Kunstvermittlung soll Spaß machen oder Banal ist relativ

Banal. Böses Wort. Vor allem wenn es um die hehre und holde Vermittlung von Kunst geht – da hat das Wort definitiv nichts zu suchen. Sagt jedenfalls vor kurzem Wolfgang Ullrich in der ZEIT und löst damit eine Debatte aus, die im Grunde genommen bisher eigentlich am Kern des Ganzen vorbeigeht. Finde ich.

Bedenke den Spaß! (Briegel der Busch)

Abgesehen mal davon, dass die Vermittlung von Kunstwerken für Demente und Blinde keineswegs banal ist, auch wenn Ullrich bei dem Beispiel der Umsetzung eines Bildes in eine Begreifbarkeit zetert und hier die von der EU geforderte Barrierefreiheit in einen Topf mit seinen Thesen wirft – eigentlich müsste auch jede öffentliche Museumswebseite barrierefrei gestaltet sein, aber selbst da hörts ja bisweilen schon auf. Ullrich wirft der Kunst und der Kunstvermittlung in Museen vor, sich mit allem gemein zu machen und dabei das eigene Profil zu verlieren. Ja, noch Schlimmer: Kunst muss vor der Banalisierung geschützt werden und vor der Beliebigkeit mit der mit ihr umgegangen wird. Im Endeffekt möchte Ullrich der Kunst einen Tempel errichten, in dem sie auf einem hohen Podest steht und nur die Priester schlussendlich dann die hohen Weisheiten an das gemeine Volk verkünden. Damit aber bestärkt er tatsächlich einen Gestus und ein Gehabe, dass in etlichen Museen ja schon vorhanden ist. Die vorgefertigte Meinung des Experten wird bei Führungen gerne auf das Publikum aufgedrückt und die muss hingenommen werden. Kunst soll nicht banal sein! Kunst muss etwas sein, dass hoch und heilig und geschätzt wird!

Und wo bleibt bitte der Spaß? Wo bleibt bitte das Vergnügen an der Kunst? Wo bleibt die Lust sich mit ihr auseinanderzusetzen? Gehe ich in ein Museum weil ich eine vorgefertigte Meinung über das Kunstwerk von der Vermittlung abholen möchte? Oder gehe ich freiwillig – und nicht im Rahmen einer Schule oder sonstwie gezwungen – weil ich einfach Spaß an der Kunst habe und diese auch unvoreingenommen betrachten möchte und kann? Man kann darüber streiten ob gewisse Formen der Kunstvermittlung heutzutage noch adäquat sind und sicherlich gibt es gute und schlechte Kunstvermittlung – Ullrich aber schert nur einen Kamm statt zu differenzieren. Sicherlich kann man naserümpfend auf das Banale herabsehen. Wenn aber ganze Kunstrichtungen, die früher als banal galten heute in Museen zu sehen sind – oder ist die Pop-Art etwa nicht banal? Natürlich ist sie das in dem Sinne, dass sie Dinge aufgreift, die aus dem Alltag der Menschen stammen – sollte man mit der kompletten Verurteilung eines Begriffes und der Aburteilung der Kunstvermittlung vorsichtig sein.

„Bedenke den Spaß“ ermahnen Briegel der Busch und Chili das Schaf immer Bernd das Brot, wenn dieser pessimistisch vor den Folgen einer Unternehmung warnt. Eine banalere Quelle für ein Zitat als eine Kindersendung des KIKA mag es wohl kaum geben – und ich habe meine Heftromansammlung jetzt nicht nach passenden Zitaten sortiert, tut mir leid. Aber gerade dieses „Bedenke den Spaß“ vermisse ich bei der Debatte. Kunst soll erlebt, betrachtet und genossen werden. Mag sein, dass etliche Künstler ihre Werke nicht unbedingt so konzipiert haben und es kann auch sein, dass Kunst bisweilen schwierig zu verstehen ist wenn man sie alleine für sich betrachtet. Dann vermittelt sie mir halt in dem Moment in dem ich alleine davor stehe keinen Lustgewinn. Dass kann sich aber dadurch ändern, dass ich einen spielerischen, ja, banalen Zugang zu diesem Werk erhalte. Bei der Knienden im Lehmbruck etwa kann das durch das Vermessen der vielen Dreiecke, die die Figur bildet, passieren. Wobei die Kniende an sich als fassbare Skulptur ja einen leichten Vorteil hat – aber selbst hier können banale Methoden durchaus einen Gewinn an Wissen und vor allem an der Lust vermitteln. Wenn ich keinen Spaß an der Kunst habe, komme ich nicht freiwillig wieder und zahle sogar noch Eintritt.

