Kreative: Eure Zielgruppe ist breiter als XXL!


Ich ärgere mich schon wieder mal schwarz. Da hat ein*e Kreative*r endlich einen Shop für seine Merchandisingprodukte – die Pullover sehen toll aus, die T-Shirts auch und klar: Ich bin so beeinflussbar, dass ich das haben wollen würde. Allerdings weiß ich auch, dass ich damit Leute unterstütze. Also mal sehen … ARGH! Spiel zu Ende! Der Shop bietet nur Sachen bis XXL an. Die Höchstgrenze überhaupt bei sowas: 3XXL.

Der Shop oder die Firma können nicht jenseits von 3XXL produzieren? – Lasse ich nicht gelten. Wer sich bemüht, der findet auch Hersteller*innen die durchaus einige Größen größer produzieren. Es gibt erstens genügend Anbieter dafür, zweitens schafft es EMP bis 8XXL. Natürlich sind die eine große, große Firma und so, aber … es ist ein praktischer Beweis dafür, dass es durchaus machbar ist. Also. Lagerkosten entstehen ja vermute ich eh nicht, weil ja erst hergestellt und gedruckt wird, wenn eine Bestellung vorliegt.

Dass ihr nicht daran gedacht habt, das ist übrigens auch keine Entschuldigung.

Übrigens: Das gilt auch für euch, liebe Barcamp-Organisatoren*innen. Es wäre einfach bei der Anmeldung abzufragen, in welcher Größe ein T-Shirt gewünscht wird und das dann bereit zu halten. Dass das nicht immer aufgrund der Finanzlage machbar ist, okay, kann man ja sagen. Oder halt per se für alle keine Shirts anbieten. Muss ja auch nicht unbedingt sein, aber wenn, dann bitte auch daran denken, dass eine Menge von Besucher*innen nicht die Maße von Supermodels haben.

Ich habe übrigens genügend Tassen im Schrank.

Aufbruch, ach, Aufbruch …

Dass die Touren der Hoffnung in erster Linie da sind, um Themen der Kirche auch im Sommerloch aktuell zu halten, ist erstmal eine positive Sache. Kirchliche Projekte werden vorgestellt, das Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland erkundet und wenn man das Ganze aus der Sicht der PR betrachtet, dann ist das keine schlechte Sache. Aber es ist und bleibt halt PR. Nicht anders verhalten sich Politiker*innen vor den Wahlen, wenn sie zeigen wollen, dass sie ja wirklich doch auch irgendwie Kontakt mit den Bürger*innen vor Ort haben und in einem Heidentempo viele Projekte besuchen. Ob eine Breitenwirkung erzielt wird, ist dann immer so die Frage.

Es ist bezeichnend, dass als Fazit am Ende dieser Tour unter anderem nicht das steht, was in einem Video als „selbstverständliche Kirche für alle“ bezeichnet wird. Die Frage, ob das so stimmt, wird auch gar nicht mehr gestellt, denn selbstverständlich möchte die Kirche für alle offen sein. Daran beiße ich mir aber die Zähne aus, weil Kirche nicht „selbstverständlich für alle“ da ist. Das hätte zum Beispiel durchaus auch ein Fazit aus der Tour der Hoffnung sein können: Strukturelle Diskriminierung ist auch in der Kirche noch vorhanden – wir müssen also, wenn wir aufbrechen in die Zukunft uns stärker mit diesen Themen befassen. Dazu gehört nicht nur Rassismus, dazu gehört auch Inklusion. Wir müssen hinschauen und aufpassen und wollen versuchen eine Kirche zu gestalten, in der alle willkommen sind.

Raus ja, aber relevant!

