Ich hatte leider kein Orchester in der Stadt, geehrte Anne Peter

Liebe Anne Peter,

Sie sind, so weist es die Kurzvita bei der Böll-Stiftung aus und so wurden sie auch im Stream der Veranstaltung vorgestellt, Chefredakteurin bei Nachtkritik. Nicht, dass ich Nachtkritik kennen würde und nach einem kurzen Blick auf die Seite weiß ich auch, dass ich die Seite nicht unbedingt in meinen Feedreader aufnehmen werde, aber das ist nicht so wichtig. Vielleicht aber doch in gewisser Weise, weil Sie natürlich von einer weit höheren Warte und mit einer Erfahrung das Ganze begutachten die ich nicht habe. Ich wage es kaum meine bescheidenen Dienste als Kulturblogger für diverse Einrichtungen in die Waagschale zu werfen – wobei: Nicht jeder hat mal für das Land Brasilien auf der Buchmesse gearbeitet, so viel Eigenlobhudel darf ich mir dann doch mit einem Augenzwinkern nicht verkneifen – wage es aber dann doch nachdenklich über einen Einwand von Ihnen zu schreiben, der das Streaming und das Theater betrifft. Opernhäuser machen das ja schon länger; kürzlich war ich in der Lage einen inszenatorisch und sängerlich ausgezeichneten Fidelio aus der Scala zu genießen. Ebenso wie das Public-Viewing – was auch nichts anderes als Streaming ist – beim Beethoven-Festival zu einem meiner persönlichen Glanzlichterfahrungen gehört, aber dieser Aspekt kam in der Diskussion gar nicht mal zum Tragen.

Doch der Grund meines Briefes an Sie? Ihr vehementes Plädoyer dafür, dass die Liebe zum Theater nur dort entstehen könne, wo man als Person im Fleische in den Sesseln sitzt und den Schauspielern auf der Bühne direkt zusehen könne. Nur hier könne, wenn ich Sie richtig verstanden habe, der Initialfunke für die Liebe des Theaters entstehen. Das ist ein Argument, dem ich schon während der Debatte auf Twitter nicht zugestimmt habe und es ärgert mich. Ja, nehmen Sie das bitte nicht persönlich, ich weiß, jeder hat seine eigene Welt und konstruiert die sich und natürlich ist der kulturelle Background auch immer ausschlaggebend für das, was man für sich selbst konstruiert. So ist es fürderhin ein Leichtes als jemand, der in einer Großstadt in einem bürgerlichen Haushalt aufwuchs – dies nur als Beispiel, wirklich, als reines Beispiel genommen – und eine gewisse Bildung mitbekommen hat natürlich für die Livehaftigkeit des Theatererlebnisses zu plädieren. Jedoch, liebe Frau Peter: Ich möchte Ihnen etwas als Gegenargument erzählen.

Denken Sie sich eine beliebige Klein-bis-Mittelstadt irgendwo jenseits der Metropolen. Eine, in der es kein Ensemble gibt, kein Orchester oder wenn dann meistens direkt im Zentrum. Stellen Sie sich aber vor, Sie wohnen in der Kleinstadt und in einem Vorort wo Busse – das ist gewisslich wahr – zu den Zeiten als Sie ein Interesse für Kunst entwickelten nur stündlich und zu gewissen Abendzeiten gar nicht mehr fuhren. Selbst wenn Sie also in der Lage gewesen wären zu einem der Aufführungen der gastierenden Theater hinzukommen, sie wären von selbst aus der Ecke der Stadt gar nicht wieder nach Hause gekommen. Was natürlich für einen jungen Menschen mit Führerschein kein Problem ist, aber dummerweise sind Neigungen und Tendenzen schon einem früheren Alter in der Lage sich zu regen. Und glauben Sie mir: Sich permanent von den Eltern kutschieren zu lassen ist auch nicht die Lösung des Problems.

