dann auch notfalls sicherlich eingreifen wird. Und nicht wir, auch wenn wir alle durch die Diät-(Un)Kultur zur Gesundheitsspezialisten geworden sind und wissen, was dem Anderen gut tut. Nein, wir wissen das nicht. Wirklich nicht. Nein.

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Blogposting 08/12/2018

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Blogposting 08/11/2018

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Rant: Die Abwärtsspirale der Ablehnungen

<Hier,> sagt der Vermittler am anderen Tischende, nachdem man die Formalitäten abgeklärt hatte, <ein neues Formular für Ihre Bewerbungsbemühungen. Wir schreiben mal in die Verpflichtung so fünf Bewerbungen pro Monat rein, das sollte passen und wir sehen uns dann demnächst wieder.> Als die Tür ins Schloss fällt und man auf den langen unpersönlichen Gängen entlanghastet – und in Farben gestrichen, die natürlich ein Unwohlsein vermitteln, warum sollte man auch länger in einer Behörde sein wollen, die einen so schnell wie möglich wieder los sein möchte? – hat man die letzten Bewerbungsbemühungen in der Hand und hinter jeder steht in einem letzten Feld: Absage. Da insgesamt um die fünf Bewerbungen auf so ein vorgegebenes Behördenblatt passen und man in der Regel auch etwas mehr macht als man möchte, hat man vielleicht schon an die drei, vier Blätter in der Hand, die man mitgebracht hat. Und man realisiert: Irgendwas geht da doch nicht auf.

Solange was an der Wand kleben bleibt…

Das Patentrezept der ARGE heißt: Werfen Sie so viele Bewerbungen wie möglich an die Wand und irgendeine davon wird schon hängenbleiben. Da man nicht in der Situation ist, sich die Jobs wirklich aussuchen zu können – man muss sich auf alles bewerben, was irgendwie möglich oder machbar ist und eventuell hat man einen gnädigen Vermittler, der dann auch mal toleriert, dass man in einem Monat halt nur vier statt fünf Bewerbungen zustande brachte, ohne dass man lange argumentieren muss – greift man sich also aus den Stellenbörsen alles heraus, was irgendwie passt.

Und manchmal ist die ARGE auch so gnädig, einen in irgendwelche Massnahmen zu vermitteln, wo man dann einige Stunden damit zubringt, das zu tun, was man eh zu Hause macht: Jobbörsen abklappern – natürlich in erster Regel die der ARGE – Bewerbungen zu schreiben, Dinge auszudrucken und in die Post zu geben. Es geht bei diesen Weiterbildungsmaßnahmen halt nicht darum, den Menschen zu bilden und seine Stärken und Schwächen zu erkennen, der Mensch soll so passend gemacht werden, dass er in der nächsten Zeit zu dem Arbeitsumfeld der Umgebung passt. Es mag Ausnahmen geben, aber in der Regel bringen diese Maßnahmen nun nicht viel. Ja, der Eine oder Andere findet einen Job. Ja, manchmal lassen sich Lücken schließen. Ja, manchmal. Manchmal.

Aber das sind die Ausnahmen. Schließlich wird man nicht als Person behandelt sondern als Arbeitssuchender, nicht als Mensch sondern als Material für den Arbeitsmarkt. Solange man sich viel bewirbt, so lange ist das System zufrieden. Wenn man das nicht macht, wird man halt bestraft. Auch, wenn man dann sagen muss: <In diesem Monat habe ich einfach nicht genügend passende Stellenanzeigen gefunden, was soll ich denn tun? Die aus dem Hut zaubern? Und außerdem, haben Sie mir denn Stellenangebote vermittelt in der letzten Zeit?>

