#scvie15 -Wien und Grandezza

 

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Beginnen kann man mit der Feststellung, dass dieses angeblich so hektische Wien – Gastgeber Herr R. meinte, die Österreicher von außerhalb würden Wien so empfinden – einen sehr höflichen, charmanten und liebenswerten Lebensstil hat. Was einen nicht in die Irre leiten sollte, denn trotz der charmanten Liebenswürdigkeit ist Wien alles andere als Laissez-faire und die nette Höflichkeit überdeckt eine gewissenhafte Stahlhärte – wenns drauf ankommt.

Das #SCVIE15 jedenfalls fand diesmal nicht im Museumsquartier statt sondern im MAK.  Wenn man zu einem stARTCamp kommt und man wird direkt mit einem großen weiträumigen Saal konfrontiert, dessen Holzstühle munter knarzen wenn man sich bewegt – dann ist das Wort Grandezza tatsächlich nicht verkehrt. Im Laufe des Camps kam man jedenfalls im Inneren des Gebäude recht gut rum – Kaminzimmer und Forum lagen dann doch einige Treppenstufen und einen Lift später. Das führt – leider – dazu, dass die sonst mir bekannte vertraulich-heimelige Stimmung etwas ins Hintertreffen gerät, weil man ja beim Sessionhopping etwas mehr unterwegs ist als das. So bleibt für den netten Plausch nach der Session kaum Zeit, außer man leistet sich den Luxus des Zuspätkommens. (Dass ich persönlich dann von der aktuellen Ausstellung und den Angeboten des MAK weniger gesehen habe liegt daran, dass draußen die Sonne schien und die Mittagspause versüßte.)

Was mir auffiel: Von den größeren Häusern in Wien war irgendwie wohl kein Mensch da? Allerdings habe ich die Vorstellungsrunde auch verpasst, von daher kann ich jetzt nicht so ganz nachvollziehen ob etwa wirklich jemand von den Wiener Philharmonikern oder den größeren Theatern anwesend war. Da reden alle von „Sharing is Caring“ und „Vernetzen“ und „Netzwerken“ – und wenn sich die Gelegenheit bietet, wird sie nicht genutzt. Ich hielt das bisher für ein überwiegendes Problem in Duisburg – aber es scheint dann doch auch allgemeiner Natur zu sein.

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Zu Beginn des Camps mit einer Session über Kreativität zu starten war keine schlechte Idee. Ich hab so einige Anregungen mitnehmen können. Leider war der Geräuschpegel im Forum dann doch etwas lauter – also die Hintergrundkulisse. Das ging in der ersten Session noch halbwegs, offenbar waren die Besucher der Ausstellung noch nicht so wach, aber als Frank Tentler dann seinen Vortrag über Kulturkommunikation 2030 hielt gings definitiv nicht ohne Mikro. (Ich kannte den Vortrag noch nicht, daher war ich mal anwesend. Eigentlich kenne ich Franks Vorträge ja schon in- und auswendig. Wir arbeiten ja des öfteren zusammen…) Und ja: Ich weiß auch nicht, warum Museen in der Regel weder Strom, noch WLAN, noch genug Bandbreite anbieten. Später war ich bei den Kunsthallen Wien, da fehlte eigentlich nur die Steckdose… (Übrigens empfehlenswerte Ausstellung momentan.)

