Perfektion in Reinkultur: Das Auryn-Quartett in Dortmund – #auryn4

„Musik scheint von allen Künsten die zu sein, die uns am unmittelbarsten berührt, und auch die, die am leichtesten Lust und Ekstase hervorruft“, schreibt der amerikanische Musikpsychologe Robert Jourdain in seinem Buch „Das Wohltemperierte Gehirn von 2001. Er muss bestimmt vor der Formulierung dieses Satzes das Auryn-Quartett gehört haben, denn wenn im Bereich der Kammermusik die Streicher einen in den Himmel der Seligkeit entführen können, dann sind das die Instrumente der vier Herren.

Photo: Christoph Müller-Girod
Photo: Christoph Müller-Girod

Ganz unerwartet ergab sich heute die Gelegenheit für mich seit längerer Zeit mal wieder – na schön, zählt „Metropolis“ bei den Dortmundern als Konzert? Okay, SONDERkonzert… – das Konzerthaus in Dortmund zu besuchen. Ich hatte mich zwar schon voraussichtlich bei meinem Posaunenchor als „fehlend“ entschuldigen lassen, so ganz sicher war der Termin aber dann doch nicht. Schließlich die erlösende SMS: „Karte kommt!“ Dann also direkt mit Laptoptasche und buntem Hemd in Jeans ab von Oberhausen – derzeit bin ich bekanntlich in die Rolle des Spocks geschlüpft für #Nordmeere – nach Dortmund. Schön, dass das Mitnehmen von großen Taschen bei den Dortmundern kein Problem ist. Ich gebe meine Arbeitsmaterialien – hüstel, Mac, hüstel – nur ungern aus der Hand. Außerdem muss man dann nicht Schlange stehen hinterher.

Wenn man kein Gasttwitterer bei den Dortmundern ist – diese Option gibt es nur bei den Philharmonischen Konzerten und bekannterweise ist die Orchestersaison ja fast schon oder ist schon zu Ende – dann ist es – wie das Dortmunder Mädel ja schon in der Vergangenheit schrieb – einfach ein reines Vergnügen sich in den Sessel fallen zu lassen und einfach der Musik zu lauschen: „Und bei so einem klassischen Konzert darf ich mal nur sitzen und die Musik auf mich wirken lassen. Im Ohr, aber auch körperlich.“

Und so habe ich das heute auch mal gehalten und habe nicht nochmal rekapituliert was ich über das Programm wußte – vor allem weil ich bis kurz vor Beginn des Konzerts auch kein Programm mit Erläuterungen hatte, die Durchreichaktion durch das Publikum war schon eine nette Aktion für sich. Heute wollte ich einfach nur entspannen. Und abgesehen davon: Wer behält bei all den Streichquartetten von Haydn schon den Überblick, wenn er keine Strichliste – am – Kühl… Hem. Hem.

Auf dem Programm standen heute also:

Joseph Haydn Streichquartett G-Dur Hob. III:58

Maurice Ravel Streichquartett F-Dur

Felix Mendelssohn Bartholdy Streichquartett Nr. 3 D-Dur op. 44 Nr. 1

Man möge Anlage der Sätze und welche Motive da wo und warum erscheinen bitte in der Wikipedia oder an dem Ort im Internet der Wahl nachschlagen….

Mir ging es heute um etwas Anderes: Um ein zur Ruhe kommen, ein Abschalten, ein Abstellen all der Dinge, die am Tag in diverse Redaktionspläne und Gespräche flossen – einfach mal kein Blogger wie damals bei Da-Capo sein zu dürfen oder auch einfach mal keine Tweets absetzen zu müssen, einfach nur hinsetzen – zurücklehnen – Beine lang…

Das hab ich echt vermisst nach diesen letzten turbulenten Tagen und dann wiederum war ich so fasziniert von der Art, wie das Quartett miteinander kommuniziert – wie sie mit, ja, Liebe, Lust und Hingabe ganz und gar in ihrer Musik aufgehen – meine Fresse! Ich habe ja keine Ahnung davon wie die Technik ist, die jungen Leute hinter mir schienen das eher zu haben den Reaktionen nach zu urteilen – ab und an gabs einenen Laut der Überraschung oder Anerkennung – aber diese lupenreinen Töne, die durch alles hindurch aufsteigen, diese Art aus dem Augenwinkel heraus auf den Mitspieler zu achten und auf die geringsten Signale zu reagieren – mein Gott, wenn das im Leben mit dem Teamwork nur so wäre, das Leben wäre fast PERFEKT!

Ich muss nochmal auf den Blogbeitrag des Dortmunder Mädels zurückkommen: „Ich darf mich von der Musik treiben lassen. Ich “muss” mal nichts. Darf einfach da sitzen und gucken, was die Musik mit mir macht. Das ist super! Der Tag, der diesem Abend vorausging, war ziemlich anstrengend. Ich hatte viel Stress und Ärger. Und jetzt sass ich da im Konzert und plötzlich war der Tag wieder heile. Das schafft so schnell keiner. Und ich finde, genau das macht einen guten Abend aus!“ Genauso war das bei mir – also jetzt dieser Tag war eigentlich angenehme, aber die letzten beiden waren stressig und doof und problematisch – und all das, das Grübeln, die Sorgen, die Fragen die noch übrige blieben – es verpuffte schlagartig mit den ersten Takten von Haydn, mit dem Humor und der Präzision wie die Geigen da zweimal fragend etwas anticken – und dann von Bratsche und Cello angebrummt werden. Das war alles so präzise, auf den Punkt und in einem Guss.

Oder um es mit Barbara zu sagen: Die Anerkennung kann nicht groß genug sein für ein Quartett, das jeden Winkel beim Musizieren ausleuchtet. Danke für den Abend, liebes Auryn-Quartett. Danke dem Konzerthaus Dortmund dafür, dass sie das beste Quartett aller Zeiten einluden. Vor allem der Mendelssohn war ein Fest.