Die Verminderung des Selbstbewusstseins

Selbst, wenn man ein braver funktionierender Bürger im System ist – was bleibt einem auch anderes übrig? – und sich permanent bewirbt, die Hoffnung, dass bei vielen Bewerbungen eine an der Wand kleben bleibt ist in der Regel Illusion. Man muss sich vergegenwärtigen, was eine Bewerbung auf eine Stelle per se bedeutet, wenn man sich hinsetzt und sie schreibt und was man investiert: Es ist Zeit, denn man studiert die Ausschreibung und versucht im Anschreiben so gut wie möglich das zu treffen, was die von einem wollen. Abgesehen davon, dass man auch den Lebenslauf noch aufhübscht oder durchseht und den umgestaltet für die Stelle. Es ist Geld – auch der Internetanschluss muss bezahlt werden oder die Briefmarken natürlich. Vor allem steckt man eine Menge von Hoffnung in das ganze Verfahren. Denn – dieses Mal habe ich doch alles richtig gemacht. Diesmal habe ich das Anschreiben in dem Ton verfasst, den die hören wollen. Diesmal habe ich das beste Photo der Welt beigefügt. Diesmal habe ich den Lebenslauf so gestaltet, dass er passt. Die Zeugnisse sind perfekt eingescannt oder kopiert. Dieses – Mal – muss – das – doch – was – werden…
Aber dieses Mal ist es nichts geworden.
Schön, dann investiert man halt Energie und Hoffnung in das nächste Mal. Kann ja vorkommen. Es passt halt nicht immer. Man macht die Bewerbung schick, man denkt: Hey, ich habe die ganzen Voraussetzungen dafür, das sollte doch klappen.
Auch dieses Mal ist es nichts geworden.
Und das nächste Mal auch nicht. Und das übernächste Mal. Das Mal danach. Und so weiter und so fort… Und irgendwann fragt man sich: <Was mache ich falsch?> Und diese Frage wird einem nie beantwortet werden.

Der Hoffnungs-Kreislauf

Jedes Mal begibt man sich in den Hoffnungs-Kreislauf: Diesmal klappt das. Bestimmt. Diesmal habe ich mich so toll präsentiert, das kann gar nicht anders. Alles sagen, man muss aus der Masse hervorstehen und das Schreiben hier, also, das ist sollte doch wenigstens… Die müssen mich doch zum Vorstellungsgespräch einladen. Ich hab doch eine Leistung in der Vergangenheit erbracht, auf die ich stolz sein kann – und die sogar in den Zeugnissen belegbar ist.

Dann schickt man alles froher Hoffnung ab und – wartet erstmal. Manchmal kommt eine Nachricht a la „Wir brauchen eine Zeitlang zum Durchschauen“, manchmal kommt auch nichts. Und dieses Nichts bleibt dann auch bestehen, weil keine Absage kommt. Es kommt keine Rückmeldung. Irgendwas ist schiefgelaufen. Fragt sich: Was? Ich selber kann das nicht nachvollziehen, weil sich ja keiner meldet. Weil keiner bereit ist – man könnte das Unternehmen ja verklagen, ja, Gott, man kann sowas auch anstellen, ohne dass man gleich in die Bredouille als Unternehmen kommen könnte – über die Mängel meiner Bewerbung mit mir zu reden.

Ganz hammerhart sind dann ja die Begründungen teilweise, die kommen, wenn es Absagen gibt. Im Gegenteil: Die sind so floskelhaft windelweich. Man spürt: Allenfalls ist man Dutzendware. Abgespeist mit „Manchmal sind es Details, die für den Unterschied sorgen“. Was soll ich daraus folgern? Dass ein Komma falsch war? Ein Satz verkehrt formuliert? Das Briefpapier war nicht parfümiert genug? Das Briefformat an sich war falsch? Die DIN-Norm für die Gestaltung eines Briefes passte euch jetzt nicht? Was – sind – denn – störende – Details? An dem Punkt angelangt druckt man sich diese Ablehnung aus, knüllt die zusammen und wirft sie mit Verve und Zorn in den Papierkorb…

