RIP Johannes Korten

Ich bin fassungslos, traurig, erschüttert. Johannes hat sich das Leben genommen. Ausgerechnet Johannes! Der, der dem Leben doch näher stand als mancher Anderer, der Dinge lostrat und machte, die genau diesem Leben einem Sinn gaben, der half, zuhörte, anpackte und der einen Optimismus ausstrahlte, der seinesgleichen suchte.

Ich verstehe es nicht.

Ich sitze heulend vor dem Laptop und versuche schreibend zumindest etwas davon zu er- und begreifen was heute passiert ist. Zuerst die Vermisstmeldung – die Sorge und Hoffnung, dass er noch lebendig gefunden wird – mein Gott, das kann doch nur ein Irrtum sein. Doch nicht Johannes! Nein! Das Durchlesen des Screenshots seines letzten Blogeintrags. Die Erkenntnis: Johannes hat alle Accounts in den Netzwerken – bis wohl auf Twitter selbst, der Account verwies dann auf den letzten Eintrag in sein Blog, was wohl auch nicht mehr existiert – tatsächlich gelöscht. Etliche Stunden später die Gewissheit. Schockstarre. Unbegreiflich. Unfassbar. Ich lege mich schluchzend ins Bett und versuche zu schlafen. Es gelingt mir teilweise.

„Ein Stuhl bleibt leer. Zumindest eine zeitlang. Bis er jemandem Neuen gehört. Mehr wird es nicht sein, wenn ich aufgehört habe zu denken.“

Ich weiß nicht, ob wir alle die Anzeichen dafür nicht sehen wollten. Ob es ihm bis zuletzt nicht allzu gut gelang schauspielernd zu überdecken, wie hoffnungslos alles für ihn war. Es gibt Menschen, die das nur zu gut können. Die bis zum Schluss die Maske des Optimisten aufhaben und dann doch alles wegwerfen. Haben wir etwas übersehen? Habe ich etwas nicht beachtet? Der Schuldstein im Kopf wälzt alles platt.

Gleichzeitig aber auch diese Wut!

Du verdammter Egoist!

Nein, da bleibt nicht einfach nur ein Stuhl leer, Johannes! Gerade du als Familienvater, als jemand der immer ein Photo postete wenn er mit seinen Jüngsten Brötchen holen war, du, der du euphorisch warst als deine Tochter geboren wurde – manchmal hast du mich in den ersten Monaten auch ein wenig genervt mit dem Thema, aber so ist das, wenn man sich freut und die Freude teilt – gerade du, der du immer aufgingst in und für deine Familie – WIE KANNST DU SIE IM STICH LASSEN? WIE KANNST DU DEN STUHL LEER LASSEN? DAS GEHT NICHT!

DAS GEHT DOCH NICHT! schreie ich dich in Gedanken an und muss kapitulieren. ES GEHT DOCH. Es ist gegangen. Er ist gegangen.

Ich verstehe das nicht. Ich will das momentan nicht verstehen. Ich kann es nicht verstehen. Diese andere schwarze Welt ist mir nicht zugänglich. Die Furcht vor Terror, Angst, dem Klima in der Gesellschaft – dieser Abgrund, der in einem Menschen steckt. Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.Friedrich Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse, Aph. 146

Welche Ungeheuer hast du nur bekämpft, Johannes, und in welche Abgründe geblickt? Hast du jetzt Frieden, dort, wo du bist? Hast du gefunden, was du suchtest? Waren wir zu schwach, es dir zu geben? Hast du geglaubt, wir könnten dir nicht helfen?

Wenn du nur ein Wort gesagt hättest!

Wenn du geredet hättest!

 

12 thoughts on “RIP Johannes Korten

  1. ER HAT DOCH GEREDET: Hat nie aus seiner Depression ein Geheimnis gemacht. Als Familienvater zu gehen, ich finde es egoistisch. Er ladet den Kindern ein Trauma auf. Dennoch: Es ging nicht mehr. Er hat es versucht. Es ging nicht. Er hat das Leben nicht ausgehalten, das gilt es zu respektieren. In buddhidtischen Kreisen wird um den Tod gar nicht so ein Drama gemacht, wie hier im Westen. Das Drama war sein Leid, vielleicht schon 20 Jahre ertragen. Dennoch: Er hat nur seinen Körper umgebracht. Er kann sich nicht töten. Von dem Standpunkt war sein Selbstmord etwas naiv. Johannes, ich wünsche Dir ein besseres Leben. Meine Hochachtung für deine Seele.

