Hasen und Folter auf der Buchmesse

Lieber Herr Otte,

Sie haben jetzt auf Ihren Beitrag zum Cosplay auf der Buchmesse nochmal nachgelegt. Denn der hat einige harsche und kontroverse Meinungsbeiträge hervorgerufen – damit muss man rechnen, wenn man die Cosplay-Szene kritisiert. Ich mache mir jetzt mal die Mühe auf Ihren offenen Brief zu antworten, denn da ist Einiges, was nicht so ganz stimmt und passt. (Einige Argumente finden sich auch ab Freitag beim Zauberspiegel, nehmen Sie das mal als Ergänzung.)

Zunächst einmal ging es mir nicht darum, literarische Subkulturen zu diffamieren.

Also dafür haben Sie aber eine Sprache an den Tag gelegt, die alles andere als hochachtungsvoll und respektvoll war. Wenn Sie Begriffe wie „Hasenkostüme“ als abwertende Bewertungen in einen Text packen, dann ist das eine Diffamierung derjenigen, die in „pornographischen Posen“ auf der Messe vor Ort waren. Natürlich haben Sie diffamiert.

Es lohnt sich aber dennoch zu diskutieren, ob die Art und Weise, wie sich manche Cosplayer inszenieren, nicht im krassen Gegensatz zu den von der Buchmesse definierten Zielen steht.

Diese Ziele wären dann? Ich habe jetzt den ganzen Text nochmal durchgelesen, aber die Ziele der Buchmesse habe ich in Ihrem nicht gefunden. Dagegen aber in einem Radiointerview des Veranstalters: „Die sind wichtig für die Messe und sie sind sehr willkommen (…) Viele von denen, das wissen wir aus Befragungen, sind auch Leser, haben aber eben noch ein etwas bunteres Hobby.“ Junge Leute sollen für das Thema Buch begeistert werden. Das ist ein Ziel einer Buchmesse: Die Präsentation von Büchern. Eine Buchmesse ist nicht in erster Linie ein Ort für politische Diskussionen – zwar bietet sich mitunter Autoren dafür eine Bühne und Diskussionen sind natürlich immer notwendig. In erster Linie jedoch wird sich das Laufpublikum nicht für politische Tagesarbeit interessieren. Denn genau das müsste man als Verband, als Branche tun, kümmert man sich um das Freie Wort und die Konsequenzen freier Meinungsäußerung in Ländern wie etwa Polen oder der Türkei.

Tatsächlich bin ich der Meinung, dass es in einem Raum, in dem über Folter und Krieg gesprochen wird, ziemlich unangemessen ist, sich wahlweise leicht bekleidet oder in grell-lustiger Verkleidung ablichten zu lassen.

Sie bleiben eine Definition des Raumes schuldig. Soweit ich das nachvollziehen kann ist auf diversen Diskussionsrunden und Paneln, die innerhalb der Buchmesse stattfanden, das Thema Folter, Mord und Verfolgung thematisiert worden. Es war auch ein Überthema, aber die Buchmesse drehte sich nicht insgesamt wie bei einem Symposium darum. Ich bin mir sicher, dass die Halle mit den Kochbüchern ebensowenig mit dem Thema zu tun hatte wie die Halle, in der die neuesten Nachahmer von „Shades of Grey“ ausgestellt waren. Ein passender Raum wäre ein vom Börsenverband organisiertes Symposium, eine Konferenz in Zusammenarbeit mit dem PEN oder gar eine eigene separierte Veranstaltung gleichzeitig zur Buchmesse. Ziemlich unangemessen wäre es, diese Themen auf einer Verkaufsveranstaltung zu verhandeln – bei Kaffeefahrten diktieren wir auch in der Regel nicht über die Politik in der Türkei.

Tatsächlich gibt es sehr viele Aussteller, Veranstalter, Autoren, Journalisten und Besucher, die sehr ähnlich wie ich denken, ihre Meinung aber nicht öffentlich auszusprechen wagen und mir deshalb lieber auf diskretem Wege Mails und Nachrichten zukommen lassen.

Nee, ist klar. Wirklich. Wenn man schon merkt, dass man auf dünnem Eis ist, dann erfindet man einen Temperatursturz, damit das Eis dicker wird. Wie lächerlich das im Zusammenhang klingt ist Ihnen gar nicht bewußt, oder?

Dabei zeigen die wüsten Beschimpfungen, dass die Verbalausfälle und strafrechtlich tatsächlich relevanten Beleidigungen, die zum Beispiel auf meiner Facebook-Seite auftauchen, ausschließlich von Seiten der Cosplayer formuliert werden

Moment mal, wer hat denn eine despektierliche Sprache angewendet und Dinge formuliert, die die Szene in Aufruhr bringen würde? Muss man nicht damit rechnen, dass man nicht gerade des Fandoms Liebstes Kind wird, wenn man kritisch und scharf mit der Szene abrechnet, ihr „pornographische Posen“ unterstellt und generell eine abwertende Haltung aus der hohen Warte der ernsten Literatur einnimmt? Natürlich stochern Sie da in einem Wespennest herum. Und sicherlich sind etliche Reaktionen nicht so wünschenswert, aber andererseits würde ich mal auch über die Wortwahl bei Ihnen nachdenken. Es gibt immer zwei Seiten, die schuld sind.

Generell übersehen Sie auch noch Eines: Die Freiheit des Wortes, die Freiheit einer Demokratie besteht darin, dass Menschen sich so kleiden können wie sie es möchten. Indem Sie im ersten Beitrag dieses Recht bestritten haben, haben Sie indirekt sich selbst einen Bärendienst erwiesen. Denn Freiheit besteht nicht nur darin, zu sagen zu können was man denkt und fühlt. Freiheit ist umfassender. Und sicherlich ist die aktuelle Situation von Journalisten in Syrien oder in der Türkei oder in Polen eine, auf die man aufmerksam machen sollte. Aber eine Buchmesse hat ein Zielpublikum, dass sich in erster Linie für Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt interessiert. Wenn man ein wenig Aufmerksamkeit für das Freie Wort erreicht – schön. Aber jetzt wäre es an der Zeit – und das wäre auch Ihre Aufgabe – diese Diskussion vermehr an die Stellen zu bringen, die dagegen etwas tun können. Gewerkschaften. Politiker. Literaturkritiker, die von der hohen Warte des Ernstes meinen zu können, das unterhaltsame Hobby von jungen Lesern abzuwerten gehören sicherlich nicht zu diesen.

Advertisements