Aufbrechen heißt: Neue Dinge wagen. Momentan wird das in der EKIR allerdings eher so verstanden, dass man unbedingt neue Gemeindeformen, neue „Abholformate“, neue Standorte braucht. Übrigens recht oft analoge, digitale Orte sind bei den Erprobungsräumen bisher in der Minderzahl. Mehr zu den Menschen also. Kirche muss da sein, wo sie sind. Wenn Armut und gesellschaftliche Teilhabe – eigentlich ein Ur-Thema der Kirche, Diakonie – nun wichtig wird, reicht es allerdings nicht nur zu sagen: „Wir haben eine Menge von wunderbaren Projekten, in denen Armen geholfen wird“. Das ist gut und schön. Wobei: Wenn der Staat wissentlichen Auges ein System wie die Tafeln unterstützt, obwohl seine Aufgabe es eigentlich wäre genau das zu tun, was die Tafeln tun oder dafür zu sorgen, dass Menschen ausreichend zu Rande kommen mit dem, was der Staat an Hilfe gibt … Dann kann ich als Christ mich fragen: Diakonie ist gut und schön, aber wo nehmen wir jetzt die Sorgen und Nöte der Menschen wirklich als Kirche ernst? Wenn wir christliche Arbeiter*innen in unseren Reihen machen, wo sind deren Aktionen zur Frage der HartzIV-Sätze? Wo ist die Positionierung der Kirche und wenn es sie gibt, warum ist sie nicht sichtbar und hörbar? Man kann einerseits viele tolle Projekte machen, wenn sie aber nicht getragen werden von einer grollenden Grundhaltung, die Unrecht nicht duldet … dann läuft etwas schief. Man muss sich nicht direkt mit der Hand an irgendwelche Dinge kleben – aber wenn man aufbricht, sollte man auch relevante Dinge mitnehmen. Sonst wird das kein Aufbruch sondern ein Ausflug. Und das ist es auch, was Menschen rasch merken – ist es dann ein Wunder, dass sie nicht mehr von uns erwarten?

Der beschworene Aufbruch

Ich kann es nicht mehr hören. Das liegt daran, dass seit Jahr und Tag von nichts Anderem mehr gesprochen wird als davon, wie Kirche wohin aufbricht. Mir tun die Bäume leid, die für jedes neue Thesenpapier zum Thema sterben müssen. Mir tut jedes Meeting leid, in dem die Konjunktivitis Urstände feiert, denn man müsste, man sollte, man könnte … aber da muss ja erst irgendjemand mal das Ganze in Augenschein genommen haben, das muss offiziell vom Leitungsorgan abgesegnet sein. Leute, die einfach neue Dinge machen ohne dass die den Dienstweg betreten wollen – das geht ja nun wirklich nicht. Aber wir wollen ja aufbrechen! Prima! Lasst uns das mit den Fähnchen machen. (Ich hab das entsprechende Video mal eingebaut, ich glaube, das kennen Etliche nicht mehr, bitte. Es hat auch so eine gewisse Relevanz …)

Worüber man sich noch im köstlich amüsieren könnte: Wenn man statt Sparkasse Kirche einsetzt – dann vergeht einem das Amüsement. Uns laufen ebenfalls die Kunden*innen davon. Leute treten aus der Kirche aus, weil sie entweder Kirche nicht mehr für relevant halten, weil sie angeekelt von den Missbrauch-Skandalen sind oder weil sie einfach Steuern sparen wollen. Es gibt ja noch mehr Gründe als diese. Es wären also innovative Lösungen gefragt. Nur: Es gibt genügend Vorschläge. Das 2030er-Papier der EKIR listet eine enorme Fülle von Dingen auf, die man tun könnte. Abgesehen mal davon, dass man sowas wie die FreshX-Bewegung hat – man wirft das Stichwort Agiles Arbeiten in den Raum – Kooperationen sind ganz wichtig. Kirche soll eine kooperative Geschichte werden, ein Netzwerk bilden, Rhizom sein und werden.

