Redaktions- oder Themenplan: Die Gretchenfrage des Social-Web-Arbeiters

5876754619_d5bdd73564_bNennt man das jetzt Redaktionsplan oder Themenplan? Da habe ich mich per Twitter ein wenig mit der Karrierebibel gekabbelt, freundschaftlich natürlich. Das Argument der Gegenseite: Redaktionsplan klingt, als würde man die Redaktion planen, Themenplan wäre dann eher das Planen von Themen. Mein Argument: Themenplan müsste ich in aller Regel durch das Wort Redaktionsplan erklären – der Begriff Redaktionsplan ist den Leuten geläufiger. Letztendlich aber meinten wir beide Eines: Nämlich einen strukturierten Plan für das Arbeiten im Social Web. Jetzt hat Mirko Lange das Thema aufgegriffen und fragt in einer Blogparade, wie man es denn damit halten würde – ist sowas notwendig? Unterscheidet man zwischen Themenplan und Redaktionsplan? Und was ich auch etwas mithöre zwischen den Zeilen: Engt einen ein wie immer benannter Plan – Themen-, Redaktions-, Produktionsplan – nicht einen bei der täglichen Arbeit ein?

Zu dieser Thematik wird man sicherlich schon den ein oder anderen Beitrag hier im Blog finden – und der Beitrag im Rahmen von „SIO für Kepia“ etwa zum Thema Redaktionsplan wird auch immer noch recht häufig abgerufen. Da seitdem aber schon wieder etliche Jahre – Jahre? Meine Güte – ins Land gegangen sind und ich seither unter anderem auch ein Projekt hatte, bei dem wir einen sehr grossen Redaktionsplan/Themenplan hatte, nehme ich den Anlass der Blogparade nochmal zum erneuten Nachdenken darüber.

Unterschied Themenplan, Redaktionsplan, Produktionsplan?

Sehe ich da einen Unterschied? Gute Frage. Es könnte durchaus welche geben, mir fällt aber die Unterscheidung schwer weil ich den Redaktionsplan als den Plan kenne in dem vermerkt ist, welches Thema wann zu welchem Tag, welcher Uhrzeit gepostet werden soll und von wem bis dahin die Materialien kommen und in dem vermerkt ist, wie weit derjenige eigentlich mit der Produktion der Medien ist und in welcher Phase wir gerade insgesamt sind – das würde dann nämlich alle drei Bedeutungen in einem Raster vereinbaren. Bei den Grenzgeschichten etwa gab diese Ausdifferenzierung in drei Pläne nicht und das war schon ein Projekt bei dem sehr viele Mitarbeiter zugange waren. Vielleicht ist das Wort „Themenpool“ mir etwas näher – aus diesem Pool speist sich dann bei der Redaktionskonferenz oder -sitzung der Plan. Es macht natürlich Sinn, wenn die Produktionseinheit für die Medien noch einen separaten Plan hat. Keine Frage. Ich kann aber in den Redaktionsplan schon reinschreiben was wir an Material für das Projekt brauchen: Bilder, Videos, Vines… Wie dann die Arbeit in der Produktionseinheit genau abläuft und ob die zweite Kamera jetzt links oder rechts vom Interviewer zu stehen hat – da werde ich mich nicht einmischen und in der Regel weiß ich wie die Kollegen arbeiten und vertraue denen da auch. Insofern wäre schon hier anzumerken: Ein Redaktionsplan schränkt die kreative Arbeit an sich erstmal nicht ein.

Für mich persönlich sehe ich da keinen Unterschied zwischen Themenplan und Redaktionsplan. Was mir aber allmählich aufgeht ist, dass ein Redaktionsplan natürlich auch verhandelt wie ich die Reporter und Mitarbeiter an sich einplane. Womit wir wieder beim Karrierebibel-Einwand wären, Redaktionsplan würde bedeuten die Redaktion zu planen – also die Mitarbeiter, die Technik und die Fortbewegungsmittel. Dann würde der Themenplan bedeuten, man macht erstmal eine Aufstellung für die Themen – sagen wir: Montags ist Weltkatzentag, da muss ein Katzenvideo ran, Dienstag wären Otterphotos nicht schlecht, Mittwoch dann Hundewelpen… (Ja, ich weiß, aber Beispiele mit Tieren sind immer am Besten für die Untermalung von solchen Dingen.) Und dann überträgt man von diesem Themenplan die Themen in den Redaktionsplan und sagt dann, okay, du bist heute bis dann und dann für die Otterphotos zuständig, vermutlich brauchst du dafür diese Kamera, wir brauchen die Photos bis Mitternacht.

