Bitte gebt mir punktgenaue Werbung!

Angeblich ist das im Internet ja so: Ich gebe Daten von mir preis weil ich Dinge haben möchte – Services in der Regel – und bekomme dann dafür im Gegenzug Werbung. Das ist der Preis, den ich mehr oder weniger freiwillig, es sei denn ich installiere mir Addons für den Browser die mir zeigen wer beim Besuch einer Webseite schon vorab mittrackt was ich aufrufe, Werbefelder ausblendet – ja, T3N etwa meckert dann mit einem Indokasten, aber ich habe euch im Abo und von daher braucht ihr meine Klicks auf die Banner ja eigentlich nicht, das ist doch so der Deal bei Abos, oder? Aber kommen wir zur Kernsache des Ganzen: Bei Youtube kriege ich ja Werbung zu sehen wenn ich ein Video sehen möchte. Vorab.

Oder zwischendurch – manchmal so unintelligent eingespielt, dass der Moderator mitten im Satz unterbrochen wird. Schön, ich kann ganze Folgen von „Tabletop“ mit Wheaton auswendig mitsprechen, da stört das dann nicht – dennoch: Youtube schafft es einfach nicht Werbung dort hinzusetzen wo sie sinnvoll wäre. Sinvoll für mich als Konsument. Generell hab ich nicht dagegen Werbeclips, ich halte mehrere Stunden Hulu aus. Hulu. Ihr wisst schon: HULU! Das große Portal was in Deutschland für Serien ja nicht zustande kommt weil – weil – nein, lasst mich mal nachdenken, ich komme bestimmt noch drauf. Nur nicht jetzt. Also Hulu ist für Amerikaner das legale Youtube für Serien, weil die größeren Sender – nein, nicht Showtime und Co. – ihre Serien dort online stellen, man kann einige Folgen zeitversetzt schauen und wer bezahlt hat keine Werbung und zudem noch Zugriff auf ein großes Archiv. Wie, Netflix? Nein, viel geiler weil das aktuelle Folgen sind… Für weitere Fragen wie man an Hulu drankommt steht  der nette Mensch von Google um Ecke des Blogs zur Verfügung. Bei Youtube ist das so nicht machbar, weil Youtube mehr Masse hat. Deswegen: Technik.

Algorithmen halt, wobei ich meine gelesen zu haben wer Werbung dort in seinem Kanal laufen hat könne auch über die Art der Werbung bestimmten. Aber zuerst mal: Youtube! Klar, massenhafte Daten werden bei dir hochgeschaufelt. Videos über allen möglichen Sinn und Unsinn. Aber: Ich dachte, du verstehst dieses „Big Data“-Geschäft von dem alle so reden? Analysierst Videos? Hilfst ab einer bestimmten Größe gar den Machern von Kanälen mit Studioausstattung? Super! Also: WARUM bekommst du es dann zwei Dinge nicht hin? Erstens: Werbung so intelligent einzuspielen, dass sie an passenden Stellen sitzt. Zweitens: Zum Henker noch mal, mich interessiert keine Vorabwerbung darüber wie Bremsschläuche funktionieren, ellenlange Videogame-Trailer oder generell der Unfug, den manche Agenturen derzeit bei Youtube gern wohl häufiger als Werbeform reinwerfen: Infotainment-Dokus, die furchtbar – lang – sind – UND – mich – NICHT – INTERESSIEREN!

F5, F5, F5!

Und die vor allem so gemacht sind, dass ich nach den ersten Minuten weder den Namen, noch das Produkt noch irgendwas sonst erfahre. Nehmen wir mal diese Autobremsschläuche: Ich klicke ein Video an, dessen Inhalt weder mit Autos, noch mit irgendwelchen Galileo-Erklärbären – das sind echt die Schlimmsten! Leute, die reden als wäre ich ein, ein, ein Idiot der nichts von Autos versteht. Ja. Ich verstehe nichts von Autos. Aber das schließt den Idioten nun nicht ein. (Gegenteilige Kommentare werden gnadenlos auf die Stille Spamtreppe gesetzt und dann zum Frauentauschprogramm nach Spiegel-Online abgestellt.)

Sagt mal: Heißt das nicht dauernd, dass ich total gläsern bin? Dass Firmen wie Youtube und Google meine Gewohnheiten kennen, mich analysieren auf Schritt und Tritt – und gerne auch mal jenseits von Gut im Bereich des Grauens der an Böse grenzt? Wenn Facebook alles über mich weiß: Wieso bekomme ich Werbung über Damenpumps in Größe 45 eingespielt? Hallo? Auf so großem Fuß leben zwar etliche Damen, aber bin ich eine? – Schön, es könnte sein, dass ich beim Geschlecht gelogen habe, weil – aber lassen wir das. Generell aber versteht ihr was ich meine: Wenn Facebook oder Google alles über mich wissen, müssten sie in der Lage sein mir Werbung zuzuspielen, die mich interessiert. Die ich dann auch über mich ergehen lasse wenn ich auf Youtube klicke.