Ich kann mir nicht alle Videos der Tour der Hoffnung anschauen, um festzustellen wo es total super Projekte gibt und was man von den Projekten für die eigene Gemeinde mitnehmen könnte. Dazu sind die Videos nicht gedacht. Weil: PR. Ich kann mir natürlich irgendeine Liste schnappen und dann abgleichen, was irgendwie machbar wäre – ob das dann aber auch Sinn hat oder macht – nächste Frage. Nur: Wenn ich schon wieder ein neues Positionspapier losschicke … bevor das alte überhaupt mal durchgearbeitet und verankert ist … kann man machen. Aber: Wenn ich ein Thema voranbringen möchte, muss ich auch als beratende Stelle permanent zur Verfügung stehen. Ich brauche Multiplikatoren, die ich begeistern kann, ich muss einfach signalisieren: Mir ist das Thema superwichtig, deswegen bin ich an euerer Seite, wir machen Open World Café, Zukunftswerkstatt – na ja – Design Thinking mit euch, schicken euch die Experten*innen in den Gemeinden. Bringen euch in Kontakt mit den Gemeinden, die neue Dinge planen und tun und überlegen gemeinsam, wie man bestehende Konzepte übertragen kann. Wir kommen gemeinsam ins Tun. Und wir reden nicht nur schon wieder darüber, wir drehen uns nicht schon wieder im Kreis, wir machen nicht schon wieder irgendwas ohne zu wissen was genau. Zudem: Wenn wir aufbrechen, lassen wir auch Anderes hinter uns. Wir müssen uns also auch von Dingen trennen, sonst wird das allenfalls eine Klassenfahrt statt eines Aufbruches in das unbekannte Land. Ängste und Besorgnisse zu nehmen gehört ebenfalls dazu.

Ich wollte schon immer Teil eines kooperierenden Netzwerkes sein

Das Fazit am Ende der Tour lautet also Konziliarer Prozeß, Diakonie und Zukunft. Themen, die nicht neu sind, die in der letzten Zeit aber an Gewichtung gewonnen haben. Es ist nicht so, dass Kirche zu diesen Themen nichts gesagt hätte – es wird aber nur selten noch gehört. Wenn die EKIR eine kooperierende, netzwerkartige Kirche als Vorstellung für die Zukunft hat, eine Kirche, die nicht unbedingt an einen lokalen Ort gebunden sein muss, wird es Zeit, dass sie nicht nur innerhalb der kirchlichen Gemeinden mit der Kooperation anfängt. Kirche muss also schauen, wie sie ihre Themen „an die Person bringt“. Ohne „missionieren zu wollen“. Sie muss als kompetenter Gesprächspartner wie auch als Sparringspartner zur Verfügung stehen. Große Forderungen? Nun, das sind eigentlich Punkte, die im 2030er-Positionspapier zu finden sind und die Kirche sich selbst als Verpflichtung für Zukunft auferlegt hat.

Ich erinnere nur ständig daran. Denn kirchliches Handeln muss sich an den eigenen Zielen messen lassen. Kirche vor Ort muss den Kontakt mit Gruppen suchen, muss sich als Partner*in etablieren, muss – und das braucht halt auch seine Zeit – veständlich machen, dass wir niemanden zum Eintritt in unsere Kirche bewegt möchten. Sondern dass wir zusammen mit etlichen Umweltorganisationen die Schöpfung bewahren möchten und dafür unsere Kirche als Raum für Diskussionen zur Verfügung stellen. Sondern dass wir gemeinsam mit Gewerkschaften darum kämpfen, dass Armut verringert wird. Sondern dass wir eine Zukunftsperspektive anbieten, die durchaus von Jesus von Nazareth geprägt wird und ist – aber wir können allenfalls nur einladen, gemeinsam mit uns diese Perspektive zu erleben.

Die unvollkommene abhängige Welt und die Pose von Wellenreitern

Photo by Artem Podrez on Pexels.com

Vermutlich wäre das Thema bei Patrick Breitenbach besser aufgehoben. Der kann das einfach besser mit Gesellschaften, Schichten und Systemen. Ich versuche das mal in Worte zu fassen, weil das nicht so einfach ist.