    1. Nein, das kann ich nicht respektieren. Und über die letzten Tage und Wochen, über das Zuziehen der dunklen Welt über ihn hat er offenbar NICHT geredet. Es ist furchtbar, auf solch eine Art und Weise zu gehen. Für einen selbst mag es die Erlösung sein, für alle anderen aber – und für DIE HAT MAN VERDAMMTNOCHMAL GENAUSO VERANTWORTUNG WIE FÜR SICH SELBST! – ist es die Hölle. Man wird sich immer wieder in den nächsten Tagen und Wochen fragen: Haben wir was falsch gemacht? Habe ich nicht zugehört? Ihn nicht verstanden? Die kleinen Winke nicht beachtet, die er gab? Oder gab es die tatsächlich nicht? Diese Ungewissheit und das, was er seiner Familie – die er doch über alles liebte, man erinnere sich an die ganzen Instagram-Bilder, an die ganzen zärtlichen Blogeinträge wenns ums Mademoisellchen ging – damit antut – das kann ich nicht respektieren. Ich schrieb etwas von einem verdammten Egoisten und obwohl ich im Nachhinein ziemlich erschrocken war und mich fragte, ob ich das ändern sollte habe ich das doch so gelassen – denn wenn er gesagt hätte: „Leute, ich kann nicht mehr. Es geht nicht.“ und das nicht nur schriftlich als Abschiedsbrief formuliert hätte – es wäre sicherlich anders gegangen. Mit Sicherheit.
      (Das Faß mit „Jeder darf sich selbst töten, wenn ärztliche Therapien versagen“ möchte ich an dieser Stelle bewußt nicht aufmachen. Das ist – wie der Selbstmord eigentlich an sich – ein sehr weites Feld. Danke.)

      1. Dein Egoismus ist schmerzhaft und Dein Unverstand leider nicht selten. Als selbst Betroffene von Depressionen kann ich Dir versichern, dass man manchmal einfach nicht reden KANN, der Kopf einfach zu dunkel ist, um das Licht am Ende des Tunnels zu entdecken. Es ist jeden Morgen ein Kraftakt auch nur aufzustehen und ein noch grösserer, sich nicht die Treppe runter zu werfen um endlich Ruhe im Kopf und dem Herzen zu haben. Jeden Tag ist man sich bewusst, welche Belastung (ob real oder gefühlt ist dem Fall egal) man für seine Familie darstellt und ob die nicht besser dran wären ohne mich.
        Also bitte: Runter vom hohen Roß. Manchmal sind die Hilferufe einfach nur ungehört oder non verbal.

  2. Ich hab ihn nicht gekannt, mich aber dasselbe gefragt. Wie kann jemand, der kleine Kinder hat, sowas machen? Mein Schluss: es ist tatsächlich Krankheit, Depression.
    Eine sehr Philosophie-affine Krankheit. Denn: gibt es nicht jeden Tag Gründe genug, das Leben in die Tonne zu treten? An der Menschheit zu verzweifeln? Ja, gibts. Aber wir alle leben eben doch einen Alltag, können uns davor schützen, uns mittels Ignoranz distanzieren und die kleinen Freuden genießen: Sonne, Natur, liebe Menschen, kleine Erfolge… manchmal sogar in Sachen Welt verbessern.

    Also: Krankheit!

    Wie aber könnte man da vorbeugen? Vielleicht durch ein großes JA zu Drogen und Psychopharmaka. Wenn es so aussieht, als wäre die Lage unerträglich und wenn man an dieser Lage nichts ändern kann – DANN ist es angesagt, an der WAHRNEHMUNG etwas zu ändern! Gilt nicht nur für Suizidale mitten im Leben, sondern auch für Alte in Pflegeheimen und viele andere. Warum nicht? Besser als sich umbringen ist das allemal!

  3. auch wenn er geredet hätte, es gibt einen punkt, da wird die schwarze wolke über dem kopf so groß, da kann man nicht mehr reden. da kann niemand mehr helfen. es ist schwer zu begreifen, aber es ist leider so. #depressionisteinarschloch

    1. Das mag sein, aber das ist immer noch kein Grund sich, den Angehörigen und der Familie die nächsten Jahre – vielleicht bis ans Lebensende – die Hölle der Selbstanklage zu bereiten. Glaub mir: Ich weiß, was Depressionen anrichten können. (Nein, nicht ich selbst, aber privat schon und das sehr privat, müsst ihr nicht unbedingt wissen.) Ich weiß aber auch, dass man Depressionen lindern und heilen kann. Ich weiß nicht ob Johannes in einer Therapie war, ob er Tabletten genommen hat oder was er sonst tat. Ich weiß nur: Es ist verdammt nochmal nicht gerecht, anderen Leid zuzufügen. Und das hat er leider getan. Ob er Frieden gefunden hat weiß ich nicht.

