David gegen Goliath – der Gerechte Inhaberladen gegen den Riesen Amazon

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Passt als Sinnspruch für die Debatte Einzelhandel gegen Onlinehändler.

Es ist eine alte Geschichte und eine, die sofort unsere Sympathien genau definiert und teilt: Auf der einen Seite ist der Underdog, der kleine Mann, der kleine inhabergeführte Einzelhandelsladen, das Familiengeschäft. Auf der anderen Seite steht die Bedrohung: Der große Riese Amazon, der Onlinehandel, das Internet, das die Innenstadt kaputt macht auf Dauer. Ganz klar: Wir fiebern für den Underdog mit und wir freuen uns, wenn der kleine Mann gegen die große Industrie einen Sieg erringt. Das ist die Macht einer guten Geschichte.

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Doch eine Geschichte spiegelt nicht immer die Wirklichkeit wieder. Und auch der nebenstehend Appel der Buchhandlung BuchundCafeLentner aus München reduziert die komplexe Wirklichkeit auf das Schema des „Wir sind die Guten“ und des „Wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns“.

Es ist ja nicht so, als ob wir nicht auch wüßten, dass Amazon nicht unbedingt eine gemeinnützige Organisation ist, die das Gute und Hehre im Leben der Menschheit fördern möchte. Von „Weltherrschaft“ zu reden ist allerdings ein wenig übertrieben, das haben Apple und Microsoft schon versucht und ist denen nicht gelungen. Amazon hat sicherlich Kritikpunkte – wie jedes andere größere Unternehmen, das sich am Markt behauptet nun allerdings auch. Die Sache mit den Steuern – und da ist Amazon nicht der einzige größere Betrieb, der Gesetzeslücken oder nicht durchsetzungswillige Politiker ausnutzt, IKEA oder auch Apple gehören genau so dazu – ist allerdings etwas, was komplizierter ist. Und was die Journalisten der WELT besser aufdröseln können als ich. Sagen wir mal: Wenn gewisse EU-Länder nicht so tolerant gegenüber den Konzernen wären – hüstel, Luxemburg, hüstel – dann wäre die Steuergeschichte ja auch durchaus regelbar. Und die EU sitzt ja schon dahinter, dass ex cathedra zu regeln. Aber wie das immer so ist: Das kann dauern. Es ist kompliziert und natürlich kann man Amazon wie anderen Betrieben anlasten, da Lücken auszunutzen. Es ist nun kein Argument, aber spitzbübisch müsste man dann auch fragen, welcher Betrieb denn nun bitte in Deutschland, welche Privatperson denn bitte in Deutschland nicht ebenfalls Lücken im Gesetz ausnutzt oder wer wirklich immer ehrlich und brav seine Steuererklärung ausfüllt…

Sicher wissen wir auch alle, dass mit dem Onlineversandhandel die Belastung des Post- und Paketzusteller zugenommen hat. Es ist sogar von einer Überlastung die Rede, von schlecht bezahlten Löhnen. Nun sind schlecht bezahlte Löhne und die Überlastung von Mitarbeitern sicherlich auch ein Amazon-Problem. Schönreden muss man das nicht. Die Zahlen von Glasdoor sind sicherlich mit Vorsicht zu genießen, VERDI fordert seit Jahren einen Tarifvertrag, der letzte Streik war im November des Jahres, noch nicht so lange her. Sicherlich besteht hier eindeutig ein Malus, der in einen Bonus umgewandelt werden müsste. Das aber betrifft nun nur die Mitarbeiter von Amazon – die andere Hälfte des Problems liegt bei Firmen wie DHL, HERMES und anderen. Diese nutzen gerne aus Kostenersparnissen Subunternehmen. Und bei denen sieht das nun auch wenn DHL und HERMES gerne versichern, die Unternehme würden sich natürlich an Recht und Gesetz und Moral halten, alles andere als menschlich aus. „Die Deutsche Post hat das Land in rund 40.000 Bezirke eingeteilt, in denen sie Pakete ausliefert. Davon darf sie 990 an Subunternehmer vergeben, so hat sie es mit der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di vereinbart. „Nach unseren Beobachtungen werden diejenigen Bezirke fremdvergeben, die eine hohe Belieferungsdichte haben: wo man schnell und flexibel auf das hohe Paketaufkommen reagieren muss“, sagt Jan Jurczyk, der als ver.di-Sprecher die Paketdienste seit vielen Jahren beobachtet.“ Die ZEIT hat eine lesenswerten Artikel darüber und verschweigt auch nicht, dass Zalando und Amazon und wie sie alle heißen die Preise für Pakete drücken, wo sie nur können. Es ist also nicht nur die Schuld von Amazon alleine, was häufig vergessen wird. Und: Diese Subunternehmen nutzt auch unfreiwillig der Buchhändler vor Ort, der als Service die kostenlose Lieferung per Post oder Paket zusichert. Wenn er nicht gerade mit Fahrradboten oder ähnlichen Alternativen arbeitet. Hier ist der Buchhändler um die Ecke leider ein Teil des Problems und nicht der Lösung. Die Politik? Ja, die müsste was tun. Sie müsste.

