Posthumer Dialog mit Johannes

Lieber Johannes,

ich lese erneut deine letzten Zeilen, ich bin nicht in der Lage vernünftig zu denken oder zu handeln – ich funktioniere momentan nur, immerhin gibt es Dinge, die getan werden müssen – aber ich kann dich nicht einfach so gehen lassen. Nicht so. Du hast uns allen die Chance genommen von dir Abschied zu nehmen – etwas, was wichtig ist. Abgesehen davon hast du unendliches Leid über deine Familie gebracht, die du doch so sehr geliebt hat. Sie werden sich – genau wie ich und andere – die nächsten Tage, Wochen und Monate fragen: Haben wir versagt?

„Ich bin in meinem Leben von Verantwortungsfalle zu Verantwortungsfalle gestolpert und habe dabei nicht gesehen, dass ich schon viel früher Verantwortung für mich selbst hätte übernehmen müssen. Nun ist es zu spät für mich. Die Geschehnisse der letzten Tage, Wochen und Monate haben mich endgültig gebrochen.“

Wenn ich nur wüßte, welche das gewesen sein sollen. Wenn du nur gesagt hättest, was das für Geschehnisse gewesen sind – das Jahr 2016 ist nicht das freundlichste bisher gewesen, es hat einige Dinge auf dem Kerbholz, die auch uns allen nicht behagten. Terror. Morde. Musiker sind gestorben, vor kurzem noch Miriam Pielhau. Und vielleicht hätten wir in diesem Blogtext von dir zu ihrem Tod schon etwas ahnen können, ahnen sollen, du schriebst darin, dass

Menschen, die sich bewusst mit ihrem Tod auseinandersetzen, machen mit ihm oftmals ihren Frieden. Sie akzeptieren ihn als das Momentum, an dem ihr Leben endet. Oft ist es nicht der Tod an sich, der ihnen Angst macht, sondern der Annäherungsprozess an ihn, die Ängste vor dem Sterben, die Verlustängste im Umfeld.

War das schon ein Wink? Ein Hinweis? Hast du damals schon mit dem Gedanken gespielt, dich selbst zu töten? War das Ende des Textes nur Tarnung? Täuschung für uns, damit wir nicht fragen, nicht eingreifen, nicht dir in die Hand fallen konnten?

Ich wünsche mir und uns mehr von der Erkenntnis, dass der Tod selbst ein Scheinriese ist. Ihn selbst müssen wir nicht fürchten, denn er kommt unweigerlich auf uns zu. Fürchten müssen wir die Leere, die er hinterlässt. Und das sollte uns Ansporn sein, dem eigenen Glück den Schleier zu entziehen und es in seiner echten Brillanz wahrzunehmen. Das macht das Leben und den Umgang mit dem Tod erträglicher.

Den Schleier des Glücks zu heben heißt, dem Glück ins wahre und volle Angesicht zu sehen. Nicht wahr? Ja, das heißt das. Sollten wir uns also keine Sorgen machen, weil du beschlossen hattest dein Leben jetzt wirklich in Fülle zu genießen? Oder zumindest beruhigen, weil der Ton der anderen Absätze so dunkeldüster war? War das Ablenkung? Hätten wir hier ein „Kopf hoch“ kommentieren sollen?

Dafür werdet ihr jetzt nachdenken. Und wahrscheinlich wird es euch dabei wie mir selbst gehen, ihr werdet keine befriedigenden Antworten finden. Das Leben als Frage. Ich habe genau das nicht mehr ausgehalten.

