Artikel Dreizehn und Podcasts – einige Gedanken

Über Artikel Dreizehn ist eine Menge geschrieben worden. Eine gute Übersicht findet sich bei Damian Kaufmann, man sollte sich die Zeit nehmen und sie komplett lesen. Dass momentan YouTube – also eigentlich Google, denen gehört YouTube ja – und FB erwähnt werden in der Diskussion ist logisch, denn auf die hat es ja der Artikel Dreizehn eigentlich abgesehen. Allerdings: Was ist eigentlich mit Texten? Genauer gesagt: Was ist eigentlich mit einem Podcast? Wobei: Ich bin kein Anwalt, von daher ist das hier alles nur das, was man sich selbst bisher so mutmaßlich zusammenstellen kann … Bisher hat sich auch nicht so richtig jemand um Podcasts gekümmert, Video scheint halt wichtiger zu sein. Seufz.

Die Frage hat Netzpolitik bei Twitter aufgeworfen: Welche Verwertungsgesellschaft ist eigentlich für Podcasts zuständig und wie werden die Abrufe berechnet? Jetzt kann man sich zurücklehnen und sagen: Das hat die GEMA doch schon so um – wann war es, Zweitausendacht? Früher? Es war jedenfalls einige Jahre nachdem in Deutschland die ersten Podcasts aufkamen und die GEMA natürlich nicht dulden konnte, dass Podcaster jetzt einfach Songs aus den Charts in ihre Podcasts aufnahmen. Schließlich geht die GEMA erstmal davon aus, dass grundsätzlich sie die Rechte an Songs hat.

Ja, ich weiß, dass ist irgendwie merkwürdig. Aber das ist so.
Wen es interessiert – die Geschichte der Verwertungsgesellschaften kann man hier nachlesen. Jedenfalls: Die GEMA hatte dann – nach einigen Debatten mit diversen damaligen Podcastverbänden – die Idee einen Podcast-Tarif aufzulegen. Man merkt, dass der Tarif seit damals nicht wesentlich geändert wurde – heutzutage lädt man Podcasts nicht mehr direkt auf die eigene Webseite hoch, man nutzt Dienste dafür. Abgesehen davon sind die Regeln so strikt und das Korsett so eng angelegt, dass die Freude an den Charthits im eigenen Podcast nun wirklich nicht von Dauer ist. Eigentlich hätte jetzt auch die GVL folgen müssen, wir haben in Deutschland ja auch eine Verwertungsgesellschaft für die auftretenden Musiker, die die Kompositionen aufführen, da ist nicht die GEMA für zuständig. Allerdings hat sie das nie getan – stattdessen findet man nur einen Vertrag für das Thema Internetradio auf der Webseite. Und Podcasts sind kein Radio. Sprich: Als Podcaster wäre man zwar bei der GEMA auf der sicheren Seite, was die Lizenzen anbelangt aber bei der GVL nicht. Mir ist zwar kein Fall bekannt, bei dem die GVL sich mahnend gemeldet hätte, aber … man weiß ja nie. Podcaster, die also nur einen GEMA-Vertrag abgeschlossen haben, wären also eigentlich nur bei der GEMA auf der sicheren Seite. Auch, was Uploadfilter betreffen würde, wenn Artikel Dreizehn durchkäme.

Jetzt kann ich ja sagen: Okay, ich verzichte auf GEMA-Musik, es gibt CC-Lizenzen oder ich habe direkt eine Lizenz beim Künstler erworben, dann wäre ich ja raus der Sache. – Nein. Doch. Oh. Nein. Denn ein Podcast hat auch ohne Musik eine Schöpfungshöhe bzw. kann ein Podcast auch natürlich Texte verwenden, die bei der VG Wort gemeldet sind. Das sind die netten Leute, die dafür sorgen, dass z.B. Autoren auch dann Geld bekommen, wenn ihre Werke in Bibliotheken zu finden sind. Rein theoretisch müsste man bei der VG Wort eine Lizenz erwerben, wenn man ein Hermann-Hesse-Gedicht komplett lesen möchte oder eine Kurzgeschichte von Terry Pratchett. Bekanntlich gilt das Urheberrecht bei uns noch bis zu Siebzig Jahre nach dem Ableben des Autors – und manchmal sind die Erben von Autoren auch noch sehr dahinter, dass nicht jeder Schnipsel verwendet werden darf. Es gibt ein Gerichtsurteil zu einem Karl-Valentin-Zitat, das bei Twitter komplett verwendet wurde – und dass dann im strengen Sinne eigentlich auch kein Zitat ist sondern … Aber das führt jetzt zu weit.

