Charlotte zwischen zwei Männern oder Massenets Werther – Saisoneröffnung an der Oper Wuppertal

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Im Grunde genommen müsste diese Oper nicht Werther, sondern Charlotte heißen. Charlotte, die zu Beginn der Oper ein Mädchen ist, dass die Mutterstelle bei der Familie vertritt wächst im Laufe der Handlung zu einer jungen Frau heran, die zwischen zwei Männern steht. Auf der einen Seite der emotionale und manchmal mit dem Kopf zwischen den Wolken hängende Werther, der sie anbetet. Auf der anderen Seite der Pragmatiker Albert, den sie heiraten wird, weil sie es ihrer Mutter auf dem Totenbett geschworen hatte. Zwischen diesen beiden Polen schwankt Charlotte, die am Ende zwar Werther ihre Liebe gesteht – sie landet zwischenzeitlich sogar in seinen Armen und wie skandalös: Es werden sogar Küsse ausgetauscht – aber letztendlich ihrem Gewissen verpflichtet ist. Werther wählt am Ende den Freitod.

Wer sich jetzt an seinen Deutschunterricht erinnert oder etwas in Literatur bewandert ist: Richtig, Massenet hat den Briefroman von Goethe adaptiert, der damals eine Art von Hysterie über das Land legte. Es gab eine Werthermanie: Dessen Kleidungsstil war bei der Jugend en vogue, nach dessem Vorbild nahmen sich die Jungen reihenweise das Leben – der Werthereffekt heißt nicht ohne Grund so – kurz: Goethe war ein Beststeller geglückt. Den er übrigens später in seinem Leben nochmal überarbeitete als aus dem Stürmer und Dränger der Weimarer Klassiker wurde.
Dass der Roman in Briefen von Werther erzählt wird macht die Adaption für die Bühne nicht gerade einfach. Im Gegenteil: Lange Zeit hatte man Bühnenversionen ausprobiert, erfolgreich waren nur wenige. Bis Massenet und seine Autoren sich des Stoffes annahmen – den Fokus ein wenig mehr auf Charlotte legten, eine jüngere Schwester erfanden, den Charakteren mehr Profil verliehen. Und im ersten Akt ein wenig Humor walten lassen, wenn Charlottes Vater etwa scheinbar widerwillig in die Wirtschaft verschwindet, weil er es den Freunden versprach. Oder am anderen Morgen diese Freunde aus der Wirtschaft direkt in die Messe torkeln…

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Zeitlich gesehen reicht die Oper von Juli bis Dezember und die konzertante Aufführung in Wuppertal trägt dem Rechnung, in dem sie bei den Videoprojektionen anhand eines Baumes die Jahreszeiten zeigt. Hoffnungsvoll und licht, wenn Werther das erste Mal Charlotte erblickt, fallen später die Blätter und schließlich erstickt der Baum im Schneegestöber. Videoprojektionen sind heikel: Sie können mit ihrem Gewimmel und Gezappel zu sehr von der Oper ablenken. Bei der Oper Wuppertal ist das glücklicherweise nicht der Fall: Nicht zu viel, nicht zu wenig.

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Bleibt noch die musikalische Seite: Dirigent John Nelson ist kein Meister der großen, dramatischen Gesten. Exakte und präzise Signale gehen von seinen Händen aus, aber man muss als Zuschauer schon genau hinsehen, um zu erkennen was er momentan macht. Dafür aber darf man passende und genau gesetzte Tempi erkennen und sich an einem sehr spielfreudigem Orchester erfreuen. Sangmin Jeon verleiht dem ungestümen Werther ein Charisma, das besonders in den Stellen mit der Charlotte-Darstellerin Catriona Morison zum Tragen kommt. Morison selbst bietet an diesem Abend eine ausgesprochen exzellente Leistung, aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie sich an einigen Stellen noch zurückhält. Es mag der Nervosität geschuldet sein oder dem Umstand, dass die Premiere nicht im Opernhaus sondern in der Stadthalle stattfand. Übersprudelnd Ralitsa Ralinova als Sophie. Und unter der pedantischen Oberfläche von Simon Strickerts Albert gewahrt man ab und an eine grollende, eifersüchtige Seite.

Nach der Premiere in der historischen Stadthalle wandert der Werther dann ins Opernhaus – die genauen Termine findet man auf der Homepage. Wer etwa Bizets Carmen mag, vielleicht auch den Faust von Gounod kennt – für den ist Massenets Oper über die Frau zwischen zwei Männern eine perfekte Wahl.

 

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