Was hast du verdammtnochmal erwartet, Johannes? Dass wir nach diesem Akt uns nicht fragen, nicht zweifeln, nicht verwirrt sind? Wie kannst du nur! Und natürlich werden wir keine Antworten mehr bekommen – weil wir dich nicht mehr fragen können, du verdammter Egoist! Wolltest du das überhaupt? Dass wir fragen? War es für dich nicht vielleicht sogar einfacher das Wüten der ganzen Welt auf deine Schultern zu nehmen? Du hast das Leben als Frage nicht mehr ausgehalten. „Tod und Zerfall ist alles, was ich seh!“ Die Last der Welt auf deinen Schultern und du alleine als Atlas, der sie tragen muss. Ja. Solche Momente kenne ich. Ich kenne solche Momente aber als Teil des normalen Lebens, dass nach diesen Momenten der Trauer und Angst gerade auch das Glück kommt, dem ich den Schleier entziehen kann. Du konntest das letztendlich nicht mehr. Deine Frage an die Welt bleibt ungehört, deine Verzweiflung hast du nur als Abschiedsbrief hinterlassen. Ich bin nicht in der Lage, mich in deine einzufühlen. Dazu hättest du mehr erzählen, mehr von dir preisgeben, mehr sagen müssen was mit dir momentan los ist.

Vielleicht bekommt mein feiger Abgang wenigstens dahingehend einen Sinn, dass er dem ein oder anderen Warnung genug ist, dass die permanente Orientierung am Außen und das fortwährende Fassadewahren am Ende nicht die Lösung sein kann.

Bullshit, Johannes! Verdammter egoistischer Bullshit! Was hätte es dich gekostet mit dieser Fassade zu brechen? Deinen Stolz? Dein Selbstbewusstsein? Hast du geglaubt, wir, deine Freunde, deine Bekannten, würden dich verdammen weil du nicht so perfekt bist, wie du immer selbst geglaubt hast zu sein? Verdammt noch mal, für wie kleingläubig und engstirnig hast du uns gehalten, Johannes? Wir hätten dich nicht fallen gelassen – die Suchaktion hast du vielleicht noch am Rande mitbekommen, aber offenbar hat sie nicht mehr verhindern können was du getan hast. Verdammt nochmal: Gerade weil wir dich mochten, dich schätzten, dich liebten hätten wir dich doch um keinen Deut der Welt fallengelassen! Warum hast du offenbar geglaubt, dass es nicht mehr machbar ist? Dass alles zu spät ist? Das ist es aber nie!

Ich kann nur euch entschuldigen. Ihr trägt für nichts von alledem  Verantwortung. Viele von euch haben sich nach Kräften bemüht, und dafür bin ich jeder und jedem Einzelnen dankbar. In vielen Momenten habt ihr die Welt für mich einen Augenblick lang heller gemacht. Leider nicht hell genug, dass ich meine inneren Dämonen, derer es einfach zu viele gibt, hätte besiegen zu können.

Diese Absolution erkenne ich nicht an. Nein, mein Lieber: Das gilt nicht. Du kannst uns nicht freisprechen von Zweifeln, Ängsten, Gedanken, die nach deinem Freitod aufkommen. Das ist zu billig. Das ist zu einfach. Das kannst du nicht. Natürlich tragen wir Verantwortung! Der Kleine Prinz trägt Verantwortung für eine einzige Rose und wir tragen Verantwortung für jeden einzelnen Menschen, den wir kennen, schätzen, mögen. Du kannst uns nicht mit einem lapidaren Satz aus der Verantwortung nehmen – das könnte allenfalls Gott. Und selbst Gott hat die Menschheit nur ein einziges Mal mit einer Sintflut bestraft und danach gerade einen anderen Weg gewählt. Wenn man daran glauben will. Nein, du kannst uns nicht einfach von einer Verantwortung freisprechen, Johannes, die wir für dich als Mitmenschen gehabt haben. Das ist zu einfach.

Seht sie als das, was sie ist. Die Aufhebung einer Täuschung über einen Menschen, den es so nicht wirklich gab. Ein Mensch, der ich nicht war. Ein Mensch, der ich vorgab zu sein. Ich hoffe, diese Enttäuschung macht das Loslassen und Vergessen leichter. Die Welt hat bessere Menschen als mich verdient, sie hat vor allem bessere Gedanken verdient als die Frage nach dem „Warum?“, auf die es ohnehin keine Antwort gibt.

