Mit dem Smartphone in die Oper: Wuppertal, Rigoletto und App

IMG_4931„Dass du aber auch schön dein Smartphone vorher auflädst, die Oper ist lang.“ – Das ist kein Hinweis, den man sonst bekommt wenn man in die Oper geht. Normal ist ja: Man zieht sich einigermaßen schick an, steckt sich etwas Geld in die Tasche für die Brezel in der Pause und das Getränk und vielleicht schaut man sich vorher nochmal kurz die Handlung an, wenn man denn mit der Oper an sich nicht so vertraut ist. Aber mit dem Smartphone in die Oper? Also mit einem angeschalteten, funktionierendem Smartphone? Wie geht das denn?

In Wuppertal. Mit #Shareyouropera und der Opera-Guru-App. Das ist eine App, die für Operneinsteiger genauso konzipiert wurde wie für alle, die neugierig hinter die Kulissen blicken wollen. Und damit der Strom nicht ausgeht kann man vor der Vorstellung auch noch eine hauseigene – gebrandete! – Powerbank gegen Pfand oder gegen 10,- Euro erhalten. Diese Idee gibts ja schon länger bei Marketing-Messen – da gibts auch so etwas wie eine Strombar, das wäre dann noch ein Schritt in Richtung Stromlieferant, irgendwie ist das Konzept aber nicht über Messen hinausgekommen. Vielleicht der nächste Schritt…

Jedenfalls: Für #shareyouropera sind bestimmte Plätze reserviert, damit man den Rest, der ohne Smartphone ungestört die Oper genießen möchte, nun nicht all zu sehr stört. Und da die App dunkel gehalten ist, man das Display dann auch noch runterschrauben kann, ist die Helligkeit tatsächlich kaum ein Problem. Ebenfalls kein Problem ist das Hin- und Herschalten zwischen der Bühnenhandlung – „Rigoletto“ in dem Fall – und dem gelegentlichem Blick aufs Smartphone. Häufige Operngänger sind das ja schon gewöhnt, das mit dem Teilen der Aufmerksamkeit. Schließlich kann nicht jeder Italienisch, Französisch oder in welcher Sprache die Oper sonst noch aufgeführt wird und daher linst man immer ein wenig auf die Obertitel, damit man erfährt warum denn jetzt der Tenor in seine Arie ausbricht und was er da eigentlich singt.

Sinn macht die App auf jeden Fall. Besonders spannend sind natürlich die Blicke hinter die Kulissen – ein Zeitraffervideo vom Kulissenumbau etwa entzückt. Während der großen Arien bekommt man bei „Rigoletto“ keine Informationen, damit man sich voll auf die bekannten Stücke – „Caro nome“ etwa – konzentrieren kann. Und während Obertitel in der Regeln für Sekunden da sind hat die App den Vorteil des Nachblätterns – selbst wenn man jetzt gerade ein wenig den Faden verloren haben sollte, kann man sich schnell auf den neuesten Opernhandlungsstand bringen. Gut, „Rigoletto“ ist von der Handlung her sicherlich dankbarer als „Il Trovatore“. Die Oper mit den zwei Brüdern, der eine heißt gar nicht so wie er richtig heißt und statt seiner verbrennt der Bruder dann irgendwie… Ähm. Aber der Zigeunerchor ist hübsch. Manchmal hatte Verdi auch kein gutes Händchen für sein Libretti, aber Schubert erging es ja da auch nicht viel besser. Bei „Rigoletto“ hat man den Vorteil, dass die Handlung gut nachvollziehbar ist und klar, man wartet natürlich auf „Caro Nome“ und „La Donna Mobile“. Und abgesehen davon: Die Wuppertaler Inszenierung ist grandios.

