Einfach mehr Wissen reicht nicht, liebe Adipositas-Gesellschaft

Ich bin sauer. Zutiefst. Auf den Journalismus an sich, weil der mal wieder unreflektiert berichtet und selbst in der ausführlichen Analyse eines Themas zu oberflächlich bleibt. Ich bin auch sauer über die Einstellung der Deutschen Adipositas Gesellschaft.

Worum geht es? Falls Sie es nicht mitbekommen haben sollten, liebe Lesenden: Es geht um eine Umfrage, die die Deutsche Adipositasgesellschaft mit dem Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin (EKFZ) herausgegeben hat. Eine telefonische Umfrage – wir wissen alle, wir sagen immer nur die Wahrheit am Telefon – die eine erschreckende Pandemie zu Tage befördert: Die Adipositas-Pandemie! Dass die WHO diesen Begriff verwendet macht ihn nicht unbedingt richtiger, denn was eine Pandemie ist, das wissen wir eigentlich nach zwei Jahren besser …

Jedenfalls: Wegen Corona sind die Kinder zu dick geworden, essen mehr Süßes, bewegen sich weniger. Hat man so herausgefunden. Warum gerade die Zehn- bis Zwölfjährigen betroffen sind? Keine Ahnung. Weiß man nicht. Warum generell Kinder dicker geworden sind – ebenso wie Erwachsene? Muss man das echt erklären? Vor allem: Muss man echt darüber verwundert sein und sagen, dass sei so mit das Krasseste, was man bisher kennen würde? Als ob wir vor zwei Jahren gewußt hätten, was Corona wäre und wie sich er Virus verbreitet und Lockdowns und so …

Klingt einfach – ist es nicht

Ja, ja, wir wissen ja: Mehrgewicht kann – KANN, Konjunktiv, weil die ganzen Studien Korrelationen aufzeigen und weniger wirkliche Beziehungen, was der ZEIT-Artikel auch mal erwähnen könnte, stattdessen übernimmt er unkritisch – zu Krankheiten führen. Dass das bei Diabetes auch schon wieder komplizierter ist, weil man sich mittlerweile einig ist: Vererbung spielt eine große Rolle, nun ja.

Sauer werde ich, weil der Artikel folgendes statuiert: „Die maßgeblichen Gründe für die teils drastischen Gewichtszunahmen sind eindeutig – und sie waren auch schon vor der Corona-Krise die Ursache für Übergewicht bei Kindern: mangelhafte Bewegung und ungesunde Ernährung.“ Dabei ist längst klar – und merkwürdigerweise wird das auch angesprochen, wenn später von einen „Marshallplan“ für das Ganze die Rede ist – dass dem nicht allein so ist. Dazu genügt ein Blick auf die „Obesity Map“ des NHS aus dem Jahr 2007.

Wer sich die Doppelseite anschaut, der wird erstmal erschlagen, denn nicht nur, dass der NHS fünf Felder definiert hat, die für Mehrgewicht verantwortlich sein können, es gibt auch noch etliche Unterbereiche. Und all diese Dinge beeinflussen sich auch noch gegenseitig. Greifen wir hier „Physical Activities“ raus – denn das ist ja eine DER Komponenten im Artikel – dann hängt das erstmal auch von der Grundfitness ab. Je fitter ich generell bin, desto leichter fällt mir die Bewegung. Logisch. Aber „Motorized Transport“ beeinflusst die Bewegung. Also ob ich jetzt ein Auto habe oder nicht, den Bus benutze oder nicht macht auch schon Etwas aus. Denn wenn ich kein Auto habe, aber ein Fahrrad und mich täglich zur Arbeit bewege ändert das schon die Situation an sich. Die Grundfittnes wird wiederum beeinflusst von der Thermogenese meine Körpers – die kann ich nicht willentlich beeinflussen, die passt sich meinen Gegebenheiten an. Was die Biggest Loser Studie 2016 übrigens eindrucksvoll bestätigt hat. Wer ein wenig weiter schweift stößt auf „Walkability“ der Umgebung. Wie fussgängerfreundlich ist die Umgebung? Wenn Autos ständig die besser ausgebaute Infrastruktur haben, warum sollte ich Dinge zu Fuß erledigen wollen? Manchmal kann ich das gar nicht. „Team based activities“ – habe ich die Möglichkeit mit einem Turnverein oder ähnlichem anzuschließen? Vielleicht gibt es kein Angebot dafür in meiner Nähe. Wiederum machen solche Tätigkeiten keinen Spaß, wenn nicht die optimale Umgebung dafür geschaffen wird. Eine Laufgruppe joggt gerne durch den Wald, am Rand der Autobahn eher nicht.

Die Arroganz der Altväterlichen

Jetzt ist es nicht so, als ob diese Erkenntnisse neu wären. Die „Obesity Map“ des National Health Services entstammt dem Jahr 2009. Zudem ist sie eingebettet in eine ganze Broschüre zum Thema Mehrgewicht und wie man es verhindern könnte. Klar ist also: Es gibt eine Menge von Dingen, die eine Rolle spielen. Dinge, die der Mensch an sich mal beeinflussen, mal weniger beeinflussen kann. Die Wissenschaft beschäftigt sich im Bereich der „Fat Studies“ auch in Deutschland schon länger mit den Hintergründen und auch mit der Diskriminierung. Das sollte die Adipositasgesellschaft wissen. Denn da sitzen ja die angeblichen Experten*innen für das Thema.