Was das mit Artikel Dreizehn zu tun hat? Laut Artikel Dreizehn müsste jede Plattform, die Podcasts hostet – der Entwurf unterscheidet eben nicht zwischen groß, klein, Video, Audio oder Sozialem Netzwerk – sicherstellen, dass im Podcast alles mit rechten Dingen vor sich geht. Sprich: Es sollten keine Verstöße gegen das Urheberecht im Podcast zu finden sein.
Ist doch einfach, so Artikel Dreizehn. Einfach Lizenzen erwerben und fertig. Nun, es ist halt nicht so einfach. Erläutert Julia Reda:

Kommerzielle Webseiten und Apps, wo Nutzer*innen Beiträge veröffentlichen können, müssen „bestmögliche Anstrengungen“ unternehmen, vorab Lizenzen zu erwerben für alles, was ihre Nutzer*innen möglicherweise posten könnten – also: alle Inhalte der Welt, die unter das Urheberrecht fallen. Eine unmögliche Aufgabe.

Fürwahr, eine unlösbare Aufgabe. Eine Plattform kann nicht in die Zukunft sehen und feststellen, dass ich gleich eine Passage aus Terry Pratchetts JINGO zitieren werde.

Zusätzlich müssen alle Dienste außer die allerkleinsten und allerneuesten alles in ihrer Macht stehende tun, um Inhalte von Vornherein zu blockieren, bei denen es sich um unerlaubte Kopien handeln könnte. Sie müssen aktiv nach Kopien von Werken (und Teilen davon) Ausschau halten, die Rechteinhaber bei ihnen hinterlegt haben. Das geht nur mit Uploadfiltern, die naturgemäß sowohl sehr teuer als auch sehr fehleranfälligsind.

So Julia Reda weiter. Beide Lösungen funktionieren also nur, wenn vorab Beiträge überprüft werden; ob Lizenzen für die verwendeten eingesprochenen Texte erworben wurden. Momentan müssen die Plattformen das im Nachhinein, sofern es jemanden auffällt und sie dazuauffordert. Eine Lösung, mit der wir eigentlich gut gefahren sind. Schließlich ist das Netz kein rechtsfreier Raum, das Urheberrecht gilt auch hier und hat auch immer gegolten.

Nun aber: Ich kann durchaus eine Passage von Terry Pratchett im Podcast verwenden, wenn ich ein Buch rezensiere, generell einen redaktionellen Beitrag über ihn anfertige – sagen wir mal, sein Todestag jährt sich mal wieder und ich möchte sein Werk würdigen und habe dazu eine Stelle aus JINGO herausgesucht. Es ist also tatsächlich analog zu den Videoplattformen der Fall, dass die Uploadfilter erkennen müssten, ab wann Etwas illegal hochgeladen wurde – etwa ein komplettes Gedicht von Hesse – oder ob es legal verwendet wird. Memes sind ein wenig schwierig in Podcasts, aber Rezensionen oder längere Essays benötigen als Formen immer wieder mal ein Zitat aus dem Ursprungswerk. Wenn ich mich näher mit Terry Pratchetts Freiheitsbegriff auseinandersetze – was ich übrigens in einer längeren Kolumne vor zwei Jahren getan habe und ganz, ganz viel von Pratchett zitiert habe, einzelne Sätze und so – und dann das als Podcast hochladen möchte, müsste die Software erkennen, dass ich da durchaus im legalen Rahmen bin.

Wie das alles in der Praxis funktionieren soll, das ist völlig unklar. Es gibt auch keinerlei Beispiele dafür, wie die EU das jetzt gerne generell hätte – was vielleicht einigen Bedenken ausräumen würde. Gut, die Richtlinie muss immer noch in nationales Recht umgesetzt werden, aber so einige Anhaltspunkte anhand eines Beispiels – das hätte ich doch gerne auch gesehen oder mal gehört.

Und falls jemand nachlesen möchte, was noch so passieren könnte der schaue beim Literatur-Cafe vorbei.:

So wie bei der GEMA gemeldete Musiker ihre eigenen Konzerte anmelden müssen (bzw. der Veranstalter), so werden künftig – geeignete Filter vorausgesetzt – auch Schriftsteller Ausschnitte aus ihren Texten oder Gedichte nicht mehr auf den Plattformen veröffentlichen können, wenn sie die Rechte an einen Verlag abgetreten haben. Die Filter würden ihnen eine unerlaubte Veröffentlichung von urheberrechtlich geschütztem Material attestieren … Speziell bei Textinhalten stellt sich die Frage, wer die Rechte daran hat. Wer hier »der Autor« oder »der Verlag« antwortet, musste sich nie um eine Rechte-Einholung kümmern, denn so einfach ist die Antwort oftmals nicht. Auch hier haben wir leidvolle Erfahrungen gemacht: Wir wollten von einem Verlag die Erlaubnis, aus dem Werk eines lebenden Autors zu lesen. Da es sich bei dem Werk um eine Übersetzung handelte, wusste selbst die Lizenzabteilung des Verlags nicht, ob dieser im Besitz der Vortragsrechte für die deutsche Fassung war.

Na dann.