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Da ich weiß, wer mein Blog liest – und auch die, die ich sonst so mit Texten befülle – war ich dann nicht bei der geschätzten Anke von Heyl. Soll aber fabulös gewesen sein. Stattdessen diskutieren wir über die digitale Transformation in Intuitionen. Wobei wir diese Diskussion ja schon seit Jahren führen. Wir sollten uns vielleicht auch eingestehen: Nicht jede Institution möchte digital werden. Auch gerade, weil – wie sich wohl aus der Session zu Theater im Netz ergab – Institutionen Tools nutzen weil andere Institutionen diese Tools nutzen. Kann man machen. Aber wenn ich nicht weiß, wohin ich steuere, weiß ich nicht wo und wann ich angekommen bin – da pflichte ich John Marcus Henry Brown sehr, sehr bei. (Dessen aktuelles PDF man wirklich, wirklich gelesen haben sollte.)
Oder um es mal so zu formulieren: „Ja, Snapchat ist ein neues Shiny-Tool, aber warum sollte ich es für meine Institution nutzen?“ Museen knabbern ja momentan noch an Instagram herum… Dafür muss man eine ganze eigene Ansprache entwickeln. Für Snapchat auch. Also: Das gilt für jedes Medium an sich natürlich. Wir halten uns immer noch viel zu sehr damit auf, wie wir die digitale Strategie für unsere Institution nutzen – aber das ist eher eine Frage der Umsetzung. Zwar kann man erhoffen, dass die Nutzung von digitalen Tools ein Unternehmen verändert, aber ehrlich gestanden glaube ich das nicht mehr. Bei der Digitalen Transformierung eines Unternehmens reicht es eh nicht wenn alle Mitarbeiter interne Wikis oder Slack nutzen. Die Digitale Transformierung hat viel mit Begeisterung, Schwung, Elan, Neugier und der Nutzung von neuen Möglichkeiten zu tun, die es vorher nicht gab. Und da städtische Institutionen – das ist jetzt wirklich nicht böse gemeint, aber ich kenne sie ja zur Genüge – nicht den Ansporn haben sich zu verändern, da sie sich nicht verändern müssen; die Frage ist ja auch ob Kulturinstitutionen sich neuerdings in Geschäfte verwandeln und ob das ihre Aufgabe ist – kurzum: Städtische Institutionen brauchen sehr viel länger als die Wirtschaft um sich zu verändern. Das kann, wenn man engagierte Mitarbeiter hat, die vorwärts denken, enervierend sein. Es kann aber auch ein Vorteil sein, denn gerade das Wirtschaftsdenken braucht man in der Kultur nicht unbedingt. (Seien wir doch mal realistisch: Selbst wenn das Opernhaus immer 100% Auslastung hätte, es würde sich nicht unbedingt von selbst tragen. Es sei denn, es spielt dauernd „Das Phantom der Oper“. Nichts gegen das Phantom der Oper, aber ihr wißt was ich meine. Denke ich. Sonst fragt nach.) Digitale Transformierungsprozesse müssen sich auch fragen lassen, ob sie wirklich für das Unternehmen passen. Zwar kann ich das Modell der Tate als Ziel anvisieren – aber ich muss es dann letzten Endes doch so runterbrechen, dass es für meine Institution passt. Und das ist enorm schwierig, wenn nicht verstanden wird, dass die Digitale Transformation im Grunde ALLES umfassen muss… Und immer noch steht die Frage im Raum: Was IST diese Transformation eigentlich und wozu soll sie gut sein. Damit müssen wir anfangen.

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Neue Einsichten ins Thema Storytelling haben sich beim entsprechenden  Vortrag nicht geboten – das hängt aber damit zusammen, dass ich da schon etliche Projekte gemacht habe. Insofern waren die Basics für mich nicht unbedingt relevant. Die anschließende Diskussion hätte ich gerne etwas länger gehabt. Dann hätten wir vielleicht nochmal geklärt, was eigentlich Story, was Plot ist. Der Unterschied ist im Deutschen nicht klar wenn man nur den Begriff der Geschichte nimmt. Ebenfalls ist die Frage, ob das Transmediale Erzählen nur ein Hype war – oder ob die Möglichkeiten, die sich jetzt mit den Location Based Services anbieten nicht doch wieder zu einer Belebung führen werden. Nein, ich rede nicht von CROSSmedial. Wirklich nicht. Letzteres erleben wir ja wieder mal im Kino die Tage wenn es um Star Wars und Konsorten geht. Ebenfalls ist die Frage, wie ein Unternehmen ein Storyverse erstellen kann eine, die ich gerne noch mal diskutieren würde. Nächstes Jahr vielleicht. Die Beispiele von Runtastic  zeigen, dass einzelne Geschichten, die speziell fürs Laufen entwickelt wurden funktionieren. Die Frage nach dem Wiedereintauchen in eine Geschichte – also ich glaube nicht, dass ich mir mehrmals anhören werde wie ich total toll Gewicht verliere – auch die Frage, ob diese Art von Geschichten wie bei der Gamification allgemein nicht aus den Augen verlieren, dass nicht ALLE durch das Erreichen von Zielen motiviert werden – mir sind ehrlich gestanden die Coins bei Swarm total egal, weil ich eine andere Spielermotivation habe – all das sind Fragen, die wir genauer diskutieren müssen. Ich hoffen, das tun wir auch in Zukunft.

