Die Erzählung „Marxloh ist ein Problemviertel“ und warum sie so mächtig ist

Unbestritten: Duisburg-Marxloh ist ein Stadtteil mit Problemen. Diesen allgemeinen Satz kann man jetzt auf jeden Stadtteil von Duisburg anwenden, ja, man kann diesen Satz sicherlich auch konkret auf andere Städte übertragen. Was momentan in den Medien aber passiert ist ein interessantes Beispiel darüber, wie Geschichten und Erzählungen unseren Alltag prägen ohne dass wir uns wirklich darüber bewußt sind, dass wir es mit ihnen zu tun haben. Beziehungsweise: Die alte Erzählung aus dem Kulturhauptstadtjahr, in der die „Made in Marxloh“-Initiative verstärkt hervorgehoben wurde und die des „Wunders von Marxloh“ beim Moscheenbau sind jetzt komplett überlagert von der starken Erzählung „Marxloh ist ein Problemviertel“. Dass dies eine Erzählung ist und somit eine Geschichte ist vielleicht eine überraschende These – aber schaut man sich die aktuellen Berichte an, so beschleicht einen der Verdacht, dass hier eine Geschichte erzählt wird, die nur die düsteren Seiten betont und das, was Marxloh auch hat gar nicht berücksichtigt. Anhand von Google News und den Stichworten „Duisburg, Marxloh“ kann man die Online-Berichterstattung nachsehen – sofern diese Medien bei Google gelistet ist und dass hier allenfalls eine Stichprobe ermittelt werden kann ist ebenfalls klar. Wer diese Stichprobe als Ermutigung für weiteres Nachforschen nehmen möchte ist herzlich willkommen. Wissenschaftlich exakt ist natürlich eine andere Ebene.

Medien konzentrieren sich auf eine düstere Apokalypsen-Erzählung

„Wir fänden es ganz schrecklich, wenn Frau Merkel der Eindruck vermittelt wird, dass es hier eigentlich gar nicht so schlimm ist, wie es die Medien darstellen.“ – So laut Süddeutscher Zeitung äußert sich einer der Macher des Offenen Briefes an Angela Merkel.  „Es ist gar nicht so schlimm, wie die Medien darstellen“ oder wie es die Medien erzählen? Der Nachsatz lautet übrigens: „Es ist viel schlimmer.“ Was aber erzählen die Medien eigentlich? Und vor allem die, die viel und oft gelesen werden? Wie BILD, FOCUS etwa?