Verbesserungen an der App sind natürlich immer möglich: So ist die Teilungsfunktion noch nicht wirklich passabel – bei Twitter muss man den Hashtag noch per Hand einfügen etwa und bekommt nur den Link zum Bild, den Twitter dann zwar umwandelt aber ohne Kontext ist das halt nur ein Bild. Ein wenig fehlt auch die Konversation über die App – das ist man gewohnt, wenn man bei Twitter was postet, normalerweise reagieren die Leute darauf. In der App sieht man das leider nicht, schaltet also meistens zwischen Twitter, Facebook und der App hin und her und auch eine „Hallo, ich bin hier“-Funktion wird wohl noch nachgeliefert. (Wobei man ja eigentlich Foursquare mit einer API abgreifen könnte?) Und die Bilder, ja, die Bühnenbilder etwa, die hätte ich gerne noch ein wenig größer machen gewollt, einfach um einige Details mir genauer anzuschauen.

Insgesamt gesehen ist das allerdings ein sehr großer Schritt nach vorne: Ein funktionierendes WLAN im Gebäude, die Option sich eine Powerbank zu leihen und dann die App als solches, die während der Aufführung Informationen liefert und einen weiteren virtuellen Raum eröffnet, also auch eine Vertiefung des Erlebnisses darstellt. Das ist in Wuppertal sehr gut gelöst und sollte Schule machen. Demnächst also: „Smartphone aufladen! Wir gehen in die Oper.“

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Digitales Deutschland im Jahr 2017: Stromzähler mit Taschenlampe ablesen

Die Meldung flatterte mir ja schon vor kurzem über die Schirme der angeschlossenen Social-Media-Kanäle: Mit dem neuen digitalem Stromzähler – der nicht ans Netz angeschlossen ist, also digital ja, aber kein Internet – wird das Ablesen des Stromverbrauchs total einfach. Wenn man die PIN mit der Taschenlampe…

Anstatt sich um den Ausbau von digitalen Leitungen zu kümmern, bekommt der Bürger also einen Stromzähler, der mit einer Taschenlampe angeleuchtet werden muss, damit man dann erfährt, wieviel Strom man verbraucht hat. Nun ja, sind ja eh nur 3% der Leute, die sich dafür interessieren, die können ja natürlich auch etwas Aufwand betreiben… Digitales Deutschland 2017.

Blogposting 09/19/2017

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Blogposting 09/17/2017

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Jesus und Smartphone

Bildschirmfoto 2017-09-07 um 23.06.59

„The photo won a prize from the renowned @art.kunstmagazin . Since he is taking a photo and the camera is not visible, it looks like he is pulling Jesus out of the painting, dragging him into hell. I was in the Gemäldegalerie for only two minutes when i took this shot. Also, I knew he would fit with two Hieronymus Bosch paintings in two different rooms, so I passed the time until I could catch him in front of the other paintings depicting hell as well. Just in case.#instagramtakeover @Stefandraschan #peoplematchingartworks #stefandraschan #StaatlicheMuseenzuBerlin #gemäldegalerie #photography #photooftheday #contemporaryart #gesamtkunstwerk #berlin #museum

Ein Beitrag geteilt von Staatliche Museen zu Berlin (@staatlichemuseenzuberlin) am 6. Sep 2017 um 22:01 Uhr“

Blogposting 09/07/2017

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Blogposting 09/06/2017

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Ist die Webseite bald Geschichte?

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Gerhard Schröder aka Padlive hat bei Anchor eine rege Diskussion ausgelöst, die natürlich von mir angeregt verfolgt wird. Und zu der ich bei Anchor, das ist die App mit der ihr unterwegs podcastern könnt, Inhalte können entweder nach 24 Stunden verschwinden oder für länger festgehalten werden, natürlich auch meinen Senf dazugeben musste. (Momentan gibts keine richtige Suche bei Anchor und Gerhards Wave habe ich auch nur über Google gefunden. Nun ja.)

Etwas abkühlen, bitte!