Wenn ich das Paradies auf Erden errichten möchte, muss ich ja dafür sorgen, dass alle Menschen gleich handeln. Oder zumindest im Einklang handeln. Sonst haben wir den Turmbau zu Babel. Wenn ich also möchte, dass Menschen – sagen wir mal – weniger Fleisch essen, weil es besser fürs Klima wäre, weil man gesünder wäre, weil … kurzum, weil es den Planeten retten würde. Gut und schön. Womit ich selbst in der Heldenrolle bin, weil ich den Planeten rette und andere Menschen nicht und das führt bei Menschen öfters zu einem nicht so nettem Verhalten Anderen gegenüber. Was dann wieder ein Problem wird, weil ich ja eigentlich die Menschen komplett „zum fleischlosem Heil“ führen möchte.

Jede Paradiesvorstellung hat aber eines gemein: Entweder gab es das mal irgendwann in mythischer Zeit als das Wünschen noch geholfen hat oder das Paradies kommt erst noch – bevorzugt nach der Apokalypse. Aber natürlich kann ich mit kleinen Schritten und Dingen ja schon mal darauf hinarbeiten – für meine eigene Seligkeit sowieso schon toll, wenn ich auf Mandelmilch umsteige, Leder vermeide, den Bienen nicht den Honig raube. Nur: Nur weil ich das Gute will und die kleinen Dinge schon jetzt praktiziere, heißt das nicht, dass am Ende auf der Welt auch das Gute rauskommt.

Wir leben halt in einer unvollkommenen Welt, in der Abhängigkeiten bestehen. Jetzt kann ich für mich wohl auswählen, wo ich vermute, dass weniger Leid auf der Welt verursacht wird – die Interessante Frage wäre dann wohl auch, was für Leid möchte ich in erster Linie mindern? Ich kann aber nicht voraussehen, ob das Gute, das ich hier vor Ort tue nicht doch irgendwo in der Welt Leid verursacht.

Natürlich kann ich Dinge reduzieren, wenn ich darum weiß. Das wäre dann halt der Blick zurück ins vergangene Paradies: Ich kaufe nur Gemüse und Obst ein, wenn es vom Feld geerntet wird. Ich verzichte auf Fleisch in der Woche. Ich lebe also vermeintlich so wie meine Ur-Ur-Ur-Großmutter damals das gemacht hat. Aber auch damals gab es Abhängigkeiten und so schön war das Leben damals nun auch wieder nicht. Außer, man war adelig und hatte irgendwo einen Landsitz, dann hatte man Personal.

Letzten Endes ist also die Pose des „Weltenretters“ dann doch nur eine Pose, oder? Weil dieser ja auch nicht weiß, ob das Gute, das er hier tut nicht doch irgendwo auf der Welt was Schlechtes auslöst. Vielleicht ist es auch das, was mich so an diesen Schwärmern – und sie sind es, sie schwärmen vom Paradies – immer so irritiert. Ich schlage mich lieber an die Brust als Pharisäer zu sein, ich weiß, ich kann eine Menge von Dingen tun, die sicherlich gut und schön sind – aber letzten Endes habe ich nicht die Übersicht über die Auswirkungen.

Einfach mehr Wissen reicht nicht, liebe Adipositas-Gesellschaft

Ich bin sauer. Zutiefst. Auf den Journalismus an sich, weil der mal wieder unreflektiert berichtet und selbst in der ausführlichen Analyse eines Themas zu oberflächlich bleibt. Ich bin auch sauer über die Einstellung der Deutschen Adipositas Gesellschaft.