Stattdessen wird – weil ja zu wenig Bewegung und zu ungesunde Ernährung das Problem sind – angenommen, man müsse die Menschen nur genügend schulen, ihnen flankierende Maßnahmen – Zuckersteuer! Besseres Schulessen! Werbeverbot für Süssigkeiten! – zur Verfügung stellen und das Problem würde sich, wenn nicht von alleine auflösen, zumindest irgendwie verbessern. Simsalabim! Menschen sind also eigentlich nur zu unaufgeklärt – sprich: Zu doof und zu blöd – um die Regeln für eine gesunde Ernährung anzuwenden. Ich möchte nicht wissen, wieviele Schlankheitsprivilegierte die DGE-Pyramide oder deren Grundsätze kennen. Vermutlich nichts über „Fünf am Tag“ und „Viel Wasser trinken“ hinaus. Generell ist die Annahme Mehrgewichtige seien zu dumm oder zu unwissend um Ernährungsregeln zu befolgen nun genauso diskriminierend wie sonst was. Ja, es hat etwas von dem „White Saviour“-Komplex: Wir Experten*innen wissen, was generell für alle gut ist – obwohl Ernährung individuell ist – und deswegen keinen Widerspruch! Ist doch alles nur für unser Bestes.

Geld, Geld, Geld

Unser Bestes ist laut einem bekannten Sprichwort das Geld. Das wird der Staat auch brauchen, wenn er eine „angemessene Umgebung“ schaffen soll, die dann für weniger Gewicht sorgt. Wie genau die Adipositas Gesellschaft sich jenseits vom Werbeverbot, Zuckersteuer und Co. das vorstellt – grandioser Erfolg letztens: Der Nutriscore. Nicht. – bleibt vage.

Letzten Endes aber geht es doch ums Geld. So etwa, wenn das Land oder der Bund Programme wie „NRW bewegt seine KINDER!“ auflegt – das lief bis 2017. Das Evalutionspapier spricht übrigens offenbar – soweit ich das jetzt sehe – an keiner Stelle davon, wie wunderbar irgendwelche Kinder abgenommen hätten sondern untersucht nur, ob Strukturen besser geworden sind. Was eher die Absicht des Programms war, aber im Endeffekt sollten ja auch Kinder bewegt werden. Ob die dünner geworden sind, stand nicht so unbedingt im Mittelpunkt. Zwar hat auch der Bund den Schwerpunkt Kindergesundheit – und momentan laufen etliche Projekte dazu – aber auch diese beschäftigen sich kaum damit aufzuzeigen, ob und wie durch Sportprogramme, die der Bund auflegte, Kinder und Jugendliche generell dünner geworden sind. Was doch das Interessanteste am Ganzen wäre! „Trimm dich Fit“ war das Motto der 70ger Jahre – die großangelegte Kampagne der Bundesregierung löste eine Fitness-Begeisterung ohne Maßen aus. Dünner ist die Bevölkerung offenbar dadurch nicht geworden. Auch beim Rückblick auf diese Bewegung scheint es keine Daten darüber zu geben, ob nun wirklich Leute dünner geworden sind oder fitter. Wenn also Gelder bereitgestellt werden, um Programme aufzulegen und diese anscheinend nicht mal auf den Erfolg evaluiert werden … A propos: Natürlich freuen sich Träger, wenn Dinge für die Behandlung von Krankheiten von den Krankenkassen übernommen werden. Was bei Adipositas – da das noch nicht als Krankheit definiert ist – noch nicht der Fall ist. Das Argument, die Behandlung wäre dann einfacher und man würde als Betroffener dann besser beraten … kann man so stehen lassen. Eher wahrscheinlich ist, dass eine Menge von Leuten Mehrgewichtigen zu noch mehr bariatrischen Operationen raten werden. Ohne sie richtig zu begleiten und ohne die Risiken zu erwähnen. Das ist jetzt schon ein Problem.

Die Ursachen von Adipositas im Kindes- und Jugendalter sind vielfältig und lassen sich nicht auf das individuelle Ernährungs- und Bewegungsverhalten reduzieren. Vielmehr ist Adipositas das Resultat eines komplexen Zusammenspiels zahlreicher Einflussfaktoren verschiedener Einflussbereiche. 

RKI

Wenn selbst das RKI das mittlerweile weiß, müsste das die Adipositas-Gesellschaft auch wissen. Zudem: Sie spricht das auch an. Sie betont, dass Bürger*innen in Armut oder mit wenigen geldlichen Ressourcen – um es so zu formulieren – eher ein Problem mit dem Mehrgewicht haben als andere. Was der Staat dann hier tun soll: Ja … nun … da gibts auch nicht unbedingt so die Vorschläge der Gesellschaft zu. Man möchte sich anscheinend nicht genauer damit auseinandersetzen, das ist ja auch Aufgabe des Staates die Verhältnisse zu verbessern, eine Reform der HartzIV-Sätze anzuregen, dafür zu sorgen, dass Schwimmbäder offenbleiben und erreichbar sind, Grünanlagen genutzt werden können und der Spielplatz nicht zum Heroin-Ablageplatz verkommt. Aber während die Adipositas Gesellschaft sonst perfekte Ratschläge hat – hier schweigt sie dann. Armut ist ein Zustand, der von mangelnden Ressourcen geprägt wird. Und ja, Schulessen gehören sicherlich auch dazu, dass Kinder gut ernährt werden. Aber sich darauf alleine zu beziehen, liebe Gesellschaft, führt ja zu nichts.

Schluss und endlich: Umfragen zeigen einen gewissen Trend. Studien müssten jetzt folgen, die mit wissenschaftlich sicheren Methoden zeigen, ob die Hypothesen – mehr sind es momentan ja auch nicht – einer Überprüfung standhalten. Das wird aber dauern bzw. kostet das auch wieder Geld. Dass alles noch viel kompliziert ist als es scheint, das müsste eigentlich mittlerweile klar sein.