Zunächst sollte man das Ganze etwas relativieren. Es ist ja nun nicht so, dass neue Medien die alten komplett verdrängen würden – selbst die Schallplatte feiert momentan ein kleines Comeback. Dass heißt jetzt nicht, dass ich den Argumenten Gerhards nicht folgen können würde oder mich denen komplett verschließe – zur Zeit findet sicherlich eine Verlagerung der Informationsgewinnung im Netz statt. Mit ALEXA, GOOGLE HOME erobern die digitalen Sprachassistenten, die man bisher nur auf dem Smartphone – nun, SIRI gibts auch für den Mac und Cortana ist seit Windows10 ja im OS eingebaut – erleben konnte nun allmählich auch den heimischen Bereich. Das Sprechen ist für uns Menschen einfacher als bisweilen das Schreiben und sofern wir uns an die Befehlssyntax für die Maschinen halten – wobei, Apple, ich würde mir allmählich auch mal eine Weiterentwicklung bei SIRI wünschen, vielleicht demnächst mal? – und natürlich ist der Befehl „Hey, SIRI, stelle mir den Wecker auf XXX Uhr“ angenehmer als wenn ich das Smartphone entsperren muss, mich zum Punkt durchhangele und dann auch noch tippen muss. Da der Mensch bequem ist werden sich die Assistenten für das Smarte Home sicherlich auch bald durchsetzen. (Ob die Geräte dann nicht auch wieder Begehrlichkeiten wecken, wenn es um Daten geht, die man ja so schön auch für andere Zwecke nutzen könnte ist die andere Frage.)

Dass in China eine Menge schon über Chatbots und WeChat läuft, dass ist auch bekannt. Ebenso auch, dass Facebook in Deutschland versucht, das salonfähig zu machen – allerdings wird das noch eine Weile dauern. Die ARD hat übrigens schon einen und wenn das kein Zeichen für Mainstream ist… Und sicherlich kann ich das Argument nachvollziehen, dass ich für das Runterladen eines PDFs oder für andere Infos, die nicht allzusehr in die Tiefe gehen, keine Webseite mehr zwingend besuchen muss. Außer, die Firma hat keinen Chatbot eingerichtet. Und ich glaube nicht, dass wir in fünf Jahren es erleben werden, dass wirklich jede Firma einen Chatbot hat. Auch nicht in 10. Es wird vermutlich so wie immer sein: Wer es sich leisten kann, der hat sowas – wer es sich nicht leisten kann, der wird bei der Webseite bleiben. (Und wir wissen ja: Nicht alle CEOs sind total super technikverliebt.)

Was digitalisiert werden kann, wird es auch werden und persönliches Nutzungsverhalten

Ich denke auch, es wird wie bei der Arbeitswelt sein: Alles, was digitalisiert und vereinfacht werden kann wird digitalisiert und vereinfacht werden – ein PDF mit einem Sprachbefehl zu bestellen oder ein Taxi über den Messenger wird sicherlich bald Standard sein. Das heißt im Endeffekt: Eine Menge von Jobs werden sicherlich verschwinden, dafür werden eine Menge von anderen Jobs entstehen. Ich sehe schon den Home-Assistent-Wartungsbeauftragten als selbstständigen Beruf. (Nein, das ist kein Witz.)

Wer bei sich mal nachforscht wie er an Informationen generell bekommt wird auch feststellen, dass es da sicherlich eine Verlagerung gegeben hat. Frühestens mit den ersten Podcasts so ab 2001, spätestens mit Social-Media-Plattformen wie Facebook oder den Spartennetzwerken. Ich glaube, RSS-Reader nutzen noch die Wenigsten von uns und wenn, dann die Informationsjunkies oder diejenigen, die einen bestimmtes Infoangebot für ihre Arbeit benötigen. Aber selbst diese Reader leiteten uns ja als Konsumenten schon weg von der Webseite. Heute bekommen wir Nachrichten über Twitter, Facebook, Instagram, Snapchat – und das überwiegend mobil. Allerdings gibt es auch immer noch Webseiten, die ich von mir aus aufrufe und gebookmarkt habe – teilweise weil es einfach für bestimmte Seiten und Foren keinen RSS-Feed gibt, andererseits weil ich Texte auf Fluter.de oder Nachtkritik.de – also Webseiten, bei denen Texte sich nicht auf das reine Vermitteln von Informationen beschränken – gerne auch intensiver lese anstatt dass ich mir anhöre wie jemand mir was vorliest. Oder mir vorsingt. Oder was auch immer.

