Augmented Reality für den Stadtspaziergang

Ach ja, der Sommer Anno Sechzehn. Zweitausendsechzehn. Wir und ihr und gefühlt alle. Zusammen auf Brücken sitzend, durch Parks laufend, auf unsere Smartphones starrend.  Auf der Suche nach dem nächsten Relaxo, Anton oder Pikachu, das unvermittelt auf der Strasse auftauchte und gefangen werden wollte.


Auf einmal war das Thema Augmented Reality in aller Munde. Und obwohl sich der Hype nach einigen Wochen legte, gibt es bis heute noch fleißige Spieler, die zu den Events von Pokemon Go strömen.

Andere Spielehersteller haben es nicht so ganz geschafft, sich ein Teil vom Kuchen zu erobern und ja, natürlich waren Augmented Reality Spiele nicht neu. Aber wer war schon früher daran interessiert irgendwelche Portale gegen Frösche zu verteidigen oder gegen Schlümpfe? Dass es jetzt die Serie zum Spiel Ingress bei Netflix gibt wird wohl nicht dazu führen, dass wir hier ein Revival erleben werden. Aber auch Ingress hat bis heute seine eingeschworene Fangemeinde. Wobei: Was hat schon nicht seine eingeschworene Fangemeinde … Vielleicht gelingt es Microsoft ja noch mit Minecraft World was zu reißen und das Harry-Potter-Spiel ist auch in den Startlöchern.

Verwundert rieben sich jedenfalls schon einige Kulturschaffende die Augen: Plötzlich waren Museen, Friedhöfe oder gar der Skulpturengarten enorm populär, Trauben von jungen Menschen versammelten sich vor den Türen und jagten nach Pokemon. Obwohl Ingress und Pokemon Go dieselbe Datenbank benutzten, war Ingress halt nicht unbedingt das Spiel für die Massen. Wer aber mit den Pokemon-Spielen und dem Anime, dem Manga aufgewachsen war, für den war das Fangen eines Pokemon halt etwas, dass mit nostalgischen Gefühlen verbunden war. Dass das funktionierte war klar. Dass es so gut funktioniert hat Nintendo zeitweise dann doch überrascht, vor allem in den ersten Tagen waren die Server teilweise nicht zu erreichen. Konzepte in der Kultur für diese neue Art von Spielen waren übrigens rar gesät … Und da der Hype nach einigen Woche vorbei war, war das für die Kultur auch nicht mehr wichtig. Es war halt Pop. Vergänglich. Oder?

Dabei hält sich Pokemon Go erstaunlich lange – Let’s Go Pikachu, Let’s Go Evee etwa hatten eine Anbindung dazu, Pokemon konnte man hier zwischen den Switch-Spielen und Pokemon-Go austauschen. Nintendo würde das nun nicht machen, wenn sie Pokemon Go nur noch als Auslaufmodell betrachten würden. Aber was Wichtiger war und ist: Auf einmal wusste jeder, was Augmented Reality war und ist. Die Verschmelzung zwischen der Realität und dem Smartphone gehörte auf einmal zu den selbstverständlichen Dingen – und später hat Apple ja seine Smartphones per se mit diesen Funktionen ausgestattet, so dass man bei der IKEA-App per Augmented Reality seine neue Einrichtung im Wohnzimmer postieren konnte. Oder kleine witzige Animationen in Bilder einfügen konnte.

Augmented Reality war Mainstream geworden und hätte jetzt eine Fülle von Anwendungen nach sich ziehen können, die die Massen begeisterten. Nun … Hand aufs Herz: Wer nutzt Augmented Reality im Alltag? Mit seinem Smartphone? Täglich? Dachte ich mir …

Ja, momentan versucht Youtube es mal wieder und baut AR-Effekte in Videos ein. Es gab auch immer wieder mal Versuche, das beim Einkaufen zu nutzen – etwa, wenn man vorab schauen wollte, wie der Lieblingspullover am Körper aussieht bevor man den in der Umkleide anhat. Natürlich träumt man schon seit Jahren auch von Spiegeln und etlichen anderen Dingen, die die Auswahl von Mode erleichtern sollen. Aber es setzte sich nicht durch. Vielleicht weil noch nicht alle Endgeräte AR können, vielleicht auch, weil wir den Sinn des Ganzen noch nicht unbedingt einsehen. Oder die Technik an sich ist zu teuer und lohnt sich für die Wenigen, die AR im Smartphone haben, einfach noch nicht. Obwohl: Die letzte Smartphone-Generation sollte das ja eigentlich können.

Dabei kann AR durchaus fürs Stadtmarketing funktionieren, das zeigte kürzlich erst „Im Rausch der Schönheit – Digitale Erkundungen zum Jugendstil in Dortmund“. Jugendstil? Dortmund? Also Bier und Stahl und Kohle, das verbindet man ja eher mit der Stadt, aber Jugendstil? Wir sind doch nicht in Darmstadt, oder? Stimmt, aber auch Dortmund hat einige Perlen zu bieten. Aufmerksam machte die Ausstellung im MKK zum Thema und mit App und Smartphone kann man über die Ausstellung hinaus im digitalen-analogen Erlebnisraum sich auf den Weg machen.  

Klar, auch das ist nicht die erste App, die so etwas macht und es wird auch nicht die letzte sein. Aber solche Apps und solche Formate sind eher seltener geworden, wenn es um Städte oder Events geht. Wenn der Konzertbesucher schon sein Smartphone in die Luft hebt, um den Künstler zu filmen, könnte man ihm gleichzeitig eigentlich auch Zusatzinformationen liefern. Songtexte. Entstehungsgeschichte. Dass das geht weiß ich, weil ich mal in einem Team für die WIGA-App zusammengearbeitet habe, eine App, die für den Wintergarten Berlin konzipiert war und dort genau für das Open-Air-Programm. Möglich ist sowas also schon. Genutzt wird es halt nur nicht. Wobei WIGA keine AR-App war, aber immerhin funktionierte sie. Und da die Technik heute viel weiter ist als damals …

Es bleibt abzuwarten, ob Youtube jetzt den nächsten Schritt macht, was AR betrifft oder ob das auch mal wieder so ein Experiment ist, das im Sande verläuft. Wie so Etliches in dem Bereich. Während Virtual Reality sich allmählich ein Publikum erobert – allerdings wird es auch noch etwas dauern, bis es wirklich massenkompatibel ist – hat es Augmented Reality noch etwas schwer. Da Städte nun auch nicht unbedingt pralle Geldsäckel haben, werden wir wohl noch etliche Zeit entweder mit schnarchlangweiligen Apps oder dem guten alten gedruckten Stadtführer samt -plan durch die Gegend tingeln … Dabei macht das mit Gamifikation und interaktiven Elementen und der Überlagerung von Stadtansichten damals über die aktuelle durchaus mehr Spaß. Seufz.