Die Black-Box-Situation

Als Bewerber hast du eine große Black-Box zwischen dir und dem Stellenausschreiber stehen. Du fütterst deine Daten da rein, du hast keine Ahnung, wie der Entscheidungsprozeß abläuft, du bekommst auch kein richtiges Feedback, was nötig wäre, damit du dich verbessersts – falls jemand mit Coaching und Jobtrainings ankommt, yeah, ich wiederhole mich da nochmal gerne: Die Angebote der Agentur zu dem Thema sind so nützlich wie ein Kühlschrank am Nordpol, weil du eigentlich ständig persönlich jemanden als Begleiter und Berater bräuchtest. Das lässt das System ARGE aber ja nicht zu, weil du ja verwaltet wirst. Sicherlich gibts noch engagierte Mitarbeiter da, aber der Großteil lässt doch Einen nur antanzen, tätschelt Einem den Kopf und sagt dann, man würde sich in einigen Monaten wiedersehen… „Und immer schön bewerben und eine Liste führen!“ Für einen persönlichen Coach ist bei HartzIV sowieso kein Etat vorgesehen – Bildung, was ist denn schon bitte Bildung für ein Wert…

Man selbst tritt auf der Stelle, wesentliche Hilfe bekommt man nicht, man weiß nicht, was man falsch macht und sich einen persönlichen Coach leisten – mit welchen Mitteln bitteschön. Schön immer weiter abwärts mit dem Selbstbewußtsein – was dann dazu führt, dass man sich natürlich falls – falls – es mal gelingt zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, man soll ja an Zeichen und Wunder glauben, es einem auch nicht gelingt sich selbstbewußt zu vermarkten. Wie denn auch. Nachdem man ständig dieses „Dies mal klappts“-Gefühl eingesetzt hat, nachdem man ständig aktiv war – und das am Ende eh nichts wurde – warum sich noch sonderlich bemühen? Was hat das denn noch für einen Sinn, Stellenbörsen zu durchforschen, da kann ich doch meine Zeit besser nutzen. Denn am Ende springt ja nichts raus, wenn ich mich engagiere. Mich will ja keiner. Also: Couch, TV, Knabberkram…

Die Gesellschafts-Mentalität

Dummerweise tappt man damit genau in die Vorurteils-Falle der Gesellschaft – jeder Soziolporno bei den Privaten, jeder Artikel selbsternannter Experten, die versprechen, jeder könne eine Stelle bekommen, man müsse sich nur anstrengen, anstrengen, anstrengen bombardieren das Selbstbewusstsein von Leuten, die längst schon alles versucht haben. Es gäbe doch schließlich genügen Stellen, die unbesetzt bleiben – übersehen wird, dass selbst wenn wir aktuell alle Stellen in der Republik besetzt bekommen würden, immer noch Leute übrig bleiben würden. Zu alt, zu krank, zu lange draußen…

<Wir können alles schaffen, genau wie tollen dressierten Affen. Wir müssen nur wollen>, kommentierte <Wir sind Helden> diese Mentalität, die in der Gesellschaft vorherrscht. Keine Arbeitstelle? Dann sollte man sich einfach mal rasieren, schon läuft das. Kein Erfolg beim Vorstellungsgespräch? Diese fünf goldenen Regeln sollte man beachten, dann klappt das alles schon. Haben Sie eigentlich das notwendige Zertifikat, das belegt, dass sie das können, worin Sie schon seit Jahren arbeiten? Nein? Ja, dann kann das auch nichts werden. Warum bewerben Sie sich dann eigentlich auf solche Stellen? <Weil die ARGE meinte, ich müsste das tun und die ARGE auch nicht festgestellt hat, dass mir für diesen Job noch Dinge fehlen würden, die ich unbedingt für diesen Job brauchen würde, also gabs auch keine Weiterbildungsmaßnahme.> Letztere Antwort sagt man natürlich nicht, man denkt die sich nur.