Ich bin mir sicher: Wir alle haben noch immer eine Handvoll von Webseiten, auf die wir per Bookmark im Browser gehen und die wir freiwillig auf diese Art und Weise besuchen. Ich glaube auch, dass sich das nicht unbedingt ändern wird – eine Verlagerung des Ganzen findet sicherlich momentan statt und eventuell schwindet die Bedeutung der Webseite – allerdings komplett verschwinden?

Wo fassen wir unsere eigenen Inhalte zusammen?

Nehmen wir aber mal an, dass die Webseite so wie wir sie kennen nicht mehr existent sein wird. Dann bräuchten wir definitiv etwas Anderes, wenn wir unsere Inhalte nicht auf Fremdplattformen – wie dieser hier, hüstel – präsentieren wollen. Das Posterous-Debakel Anfang der 2000er hat ja gezeigt, dass Inhalte auf einmal komplett verschwinden können – und das wird auch nicht das letzte Mal passieren. Wie lange die Lebenszeit von einzelnen Fremdhostern für die eigenen Inhalte ist, darüber kann man nur spekulieren. Vermutlich wird es YouTube noch etliche Jahrzehnte geben, gewiß ist das aber nicht. Bei GooglePlus bin ich mir sicher, dass sich das nicht unbedingt mehr lange halten wird.

Das heißt im Endeffekt: Wir brauchen neue Content-Management-Systeme, die all unsere Videos und Podcasts an einer Stelle zusammenfassen – ich weiß nicht, wie das dann aussehen wird, aber momentan kann ich mir dazu halt nur vorstellen, dass das Format halt tatsächlich immer noch webseidenartig sein wird oder dass man eine Startseite hat, auf der die ganzen Links zu den Anbietern zu finden sind. Gibts ja jetzt schon. Hat sich nicht so durchgesetzt, aber solche Dienste gibt es schon. Was dann aber im Grunde ja auch wieder eine – Webseite – wäre, oder?

Andere Frage: Lässt sich wirklich alles in Audio oder Video umwandeln, was es an Inhalten so gibt? Ich bin mir da nicht so sicher – allein schon, wenn ich im wissenschaftlichen Bereich arbeite und Dinge zitieren muss habe ich ein Problem, wenn es um Audio geht. Ellenlange Fussnoten wie in Texten sind schwierig, dicke Bauchbinden in Videos auch. Aber schön, ich lasse mich dann mal überraschen, ob wirklich jeder Inhalt in Audio- oder Videoformaten umgesetzt werden kann.

SEOs beware! Writers lookout!

Was allerdings dann auch bedacht werden müsste: Das Feld für SEOs und Texter würde sich im Beruf komplett ändern. Und ich glaube, das haben SEOs noch nicht unbedingt immer so im Blick – ich weiß, Karl Kratz, Richie etc. pp., aber die sind ja auch die Elite. Bisher ist SEO ja immer nur reine Textarbeit und dafür braucht man eine Webseite, denn man braucht Links und – und – noch eine ganze Menge mehr an digitalen Zusatzinformationen wie Snippets und so. (Ich bin kein SEO, ich höre nur immer aufmerksam zu, wenn die was erzählen und versuche zu folgen.) Wie also darf man sich den Job eines SEOs vorstellen, wenn es keine Webseiten mehr gibt? Füllen die dann nur noch Datenbanken? Gibts dann andere Mittel und Wege, um zu optimieren? Lesen die dann sowas wie die Untertitel von Youtube-Videos aus, wenn die automatisch erstellt werden? Spannende Fragen.

