Der unbequeme Nutzer oder warum Alternativen nicht fruchten

Nun ist es nicht so als ob Die Anstalt mit diesem Beitrag nicht durchaus einige Wahrheiten anzubieten hätte. Dass aber die Schuld wieder dem Einzelnen zugeschoben wird, der leider, leider, leider nicht Mails verschlüsselt weil es zu unbequem sei, dass natürlich schicke Benutzeroberflächen ihren Reiz haben – ist das nicht zu einfach gedacht?

Natürlich liegt es an jedem Einzelnen ob er sich für Dinge entscheidet oder ob er sich dieser Dinge enthält. Unbestritten: Wir haben immer die Wahl. Wir können zu Facebook gehen oder wir können zu einer Alternative greifen. Vor kurzem ist Ello ja als neuer „Facebook-Killer“ – eine Phrase, die durch Wiederholung nicht wahrer wird, davor war es Diaspora – gehandelt worden und warum? Weil Ello hoch und heilig versprochen hat, dass die Daten, die Nutzer dort eingeben nicht vermarktet werden. „Du bist kein Produkt“, rief Ello uns entgegen. Und sofort hatte es den Nimbus der Hehren, Guten, derer, die als wahre Helden gegen Facebook und Co. gegen den bösen Kapitalismus in der Welt antreten. Kommt zu uns, hier ist es kuscheliger!

Wir sind nicht unbequem, die Produkte sind scheiße

Ein Heilsbringer, der Google Analytics für Datenanalyse nutzt. „Ello uses an anonymized version of Google Analytics and Segment to gather and aggregate general information about user behavior. Google/Segment may use this information for the purpose of evaluating your use of the site, compiling reports on site activity for us and providing other services relating to site activity and internet usage. Google/Segment may also transfer this information to third parties where required to do so by law, or where such third parties process the information on Google/Segment’s behalf.“ Da kommen erste Kratzer in den Heiligenschein wenn man sich wirklich mal die Datenschutzbestimmungen von Ello durchliest. Keine Weitergabe von Daten an die Werbung? Mag sein. Keine Weitergabe von Daten generell an andere Drittfirmen? Eher nicht so. Dass darüber hinaus Ello immer noch ein amerikanisches Unternehmen ist und somit natürlich auch gezwungen werden kann Daten rauszurücken wenns um Terrorismus geht – oder dass die NSA sicherlich auch hier ihre Finger im Spiel hat im Hintergrund und schön Daten sammelt – darüber denkt natürlich keiner nach. Nein, Hauptsache endlich ist mal wieder ein Guter, ein Hehrer, eine Projektionsfläche für all die Wünsche und Sehnsüchte von Leuten nach einer unkomplizierten und heilen Welt aufgetaucht. Das ist so wie damals der Werbespot mit Coca-Cola in den 70gern, der dank des Mad-Man-Finales nochmal hervorgekramt ist. „Love, Peace and Capitalism, but in a nice way!“ So funktioniert das nicht.

