Kammermusik: Intim und ohne Dirigent

IMG_1738„Können wir dann bitte nochmal ab Takt 25 anfangen, bevor wir in den Dreier gehen?“, frage ich und blicke zu meiner Kollegin an der Flöte. „Irgendwie komme ich da immer wieder raus, ich weiß auch nicht warum.“ Meine Kollegin nickt und steigt punktgenau mit ihrem Flöteneinsatz ein. Diesmal klappt es: Basso Continuo und Flöte finden von dem Vierertakt ihren Übergang in den Dreier. Und ohne dass wir genauer darüber diskutiert hätten ist uns klar: Wir machen gerade Kammermusik. Natürlich ist das uns sonnenklar. Ein Klavier, eine Flöte – das kann doch nur Kammermusik sein. Aber nach der Probe gerate ich doch etwas ins Grübeln: Wie ist Kammermusik eigentlich wirklich definiert?

Ich durchforsche zu Hause meine CD-Sammlung. Streichquartette von Mozart und Haydn – klar, die fallen doch unter Kammermusik, auf jeden Fall. Streichquartette sind doch sowas von klassisch, da gibts doch kein Bedenken drüber. Die Variationen über die „Forelle“ von Schubert – auf jeden Fall Kammermusik, natürlich, da ist ja auch ein Klavier dabei. Überhaupt: Relativ häufig wenn der Begriff Kammermusik gebraucht wird, scheint das Klavier eine Rolle zu spielen. Aber dann hier, Harmoniemusik – also Musik für Bläserensemble – ist das auch Kammermusik? Hmm, eine Bearbeitung von Opernmelodien aus dem Freischütz… Klar, als man noch keine Möglichkeit hatte Musik zu Hause von Schallplatten oder anderen Trägermedien abzuspielen hat man die Gassenhauer häufig für kleinere Ensembles bearbeitet. Und die Zusammenstellung bei dieser besonderen Bläsermusik – Oboen, Klarinetten, Hörner und Fagotte – die klingt halt gut und kann einiges. Hmm, ein Stück für Klavier und Horn von Strauß, also dem Richard. Auch Kammermusik. Eine Bearbeitung von Telemann-Fantasien für zwei Klarinetten? Kammermusik. Je mehr ich durch die Sammlung stöbere, desto mehr gerate ich erneut ins Grübeln. Die einzige Komponente, die jeder Kammermusik eigen zu sein scheint ist die Größe des Musikensembles. Die Instrumente an sich spielen keine Rolle -vermutlich könnte selbst ein Theremin zusammen mit Klavier und Harfe Kammermusik spielen.

Ist das Kriterium tatsächlich die Größe des Ensembles? Gute Frage, aber wenn ich mir die Stücke für Kammermusik anschaue fällt mir auf: Die Besetzung ist tatsächlich meistens unter 10 Musikern angesetzt. Schön, es gibt auch Stücke in der Neuen Musik, die mehr Musiker verlangen – das geht dann aber schon meistens in die Richtung des Kammerorchesters, da sind die Orchesterinstrumente nur einzeln besetzt und einige wie Tuba oder Pauken komplett gestrichen. Aber ein Orchester ist dann doch etwas gewichtiger was die Personenanzahl belangt. Kammermusik geht – wenn man sich die klassischen Beispiele anschaut – kaum über 9 Spieler hinaus. Also selten mal.

Das wäre also ein Kriterium: Kammermusik ist Musik für wenige Musiker. Etwas platt, zugegeben. Aber wenn man häufiger bei Kammermusikkonzerten – langes Wort – ist, dann fällt einem vielleicht noch etwas auf. Es gibt keinen Dirigenten. So wie meine Kollegin und ich uns eigenständig bei der Basso-Continue-Sonate des Herrn Rossi abstimmen, festlegen wie die Betonung bei einigen Stellen sein soll, ob man vielleicht nicht doch an der Stelle leiser wird bei der Wiederholung – so findet Kammermusik ohne Dirigenten statt. Nicht, dass es Niemanden gäbe, der den Einsatz anzeigt, das nicht. Wäre ja auch nicht Sinn und Zweck wenn jeder Musiker auf einmal sein eigenes Tempo spielen würde. Aber den Dirigenten, den man vom Orchester her kennt, den gibt es nicht.

Hmm, also zwei Kriterien: Kammermusik ist Musik für ein kleines Musikerensemble und Kammermusik braucht keinen Dirigenten. Hat Kammermusik vielleicht auch etwas mit dieser „Sonata da camera“ zu tun, über die man bisweilen stolpert? Hmm, Arcangelo Corelli hat zwar tatsächlich sogenannte „Sonata di Camera“ geschrieben – für Basso Contiuno und zwei Violinen meistens – aber obwohl die im heutigen Begriff auch Kammermusik sind – nein, da bin ich auf einem Irrweg. Obwohl: Kammer bringt mich dann schon auf die richtige Spur. Und Herr Corelli tatsächlich dann auch, denn im Gegensatz zur Musik für die Kirche – Corelli schrieb tatsächlich auch „sonata di chiesa“ – war Kammermusik für den fürstlichen Hof bestimmt. Kammermusik = weltliche Musik im Gegensatz zur Kirchenmusik also. Leuchtet irgendwie ein. Was dann auch wiederum erklären würde, warum die Besetzung bei der Kammermusik meistens nicht an die 9 Spieler übertrifft in den klassischen Werken – vermutlich gabs in der intimen Kammer des Fürsten nicht so viel Platz.

Was aber ist der Reiz an dieser speziellen Form? Woran liegt es, dass Komponisten auch heute noch Werke für Kammermusik schreiben? Man hat doch mehr Möglichkeiten wenn man das ganze Orchester dazuzieht? Abgesehen davon, dass ein Orchester nicht immer erreichbar ist – das ist tatsächlich ein sehr praktischer Grund – hat Kammermusik ihren ganz eigenen Charme. Zum Einen ist sie sehr intim. Sicherlich gibt es auch bei oder in ihr grandiose Stellen – und die beliebten Variationen über die „Forelle“ von Schubert selbst zeugen ja davon, da gehts nicht immer nur leise und verhalten zu, auch bei Beethovens Streichquartetten. Aber dennoch hat die Kammermusik einen intimen Charme. Wenn Beethoven in seinen Variationen über „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ das Cello seufzen und ächzen lässt, dann gibt es schon Gänsehaut. Zum Anderen: Die Instrumente sind dem Hörer einfach etwas näher als beim Orchester, die verschiedenen Stimmen sind leichter zu verfolgen. Zudem ermöglicht Kammermusik die Zusammenstellung von Instrumentenfarben, die wir im Orchester meistens nur in Verbindung mit den Streichern hören – Klarinetten, Oboen, Flöten, Hörner etwa. Der Schmelz der Klarinette, der hallende Hornklang – in einem kleinem Ensemble kommen diese Farben richtig zur Geltung. Vielleicht hat es deswegen auch immer gereizt große Werke für eine kleine Besetzung umzuinstrumentieren – die Harmoniemusik sprach ich schon an, aber selbst Arnold Schönberg hat Strauß-Walzer für eine Besetzung mit Streichern und Klavier bearbeitet.

Wenn ich das nächste Mal also mit meiner Kollegin probe, dann kann ich mit Fug und Recht sagen: „Wir machen Kammermusik.“ Und wenn sie fragt, warum kann ich ihr das ganz genau erklären. Das wird dann zwar länger dauern, aber immerhin…