Allgemeinplätze sind nicht immer wahr

Zwar wird letztendlich nicht jede Kunstvermittlung jeden Menschen erreichen – es empört aber wie selbstverständlich Ullrich davon ausgeht, dass Meinungen wie „Senioren brauchten sich nicht mit Musik von Jugendlichen zu beschäftigen oder für Leute ohne Schulabschluss sei höhere Mathematik zu schwierig“ nicht in Frage gestellt werden. Das ist nicht akzeptabel. Es kann nicht sein, dass Kunstvermittlung sich zurückzieht auf das hohe Podest des Unnahbaren und dann die Bemühungen für die verschiedenen Zielgruppen einstellt. Genau das aber steckt doch unausgesprochen hinter diesem Argument. Kunstvermittlung für Demente? Die begreifen doch echt nichts mehr, also lassen wir das doch einfach mal. Kostümierungen im Rahmen einer Ausstellung? Ach, das ist zu oberflächlich, das hat gar keinen Wert. Kunst für Blinde? Die sehen doch eh nichts mehr. Was für ein Bild des Menschen steckt denn hinter dieser Argumentation? Von vornherein zu urteilen, dass Kunstvermittlung nicht alle in gleicher Weise erreichen würde ist ein Allgemeinplatz und ob dieser wahr ist oder nicht können nur diejenigen beurteilen, die in der Praxis drin stecken. Dass hintersinnig vermittelt wird, dass gewisse Menschen einfach nicht fähig sind Kunst zu begreifen – das ist letzten Endes ein Skandal und kann so nicht stehengelassen werden. Ich weiß nicht, was Herr Ullrich sich bei diesen Formulierungen dachte. Vermutlich nicht besonders viel.

Statt die Möglichkeiten zu sehen, die auch banale Methoden haben – und den Spaß im Menschen an der Kunst zu wecken, die Lust, den Genuss, die Voraussetzungen überhaupt dazu zu legen sich mit Kunst zu beschäftigen – sieht Ullrich nur wie einfach, simpel, abgeschmackt und banal die Kunst geworden ist und fordert sogar die Künstler auf, sich gegen diese Art zu stellen. Dummerweise haben Künstler zwar ein gewisses hoheitliches Recht, sicherlich können sie dem Kunstvermittler, der Kunstvermittlerin auch dezidiert Anweisungen geben wie sie denn ihre Kunst gesehen haben möchten – letzten Endes liegt aber die Meinungshoheit und die Interpretation des Kunstwerkes bei mir. Und wenn ich keinen Spaß habe etwas länger zu betrachten und zu untersuchen werde ich dem Künstler eventuell auch gar nicht gerecht. Nun mag nicht jedes Bild in einem Schaffensakt der Freude geworden sein, nicht jede Kunst ist eitel Wonne und ja, ab und an tut sie auch weh – sie tut aber weh, weil sie mich im Innersten berührt und weil sie etwas auslöst. Und wenn durch Methoden, die begreifbar sind und die mich als Menschen in der Betrachtung weiterbringen gerade diese Emotion noch weiter vertieft wird – was kann es besseres geben?

Die Furcht vor der Unterhaltung

Im Grunde aber scheut sich Ullrich wohl vor der Unterhaltung. Er hat Angst, dass durch die Unterhaltung die Werte der Kunst herabsinken und dass durch die Unterhaltung Werte verlorengehen. Jedenfalls sticht das manchmal unterschwellig aus dem Text hervor. Wenn Pop-Art oder Fluxus unterhalten – vermitteln sie dann keine Werte? Massenweise Siebdrucke von Marilyn Monroe – sind die nun eine Kritik am Massenkonsum oder sind die einfach nur Siebdrucke, die Warhol gemacht hat weil ihm langweilig war? Oder feiern sie gar eine Ikone der Unterhaltungskultur? Ist da nicht auch ein Hauch von Kritik spürbar? Marilyn als Oberfläche, auf die jeder sein Bild und seine Farben projizieren kann? Das popbunte Bild von ihr unterhält, sicher und wenn man sich das nur als Bürodekoration an die Wand hängt mag es halt beim banalen Umgang damit bleiben. Aber hängt man sich Bilder ins Büro wenn sie einem nicht gefallen? Wenn sie einem nicht doch irgendwas sagen würden?

Und genau an dieses Irgendwas koppelt die Kunstvermittlung an in dem sie mit ihren Methoden erklärt was Warhol hier gemeint haben könnte. Ohne dass sie definitiv eine Antwort haben kann, das ist bei Kunst nicht immer möglich. Aber wenn ein banaler Zugang darin besteht im Museum Siebdrucke anzufertigen – dann ist das ein Zugang, der unterhält und gleichzeitig Wissen vermittelt. Nämlich darüber welche Technik bei der Anfertigung des Bildes verwendet wurde. Das mag nun nicht jeden berühren oder jedem gefallen – es ist aber nicht schrecklich banal und einfallslos. Sondern es ist eine Form des Zugangs. Die Form an sich muss nicht für jeden passen und ab und an ist diese auf falsch gewählt, ja. Sicherlich kann man Methoden der Kunstvermittlung an sich in Frage stellen und darüber nachdenken was in diese heutige Zeit besser passt. Allein von einer Simplifzierung auszugehen nur weil die Kunstvermittlung sich Gedanken darüber macht welche Gruppen in der Stadtgesellschaft vorhanden sind und dann das Angebot entsprechend variiert und anpasst: Zu kurz gedacht. Wer über mangelnden Social Impact und über das fehlende Bewußtsein der Wertschätzung von Museen jammert – besonders wenn Etats gekürzt werden – sollte sich auch fragen lassen ob die Kunstvermittlung seiner Institution noch zeitgemäß ist und ob diese auch wirklich ihre Ziele erreicht. Keine Frage: Kritik üben kann und sollte man. Aber alles über den Kamm der Ernsthaftigkeit scheren und darüber vergessen, dass der Mensch ein Mensch ist – und dementsprechend Lust, Genuss und Vergnügen an einer Sache erleben möchte – dies ist eindeutig falsch.