Die neue Definition der Hölle

Was kriege ich stattdessen? Sechs Minuten eines Anbieters von irgendwelchen Waschgeräten – auch noch unprofessionell hergestellt, weil man sich wohl dachte: Authentizität ist, wenn man alles selber macht auch wenn man keine Ahnung davon hat. Funktioniert sicher prima. In der Werbung: Nicht. „Hier direkt neben dem Kino um die Ecke“-Werbung nervt mich. Und warum sollte ich irgendwelche Geräte kaufen wollen, die fachgerecht Schinken schneiden können? Hallo? Schon mal in meine Abonnements geschaut, Youtube?

Habe ich den „Fleisch ist das Geilste auffer Welt“-Kanal abonniert? Oder mir bewußt Trailer für schicke Metzgereien angesehen? Die Tierdoku über den Zustand der Fleischhaltung in der Massenproduktion – okay. Ja. Hab ich gesehen. Daraus zu schließen, ich wäre Hannibal der Schinkenschlächter ist allerdings eher verwegen. Ich meine: Guckt irgendjemand mal ab und an bei euch auch mal nach, was ich so treibe? McGoogle, jemand zu Hause? Wenn ihr das nicht tut – dieser Fachkräftemangel muss auch die Staaten erreicht haben, anders kann man sich das nicht erklären – würde mich das natürlich erleichtern, weil ich dann ein wenig Privatsphäre – kicher, ja, ich weiß, altmodisch nicht wahr? – noch für mich hätte. Oder ihr wollt mir gezielt die Illusion vermitteln, dass euch das total egal ist was ich so klicke. Damit ihr dann irgendwann zum fiesen Angriff übergehen könnt!

Aber nein: Ich drücke und drücke auf RELOAD – UND ES GIBT KEIN ENTRINNEN! 6-Minuten-Hochkant-Video-Schinken-Schnittmaschinen-live-mit-Wackelkamera-auf-Dorffesten gedreht! Dagegen ist Dantes Höllenversion ein Kindergartenspielplatz mit betreutem Ganztagsangebot! Warum macht man sowas, Youtube? Warum tust du mir das an? Mir, der ich dir doch unzählige Daten in den Rachen geworfen habe – ich habe Abonnements. Eigne Listen. Ich bewerte. Ich tue und mache und irgendwann bin ich mir sicher – irgendwann nach meinem Tod – irgendwann werdet ihr mich rekonstruieren können anhand dessen was ich bei allein an Werbung übersprungen habe weil es diese Option gibt und die Werbung mich langweilt.

Hoffnungsfunken

Allerdings: Anscheinend habt ihr wirklich keine Ahnung was ich an Werbung sehen möchte und was nicht. Und nicht nur Youtube sondern alle größeren Firmen. Das lässt mich ja wie oben angedeutet hoffen. Nämlich: Dass ein Riesenberg an Big-Data-Paketen nichts nützt wenn es keinen gibt, der weiß wie man diese Dinger auswertet. Interpretiert. Analysiert. Ich mag meine Datenspuren in diesem Internet hinterlassen und manchmal ist es unheimlich wie Werbung mich verfolgt – „Schrei, wenn Werbung dich verfolgt“ wäre ein toller Titel für einen Gruselschocker. Ab und an mache ich meine Adblocker auch mal aus. Aber: Solange ihr mich immer noch mit dem Neckermann-Werbespot foltert in dem belanglose Teenager mir erzählen wie toll das alles doch sei – whow! Ich bin 13 Jahre alt, interessiere mich auch total für Schminktipps und wenn ich groß bin, möchte einen Zoo voller Einhörner mit Glitzer? NEIN, NATÜRLICH NICHT!

Da würfeln halt Algorithmen irgendwelche Spots zusammen, rühren einmal um und glauben, sie hätten meinen Geschmack getroffen. Solange Algorithmen mir keine punktgenaue Werbung liefern, die mich unterhält und einigermaßen Storytelling hat – solange glaube ich nicht daran, dass Maschinen die Welt übernehmen können. Falls doch: Ihr findet mich im letzten Höllenkreis. Dort, wo Leute mir permanent erzählen was sie gekauft haben, stundenlang über Verpackungen reden, dabei Bremsschläuche vor meinen Augen hin und herschwingen und dabei noch auf Schinkenzerteilmaschinen sitzend jauchen wie toll doch alles ist. Oh nein, sie holen jetzt auch noch die GLITZEREINHÖRNER MIT PARFÜMZERSTÄUBER!