Sicherlich gibt es auch immer Personen, die das System ausnutzen. Die gibt es aber immer und in jedem System. Dass leider dann diese Ausnahmefälle immer hergenommen werden, um zu zeigen, dass man Recht habe, wenn es um die Vorteile gegen Arbeitslosen geht verstärkt die Apathie und die Gleichgültigkeit in der Gesellschaft. Und solange man selbst sich auf die Schulter klopfen kann, weil man ja nicht so ist wie die Anderen – man setze hier eine beliebige Gruppe ein – ja, solange ist man ja fein raus. Und überhaupt, wer faul ist, der darf halt auch nicht erwarten irgendwas zu bekommen. Ein Hoch auf die protestantische Arbeitsethik, die auch für Katholiken, Muslime, etc. pp. gilt. Sicher braucht der Mensch die Arbeit wie der Vogel das Fliegen, lieber Martin Luther, aber er braucht auch, wie Maslow das herausfand, erstmal eine gesicherte Ebene für die Grundbedürfnisse, bevor er überhaupt weiter streben kann. Das Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten und das Können sind fundamental wichtig, wenn man eine Stelle sucht. Solange diese aber durch das Bombardement der Medien untergraben werden – solange nur die Miss-Gestalten hervorgezogen werden, damit man kathartisch über sie herziehen kann, solange ist die Motivation derer, die wirklich Arbeit wollen halt dort, wo sie ist. Im Keller.

Die Wunschlösung

Am Einfachsten wäre es das Gegenüber als Mensch wahrzunehmen. Als Person, die ihre Stärken und Schwächen hat, die ihre Erfahrungen im Leben gesammelt hat und die momentan halt vielleicht auch zeitweise erstmal andere Dinge in Angriff nehmen muss, bevor das mit dem Ersten Arbeitsmarkt klappt – da es eigentlich keinen Zweiten oder Dritten zu geben scheint, verwende ich diese Formulierung ungerne, der sogenannte Soziale Arbeitsmarkt ist ja immer wieder mal als Forderung im Gespräch. Wobei ich mich wirklich frage, was dieser Soziale Arbeitsmarkt erreichen möchte. Ein-Euro-Jobs haben wir ja schon, die meisten davon funktionieren nicht als Klebestelle für den späteren Arbeitsmarkt. Man hat hier einfach eine billige Methode erfunden, die Arbeitskraft von Leuten zu gebrauchen ohne dass man viel zahlen muss und nach dem Ende der Maßnahme ist man wieder da, wo man vorher war. Bis zum nächsten Ein-Euro-Job dann…

Eine persönliche, permanente Beratung kann allerdings auch nur geschehen, wenn der Berater das Gegenüber kennt. Dafür müsste man also bei der ARGE mehr Stellen schaffen, denn der Durcharbeitungssatz und die Vorgaben sind halt nicht dazu da, dass man ein- oder zweistündige Gespräche mit dem Gegenüber führt. Oder dass man gemeinsam mal auf andere Wege kommt – nicht jeder ist der Typ für eine schriftliche Bewerbung, manchmal sind Jobmessen der bessere Weg oder einfach das konstante Aufbauen von Netzwerken und Empfehlungen. Manche Leuten spielen sich ungern in den Vordergrund, manche Leute sind Rampensäue – aber nach knapp einer Viertelstunde Gespräch kann man das ja nicht immer feststellen. Das sollen dann halt gerade die Massnahmen irgendwie erledigen und die tun das in der Regel schlecht. Und wehe, man sucht sich selber eine passende aus und möchte die finanziert bekommen. Eigeninitiative nur dann, wenns dem System passt? Ist das noch Double-Bind oder schon hinterfotzig?

Das Regelkorsett, welches die ARGE dem Arbeitslosen anpassen möchte, ist <eine Größe passt für Alle> – das Motto der Stadtwache in Ankh-Morpork bei der Verteilung der Uniformen. Das funktioniert solange, wie die Bewerber bei der Wache Menschen sind. Sobald Trolle, Gnome, Zwerge und andere Personen auftauchen, hat man Probleme. Das Korsett <Wer immer strebend sich bewirbt, der wird sich selbst erlösen> passt nicht für alle Menschen. Anstatt sich das aber einzugestehen, werden die gesunkenen Arbeitslosenzahlen der letzten Zeit als Erfolg der Reformen gefeiert – ohne, dass diese kritisch hinterfragt werden, denn etliche Personen fallen aus der Statistik raus. Eine persönliche, abgestimmte Beratung können ja die Jobcoaches der freien Wirtschaft für den Bewerber übernehmen. Ach, die Finanzierung? Ja, da gucken Sie mal, lieber Bewerber.

