Im Gedächtnis und im Herzen

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Teilweise bin ich immer noch wütend – wütend auf ihn, auf mich, auf uns, auf diese Gesellschaft, die diese Krankheit zwar wahrnimmt, aber immer mit einem „So schlimm ist das nun auch wieder nicht“ abtut. Doch. Diese Krankheit ist so schlimm, dass ihre Schwärze überwältigend war und der einzige Ausweg vor zwei Jahren für ihn ein Davonstehlen aus dem Leben zu sein schien.

Mittlerweile weiß ich: Persönlich hätte ich nichts ändern können. Wir alle hätten vermutlich nichts ändern können. Wer sich einmal dafür entschieden hat, freiwillig sein Leben zu beenden, der wird immer Mittel und Wege finden das zu tun. Da helfen die Vorwürfe an sich selbst nun nichts mehr, all das „Hätte ich es merken können?“, „Hätten wir mehr reden sollen?“

Fetzen seines Lebens im digitalen Raum sind alles, was noch da ist. Mal ein Screenshot hier, das Google+-Konto existiert zwar noch, aber es ist ein toter Linkhaufen, sein Youtube-Account ist noch da. Einige Vorträge sind dokumentiert, einige Lesungen. Twitter ist abgeschaltet, das Blog selbst auch. Ich kann das verstehen, der digitale Nachlass ist schwierig zu handhaben, man hat auch keinen Kopf für diese Dinge. Erwarten kann man nicht, dass jemand im Nachhinein die ganzen unzähligen Blogpostings durchgeht und entscheidet, was davon erhalten bleiben soll und was nicht. Dennoch…

Ich bin mir sicher, er hätte sich gerade jetzt, gerade heute, gerade in diesen Zeiten der Diskussionen, in denen selbstverständliche Dinge auf eine Art und Weise besprochen werden, die schaudern macht – ich bin mir sicher, er hätte zündende Ideen gehabt, wäre vehement eingestanden für menschliche Werte, hätte so manche Diskussion noch angestoßen. Wäre – ja, auch das – verzweifelt, verbissen, verängstigt gewesen. Auch „Omatage“ hätte es gegeben. Aber die Reaktionen hätten ihm wohl auch gezeigt, dass es sich lohnt. Dass da Menschen in diesem Netz sind, die es zu einem guten Ort machen wollen und bis heute auch nicht aufgegeben haben daran zu arbeiten.

Ja, ich bin immer noch wütend. Weil es keinen Abschied geben konnte. Weil du, Johannes, einfach vom Tisch aufgestanden bist und einen leeren Stuhl hinterlassen hast. Das kann und will und möchte ich bis heute dir nicht in dem Maße verzeihen, wie ich es gerne täte. Ich kann nur hoffen, dass wo immer du auch bist, du den Frieden gefunden hast, den du dir ersehntest. „Der Tod ist ein Scheinriese“ war die Überschrift deines Abschiedsbriefes und ich weiß nicht mehr, wie genau du deinen Weggang argumentiert hast. Ich weiß nur, dass es definitiv auch in der Zukunft schmerzen wird.

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