Ebenfalls: Brechen Webseiten komplett weg, dann sind Texter auch etliche Jobs los. Ganz klar:  Texter füllen momentan Webseiten mit Inhalten. Ob künstlerische oder informationelle – dazu werden Texter gebraucht. Sicherlich brauchen Podcasts – gute vor allem – ein Skript und sicherlich kann ein Teil der Aufgaben dann sich auf diese Gebiete verlagern. Drehbücher helfen bekanntlich auch etwas und jeder Youtuber, der etwas auf sich hält, hat ein Skript vorher geschrieben. Allerdings: Fürs Hören schreiben liegt nicht jedem. (Wenn man das als Texter nicht gelernt hat: Spätestens jetzt damit anfangen!) Nicht jeder Texter will auch für Video oder Audio schreiben. Oder Datenbanken, aus denen dann die Assistenten ihre Informationen herholen. Insofern sollte man sich da schon mal Gedanken drüber machen…

Der Zukunftsnebel

Was die Zukunft genau bringen wird, weiß keiner und der Nebel wird sich auch nicht so schnell lichten lassen. Es steht fest: Das Nutzungsverhalten der Menschen ändert sich – Videos und Audioinhalte werden wichtiger und die mobile Nutzung von diesen Inhalten wird zum Standard. Insofern haben es Texte schwer, was ja auch Zeitungswebseiten zu spüren bekommen. Selbst wenn sie schick mobil aufgehübscht worden sind.
Andererseits: Eigene Inhalte nun konsequent bei Fremd-Anbietern lagern und damit die Macht und die Hoheit darüber aus der Hand geben – und zwar komplett – das kann auch nicht die Lösung sein. Für das Versammeln von Inhalten brauchen wir sicherlich neue Content-Management-Systeme – und wir werden sicherlich auch noch Stellen im Web brauchen, an denen auf diese Inhalte zugegriffen werden kann. Dass die Webseite sich verändern wird – unbestritten. Ob sie ganz verschwinden wird? Unwahrscheinlich.

Body Positivity: Jeder ist schön

Kellog-Werbung
Quelle: Clinical Medicine, S. 96, 1894 – Internet Archive Book Image. Public Domain.

Vermutlich hört man ihnen einfach nicht richtig zu. Vor allem natürlich dann, wenn die Vertreter der „Body Positivity Bewegung“ in Richtung von Plus-Size-Mode tendieren – na ja, vor allem dann. Denn selbstverständlich darf man in unserer Gesellschaft ein bestimmtes Maß nicht überschreiten ohne gleich mit dem „Ungesund“-Label etikettiert zu werden. Das gilt für jede extreme Richtung übrigens: Ob man nun zu dünn ist oder zu dick ist eigentlich egal. Unsere Gesellschaft hat im Laufe der Zeit sich ein Bild davon gemacht, wie ein perfekter idealer Körper auszusehen hat. Medien und Dienste wie Instagram verstärken dabei Illusionen, die mit Grafikprogrammen hergestellt werden und die selbst vor der Verschönerung von Politikern auf Wahlplakaten nicht halt machen. Gerade vor Wahlen fällt das dann doch auf, wenn die Politiker auf einmal so wirken als hätte ein Arzt ihnen eine gewaltige Botox-Spritze verordnet. Das Ideal der Schönheit ist heutzutage klar: Du musst einen gesunden, schlanken, durchtrainierten Köper haben. Und wehe, du hast denn nicht! Denn wie kann man nur…