  • „Der Junge beginnt zu hüpfen und das Autodach poltert im Takt. Ein Mädchen klettert auf allen Vieren über die Heckscheibe nach oben. Ein Dreijähriger wetzt einen Spielzeugbagger über die Motorhaube. Duisburg-Marxloh, Henriettenstraße – eine Szene zwischen blassen Fassaden, Eck-Kiosk und leerstehenden Läden mit abgeblätterten Logos in den Schaufenstern.“ – So beginnt der Artikel im Handelsblatt, der gleichzeitig übrigens in der WELT erschienen ist. Ob das Auto an sich nun dort länger in der Strasse steht oder nicht – ob es also fahrtüchtig ist oder nur dort steht weil der ehemalige Besitzer keine Lust hatte, das ordentlich zu verschrotten spielt für diese Erzählung keine Rolle. Das Bild ist so stark emotional aufgeladen, dass man schon in den generellen „Apokalypse-Ton“ des Artikels eingestimmt wird. Liest man weiter, so fällt eine gewisse Wortwahl auf: Es wird „gejohlt“, „herumgelungert“ etwa. Und dann wird tatsächlich das Mittel der Geschichte in der eigentlichen Reportage angewendet: „Oder die Geschichte von zwei Streifenpolizisten, die bei einem Verkehrsunfall die Personalien aufnehmen wollten. Auf einmal hatten sie 15 Angreifer und 100 Schaulustige um sich. Erst als ein Beamter die Dienstwaffe zog, wich die Menge zurück.“ Ob der genannte Cox sie erlebt oder nicht wird nicht ganz klar. Es wird zwar nahelegt, dies seien Geschichten, die er erlebt habe – ob dem aber so ist? Dass allein mit dem Wort „No Go Area“ – das auch von anderen Artikeln verwendet wird – keine positiven Emotionen hervorgerufen. Nur: Bisher brachte man das Wort „No Go Area“ ja eher mit Ereignissen in Verbindung, die eher rechtspopulistisch zuzuordnen sind.
    Und liest man weiter häuft der Artikel Negativ-Beispiel auf Negativ-Beispiel – wie soll man sich als Leser dieser emotionalen Berichterstattung eigentlich entziehen können? Dass hier überaus negative Bilder benutzt werden und dass Formulierungen so gewählt sind, wie sie gewählt sind – die Erzählung davon, dass man in Marxloh ein Problemviertel habe, dass vielleicht schlimmer ist als damals die Rütli-Schule ist hier sehr elegant in Szene gesetzt.
    Bemerkenswert dazu ist, wie oft der Artikel auch in anderen Medien auftaucht – Handelsblatt, WELT, NTV… Dass durch die geballte Wiederverwertung der Social Proof hervorgerufen wird – „wenn viele so reden, dann kann das nicht schlecht sein, dann muss Marxloh ja wirklich furchtbar sein“ – ist ebenfalls eine Detail, das die Erzählung über Marxloh so mächtig macht.
  • Wie das bei Geschichten so ist können diese mehrere Varianten beinhalten – wenn etwa der WDR über sogenannten „No-Go-Areas“ berichtet erwähnt er auch die Geschichte des Verkehrsunfalls. Jedoch: Ein Detail hat die WELT/Handelsblatt nicht erwähnt: „Am Montagabend (29.06.2015) nehmen zwei Polizisten in Duisburg-Marxloh einen Verkehrsunfall auf, als sie an zwei polizeibekannten Männern, die in der Nähe stehen, Cannabis riechen. Sie überprüfen die Männer, und die Situation eskaliert. Die beiden Polizisten sind schnell von hundert Schaulustigen umgeben, etwa 15 Männer bedrängen die Beamten und schlagen auf sie ein. Eine Polizistin wird verletzt, ihr Kollege zieht seine Dienstwaffe, erst danach beruhigt sich die Lage.“ Während also das eine Medium im Ungefähren bleibt, liefert der WDR nicht nur die Fakten sondern ergänzt auch noch um ein Detail. Und ergänzt noch um ein Faktum: „Als Beleg nennt van der Maat die Zahl der Anzeigen wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte. 2014 zählte die Polizei in ganz Duisburg lediglich 249 Anzeigen.“ Da dass aber in die Erzählung des Problemviertels nicht passt wird dieser Fakt vom Handelsblatt/Welt/NTV nicht erwähnt.
  • Wenn ein Artikel bei einem der immer noch einflussreichsten Boulevardblätter Deutschlands folgendermaßen aufmacht, dann ist auch hier klar, dass der Leser auch hier eher eine Erzählung mitgeteilt bekommt ohne dass er es wirklich merkt. Voila, BILD : „Kriminalität, Verwahrlosung, eine überforderte Polizei: Der Duisburger Stadtteil Marxloh hat es bundesweit zu trauriger Berühmtheit geschafft.“ Fernerhin fällt auf, dass bei den zitierten Personen die Anzahl derer überwiegt, die eher negativ gegenüber Marxloh eingestellt sind. Wenn man die Aussagen des SPD-Politikers als neutral wertet, haben wir sogar nur einen Einzigen, der daran erinnert, dass Marxloh Potential auch im Positiven besitzt. Das Bild des verwahrlosten Stadtteils wird durch diese Ansammlung von Zitaten bestens als Erzählung weiterkolportiert. Positive Beispiele werden ausgeblendet. Sie passen nicht zum Bild, dass man durch die Erzählungen der Medien hat.