Worum geht es? Falls Sie es nicht mitbekommen haben sollten, liebe Lesenden: Es geht um eine Umfrage, die die Deutsche Adipositasgesellschaft mit dem Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin (EKFZ) herausgegeben hat. Eine telefonische Umfrage – wir wissen alle, wir sagen immer nur die Wahrheit am Telefon – die eine erschreckende Pandemie zu Tage befördert: Die Adipositas-Pandemie! Dass die WHO diesen Begriff verwendet macht ihn nicht unbedingt richtiger, denn was eine Pandemie ist, das wissen wir eigentlich nach zwei Jahren besser …

Jedenfalls: Wegen Corona sind die Kinder zu dick geworden, essen mehr Süßes, bewegen sich weniger. Hat man so herausgefunden. Warum gerade die Zehn- bis Zwölfjährigen betroffen sind? Keine Ahnung. Weiß man nicht. Warum generell Kinder dicker geworden sind – ebenso wie Erwachsene? Muss man das echt erklären? Vor allem: Muss man echt darüber verwundert sein und sagen, dass sei so mit das Krasseste, was man bisher kennen würde? Als ob wir vor zwei Jahren gewußt hätten, was Corona wäre und wie sich er Virus verbreitet und Lockdowns und so …

Klingt einfach – ist es nicht

Ja, ja, wir wissen ja: Mehrgewicht kann – KANN, Konjunktiv, weil die ganzen Studien Korrelationen aufzeigen und weniger wirkliche Beziehungen, was der ZEIT-Artikel auch mal erwähnen könnte, stattdessen übernimmt er unkritisch – zu Krankheiten führen. Dass das bei Diabetes auch schon wieder komplizierter ist, weil man sich mittlerweile einig ist: Vererbung spielt eine große Rolle, nun ja.

Sauer werde ich, weil der Artikel folgendes statuiert: „Die maßgeblichen Gründe für die teils drastischen Gewichtszunahmen sind eindeutig – und sie waren auch schon vor der Corona-Krise die Ursache für Übergewicht bei Kindern: mangelhafte Bewegung und ungesunde Ernährung.“ Dabei ist längst klar – und merkwürdigerweise wird das auch angesprochen, wenn später von einen „Marshallplan“ für das Ganze die Rede ist – dass dem nicht allein so ist. Dazu genügt ein Blick auf die „Obesity Map“ des NHS aus dem Jahr 2007.

Wer sich die Doppelseite anschaut, der wird erstmal erschlagen, denn nicht nur, dass der NHS fünf Felder definiert hat, die für Mehrgewicht verantwortlich sein können, es gibt auch noch etliche Unterbereiche. Und all diese Dinge beeinflussen sich auch noch gegenseitig. Greifen wir hier „Physical Activities“ raus – denn das ist ja eine DER Komponenten im Artikel – dann hängt das erstmal auch von der Grundfitness ab. Je fitter ich generell bin, desto leichter fällt mir die Bewegung. Logisch. Aber „Motorized Transport“ beeinflusst die Bewegung. Also ob ich jetzt ein Auto habe oder nicht, den Bus benutze oder nicht macht auch schon Etwas aus. Denn wenn ich kein Auto habe, aber ein Fahrrad und mich täglich zur Arbeit bewege ändert das schon die Situation an sich. Die Grundfittnes wird wiederum beeinflusst von der Thermogenese meine Körpers – die kann ich nicht willentlich beeinflussen, die passt sich meinen Gegebenheiten an. Was die Biggest Loser Studie 2016 übrigens eindrucksvoll bestätigt hat. Wer ein wenig weiter schweift stößt auf „Walkability“ der Umgebung. Wie fussgängerfreundlich ist die Umgebung? Wenn Autos ständig die besser ausgebaute Infrastruktur haben, warum sollte ich Dinge zu Fuß erledigen wollen? Manchmal kann ich das gar nicht. „Team based activities“ – habe ich die Möglichkeit mit einem Turnverein oder ähnlichem anzuschließen? Vielleicht gibt es kein Angebot dafür in meiner Nähe. Wiederum machen solche Tätigkeiten keinen Spaß, wenn nicht die optimale Umgebung dafür geschaffen wird. Eine Laufgruppe joggt gerne durch den Wald, am Rand der Autobahn eher nicht.