„Knapp die Hälfte der Mädchen fühlen sich zu dick, obwohl sie normalgewichtig seien. „Bei den Jungen sind es nur 22 Prozent“, heißt es in der Antwort. Essstörungen zählten zu den „am meisten unterschätzten Krankheiten“.“ Meldete 2012 die Kölnische Rundschau. Und weiter heißt es: „Erschreckend ist die Anzahl der Jugendlichen, die bereits eine Diät gemacht haben: 24 Prozent der 12- bis 17-jährigen Mädchen und zehn Prozent der Jungen haben schon Erfahrungen mit Diäten gemacht.“ Was der Artikel nicht verrät: Ob die Diät-Haltenden von Ärzten oder anderen gesundheitlichen Beratern dazu geraten wurde oder ob es eher freiwillige Diäten sind, weil man den Eindruck hat, man sei halt zu fett. Wer meint, dass die Zahlen aus dem Jahr 2012 nun veraltet seien, der hat sicherlich Recht. Aber zumindest für 2016 sieht das nicht unbedingt besser aus, wenn man die Meldung aus dem Deutschen Ärzteblatt sich anschaut. Und Anfang des Jahres titelte die „Berliner Zeitung“: „Anorexie, Magersucht und Bulimie – Zahl der Berliner mit Essstörungen steigt stark an“.

Während diese Meldungen Politiker nun nicht gerade auf die Barrikaden schicken oder Ernährungsprogramme gegen das Untergewicht auf den Plan rufen – böser Sarkasmus oder nur allgemeine Wahrnehmung? – wenn es um das Thema Übergewicht geht, dann rotieren Alle. Fast jeder Dritte ist übergewichtig, verkündete dieses Jahr die ZEIT.  Übergewichtige kriegen eventuell keinen mehr hoch – ein Thema, dass die BILD für sich gerade vor einigen Stunden entdeckte. (Ich verlinke die nicht, aus Gründen.) In Thüringen sind in diesem Schuljahr die Schulanfänger dicker als sonst.  Das Wort „Epidemie“ wird gerne im Zusammenhang gebraucht, was allerdings ebenso gut zu Bulimie-, Binge- oder anderen Ess-Störungen passen würde. Offensichtlicher zu sehen im Alltag ist halt das formatsprengende Übergewicht; Bilder von abgemagerten Kindern sieht man ja eher nur dann, wenn wieder eine Hungersnot in Afrika ist. Das mag Sarkasmus an unpassender Stelle sein.

Unsere Gesellschaft hat ein genormtes Bild davon, wie ein Körper sein soll und diese Bilder werden durch die Medien in die Köpfe geschoben. Dass Teenager besonders anfällig für diese Modellbilder sind, sollte nicht wundern. Wer gerade versucht seine eigene Identität zu finden, orientiert sich öfters an dem, was er in der Gesellschaft vorfindet. Werbeplakate zeigen lasziv sich rekelnde Strandschönheiten, deren Bräune nachträglich mit Photoshop aufgetragen wurde. Klatschblätter berichten über die Zu- oder Abnahme von Prominenten – natürlich direkt mit Bildern, weil ohne Bilder verkauft sich sowas ja nicht. Man ergötzt sich an dem Leid derer, die in Boulevardshows abnehmen – und man ist ja froh, dass man nicht so ist wie diese Loser dort und fühlt sich natürlich auch gleich dazu berechtigt vernichtende Kommentare in Foren zu schreiben, so bald das Thema Körper, Gewicht und die Norm verhandelt wird. „Herr, Gott, ich danke Dir, dass ich nicht so bin wie die da“, murmelt der moderne Pharisäer vor sich hin.

Doch die Norm wird nicht hinterfragt. Denn sonst wäre sie ja keine Norm. Eine Norm muss ja verbindlich für alle sein. Die Frage, warum man eigentlich keine genormten Schuhgrößen einführt oder dafür plädiert, dass Kurzfüßler eine bessere Lebenserwartung haben als Langfüßler ist natürlich überaus zugespitzt und sarkastisch. Die Frage, warum wir alle unbedingt ein Norm-Gewicht erfüllen müssen ist das nicht? Und wer sich diese Frage stellt und skeptisch wird, dafür plädiert, dass Selbstliebe nun mal vor der Nächstenliebe kommt und man den eigenen Körper erstmal akzeptieren sollte wie er ist; der wird natürlich liebend gern vom modernen Pharisäer niedergemacht, denn dies sei ja eine Ausflucht. „Body Positivity“ ist deswegen einfach falsch! Sagen die Kritiker. Es ist eine Ausrede, damit man nichts mehr für sich tun muss! sagen die Kritiker. Man darf sich nicht alles hineinstopfen! sagen die Kritiker. Soll man denn jetzt die Magersüchtigen sich zu Tode hungern lassen? fragen die Kritiker. Und übersehen das Fundamentale der Bewegung.

