Gedanken nach dem #ChorfestStuttgart

IMG_2227Es ist ungewöhnlich, wenn ein Social Media Manager gleichzeitig Musiker ist, Kirchenmusiker seit Anfang des Jahres im Speziellen. Das hat, wenn es um die Begleitung von Kulturevents geht oder Kunden, die Social Web und Kultur als Schnittmenge haben, seine Vorteile. Einerseits weiß ich um die eine Seite – nämlich die des „Social Media Menschen“, der versucht, den Content auf alle möglichen Kanäle zu streuen, ein waches Auge haben muss, Einfühlungsvermögen und Sensibilität und bisweilen auch ein wenig Chuzpe. Andererseits weiß ich auch ganz genau wie das ist, wenn man auf der Bühne als Sänger im Chor steht oder auch davor, weiß um die Probleme und Wünsche – und teilweise sind die Fähigkeiten, die man für beide Berufe braucht ja tatsächlich übereinstimmend.

Dinge, die ich vom #ChorfestStuttgart mitnehme:

Wir Kirchenmusiker leben definitiv in einer Filterblase, bedingt durch den Job, den Alltag, den Leuten, mit denen man zu tun hat. Wir schauen nur selten darüber hinaus, was andere Leute so treiben, weil wir einfach keine Zeit dafür haben. C-Stellen-Anwärter oder -Inhaber schon mal meistens gar nicht, weil wir den Lebensunterhalt noch nebenbei in einem anderen Beruf erwerben. Was dann dazu führt, dass wir uns gar nicht bewußt sind, wie vielfältig die Chorszene jenseits unserer Kirchenmauern ist oder was es für interessante Dinge zu entdecken gibt. Allzuoft schmoren wir wegen Zeitmangels in unserem eigenen Saft. Wir beklagen den Niedergang des klassischen Kirchenchores und vergessen, dass die jungen Menschen gerne singen – aber ihre eigenen Lieder. Was dagegen spricht in einem Gottesdienst auch mal mit dem Chor passende Pop-Songs zu singen, ich rede nicht von Leonard Cohens „Hallelujah“ im Kontext einer Hochzeit oder sonstigen Feier, hüstel.
Wenn die Frage „Wie geht es weiter, wenn der Chor überaltert“ im Raum steht – was auch traditionelle Männergesangvereine gilt, das hat aber mit dem Bild zu tun, dass man im Kopf hat, Heimat, Schützenfest, dumpfer Patriotismus oder allenfalls mal Lieder auf den schönen deutschen Wald, wer auch immer den da droben erbaut hat – dann muss man wohl pragmatisch sein und sich eingestehen, dass irgendwann diese klassische Form des Kirchenchores vermutlich eher nicht mehr unbedingt in jeder Gemeinde vorhanden sein wird. Es ist ja nun nicht so, dass jede Gemeinde ihren eigenen Posaunenchor hätte… Meine weiteren Gedanken schweifen hier in Richtung „Regionalisierung“ ab, aber das ist ein spezielles Thema, das bewahre ich mir mal wann anders auf.

Wichtig zu lernen vor allem ist Einverständnis, schrieb Herr Brecht mal, ich möchte ergänzen: Wichtig zu lernen ist auch, Kooperationen zu schließen und die Zeichen der Zeit zu diskutieren und zu erkennen. Die Unmenge von Chören, die mir beim Festival über den Weg gelaufen sind – von Kinderchören angefangen über Kammerchöre bis hin zu Acapella-Gruppen und Stimmkünstlern – zeigt: Potential ist da. Es wird gerne gesungen. Junge Leute singen tatsächlich freiwillig gerne in einem Chor mit! (Eine Erkenntnis, die einen Kirchenmusiker glatt umhaut, sofern er nicht gerade einen Gospel-Chor hat.) Und sie machen das gerne. Es gibt so viel unglaublich Spannendes, was da passiert, dass ich mich frage, warum man von der Kirche eigentlich nicht auf solche „weltlichen“ Veranstaltungen als Fortbildung geschickt wird. Gut, vielleicht wäre die Chor.com eher als Fachmesse in Frage gekommen, aber beim Besuchen der Konzerte schnapp man das Ein oder Andere doch auf.

So zum Beispiel die Erkenntnis: Schlagfiguren kann man als Dirigent machen – muss man aber nicht. Ich muss die für den C-Schein natürlich einigermaßen erkennbar und perfekt können, aber was ich so gesehen habe, das macht mir nun wieder Mut für die Praxis. Der eine Dirigent macht viel mit dem Körper, der andere gibt präzise Zeiten an, wieder ein anderer motiviert mit Gesten – und was ich an Abschlag-Varianten gesehen habe… Immerhin: einige Anregungen nehme ich mal mit. Auch was Einsinge-Übungen betrifft.

Spaß hat es auf jeden Fall gemacht – ich hatte bisher nicht die Gelegenheit, den „Messias“ mitzusingen, immerhin die Probe fürs Mitsingkonzert konnte ich begleiten, ebenfalls spannend das Morgen-Singalong. Spaß hat es auch gemacht das Chorfest mit Live-Streams zu unterstützen. Mit Christoph Müller-Girod und Frank Tentler haben wir das mit dem Streaming von Konzerten ja schon gemacht, als es damals noch das Format für Junge Leute der Duisburger Philharmoniker gab – im ehemaligen Hundertmeister, heute Grammatikoff. Und was war das immer für ein Aufwand an Technik, Kameras, lange Kabel für das Streaming, Software, Hardware – und heute? Holt man das Smartphone aus der Tasche, öffnet eine App und zack, fertig: Stream. Für professionelle Ansprüche vielleicht nicht gut genug, aber darum geht es nicht unbedingt immer. Und der Trend der „Wir haben das Video jetzt so bearbeitet, dass es etwas amateurhafter aussieht, wegen Authentizität und so“ ist ja ungebrochen. Oder so.

Jedenfalls: Es hat Spaß gemacht, es war anstrengend, aber im Gegensatz zu anderen Events hab ich viel von Stuttgart selbst sehen können und vielleicht auch ein wenig die Mentalität vor Ort verstanden. Eventuell.