Man kann über die bunten Designeroberflächen spotten, man kann über die Funktionalitäten, die andere Dienst – wie DuckDuckGo als Suchmaschine oder Ixquick etwa – angeblich besser machen reden und diese anpreisen. Angeblich, weil wir als normale Bürger den Aussagen von Diensten vertrauen müssen. So siehts doch aus. Im Grunde ist doch alles eine Frage des Vertrauens und des Vorschusses. Denn Vertrauen bedeutet immer, dass ich einen Vorschuss gebe. Nur: Selbst wenn Ixquick von sich behauptet meine Privatsphäre zu schützen und nichts zu speichern – dann muss ich denen das erstmal so glauben. Da wird das Verhältnis auf einmal umgekehrt: Ich muss nicht mehr vertrauen, ich muss auch noch denen glauben, dass die wirklich nichts speichern. Können die mir das auch wirklich beweisen? Ich kann natürlich nachfragen per Email. In die Niederlande. Das ist nämlich der Hauptsitz von denen. Womit wir schon wieder den deutschen Boden des strengen Bundesdatenschutzgesetzes verlassen hätten. Nun sind die Niederlande in Fragen von Datenschutz eventuell sogar ein wenig weiter als wir – wenn ich Niederländisch verstehen könnte, könnte ich das sogar in deren eigenem Gesetz nachschlagen was dort gilt und in wieweit Datenschutz für die von Relevanz ist. Wobei: Ein Land, das fröhlich die Vorratsdatenspeicherung durchgejagt hat und immer noch an ihr festhält – ich bin mir nicht so sicher ob meine Daten dort wirklich geschützt sind. Das ist eine Glaubensfrage. Die auch durch ein Zertifikat des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz aus Schleswig-Holstein nun nicht wirklich beantwortet werden kann. – Denn: Das Siegel ist vom ULD entwickelt worden. Ja, es beruht auf europäischen Richtlinien. Sicher. Und wer mag kann sich 59 Seiten als PDF herunterladen in denen auf englisch genau die Kriterien für die Vergabe des Siegels erläutert werden. Das kann ich tun, sicherlich. Aber dazu muss ich eine Menge von Fachvokabeln verstehen und schon etwas über Datenschutz wissen. Das kann man nicht von jedem Nutzer von Ixquick voraussetzen, oder? Ebend: Glaubensfrage.

Aber zurück zu den Funktionalitäten, den gespotteten: Es mag sein, dass die Verschlüsselung von Emails kein Thema ist wenn man denn ein Email-Programm nutzt und einmal verstanden hat wie das mit öffentlichem und privatem Schlüssel ist und wo man den deponiert. (Ich klammere mal Dienste wie Posteo aus, da sind wir wieder bei der Glaubensfrage, ich GLAUBE ja auch daran, dass Threema die besser Alternative zu Whats-App ist, aber wer nutzt das schon? Dazu kommen wir noch…) Woran Verschlüsselung von Mails scheitert? „Verschlüsselte E-Mails zu versenden ist sehr einfach, natürlich nur dann, wenn beide Kommunikationspartner ein Verschlüsselungsprogramm installiert haben.“ Tja, hat das BSI schon Recht. Im privaten Bereich könnte man sogar noch seine Verwandten dazu zwingen, zu verschlüsseln. Damit berühre ich zwar ein heikles philosophische Thema – habe ich das Recht, die Entscheidungsfreiheit des Anderen so zu beschneiden, dass der gar keine Wahl hat? Damit wäre ich ja nicht anders als die Fanatiker bestimmter Religionen, oder? Sofern man Mails mit Behörden oder Kulturinstitutionen wechselt haben wir das oben zitierte Problem: wenn ich eine Mail an die Stadt Duisburg schicke weil ich etwas wissen möchte, dann kann ich die verschlüsseln, werde aber vermutlich keine Antwort drauf bekommen. Insofern: Ja, Email-Verschlüsseln ist total toll wenn alle das machen. Machen aber nicht alle. Abgesehen davon, dass ich Behörden bisweilen nur durch ein Kontaktformular erreiche wenn ich online mit denen kommunizieren will. Soweit zu: Wir Nutzer sind zu unbequem. Nein, sind wir nicht. Wir sind nur pragmatisch – und wir nutzen Dinge auch einfach mal nicht, weil sie scheiße kompliziert sind. Und zu unattraktiv. Wir Luxusnutzer wir aber auch, wir verlangen dass Dinge auch noch schön sind? Nein, wir verlangen, dass sie möglichst einfach zu handhaben sind. Sie sollen funktionieren!

