Kritik an Schönheitsidealen: Oberfläche, Oberfläche, Oberfläche

The Curvy Goddess by Wilbur Pack Jr is licensed under CC-BY-ND 4.0

Einerseits ist der Trend des Kritisierens von Schönheitsidealen etwas, was längst überfällig ist. Dabei wissen wir alle längst, dass Soziale Medien hier gefährlich sein können und andere Länder haben schon längst eine Kennzeichnungspflicht für bearbeitete Bilder eingeführt. Dass hierzulande daran kein großes Interesse besteht verwundert nicht, denn der Druck ist momentan auf die Politik nicht allzu groß. Trotz der vorhandenen Aktivistin*ennen.

Andererseits: Wenn ich mir Sendungen wie diese anschaue – So!Gesehen, kirchlich produzierte Talkshow auf Sat1 am Sonntagmorgen – in der es um Körperbilder und Social Media geht, dann ist das leider reichlich oberflächlich. Es ist, als ob man momentan eine Agenda abzuhaken hätte: Wir müssen unbedingt sagen, dass man nicht dem Schönheitsideal zu entsprechen braucht. Irgendwas mit Ess-Strörungen brauchen wir auch noch. Dann muss Instagram irgendwie als Einfluss erwähnt werden. Dann brauchen wir unbedingt eine Demonstration, wie Filter funktionieren. Die Aufforderung, doch mal in sich selbst reinzuhören darf nicht fehlen. Und am Ende steht noch das Hashtag Bodypositivity und wir sind alle glücklich. 20 Minuten Sendezeit gefüllt, ohne wirklich in die Tiefe zu gehen. Wissensgewinn über das, was wirklich hinter dem Ideal liegt? Fehlanzeige. Das könnte man allerdings in knapp 20 Minuten auch wirklich machen.

Warum ist das zu oberflächlich?
Wenn über das Schönheitsideal gesprochen wird, wird nur erwähnt, dass es das gibt. Dass es auf Instagram auch deutlicher zu sehen ist als sonst im Alltag. Dass dieses Schönheitsideal alles verachtet, was nicht die Norm ist – das wird schon weniger angesprochen. Woher dieses Ideal eigentlich kommt? Ja, war halt mal so da. Dass da eine Geschichte hintersteckt, das wird kaum erwähnt; Fearing the Black Body ist übrigens mit das beste Buch um nachzuvollziehen, wie das Ideal der schönen, weißen, schlanken Frau zustande kommt – natürlich auch in Abgrenzung zum fetten, unästhetischen, schwarzen Körper, Rassismus? Aber hallo!

Wenn über Körper gesprochen wird, wird die allgemeine Diskriminierung von dick_fetten Körpern generell gerne umschifft. Auch im oben verlinkten Talk kommt sie nur flüchtig vor, die Bemerkung „dann war ich die fette Faule“ wird fallengelassen, bleibt dann aber auf dem Boden liegen. Das Thema wird nicht bearbeitet, es passt nicht in die Wohlfühlatmosphäre. Denn würde man sich fragen, warum dick_fette Menschen diskriminiert werden, wären wir beim Aktivismus der Bodypositivity-Bewegung. Und diesen auch politischen Anspruch der Bewegung meiden die Massenmedien in der Regel wie das zusätzliche Kilo auf der Wage. Denn da wird die Axt mal an die Wurzel gelegt: Mehrgewichtige Menschen sind nicht automatisch ungesund. Sie propagieren keine ungesunden Ideale. Sie sind auch nicht per se willensschwach oder faul. Wenn dick_fette Menschen sich so akzeptieren wie sie sind ist die Abnehm-Industrie aber sowas im Arsch. Fragen kann man sich, woher diese Gedanken kommen, warum sie immer noch verbreitet sind, was man dagegen tun kann. Am Sonntag-Morgen im lockeren Talk natürlich nicht machbar.

Es ist wichtig darauf aufmerksam zu machen, dass Körper unterschiedlich sind. Dass nicht jeder Körper automatisch gesund ist oder krank, wenn er ein gewisses Aussehen hat. Was aber nach diesen oberflächlichen Talks hängenbleibt ist eher „Instagram ist total böse“ – wobei auch wir erst die sozialen Netzwerke so gebrauchen, wie wir sie gebrauchen! Und dass man in sich hineinhorchen soll, ob man wirklich zufrieden mit sich ist. Dass man das allerdings auch erstmal lernen muss und dass das keinem von jetzt auf gleich beigebracht wird, entlarvt diesen Ratschlag als gehaltlose Floskel.

Natürlich ist Aufklärung wichtig – besonders Aufklärung darüber, dass die Gewichtsdiskriminierung bisher unglückliche Jugendliche produziert, dass Diäten nicht längerfristig funktionieren, dass Fitness-Influencer*in sich Jede*r nennen kann und dass man bei Fragen zur Ernährung generell nicht Hinz und Kunz vertraut. Aber das wäre alle zu unangenehm für einen locker entspannten Talk über Schönheitsideale.