Das Argument, man müsse doch nicht bei Amazon kaufen kann allerdings auch nur ein Händler sagen, der in einer Stadt wie München sitzt. Wer jemals weiter südlich von München aufs Land raus ist, der wird die kleineren Orte kennen, Orte, in denen oftmals sogar nur drei oder vier Häuser zusammenstehen. Landschaft ist schön – ein Buchladen aber in einem kleinen Örtchen so zu führen, dass er wirklich am Leben bleibt ist eine Kunst für sich. Nicht jeder Ort hat eine schnelle Internetverbindung (aber er hat immerhin eventuell eine), nicht jeder hat einen Buchladen um die Ecke, aber die Post liefert an jede Haustür. Wer keine andere Alternative hat, der sollte eigentlich nicht mit der moralischen Keule einen auf den Detz bekommen. Zudem: Englische Bücher sind NICHT preisgebunden. Und häufig bei Onlinebuchhandlungen durchaus billiger.  Warum beklagen sich Buchhändler eigentlich nicht über Online-Antiquariate – ach so, die sind ja bei Amazon auch schon mit drin. Man müsste ja eigentlich den Handel mit gebrauchten Büchern dann auch verbieten, damit der Einzelhandel überlegt. Erzählen Sie, lieber Leser, das aber bloß nicht als Idee der Politik…

Zudem sind Innenstädte ein kompliziertes soziales Konstrukt. Innenstädte, die kein soziales sondern einfach nur ein Konstrukt sind nennt man Outletcenter. Deren Aussehen imitiert die Stadt – vor allem imitiert sie ein heiteres, freundliches, klinisch sauberes Bild von Stadt – aber Outletcenter werden zu Recht nicht als Städte bezeichnet. Sondern als Konsumtempel. Was durchaus auch auf die Malls auf der grünen Wiese zutrifft – all die Centros, Zentren, Industrie-Kaufgebiete dieser Republik. Diese haben am Niedergang der Innenstadt natürlich keinen Anteil und fließen in die Argumentation der Gegner gegen den Onlinehandel, den Riesen Goliath, nun nicht ein. Warum eigentlich nicht? Sind doch die Auswirkungen seit Anfang der 70ger Jahre definitiv zu sehen, werden immer noch neue Zentren geplant. Aber Goliath mit dem Namen Amazon ist einfach ein zu großes Ziel und überdeckt die anderen Probleme, die beim Niedergang von Innenstädten mit reinspielen. Oberhausen kann ein Lied singen, ein garstig Lied, ein Lied, das politisch ist, weil die Politik 1996 – vor knapp 20 Jahren, so lange ist das gar nicht her – dort eine Neue Mitte wollte. Das Ergebnis: „Eine ganze Innenstadt als B-Lage. (…) „Seit dem Start des Centro hat es hier keine Neueröffnung von Fachgeschäften mehr gegeben.“ Mehr dazu im Handelsblatt. Wer nach Duisburg blickt, wo zwei Malls die City verschönern, wird begreifen warum die Altstadt dort so ist, wie sie ist.

Innenstädte sind ein sehr kompliziertes Konstrukt. Menschen leben und wohnen dort und deren Bedürfnisse müssen natürlich durch Läden gedeckt werden. Aber wenn Menschen, deren Gehälter mit dem Mindestlohn so knapp noch eben für alles reichen, bei Discountern einkaufen gehen und nicht mehr beim luxuriösen Whiskyladen um die Ecke, dann ist der Untergang des Whiskyladens nun nicht die Schuld des Onlinehandels. Wenn der Laden um die Ecke aufgrund der hohen Mieten Pleite geht ist dies auch nicht die Schuld des Onlinehandels. Wenn aufgrund der fehlenden Parkplätze oder der hohen Gebühren für diese Menschen zu Outletcentern fahren, weil es Parkplätze dort gratis gibt, dann ist das nicht die Schuld des Onlinehandels. Wenn Senioren mit Bus und Bahn nur ungünstig in die Stadt kommen und man die ganzen Einkäufe nicht nach Hause bekommt, nicht jeder Laden liefert direkt bis vor die Haustür – ebenfalls keine Schuld des Onlinehandels. Die demographische Entwicklung wird aber gerne ebenfalls übersehen: Es ist nicht so, dass Städte generell jünger werden, sondern eher älter. Wer seine Mitarbeiter nicht ständig fortbildet oder gut ausbildet, wer daher den Kern des stationären Ladenangebots – nämlich genau das soziologische Interagieren mit dem Anderen als wesentliche Komponente des Handels – vernachlässigt, der kann nicht dem Onlinebuchhandel die Schuld geben. Öffnungszeiten, die nicht dem Arbeitsleben des normalen Menschen angepasst sind? Wessen Schuld ist das denn nun wieder? Das des Onlinehandels?