Kosten-Nutzen-Rechnung

Abgesehen davon: Ich fühle mich sehr exklusiv. Ja. Wirklich. Weil von allen Bekannten, die ich habe ich nur zwei habe, die Threema wirklich aktiv nutzen – und es nicht einfach nur panisch runtergeladen haben weil WhatsApp das Telefonbuch des Smartphones auf die Server lud. So wie Path damals. Und Threema dann doch nicht nutzten weil – nun – alle anderen nutzen WhatsApp. Falls ihr das Wort Gruppenzwang kennt wisst ihr, was ich meine. Und selbst, wenn ein neuer sozialer Dienst aufmacht, wer hat als erster eine Beta-Einladung? Ich. Und alle, die ich sonst auch durch Facebook und Co. kenne weil die natürlich ausprobieren wollen wie gut oder schlecht das System ist. Im Grunde vernetze ich mich dann mit Leuten, mit denen ich schon auf anderen Netzwerken vernetzt bin – Redundanz ist toll. Und selbst wenn ich bewußt wie bei Ello versuche, mit anderen Leuten als den üblichen mich zu vernetzen: Es mag sein, dass ich für die paar Kontakte Ello mal aufmache. Das passiert immer dann wenn ich per Mail wie bei Seniorbook daran erinnert werde, dass ich da noch einen Account habe. Der Großteil aber der Kommunikation mit Bekannten findet in Facebook, in Twitter, in Google+ – na ja – statt.

Logisch: Nur weil andere Dienste besser sind verlasse ich doch nicht komplett die anderen Dienste. Da habe ich meine Fotos hochgeladen. Da sind Kontakte, die ich nicht per Mail regeln kann eventuell. Und warum habe ich da Dinge überhaupt hochgeladen? Hätte das ja sein lassen können, aber irgendwie habe ich einen Nutzen davon gehabt. (Abgesehen davon, dass man nicht alles in Netz reinschreiben muss – aber das sollte sich rumgesprochen haben – ebenso wie nicht alle Photos bei Facebook landen müssen.) In dem Fall sind mir dann die AGBs und die Rechte, die ich eventuell abtrete – oder auch nicht – total egal, weil der Nutzen höher ist als die Kosten. Daran denkt aber natürlich keiner, der mit Verschlüsselung, schizophrenem Verhalten oder so ankommt. Ja. Ich kann aus Facebook aussteigen. Florian Blaschke hat das ja sogar mit Ankündigung gemacht – allerdings hat Florian immer noch einen Twitter-Account und ein persönliches Blog. Sollte man bedenken, das schmälert natürlich den Schritt nicht. Aber ich glaube, Florian hat sich dennoch nicht jetzt bei Ello angemeldet oder einen der anderen Facebook-Killer. Für Florian waren die Kosten größer als der Nutzen und er hat die Reißleine gezogen. Dafür verdient er immer noch Respekt. Aber weder ich noch andere sind Florian. (Wobei andere durchaus Florian Blaschke heißen, aber den amüsanten Artikel kann man ja selber mal ergooglen. Oder wie auch immer…)

Ich habe über Jahre hinweg Beziehungen in diversen Software-Klicki-Bunti-Vernetzungs-Angeboten aufgebaut. Und wenn ich auf einmal umziehe oder gar in ein anderes Land weggehe, dann bleiben diese Beziehungen, in die ich jede Menge Arbeit und Zeit gesteckt habe, natürlich auf der Strecke. Wird das von dem Beitrag der Anstalt bedacht? Natürlich nicht. Weil Die Anstalt Kabarett ist und Kabarett darf natürlich Dinge auf die Spitze bringen und Problem aufzeigen. Aber in der Wirklichkeit sind die Antworten nicht so einfach wie die Fragen. Eher sind die Fragen komplex und die Antworten manchmal paradox. Insofern ist alles eine Frage des Vertrauens und des Glaubens. Sicherlich kann ich einen Beitrag dazu leisten, wie und dass ich bewußt mit Dingen umgehe – aber nur weil ich angeblich zu unbequem bin soll ich mich nicht schützen? So einfach ist das halt nicht.