Hätte, könnte, sollte oder Panik in Twitterland: Was für ein Algorithmus?

“ The company is planning to introduce an algorithmic timeline as soon as next week, BuzzFeed News has learned.“ – Ein einfacher Satz, der momentan alle in Wallung bringt und auch mich – kurz – ich habe einfach der Süddeutschen Zeitung vertraut und nicht gesehen, dass die einfach nur auf Buzzfeed rekurriert.

Ach, das machen momentan alle deutschen Qualitätsmedien?

Genau das deckt das Problem auf, was wir momentan im Journalismus haben: Es wird nicht mehr recherchiert und die Verwendung des Konjunktivs ist – neben der Angabe, dass Twitter Buzzfeed gegenüber die Meldung übrigens nicht kommentiert hat, was man eigentlich als Journalist angeben sollte, aber was unterm Tisch fällt – also – sagen wir:

HEY! HABT IHR EIGENTLICH ALLE EINE ZWEITE QUELLE FÜR DAS WAS BUZZFEED BEHAUPTET?

Versuche ich mir einen Blick über das aktuelle Geschehen zu vermitteln, so ist Buzzfeed wirklich momentan die einzige Quelle aus dem US-Bereich, die diese Nachricht offenbar exklusiv hat. (Die Ironie des Ganzen: Ausgerechnet Buzzfeed wird vom deutschen Journalismus als ernstzunehmende Quelle in Betracht gezogen? Wo die doch alle über „Listenjournalismus“, „flache Inhalte“ lästerten? Na ja, für den amerikanischen Originaldienst trifft das nicht so ganz zu, aber dennoch.)

Der obige Satz heißt in etwa: „Die Firma plant einen Algorithmus baldmöglichst – nächste Woche – einzuführen, hat Buzzfeed erfahren.“ – Von wem Buzzfeed das erfahren hat? Gute Frage, nächste Frage. Wir wissen das nicht. Müssen wir auch nicht unbedingt, aber wäre ja nicht ganz verkehrt dann auch zu wissen: Hmm, das könnten jetzt einerseits Insider-Infos sein, das könnten aber auch nur Leute sein, die das als Gerücht so weitergegeben haben. Also: Vorsichtig zu genießen erstmal.

Buzzfeed selbst erläutert dann auch nicht genau, was denn dieser Algorithmus jetzt können soll – es gibt im Artikel viele, viele Stellen, in denen die deutschen Medien gefälligst einen Konjunktiv nutzen sollten. „Could solve“ – „Könnte lösen“ – „widely assumed“ – „überwiegend angenommen“ sein wird, dass…

Und ja, richtig, Jack Dorsey hat in der Vergangenheit schon angedeutet, dass Twitter eventuell sich ändern könnte. Also Zeit, die ganzen Zitate von damals rauszuholen, die aber auch nicht mehr besagen als – könnte sein. Eventuell. Wissen wir Genaueres über die Situation an sich? Nein. Die Zitate beziehen sich ja auch nicht auf das Aktuelle Geschehen!

Und ja, Twitter hat einen Algorithmus getestet, der jetzt weiter ausgerollt werden könnte. Könnte. Im Englischen steht da wirklich nichts von Gewissheit: „It appears the test went well enough to roll it out more broadly.“ – Es erscheint so, als ob… Es hat den Anschein wäre die bessere Übersetzungsmöglichkeit.

Na ja.

Während die ganze Internetwelt Amok läuft hat sich dann Jack Dorsey selbst noch zu Wort gemeldet und Buzzfeed hat dann den Artikel aktualisiert. Das ist bei den deutschen Medien noch gar nicht angekommen, weil die alle längst im Bett sind offenbar. (Ja, die Zeitangabe bei den Tweets ist jetzt relativ zur Uhrzeit als dieser Eintrag entsteht. – Es ist also sehr früh am Sonntag Morgen hier in Deutschland.)

Also, was sagt der CEO von Twitter, der bisher die Meldung nicht kommentiert hatte – und das hätte auch in den Artikeln drinstehen können und sollen eigentlich?

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Versuche ich das in Deutsch wiederzugeben klingt das ungefähr so: „Wir hören euch zu. Wir haben nie geplant, etwas an der Darstellung der Timeline zu ändern. (Auch nicht ab nächster Woche.) Twitter ist live, Twitter ist Echtzeit. (…) Wir lieben den Live-Stream. Er gehört zu uns und wir werden ihn verfeinern um Twitter noch mehr als weniger Live-Gefühl einzuhauchen.“

Schön, dass Twitter nicht geplant hat einen Algorithmus in einigen Monaten einzuführen schließt die erste Reaktion ja nun nicht aus, aber wenn man sich das weiter anschaut, dann ist klar: Twitter wird keinen Algorithmus bekommen. Vielleicht erst vorerst, vielleicht planen die was – aber die aktuelle Panikmache ist übertrieben.

Nun hatte Thorsten Knüwer schon vor kurzem was über Journalisten-Stampeden im Zeitalter des Internets geschrieben. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass wir alle mal drüber nachdenken, ob es nicht auch zum Journalismus gehört Dinge ab und an mal genauer zu betrachten und einzuordnen statt Hot News für die Klickzahlen zu produzieren. Ach, genau das haben die vor kurzem noch gefordert? Hach, Ironie, ich liebe dich!