  • Die Huffington-Post – deutsche Ausgabe – stellt ebenfalls Aussagen und Zitate von in Marxloh lebenden Bürgern zusammen und auch hier fällt auf, dass negative Darstellungen überwiegen. Es fällt allerdings auf, dass das Bild des zersplitterten Kioskfensters bei bisher allen Berichten auftaucht. Ob das wirklich aus Duisburg-Marxloh stammt oder ob es nur ausgewählt wurde weil es in die Erzählung des düsteren Ortes passt kann der Leser nicht entscheiden. Er nimmt die Illustration daher für „wahr“. Ein weiterer Baustein für eine düstere Geschichte. Vor allem, weil der Artikel – die Huffington Post gehört BURDA – auch bei FOCUS-Online wieder auftaucht. Noch mehr Social Proof.
  • Eine positive Formulierung kann bisweilen auch zur düsteren Geschichte beitragen. Etwa wenn, laut der Rheinischen Post, Rainer Enzweiler, Mitglied der CDU, von „rechtschaffenen Bürger im Duisburger Norden“ spricht. Das kann man natürlich in der Form verstehen, dass jeder, der Recht und Gesetz liebt, in Duisburg-Marxloh leben soll. Andererseits kann der Leser dass auch auf andere Art und Weise interpretieren: Da ja häufig in den Medien Ausländer als Rechtsbrecher genannt werden, können rechtschaffene Bürger eigentlich ja kaum Ausländer sein. Dünnes Eis auf das man sich hier wagt, aber es sollte nicht unterschätzt werden, dass diese Aussage tatsächlich in dieser Gehaltform ankommt.
    Interessant ist jedoch, dass im Artikel genau das zur Sprache kommt, was sonst unter der Oberfläche zu finden ist. So meint der AWO-Sprecher:  „Die Ordnungskräfte müssen dafür sorgen, dass sich ganz normale Bürgerinnen und Bürger sicher in ihrem Quartier fühlen. Genau dieses Gefühl (Kursivsetzung d. Verf.) droht inzwischen verloren zu gehen.“ Es geht also neben den Zahlen, Daten und Fakten um Emotionen. Ruft man sich noch mal das Bild der trampelnden Kinder in Erinnerung wird klar, warum in Zusammenhang mit dem anderen Gefühl der Ohnmacht die Erzählung so stark ist. Übrigens setzt der AWO-Sprecher noch nach und bringt es auf den Punkt: „Bilder (Kursivsetzung d. Verf.) von vermüllten Straßen oder Höfen signalisierten zudem, dass die Ordnung im Stadtteil verloren zu gehen drohe. Auch wenn es sich um Einzelfälle handelt und keineswegs Marxloh charakterisiere, „ist es wichtig, konkret und schnell auf solche Probleme zu reagieren“, so Schwarthans.“
  • Wenn der SPIEGEL über Marxloh berichtet so schließt er nicht an die große Erzählung per se an. Er beruft sich auf intern ihm vorliegende Papiere, die in der Erzählung selbst eine Rolle spielen, zieht die verschiedenen Standpunkte heran. Allenfalls legt der SPIEGEL den Focus der Erzählung neu: Statt auf die bisherigen Anwohnereinschätzungen rückt er den Aspekt der überforderten Polizei in den Mittelpunkt. Ein Thema, dass bisher in der Erzählung allenfalls am Rande vorkommt. Denn: Überforderte Polizisten sind keine guten Emotionsträger – man hat da eher andere Bilder im Kopf, wenn es um Polizisten und Übergriffe geht. Für die emotionale Weiterzählung ist das nicht brauchbar. Vermutlich nur dann, wenn ein tragischer Übergriff im Tod eines Polizisten in einem Problemviertel münden würde – was Gott verhüten mag.
  • Sucht man nach „Marxloh“ bei STERN-Online ist das Ergebnis mager. Zwei Meldungen über Gewaltatten – die allerdings älter sind und in der aktuellen Debatte nicht auftauchen – und die Meldung, dass Merkel nach Marxloh komme. Für den STERN hat die Geschichte offenbar keine größere Relevanz.
  • Wie sich Themen der Erzählung weitertragen kann man anhand des Artikels von News.de sehen. So finden sich hier nicht nur eindeutige genannte Bezüge auf den NTV-Artikel aka Handelsblatt – siehe oben: „Duisburg-Marxloh wird nicht mehr von Gesetz und Ordnung, sondern von Familienclans und ethnischen Gruppen kontrolliert. In einem Beitrag des TV-Senders „N24“ berichten Anwohner von „der“ Straße der Kurden oder „der“ Straße der Rumänen.“  Dies ist tatsächlich aus dem Artikel entnommen, wenngleich auch nicht direkt verlinkt wird. Allerdings klingen einige Sätze auch vertraut – so findet sich die Formulierung mit den Stahlarbeitern fast ähnlich im Handelsblatt-Artikel wieder. Der Artikel stützt sich also auf Zweitquellen – und destilliert daraus so viele Emotionen und Bilder wie möglich damit möglichst viel geklickt wird.
  • Abgesehen von dem Artikel der Süddeutschen versucht der Artikel von DerWesten nicht nur die düstere Erzählung zu transportieren sondern auch einige positive Gegenbeispiele zu setzen. „So kann man die Schlaglichter aneinanderreihen, denn etwas anderes ist das nicht. Ja, man kann in eine Straße geraten, die man besser nicht genommen hätte. Aber: Die nächste Straße ist dann auch wieder halbwegs normales Ruhrgebiet.“ Und damit erhellt DerWesten noch einen weiteren Punkt: Wir haben es hier mit einer Berichterstattung zu tun, die Schlaglichter aneinanderreiht. Wie das Leben in Marxloh „wirklich“ ist – man sollte mit dem Begriff der Wirklichkeit vorsichtig sein – bekommen die Leser nicht mit. Sie bekommen nur einige Brennpunkte vermittelt.