Ja. Gut. Wäre vielleicht eine Unterscheidungsmöglichkeit, aber – so ganz wohl fühle ich mich persönlich damit nicht. Braucht man nicht eh immer einen großen, übergeordneten Plan für die Redaktionsarbeit? Und dann einen, der möglichst auch alle Infos enthält damit der eine Mitarbeiter weiß, wie weit der andere ist und ich als Content Manager das auch weiß und notfalls nachhaken kann bevor irgendwelche Inhalte nicht da sind? Dass man einen großen Plan entsprechend aufbrechen und verteilen kann – in der Hoffnung, dass die Ergebnisse dann auch wieder im großen Plan landen, das ist ja nicht unbedingt immer so – ist verständlich und vermutlich braucht man das auch wenn man viele, viele Teams hat die an unterschiedlichen Dingen arbeiten. Dennoch: Irgendwo braucht man einen großen Überblick über das Ganze und für mich fallen Themenplan und Redaktionsplan dann zusammen. Na schön, ich arbeite allerdings auch in keinem großen Multikonzern oder war jemals wirklich in einer Zeitungsredaktion tätig – es mag da Definitionsunterschiede geben. Aber für mich persönlich sind die nicht so schwerwiegend.

Planung versus Spontanität

Generell ist ein Redaktionsplan erstmal ein Gerüst, das mir das Arbeiten extrem erleichtert. Und nicht nur mir, sondern wohl auch den Mitarbeitern – irgendjemand muss ja auch mal drüber gestolpert sein, dass Pläne wirklich hilfreich sind wenn es um gewisse Dinge geht, sonst würden wir wohl keine haben. Im Ernst: Natürlich ist ein Redaktionsplan eigentlich immer von Nöten. Und eigentlich macht das auch jeder. Jeder überlegt sich: Über welche Themen bloggen ich denn jetzt heute mal. Zwar vielleicht nicht für Wochen und Monate im Voraus und es mag Leute geben, denen spontan ein Blogeintrag immer dann einfällt wenn sie Lust und Laune zum Bloggen haben – das ist bei einem Corporate Blog ja eher seltener der Fall. Das kann allerdings auch funktionieren, wenn man eine gut eingespielte Mannschaft hat. Ich bin mir nicht sicher, aber meine gelesen zu haben, dass die Ruhrbarone etwa sich nicht hinsetzen und Themen generell planen – aber man mag mir da gerne widersprechen. Selbst diese aber haben in der Regel einen Beitrag, der täglich erscheint und der eine Linkschau zu anderen Blogs ist. Also selbst wenn man meint, ein Blog hätte keinen Plan an sich – es könnte durchaus anders sein.

Redaktionspläne geben mir Sicherheit. Ich bin nicht vom Wellenschlag des Tagesgeschehens abhängig und es kann auch nicht der Fall vorkommen, dass an einem Tag mal überhaupt kein Thema da ist – wenn man gut plant. Zudem habe ich ja immer noch einen – jetzt ist das Wort vielleicht besser angebracht – „Themenpool“ für zeitlose oder nicht tagesaktuelle Themen, die vorbereitet sind und die dann Lücken füllen können. Der Redaktionsplan ist erstmal nichts weiter als ein Gerüst, das schrieb ich schon oben. Ich kann mich an einem Gerüst entlanghangeln – ich kann mit einem Gerüst etwas abstützen – ich kann ein Gerüst auch ausfüllen, damit aus den Holzbalken ein Fachwerkhaus wird. Das alles kann der Redaktionsplan auch sein. Kommt darauf an in welchem Projekt ich gerade arbeite und mit wem.

Ein guter Redaktionsplan lässt aber auch immer genügen Freiraum um aktuelle Themen und Entwicklungen aufzugreifen und zu berichten. Das muss er auch – das Social Web ist derartig rasant, dass man gar nicht anders kann als auch Freiräume einzuplanen und gelegentlich auch den Plan mal über den Haufen zu werfen. Den Redaktionsplan als starres Korsett zu verstehen, das einen einengt und in dessen Rahmen man nur das machen darf, was vorgegeben ist – das wäre in der Tat furchtbar. Nein, das wäre über kurz oder lang sogar der Tod eines Projekts! Man stelle sich mal vor, die Zeitungen würde nicht auf tagesaktuelle Beiträge eingehen sondern nur stur das machen, was sie für die Woche an Themen geplant haben… Da wird einem schudderig. Und zu Recht, denn ein Redaktionsplan muss über den Haufen geworfen werden dürfen und gerade Social Media lebt ja oft vom Spontanen. Vom Meme, das vor einer Stunde noch nicht da war und das eventuell wichtig sein könnte. Von der einen Nachricht aus der Facebook-Entwicklergruppe. Wenn ich in der Buchbranche tätig bin und Mark Zuckerberg auf einmal einen Buchleseclub gründet – dann sollte ich da schon irgendwie drauf reagieren. Und notfalls dann den Redaktionsplan neu schreiben. So paradox das auch ist: In der Planung muss auch die Spontanität schon enthalten sein oder jedenfalls das Bewusstsein, dass ich notfalls auch andere Dinge in die Kanäle einstellen muss als vorgesehen. Ich sehe da keinen Widerspruch.

Gewichtung des Geplanten und des Spontanen?