Vermutlich hängt das Missverständnis damit zusammen, dass die Vertreter der Bewegung in der letzten Zeit halt eher den Plus-Size-Modellen angehören und weniger Befürworter des Ganzen in Richtung Minus-Size-Modell tendieren. Dass damit die kurvigeren Vertreterinnen – schließlich ist die Bewegung eher im Feminismus verankert und es gibt kaum männliche Vertreter – automatisch den ganzen Vorurteilen und Vorverurteilungen ausgesetzt sind ohne dass geschaut wird, was der eigentliche Kern des Ganzen ist. Das ist leider ein eingebauter Bug in dieser Gesellschaft. „Body Positivity“ ist erstmal ein bewußter Hinweis auf Diskriminierung von vermeintlich unperfekten Körpern in der Gesellschaft. Mit Gewicht hat das nur am Rande zu tun, es geht um Körper, die zu blass, zu dunkel, zu klein, zu groß sind. Es geht um Gesichter mit zu vielen Sommersprossen, zu vielen Muttermalen, zu vielen Falten. Es geht darum nicht nur Selbstpflege zu betreiben sondern auch erstmal zu einer Selbstliebe zu finden.

Aus einem Bernhardiner wird nie ein Windhund werden. Umgekehrt auch nicht, so viel man auch einem Windhund zu essen geben wird, er wird zwar zunehmen, aber seine Statur bleibt die eines Windhundes. Und wir Menschen kommen genauso verschieden auf die Welt. Der Eine wird im Laufe seines Lebens nie richtig zunehmen – hat dafür aber andere gesundheitliche Probleme oder raucht oder trinkt oder hat zu hohen Blutdruck, aber das sieht man ihm ja nicht an. Augenfälliger ist das Übergewicht, was als ungesund eingestuft wird und es gibt Körper, die nie komplett dünn sein werden, auch wenn sie sich redlich bemühen. Und das heißt nicht, sich nicht um seinen Körper zu kümmern. Im Gegenteil. Aber vielleicht ist die Selbstliebe, die nicht mit ungesundem Egoismus verwechselt werden darf, gerade entgegensetzt dessen, was wir als Konvention verabreicht bekommen haben. Körper kommen in allen Größen und allen Formen. Die Bandbreite der Schöpfung ist eine wunderbare Angelegenheit. Und das wird von unserer Gesellschaft zu wenig bedacht.

Es gilt erstmal einen Status-Quo zu setzen. Zu sehen, wohin der eigene Körper tendiert. Sicherlich kann ein Bernhardiner abnehmen, aber sein Körper wird nicht die Struktur eines Windhundes dabei annehmen sondern er wird im Rahmen seiner Genetik Pfunde verlieren. Ein Windhund wird im Rahmen dessen, was der eigene Körper gestattet zu- oder abnehmen. Er wird auch nicht unbedingt größer nachdem er erwachen geworden ist, sondern er wird genau so groß, wie das Jahrzehnte der Züchtung vorgesehen haben. Dass dies bei Menschen anders sein soll ist eines der großen Fragezeichen, die eben nicht generell hinterfragt werden. Jeder Körper ist anders. Jeder Körper nimmt zu, nimmt ab, jeder Körper ist mal größer, mal kleiner, die Schuhgröße ist bei dem Einen 43, bei dem Anderen halt eher 38. Sich so zu akzeptieren, wie man ist – das ist der Startpunkt. „Du bist du, das ist der Clou“ heißt es in einem Lied und nachdem man sich selbst so angenommen hat wie man ist – dann erst kann man hinterfragen, ob man nicht eventuell doch ein wenig an sich tun möchte. Nicht, um Anderen zu gefallen. Nicht, weil die Gesellschaft ständig einen in etwas hineinpreßt, was man nicht sein möchte. Sondern einfach, weil man sich vielleicht besser fühlt oder weil man etwas mehr Muskeln haben möchte. Und auch nicht deswegen, weil Ernährungsfundamentalisten meinen, ihre Art und Weise zu Essen sei der Heilige Gral und die Lösung für alle Weltprobleme. Sich die Beine brechen zu lassen, damit man einige Zentimeter wächst und um Modell-Maße zu erfüllen ist genauso hinterfragbar wie die tägliche Botox-Spritze, damit man jung und schön aussieht.