Die Arroganz der Altväterlichen

Jetzt ist es nicht so, als ob diese Erkenntnisse neu wären. Die „Obesity Map“ des National Health Services entstammt dem Jahr 2009. Zudem ist sie eingebettet in eine ganze Broschüre zum Thema Mehrgewicht und wie man es verhindern könnte. Klar ist also: Es gibt eine Menge von Dingen, die eine Rolle spielen. Dinge, die der Mensch an sich mal beeinflussen, mal weniger beeinflussen kann. Die Wissenschaft beschäftigt sich im Bereich der „Fat Studies“ auch in Deutschland schon länger mit den Hintergründen und auch mit der Diskriminierung. Das sollte die Adipositasgesellschaft wissen. Denn da sitzen ja die angeblichen Experten*innen für das Thema.

Stattdessen wird – weil ja zu wenig Bewegung und zu ungesunde Ernährung das Problem sind – angenommen, man müsse die Menschen nur genügend schulen, ihnen flankierende Maßnahmen – Zuckersteuer! Besseres Schulessen! Werbeverbot für Süssigkeiten! – zur Verfügung stellen und das Problem würde sich, wenn nicht von alleine auflösen, zumindest irgendwie verbessern. Simsalabim! Menschen sind also eigentlich nur zu unaufgeklärt – sprich: Zu doof und zu blöd – um die Regeln für eine gesunde Ernährung anzuwenden. Ich möchte nicht wissen, wieviele Schlankheitsprivilegierte die DGE-Pyramide oder deren Grundsätze kennen. Vermutlich nichts über „Fünf am Tag“ und „Viel Wasser trinken“ hinaus. Generell ist die Annahme Mehrgewichtige seien zu dumm oder zu unwissend um Ernährungsregeln zu befolgen nun genauso diskriminierend wie sonst was. Ja, es hat etwas von dem „White Saviour“-Komplex: Wir Experten*innen wissen, was generell für alle gut ist – obwohl Ernährung individuell ist – und deswegen keinen Widerspruch! Ist doch alles nur für unser Bestes.

Geld, Geld, Geld

Unser Bestes ist laut einem bekannten Sprichwort das Geld. Das wird der Staat auch brauchen, wenn er eine „angemessene Umgebung“ schaffen soll, die dann für weniger Gewicht sorgt. Wie genau die Adipositas Gesellschaft sich jenseits vom Werbeverbot, Zuckersteuer und Co. das vorstellt – grandioser Erfolg letztens: Der Nutriscore. Nicht. – bleibt vage.

Letzten Endes aber geht es doch ums Geld. So etwa, wenn das Land oder der Bund Programme wie „NRW bewegt seine KINDER!“ auflegt – das lief bis 2017. Das Evalutionspapier spricht übrigens offenbar – soweit ich das jetzt sehe – an keiner Stelle davon, wie wunderbar irgendwelche Kinder abgenommen hätten sondern untersucht nur, ob Strukturen besser geworden sind. Was eher die Absicht des Programms war, aber im Endeffekt sollten ja auch Kinder bewegt werden. Ob die dünner geworden sind, stand nicht so unbedingt im Mittelpunkt. Zwar hat auch der Bund den Schwerpunkt Kindergesundheit – und momentan laufen etliche Projekte dazu – aber auch diese beschäftigen sich kaum damit aufzuzeigen, ob und wie durch Sportprogramme, die der Bund auflegte, Kinder und Jugendliche generell dünner geworden sind. Was doch das Interessanteste am Ganzen wäre! „Trimm dich Fit“ war das Motto der 70ger Jahre – die großangelegte Kampagne der Bundesregierung löste eine Fitness-Begeisterung ohne Maßen aus. Dünner ist die Bevölkerung offenbar dadurch nicht geworden. Auch beim Rückblick auf diese Bewegung scheint es keine Daten darüber zu geben, ob nun wirklich Leute dünner geworden sind oder fitter. Wenn also Gelder bereitgestellt werden, um Programme aufzulegen und diese anscheinend nicht mal auf den Erfolg evaluiert werden … A propos: Natürlich freuen sich Träger, wenn Dinge für die Behandlung von Krankheiten von den Krankenkassen übernommen werden. Was bei Adipositas – da das noch nicht als Krankheit definiert ist – noch nicht der Fall ist. Das Argument, die Behandlung wäre dann einfacher und man würde als Betroffener dann besser beraten … kann man so stehen lassen. Eher wahrscheinlich ist, dass eine Menge von Leuten Mehrgewichtigen zu noch mehr bariatrischen Operationen raten werden. Ohne sie richtig zu begleiten und ohne die Risiken zu erwähnen. Das ist jetzt schon ein Problem.