      1. Lieber Christian,

        ich kenne dich nicht und ich kannte Johannes nicht persönlich. Ich habe ihn schrecklich gern gelesen und sein Selbstmord beschäftigt mich sehr. Vielleicht, weil auch ich vor vielen Jahren meinen damaligen besten Freund auf diese Weise verloren habe und ein paar Jahre später eine gute Freundin. Ich möchte dir sagen, dass man dieses furchtbare Ereignis zwar nie vergessen wird, aber dass man lernt zu verzeihen. Ich spüre deine Wut so sehr und fühle mich um Jahrzehnte zurückversetzt. Und sie ist so verdammt berechtigt! Da ist jemand völlig egoistisch über viele Seelen getrampelt und hinterlässt ein Trümmerfeld, „nur“ weil er mit seinem Leben nicht zurecht kam. „Dieser verdammte Schwächling, warum hat er es nicht ausgehalten, warum tut er uns das an? Wir lieben ihn doch, wir hätten ihm helfen können!“ Zumindest stellt sich uns das so dar.

        Ich glaube aber mittlerweile, dass es vermessen ist, sich solch eine Macht zuzusprechen. Wer sind wir, dass wir die Todessehnsucht eines Anderen verhindern könnten? Wir können alles, was uns möglich ist, versuchen zu tun, aber wenn jemand entschlossen ist, sich umzubringen und nicht nur einen Hilferuf absetzen möchte, wird er es irgendwann machen, da helfen in der Regel keine noch so verständnisvollen Gespräche. Wir können uns mit Sicherheit nicht vorstellen, wie es in einem dermaßen verzweifelten Menschen aussieht, dass er sich sogar der Verantwortung seinen Liebsten gegenüber entzieht. Dass er es in Kauf nimmt, sie unendlich traurig zu machen. Der Abgrund muss so dunkel und tief sein, dass alles Andere ausgeblendet wird, anders kann und will ich es mir nicht vorstellen.

        Ich wünsche dir, seiner Familie und seinen Freunden, dass er schnell einen uneingeschränkt liebevollen Platz in euren Herzen bekommt, frei von Wut und Vorwurf, so, wie er es verdient hat und wie er es zu seinen Lebzeiten hatte. Johannes konnte es nicht anders, er hätte euch doch nicht leichtfertig mit solch einer Last und Qual zurückgelassen.

        Hoffentlich empfindest du meine Worte nicht als pietätlos, zumal ich niemanden von euch kenne. Aber ich konnte nicht anders, als zu deiner Not etwas zu schreiben, weil mich dieses bekannte Gefühl lange begleitet hat. Ich bin froh, heute mit Liebe und Nachsicht an die beiden tollen Menschen denken zu können. Dass sie mein Leben reich gemacht haben, aber nur für eine von ihnen bestimmte Zeit.

        Ich kann für mich mittlerweile sagen, dass ich Selbsttötung akzeptieren muss. Aber es fällt verdammt schwer. Weil man an Lösungen glaubt.

        Alles Liebe!

  4. Hat dies auf leiderdepro rebloggt und kommentierte:
    Total erschüttert nehme ich von Johannes‘ Korten Kenntnis. Ich bin traurig. Und ich möchte der Familie und Freunden mein herzlichstes Beileid aussprechen, ich bin in Gedanken bei Ihnen.

  5. Wir wünschen der Familie viel Kraft !
    Seine Frau und Er waren Nachbarn in unserem Haus ,und wir sind zu tiefst erschüttert! Unser aufrichtiges Beileid! Familie Schmidt aus Bochum

  6. Ich habe Johannes Korten auf den letzten Mitgliederversammlungen der GLS Bank erlebt, als ein souveräner, eloquenter und sympathischer Mensch. Als ich vor zwei Wochen las „GLS Bank trauert um Johannes Korten, konnte ich es nicht fassen, hatten wir uns noch kurz angeschaut, als er an uns vorbei ging im AudiMax der Ruhr Uni im Juni 2016. Ich habe noch nie um einen mir fast fremden Menschen geweint, aber ich saß erschüttert vor meinem Computer und habe geheult, bitterlich geheult. Es gibt doch so viele Möglichkeiten sich helfen zu lassen, warum hat er diese nicht genutzt? Ich wünsche ihm Frieden, seiner Familie viel Kraft und Trost.

Kommentare sind geschlossen.