IMG_0049Mehrmals wurde laut, dass das Format des Barcamps – so sehr es sich auch für gewisse Dinge eignet und es auch flexibel anwendbar ist – sich weiterentwickeln lassen sollte. Zwei Tage Barcamp sind machbar, aber für die Organisatoren nicht unbedingt prickelnd. (Fragt mich mal.) Vielleicht könnte man – so die Überlegungen beim Zukunftspanel – das Worldcafe-Format mit dem Barcamp verbinden. Was reizvoll wäre, aber ich plädiere nicht für ein „Entweder/Oder“ – sondern für ein „Sowohl als auch“. Wie sich allgemein das Format entickeln wird ist die Frage, ich denke aber, dass wir beim stARTCamp Ruhr York da auch noch drüber diskutieren werden. Dort hatten wir ja bisher einen Tag zum Aufwärmen mit Programm – und 15 Minuten Workshops, ich bin da ein Fan von – und anschließend einen traditionellen Barcamp-Tag. Ich denke, da geht noch Einiges.

Ansonsten sind stARTCamps immer ein Ort des Austausches – und diesmal hatte ich sogar einen Medienpädagogen hingeschleppt, mein Gastgeber arbeitet an der Uni Wien. Wie intensiv dieser Austausch wird und wie lange man danach noch in Kontakt bleibt ist natürlich immer eine persönliche Geschichte. Spaß hat es mir auf jeden Fall gemacht und wenn man vielleicht das nächste Mal noch einen Ort findet, wo man etwas kompakter während des Tages zusammenbleibt wäre das fein. Was fehlt noch? Ach so: Essen war gut.

5 thoughts on “#scvie15 -Wien und Grandezza

  1. Lieber Christian,
    ja, ja, wenn man zur Vorstellungsrunde nicht anwesend ist, dann fehlt einem was🙂 Ich fand das ja damals klasse, als wir die Vorstellungsrunde gefilmt hatten in Köln. Da haben vielen noch lange Zeit nachher reingeguckt. Denn ich hab mir auch nicht alle gemerkt, die da waren. Vielleicht kann man das auch noch mal für die Zukunft überlegen. Ich weiß aber, dass z.B. die „Burg“ da war. In der Theatersession. Und einige Wiener Museen auch. Die Albertina zum Beispiel.

    Wir haben uns auch immer nur im Vorübergehen gesehen. Aber wir sehen uns ja auch sonst immer mal wieder, nicht wahr. In diesem Sinne…

    herzliche Grüße und schöne Festtage
    Anke

  2. Danke für Deinen Reisebericht, Christian. Wie Anke schon geschrieben hat, waren viele große Kultureinrichtungen letzte Woche dabei und das aus allen Sparten.

    Wie das mit den Steckdosen im MAK ist, weiß ich leider nicht, aber ein WLAN hat es dort gegeben. Wir hatten sogar ein eigenes stARTcamp-WLAN gleichen Namens.

    Ich denke auch, dass es beim Format nicht um ein entweder oder geht. Ich würde gerne im kommenden Jahr mit der Eingangssession beginne, dann gibt es zwei Runden Barcamp, bevor am Nachmittag das World Cafe startet. Parallel möchte ich das nicht anbieten, ich würde es gut finden, wenn sich in dieser Zeit alle auf das Thema konzentrieren. Aber warten wir mal ab, der Diskussionsprozess ist noch nicht abgeschlossen.

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