Die Ursachen von Adipositas im Kindes- und Jugendalter sind vielfältig und lassen sich nicht auf das individuelle Ernährungs- und Bewegungsverhalten reduzieren. Vielmehr ist Adipositas das Resultat eines komplexen Zusammenspiels zahlreicher Einflussfaktoren verschiedener Einflussbereiche. 

RKI

Wenn selbst das RKI das mittlerweile weiß, müsste das die Adipositas-Gesellschaft auch wissen. Zudem: Sie spricht das auch an. Sie betont, dass Bürger*innen in Armut oder mit wenigen geldlichen Ressourcen – um es so zu formulieren – eher ein Problem mit dem Mehrgewicht haben als andere. Was der Staat dann hier tun soll: Ja … nun … da gibts auch nicht unbedingt so die Vorschläge der Gesellschaft zu. Man möchte sich anscheinend nicht genauer damit auseinandersetzen, das ist ja auch Aufgabe des Staates die Verhältnisse zu verbessern, eine Reform der HartzIV-Sätze anzuregen, dafür zu sorgen, dass Schwimmbäder offenbleiben und erreichbar sind, Grünanlagen genutzt werden können und der Spielplatz nicht zum Heroin-Ablageplatz verkommt. Aber während die Adipositas Gesellschaft sonst perfekte Ratschläge hat – hier schweigt sie dann. Armut ist ein Zustand, der von mangelnden Ressourcen geprägt wird. Und ja, Schulessen gehören sicherlich auch dazu, dass Kinder gut ernährt werden. Aber sich darauf alleine zu beziehen, liebe Gesellschaft, führt ja zu nichts.

Schluss und endlich: Umfragen zeigen einen gewissen Trend. Studien müssten jetzt folgen, die mit wissenschaftlich sicheren Methoden zeigen, ob die Hypothesen – mehr sind es momentan ja auch nicht – einer Überprüfung standhalten. Das wird aber dauern bzw. kostet das auch wieder Geld. Dass alles noch viel kompliziert ist als es scheint, das müsste eigentlich mittlerweile klar sein.

Ich brauch deinen Diätratschlag für einen Sommer-Strand-Körper nicht, Tante Erika

Photo by SHVETS production on Pexels.com

In diesem Jahr ist das besonders schlimm und ich habe den Eindruck, dass seit Januar schon über nichts Anderes geredet und geschrieben wird als darüber, wie man irgendwelche Kilos loswerden kann. Die Diät-Industrie versucht – bisher erfolglos, zum Glück – ja sogar Ostern als neuen Bezugspunkt für einen schlanken Körper zu etablieren. Jesus wäre es wohl egal, wie der BMI ausgesehen hätte, aber wenn man sich so Darstellung von Jesus in Kirchen anschaut ist Jesus erstens immer weiß, zweitens hat er immer einen Körper, bei dem der Bullshit-Index vermutlich eher stark untergewichtig anzeigen würde. Meine Güte, so oft wie die Rippen-Knochen bei der Kreuzdarstellung zu sehen sind … Jesus hat ja nicht extra fürs Kreuz abgenommen. (Er wurde ja vom Kreuz abgenommen, ha, ha, schlechtes Wortspiel. Ich darf das, ich arbeite bei der Kirche.)