Solange jedoch das Betreuerkarussel läuft – es kann passieren, dass man innerhalb eines Jahres mit drei verschiedenen Vermittlern zu tun bekommt – kann eine verantwortungsbewußte Vermittlungsarbeit nicht passieren. Solange Menschen in Massnahmen zwischengelagert werden, wird das Problem selbst nicht gelöst – es wird nur ein Symptom bekämpft. Solange an einem ominösen Sozialem Arbeitsmarkt herumgedoktert wird, solange eine Fortbildung im ALG-Eins-Jahr dafür sorgt, dass man noch etwas länger ALG-Eins bekommt – was gut und schön ist, aber letzten Endes das Problem ja nur etwas hinausschiebt, denn selbst wenn man gut qualifiziert ist heißt das nicht automatisch, dass man den Job bekommt für den man sich beworben hat.

Wenn also die gute Fee daherkäme und sagte, sie würde mir einen Wunsch – oder drei, aber heutzutage sind wir ja nicht mehr im Märchenzeitalter und – puff, da ist die Fee auch schon weg, schade. Formuliere ich das mal anders: Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wären das die folgenden Punkte:

  • Es sollte einen festen, permanenten Berater bei Behörden für einen geben. Die Betonung liegt auf der permanenten Beratung.
  • Der Berater sollte genügend Zeit für den Menschen haben. Diesen nicht als Material sehen, das schleunigst von seinem Schreibtisch in den Arbeitsmarkt überführt werden sollte, sondern als jemanden mit Ängsten, Nöten und Schwächen. – Warum gibts eigentlich Psychologen als zusätzliche Kräfte nicht in allen Behörden? Ach so, Geld, ja, klar…
  • Der Berater sollte dem Gegenüber die Freiheit gewähren, auf seine Art und Weise nach Jobs suchen zu dürfen. Ohne, dass gleich eine Sanktionierung erfolgt. Wenn schriftliche Bewerbungen erwiesenermaßen – man hat ja die Zettel und gegebenenfalls Absageschreiben – nicht funktionieren, dann sollte man nach den Gründen schauen. Vielleicht hat der Bewerber auch einfach zu hohe Ziele oder es ist ihm nicht ganz klar, was er sonst noch so kann? Aber das kann man nicht in einer Viertelstunde feststellen, die alle drei, vier, fünf Monate anberaumt wird.
  • Dabei aber gleichzeitig auch immer gemeinsam mit dem Bewerber feststellen, was funktioniert hat und was nicht. Manchmal sind Sanktionen wirklich erforderlich, aber als generelle Keule sind sie das falsche Zeichen.
  • Ehrenamtliche Tätigkeiten sollten nicht abgewertet werden. Gerade solche Dinge könnten auch förderlich für die Jobsuche sein, aber die Behörde interessiert das in der Regel nicht. Schließlich hat jemand, der ehrenamtlich etwas macht, soziale Kontakte und strukturiert seinen Tag. Allerdings wird das per se nicht gewürdigt. Im Gegenteil: <Ja, wenn sie soviel Zeit in das Ehrenamt stecken, dann ist das ja kein Wunder, dass Sie mit den Bewerbungen nicht nachkommen.> Hier ist mal wieder das <Nützlich ist man nur, wenn man im Ersten Arbeitsmarkt ist>-Denken zur Stelle. Na prima.
  • Den Bewerber zur Eigeninitiative ermutigen, aber nur, wenn es im Rahmen des Systems passiert – wie soll das funktionieren? Stattdessen Eigeninitiative ermöglichen und dann im Rahmen des Gesprächs schauen, ob es funktioniert oder warum es keine gibt.
  • Schlussendlich: Da die Medien das Bild vermitteln, Arbeitslose wären faul, dumm und würden sich nicht bemühen, genau dieses Bild aus den Köpfen der Bewerber fegen. Denn je öfter solche Sendungen geschaut werden, desto mehr verfestigt sich die Gedankenpolizei und desto mehr sackt das Selbstbewusstsein runter. Wer sich selbst aufgegeben hat, der verfasst automatisch auch Bewerbungen, die beim Lesen schon ahnen lassen, dass Der- oder Diejenige keine Lust am Job hat. Absage ist da vorprogrammiert.

Blogposting 07/22/2018

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