Jedoch, um das in Erinnerung zu rufen: Innenstädte sind keine reinen Konsumstätten. Auch wenn die Betreiber von Malls argumentieren, das Besuchen ebenjener würde zur Freizeitaktivität gehören; womit man insgeheim gegen das Verbot der Sonntagöffnung schießt und Shania Twain hofiert, die schon allerdings sarkastisch sang: „Unsere Religion besteht darin, das Geld aus dem Fenster zu werfen. Daher sind wir jeden Sonntag in der Mall.“
Auch der Buchhändler um die Ecke ist auf die Gewinnmaximierung angewiesen, die ständigen Kosten und die flexiblen Kosten müssen ja bezahlt und der Kühlschrank auch gefüllt werden. Nichts Verwerfliches. Doch diese Konzentration nur auf das Argument des Konsums und des Shoppings verengt das, was eine Innenstadt eben ist. „Das, was die Verödung ausmacht, ist die Reduktion der Idee von Stadt auf Shopping und Restaurants“, sagt Christine Hannemann, Professorin für Architektur- und Wohnsoziologie an der Universität Stuttgart“ im DLF. Womit sie Recht hat, zudem merkt sie auch noch das Problem der Uniformität an, da ständig die gleichen Filialen in den Städten zu sehen sind. Was natürlich nur eine Folge allein des Online-Versandhandels sein kann. Oder vielleicht auch nicht: „Hanebüchene kommunale Gewerbepolitik, gepaart mit einer enormen Behäbigkeit der stationären Händler bzw. Handelsstrukturen haben verlässlich dafür gesorgt die Innenstadt als Einkaufsort überflüssig zu machen. Dass in den hier betrachteten Kommentaren die bisher kommunizierte Stärke des stationären Handels „Sozialer Mittelpunkt“, „Kontakt mit Menschen“ als Schwäche, und zwar als allerschlimmste Schwäche aufgezeigt wird, sollte zu denken geben.“ So Alexander Graf in seinem Blog Kassenzone, der Kommentare der WELT zu einem der typischen apokalyptischen Innenstadtsterben-Artikel untersucht hat.

Der Handel und die Innenstädte haben viele Probleme. Einer der davon ist sicherlich der Onlinehandel, was auch nicht zu bestreiten ist. Doch es sind eben vieleProbleme. Es sind nicht allein die Leviathane Zalando, Amazon und eBay. Es ist der demographische Wandel – im Alter wird man vorsichtiger und bequemer. Es ist die Erfahrung, dass man an den Kassen zu lange warten muss. (Schnellkassen helfen da nicht unbedingt, wenn man mehr als die vorgeschriebenen 10 oder 5 Teile im Korb hat.) Dagegen wird ja schon an Mitteln gearbeitet, aber ausgerechnet Amazon legt mit einem Laden vor, bei dem man einfach Dinge in den Korb legt und mit dem Korb den Laden verlässt, der Betrag wird vom Konto abgebucht. Es ist die Erfahrung, dass man etwas braucht, was die Innenstadt einfach nicht hat. Das coole Küchengadget, das mein Lieblingskoch bei YouTube verwendet – das hat kein Laden in der Innenstadt, also muss Amazon ran. Und nein, das kann auch vom Einzelhändler seltsamerweise nicht bestellt werden oder die nächste Lieferung kommt erst nächste Woche. (Was nicht unbedingt ein Problem des Einzelhändlers ist, also eines, was er verursacht, aber es färbt natürlich auch ab.) Und: Es ist eine Frage der Emotionen. Es ist eine Frage des Erlebnisses, das Einkaufen auch ist. Positive Emotionen binden an ein Ladengeschäft. Weswegen Buchhändler ja auch gerne mal Kaffee servieren, Weinproben vornehmen, außergewöhnliche Events organisieren. Es ist also alles komplex und man kann es nicht einfach auf einen einzigen Faktor reduzieren. Doch halt, was sagt eigentlich der Buchhändler, der den Zettel im Schaufenster hängen hat? „Der große Erfolg im Einzelhandelsbereich ist die Fähigkeit, Menschen zu erkennen und ihnen richtig zu begegnen.“ Führwahr. Dummerweise ist das nicht so einfach, wie es gesagt wurde.

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