Die unvollkommene abhängige Welt und die Pose von Wellenreitern

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Vermutlich wäre das Thema bei Patrick Breitenbach besser aufgehoben. Der kann das einfach besser mit Gesellschaften, Schichten und Systemen. Ich versuche das mal in Worte zu fassen, weil das nicht so einfach ist.

Wenn ich das Paradies auf Erden errichten möchte, muss ich ja dafür sorgen, dass alle Menschen gleich handeln. Oder zumindest im Einklang handeln. Sonst haben wir den Turmbau zu Babel. Wenn ich also möchte, dass Menschen – sagen wir mal – weniger Fleisch essen, weil es besser fürs Klima wäre, weil man gesünder wäre, weil … kurzum, weil es den Planeten retten würde. Gut und schön. Womit ich selbst in der Heldenrolle bin, weil ich den Planeten rette und andere Menschen nicht und das führt bei Menschen öfters zu einem nicht so nettem Verhalten Anderen gegenüber. Was dann wieder ein Problem wird, weil ich ja eigentlich die Menschen komplett „zum fleischlosem Heil“ führen möchte.

Jede Paradiesvorstellung hat aber eines gemein: Entweder gab es das mal irgendwann in mythischer Zeit als das Wünschen noch geholfen hat oder das Paradies kommt erst noch – bevorzugt nach der Apokalypse. Aber natürlich kann ich mit kleinen Schritten und Dingen ja schon mal darauf hinarbeiten – für meine eigene Seligkeit sowieso schon toll, wenn ich auf Mandelmilch umsteige, Leder vermeide, den Bienen nicht den Honig raube. Nur: Nur weil ich das Gute will und die kleinen Dinge schon jetzt praktiziere, heißt das nicht, dass am Ende auf der Welt auch das Gute rauskommt.

Wir leben halt in einer unvollkommenen Welt, in der Abhängigkeiten bestehen. Jetzt kann ich für mich wohl auswählen, wo ich vermute, dass weniger Leid auf der Welt verursacht wird – die Interessante Frage wäre dann wohl auch, was für Leid möchte ich in erster Linie mindern? Ich kann aber nicht voraussehen, ob das Gute, das ich hier vor Ort tue nicht doch irgendwo in der Welt Leid verursacht.

Natürlich kann ich Dinge reduzieren, wenn ich darum weiß. Das wäre dann halt der Blick zurück ins vergangene Paradies: Ich kaufe nur Gemüse und Obst ein, wenn es vom Feld geerntet wird. Ich verzichte auf Fleisch in der Woche. Ich lebe also vermeintlich so wie meine Ur-Ur-Ur-Großmutter damals das gemacht hat. Aber auch damals gab es Abhängigkeiten und so schön war das Leben damals nun auch wieder nicht. Außer, man war adelig und hatte irgendwo einen Landsitz, dann hatte man Personal.

Letzten Endes ist also die Pose des „Weltenretters“ dann doch nur eine Pose, oder? Weil dieser ja auch nicht weiß, ob das Gute, das er hier tut nicht doch irgendwo auf der Welt was Schlechtes auslöst. Vielleicht ist es auch das, was mich so an diesen Schwärmern – und sie sind es, sie schwärmen vom Paradies – immer so irritiert. Ich schlage mich lieber an die Brust als Pharisäer zu sein, ich weiß, ich kann eine Menge von Dingen tun, die sicherlich gut und schön sind – aber letzten Endes habe ich nicht die Übersicht über die Auswirkungen.