Wir leben in einer Gesellschaft, „in der es relativ schwierig ist mit sich selbst glücklich zu sein“, so Youtuberin LunarJess und sie hat nicht unrecht, da wir uns daran gewöhnt haben Glück immer in Bezug und in Abhängigkeit auf etwas Anderes zu definieren. Wir sind glücklich, weil wir halt normal aussehen. Wir sind glücklich, weil wir halt Leistung vorzeigen können und damit der spätere Lebensweg nach dem Abi geradewegs in die Ärzte-Karriere zu laufen scheint. Dass wir mit uns selbst glücklich sind – das ist kein Ziel in unserer Gesellschaft. Schließlich hat die Wirtschaft nichts davon, wenn wir selbst glücklich sind. Gegebenenfalls sitzen wir dann nämlich auf dem Balkon in der Sonne und verweigern dem Bruttosozialprodukt einige erkleckliche Sümmchen. „Body Positivitys“ Forderung der Selbstliebe ist neben der Aufforderung mit der Diskriminerung von Körperformen aufzuhören ein Weg zu etwas, was man als Selbstpflege bezeichnen kann. Vielleicht nicht in dem Maße, in dem Dorothea E. Orems Definition prägend für den Gesundheitsbereich ist – allerdings ist diese auch bedenkenswert: „Der zentrale Gedanke von Orem lautet, dass die Menschen ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden dadurch verbessern können, indem sie für sich selbst Sorge tragen, eben ihr “Selbst pflegen“.“ Mein Selbst pflegen kann ich aber nur, wenn ich mein Selbst liebe und ich kann mich nur dann Selbst Lieben, wenn ich mich so akzeptiere, wie ich bin. Dass eine Diskriminierung nicht unbedingt dazu beiträgt sollte klar sein.

Sicherlich sind die Grundsätze der „Body Positivity“-Bewegung provozierend. Es kommt hier, wie bei allen Bewegungen, auch darauf an, wie man diese Grundsätze nun wahrnimmt. Treffend formuliert es das Blog Marshmallow-Mädchen:
„Body Positivity ist keine Maskerade. Als tiefgehendes, inneres Konzept dient es nicht dazu, seine eigenen „Makel“, seine Scham hinter einer Fassade aus Fröhlichkeit und vorgespieltem Selbstbewusstsein zu verstecken. (…) Body Positivity bedeutet, den Körper, den man in diesem Moment hat, zu akzeptieren – nicht bedingungslos zu lieben, sondern anzuerkennen. (…) Entgegen der Annahme, Body Positivity würde einen ungesunden Lebensstil vorantreiben, ist genau das Gegenteil der Fall: Den Körper, mit dem einen ein positives Gefühl verbindet, möchte man hegen und pflegen, zum Beispiel durch nahrhafte Lebensmittel und angenehme Bewegung.“

Was allerdings eine „angenehme Bewegung“ ist, das muss jeder für sich selbst definieren, die Gelassenheit aber genau das zu akzeptieren – dass jeder Körper anders ist, andere Bedürfnisse hat und andere Dinge braucht – genau diese Gelassenheit muss unsere Gesellschaft noch lernen. Wie immer gilt: Wenn keiner vorangeht und einen Pfad bahnt, dann wird man vergebens auf eine Straße warten.