Herrjemineh, erwartet jetzt bitte nicht irgendwelche Prozentangaben. Bisher war das sowieso so, dass das bei jedem Projekt anders war. Da gibts keine Standards. Wirklich nicht. Das wäre ja auch zu schön um wahr zu sein. Nein, so einfach ist das nicht mit den Dingen. Bei dem einen Projekt hat man sehr genau geplante Angaben weil es tatsächlich eher um ein Produkt geht, das zu bestimmten Zeiten in bestimmten Abschnitten begleitet wird und da ist dann das Spontane eher nicht so unbedingt überwiegend. Also als Beispiel: Wenn eine Orgel etwa restauriert wird und man darüber berichtet dann kann es schon sein, dass sich da im Ablauf etwas verzögert weil gewisse Materialien nicht da sind, aber in der Regel ist der Prozeß ja klar gegliedert. Irgendwann wird die Orgel abgebaut, verpackt, wird an einem Tag transportiert… Ich glaube es ist klar was ich meine.
Bei anderen Projekten kann die Spontanität dann größer sein. Als ich vor vielen, vielen Jahren mal für das Traumzeit-Festival gearbeitet habe war das zwar so, dass man wußte wer bei welchem Konzert anwesend ist – aber ich konnte nicht zu dem Moment sagen welches Photo ich wann innerhalb der Konzertspanne per Livetwitter senden würde. Andererseits hatte ich aber auch schon Festivals, bei denen ich als externer Redakteur genau passgenau Beiträge zu einer Lireveranstaltung in die Kanäle eingespielt habe. Insofern: Die Frage der Gewichtung ist nicht generell beantwortbar. Zum Glück jedenfalls.

Was ist aufwändiger – Geplantes oder Spontanes?

Gegenfrage: Vorher oder nachher? Wenn ich jetzt ein eBook plane und das als Content rechtzeitig fertigstellen muss, dann ist das im Vorhinein natürlich Arbeit. Ich muss in den Plan eintragen wer das macht, muss nachfragen wie weit der Autor mit dem Erstellen der Kapitel ist, dann muss jemand die Illustrationen erstellen, ich brauche jemanden der weiß in welchem Format ich das anbiete und wie man das formatiert – kurz – klar, da ist der Aufwand für das Geplante im Vorfeld riesig.
Anderseits: Wie oft musste man nicht schon irgendeinen Artikel im Blog aufwändig nachbearbeiten, weil der Text mal „eben aus der Hüfte“ geschossen wurde und man nicht über Schlagzeilen oder Weißräume nachgedacht hat dabei? Feststellen, dass man zwar das Photo hochgeladen hat, aber das sieht nicht besonders gut aus und wenn man Text und Photo dann spontan in einen Blogbeitrag einfügt rutscht das blöde Photo immer so aus dem Feld, dass man es nur zu einem Viertel sieht? Ich übertreibe, ja, aber in wie vielen Fällen musste man nicht ausgerechnet das, was spontan daherkommt noch mal doppelt und dreifach überarbeiten bis es schön aussah?

Es kommt halt drauf an. Manchmal entpuppen sich Aufgaben, die aufwändig aussehen als ein Kinderspiel und manchmal hakts beim spontanen Hochladen eines Textes. Von daher hüte ich mich an dieser Stelle auch allgemeine Prozentzahlen zu bringen – das ist tatsächlich je nach Projekt verschieden.

Brauche ich denn immer einen Redaktionsplan? In Echt? Wirklich?

Ja. Wirklich. Immer – es sei denn – es sei denn, nun, auch hier gibts Ausnahmen und eine mögliche Ausnahme, die mir in den Sinn kommt:

Es sei denn, es ist ein persönliches Blog und der Blogger hat einfach nur Spaß und Freude daran über Dinge, die ihn persönlich berühren und ihm widerfahren sind zu schreiben.

Ich hoffe, ich hab das jetzt nicht zu missverständlich formuliert, aber bisher war ja eigentlich immer die Rede von Blogs von Firmen oder Selbstständigen, Marken, von Blogs welche zu geschäftlichen Zwecken genutzt werden. Ich behaupte ja nicht, dass es auch für einen Blogger, der „nur“ – ich setze das jetzt extra in Anführungsstriche, das soll keine Wertung sein, nicht, dass sich jetzt jemand echauffiert – über seine Familie oder seinen Alltag schreibt nicht sinnvoll sein kann einen Redaktionsplan zu haben. Aber mein persönliches Zweitblog kommt auch ohne Redaktionsplan aus. Man muss es ja auch nicht für den privaten Bereich machen. Und außerdem: Ich hab auch nicht wirklich immer Lust am Dienstag süsse Otterphotos ins Zweitblog zu stellen. Dafür aber sammele ich jetzt schon wieder Themen für meine donnerstägliche Kolumne über die Buchbranche in einem SF-Online-Magazin. Vielleicht wird es dieser Lesezirkel vom Zuckerberg. Eventuell.

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