Da die Temperaturen wieder steigen, mehren sich auch wieder die Stimmen, die erstens darauf bestehen, dass Dick_Fette Menschen sich gefälligst in lange, wallende Gewänder zu kleiden haben, schließlich möchte man ja das wabbelnde Fett nicht auf der Straße sehen und die zweitens fordern, dass kurze Hosen auch ein No-Go im Sommer sind. Dass solche Stimmen auch nicht immer sehr schick aussehen in ihren Tank-Tops oder mit ihren textilfreien Oberkörpern sei mal dahingestellt. Ich wohne im Ruhrgebiet, der Jogginghosen-Schlabber-Adiletten-Look ist hier normal. Nicht, dass ich das für mich so anziehen würde, aber es ist auch eigentlich entspannend so rumlaufen zu können, wie man möchte.

Photo by Artem Podrez on Pexels.com

Eigentlich angespannt ist die Situation ja erst dann, wenn man anfängt zu schwitzen – ja, sorry, kann ich nicht abstellen und ich möchte auch nicht das Hunde-Hecheln-Zunge-System übernehmen und wenn man es wagt, sich ein wenig luftiger zu kleiden. Kurze Hosen. Eventuell aufgeknöpftes Hemd, das verspielt über die prallen Windungen des Körpers dahingleitet, wenn der Wind auf kommt … Hach, bei jedem Six-Pack-Romanzen-Helden gerät da das Blut in Wallung. Bei Dick_Fetten auch, aber eher regen die das Blut von anderen an, weil ja das Fett zu sehen ist.

Mein Körper ist kein Fat-Suit, den ich nach Belieben an- oder ablegen kann wie es der Gesellschaft gerade passt. Mein Körper ist auch keine Pinnwand für Kommentare, Blicke oder für abstoßende respektloses Verhalten. Wann ist eigentlich die gute Kinderstube aus der Mode gekommen, in der man noch lernte, dass man fremden Onkels und Tanten gegenüber sich einigermaßen respektvoll benahm? Ah, das waren die Tage …

Wenn mir danach ist, dann laufe ich mit lose zugeknöpftem Hemd über meinem fetten Bauch durch die Gegend. Wenn mir danach ist, dann sind kurze Hosen fürs Wetter angemessen. Ja, wenn mir danach ist lasse ich den Oberkörper frei. Dass dazu eine ganze Menge Mut gehört weiß ich, aber bitte keine Komplimente. Mache ich ja auch nicht anders herum. „Du, ich finde das total mutig, dass so mit deinem Six-Pack-Oberkörper frei durch die Gegend läufst, boah, klasse!“

Ich sehe auch nicht ein meinen Körper zu verstecken, nur weil es Leuten nicht gefällt was sie sehen. Nur, weil ich nicht der Norm entspreche und auch nicht entsprechen will heißt das nicht, dass ich den ganzen Tag nicht ins Freie gehe. Wobei: Wir Dick_Fetten sollen ja uns bewegen, aber dann wiederum bitte so, dass es keinen Anstoß erregt … Ich errege immer Anstoß. Ich werde immer auf meinen Körper zurückgeworfen. Diese Erfahrung kann halt keiner nachvollziehen, der das Schlankheitsprivileg gepachtet hat. Wobei es noch schlimmer ist: Ich werde immer auf meinen Körper reduziert. Außer, ich bin irgendwie komisch. Dann reicht es vielleicht für den lustigen Sidekick im Hollywood-Film.

Einigen wir uns doch einfach darauf: Ich behalte meine Meinung über euer Aussehen für mich und ihr eure Meinung über mein Aussehen für euch. Deal? Deal!

Wobei: In welchen Größen gibt es eigentlich diese – wie heißen die Dinger noch – na – was mit Leder – für den Oberkörper – na – ich komm nicht drauf …