Duisburg-Marxloh: Die Apokalypse als Grunderzählung

Die Stichprobe zeigt: Medien transportieren eine Apokalypsen-Erzählung über ein düsteres, verrufenes und nicht mehr „gesetzliches“ Duisburg-Marxloh. Die Apokalypse als Erzählform berichtet über das Ende der Welt, über die letzten Tage an denen Gott, Götter oder anderen Kräfte miteinander ringen. Bilder einer Apokalypse prägen sich wegen ihrer Dramatik und ihrer Emotionen sehr stark ein. So wird wohl kaum jemand, der eine Passage aus der Apokalypse des Johannes gelesen hat nicht in irgendeiner Art und Weise von den Schrecken und dem Verderben beeindruckt sein. Einige Bilder der Apokalypse – wie etwa Insekten, die wie Hubschrauber aussehen – sind dann ja tatsächlich im Kino wieder aufgenommen worden – treffenderweise dann in „Apokalypse Now“. Meistens steht am Ende der Apokalypse die Vernichtung der bestehenden Ordnung, des Planeten Erde. Wenn die Medien in der Berichterstattung gezielt Bilder des Schreckens aufnehmen und verbreiten – und durch die Mehrfachpublikation eines Artikels noch für einen Social Proof sorgen – dann nehmen sie das Gefühl der Ohnmacht und der totalen Ratlosigkeit der Anwohner nicht nur auf. Sie steigern es und potenzieren es sogar.

Während Christen jedes Jahr im Dezember den Advent, die Ankunftszeit und das Warten auf den Messias zelebrieren, so warten die Medien momentan auf die Ankunft der Bundeskanzlerin. Diese passt zumindest in die christliche Deutung der Apokalypsen-Erzählung: Am Ende des Schreckens, am Ende des Verderbens und nachdem das Böse besiegt ist erscheint der Messias. Die Heilgestalt. Die Recht und Gerechtigkeit bringen wird. Tatsächlich passt der Auftritt der Bundeskanzlerin – durch die auch erst der Focus wieder erneut stärker auf Marxloh gerichtet wurde – zwar in die Form der Erzählung. Doch diejenigen, die sie erwarten rechnen nicht damit, dass auf einmal Frieden, Liebe mit ihr einzieht. Vermittelt jedenfalls die Berichterstattung – ob dem auch so ist? Es ist aber durchaus erstaunlich, wie passend die Apokalypse als übergeordnete Erzähl-Form die Medien bestimmt. Und das, ohne dass sich der Leser oder der Journalist als solches dessen bewußt wird.

Die Apokalypse als Chance?

Wenn in der christlichen Tradition die Apokalypse nur als Zwischenzustand vor dem eigentlichen Finale des Guten zu werten ist – wo ist heute an dieser Stelle die Chance, die die Apokalypse auch bietet? Oder ist es so, dass man gegen diese mächtige Erzählung nichts ausrichten kann?

Ist die Verstärkung der positiven Maßnahmen, die es in Marxloh gibt vielleicht ein Weg? Vielleicht, aber man sollte nicht damit rechnen dass die selektive Wahrnehmung, die jetzt auf Untergang gestimmt ist diese positiven Beispiele auch aufnimmt. Sie werden ja schon in der aktuellen Berichterstattung eher nicht erwähnt. Sie können aber durchaus die Keimzelle von neuen Erzählungen werden. Naiv gedacht ist das keinesfalls, aber angesichts der Überwältigung durch die Apokalypse-Erzählung und den Post-Doomsday-Szenarios – und gerade in ein Szenario a la Mad Max passen auf Autos trampelnde Kinder wunderbar hinein übrigens – würde das vermutlich dauern. Wobei gerade die Erzählung des „Wunders von Marxloh“ – des Moscheenbaus – doch hier auch nochmal reaktiviert werden könnte. Warum die positiven Erzählungen aus der Vergangenheit keine Wurzeln geschlagen haben und nicht weiterzählt worden sind ist eine gute Frage, die ich hier nicht beantworten kann.

Jedenfalls: Mit einer Imagkampagne ist Marxloh nicht gedient. Jedenfalls keiner, die aufgesetzt und von außen daherkommt. Nur die Erzählungen und Erfahrungen der Menschen aus Marxloh können das. Dabei darf aber nicht der Apokalypse-Faktor alleine herangezogen werden sondern auch genauso positive Wertschätzungen und Aspekte aus Sicht der Marxloher sollten neben den Daten und Fakten genannt werden. Solange der Focus der Erzählung aber auf den Voyeurismus der Apokalypse liegt, so lange haben andere Erzählungen erstmal keine Chance.

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