Nochmal: Warum hast du die Fassade eingehalten? Aber diese Frage zu stellen ist jetzt müßig, du kannst sie nicht mehr beantworten. Wir können von dir nur im Nachhinein Abschied nehmen, wir konnten das nicht als du noch lebtest. Wir stehen da mit unserer Wut, unseren Zweifeln – und dann kommst du mit „Ich war nicht der, der ich vorgab zu sein.“ Wen haben wir denn dann geliebt, Johannes? Nur eine Fassade? Warst du immer nur Außen, Oberfläche? Das kann ich nicht glauben und ich weigere mich auch das zu akzeptieren, diesen Gedankengang anzunehmen, Johannes. Die Welt hat bessere Menschen verdient? Mag sein! Aber du WARST ein besserer Mensch! Gerade du! Gerade du mit deiner Überzeugung, dass es anders geht, dass man Dinge besser machen, die Welt gestalten kann. Und gerade die Frage „Warum?“ hat doch zu Erfindungen geführt. Hat neugierige Menschen neue Erkenntnisse beschert. Aber so willst du das nicht verstanden haben, schon klar. Du möchtest dich ganz einfach eloquent aus der Schlinge des Schuldbewusstseins befreien, denn du fühlst wohl selbst, dass du nicht im Recht bist mit deiner Tat. Nein, mein Lieber, das lasse ich nicht zu – aber ich muss es so stehen lassen, denn ich kann nicht mehr mit dir reden. Ich kann dir deine Selbstzweifel nicht nehmen, ich kann nicht mehr in den dunklen Abgrund schauen und versuchen ihn zu erhellen. Du hast dich ihm entzogen, weil du glaubtest, uns damit eine Last zu nehmen und dich selbst endlich an einen Ort des Friedens zu begeben.

Johannes – du verdammter engstirniger und vermaledeiter Gutmensch – was soll denn jetzt werden? Was wird denn jetzt mit uns? Mit deiner Familie? Mit der Verbesserung der Welt? Mit der Möglichkeitsmachung und -findung von Alternativen? Du schmeißt das alles einfach so weg, du fühlst dich überfordert, du kannst nicht mehr. Und was sollen wir alle jetzt können, Johannes? Was erwartest du denn bitte – was sollen wir denn jetzt tun? Uns bleibt nur das, was Spike in der Serie Buffy in der Musicalfolge singt: „Life’s not a song, life isn’t bliss, life is just this, it’s living. You’ll get along, the pain that you feel only can heal by living.” – „Das Leben ist kein Lied. Das Leben ist kein Zustand immerwährenden Glücks. Das Leben ist einfach nur das: Leben. Du kommst da schon durch, die Pein, die du fühlst, kann nur dadurch geheilt werden: Durchs Leben.“ Aber verdammt nochmal, hast du nicht gewußt, wie schwer das ist?

Dein Christian

 

3 thoughts on “Posthumer Dialog mit Johannes

  1. Vielen Dank für die lesenswerten Zeilen. Ich hatte vor etwas längerer Zeit guten Kontakt zu Johannes, der dann leider im Sande verlaufen ist. Die Meldung am Montag hat mich dann aber ebenso umgehauen wie offenbar alle. Es scheint ja fast so, als hätte keiner das kommen sehen.

    Dennoch: Deine Wut erstaunt mich. Kommt sie vielleicht daher, dass Hannes uns mit all den Fragen, die sich jeder in der ein oder anderen Art und Weise stellt, allein gelassen hat? Sind wir am Ende egoistisch? Ich weiß es nicht, aber ich frage es mich.

  2. Lieber Christian,
    ich bin sehr berührt von deinen Worten des Abschieds an Johannes. Soviel Wut, soviel Verzweiflung ja auch Vorwürfe an einen Menschen, der dir offenbar sehr nahe stand. Die Guten sterben immer zu früh. Ein wenig Trost finde ich immer in dem folgenden Zitat : „Wer weiss denn, ob das Leben nicht Totsein ist und Totsein Leben?“ (Euripides)

    Christina

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