Ihr Argument, der Funke, die Liebe für das Theater könne sich nur entfalten wenn man eine Aufführung im Fleische angesehen hat müsste dann dahingehend ausgelegt werden, dass jemand der keine Möglichkeiten hatte ein Theaterstück live zu sehen keine Liebe fürs Theater entwickeln könne. Dies ist eine Sicht der Dinge, andererseits aber liebe ich die Klassik seit ich denken und empfinden kann und der Besuch eines Konzertes mit Orchester fand dann erst später in der Metropole statt. Meine Liebe zur Klassik kam nicht durch den Originalkontakt, den regelmäßigen Orchesterbesuch zustande – wie auch, wenn in der Kleinstadt meiner Kindheit gefühlt alle Jubeljahre mal eines gastierte und das dann in einem Kurhaus, dessen Akustik auch nicht gerade nach liebenswerten Klängen sortiert wurde. Ihrer Argumentation zufolge, Frau Peter, müsste ich dann erst im Erwachsenen-Alter eine Liebe zur Form des Orchesterbesuches entwickelt haben weil ich die Erfahrung sozusagen aus zweiter Hand, aus dem Fernsehen, aus Schallplatten – Schellack zumal noch, die Ouvertüre zur Fledermaus kann ich bis heute nicht hören ohne ein gewisses Kratzen und Rillenrascheln zu vernehmen – bezog. Was in meiner Lebenswelt und in meiner Wirklichkeit nicht zutrifft.

Frau Peter, Walter Benjamin hatte nicht Recht. Die Echtheit einer Aufführung ist reproduzierbar. Der Funke und die Energie ist sehr wohl sichtbar auch dann, wenn sich das eigentliche Geschehen auf dem Theater von dem ablöst was das Streamingbild ist, auch wenn der Stream nur zeitgleiches Abbild dessen ist, sein kann und das Erlebnis gerade nicht Eins-zu-Eins wiedergibt – es sei dann man stellt eine Kamera vor die Bühne und lässt diese unbewegt das Abfilmen und Streamen, was gerade auf der Bühne zu sehen ist. Damit wären wir aber wieder beim Fernsehen und seltsamerweise haben Übertragungen per Bildschirm, mit denen meine Liebe zum Theater entfacht wurde, keine Akzeptanzprobleme obwohl auch sie eigentlich verfälschen – durch die Regie rückt dieses oder jenes Detail in den Vordergrund, das ich vielleicht nicht unbedingt wichtig finde. Dadurch ist aber das, was die Schauspieler leisten nicht in Misskredit geraten, sondern weckt eher noch das Interesse – die Aura geht nicht verloren. Im besten Falle gewinnt das Abbild des Vorhandenen noch seine eigene dazu. Darüber müssen wir nachdenken, über diese neue Erfahrungswelt müssen wir nachdenken und reflektieren. Dies ist im Grunde auch viel wichtiger als das Argument, die eigentliche Liebe zu Etwas könne nur dann entstehen wenn man Etwas leibhaftig erlebe weil man selbst anwesend ist. Dennoch…

Liebe Frau Peter: Sehen Sie es mir bitte nach wenn ich nicht so eloquent und gehaltvoll sein kann wie es dem Stil und der Tonart von Nachtkritk entspricht und wenngleich die Argumentation im oberen Absatz auch mit Leichtigkeit auseinandergepflückt, zerrissen, verrissen werden kann finde ich doch, dass Sie es sich zu leicht machen wenn Sie glauben nur das persönliche Erlebnis vor Ort könne eine Liebe zu einem Genre entstehen lassen. Wenn dem so wäre hätte die Pop-Kultur nicht nur mittleres sondern schweres Problem; Michael Jackson oder Freddy Mercury live zu erleben ist nicht mehr möglich. Ist die Liebe zu den Werken und Kompositionen von Queen daher eine, die eine Quasi-Liebe ist, eine, die nicht richtig ist weil sie nicht durch das wahrhaftige Erlebnis vor Ort entzündet werden kann? Ist es in Fällen in denen der Künstler nicht nach Deutschland reisen kann dann ebenfalls eine Pseudo-Liebe, nichts Wahres, nichts Einziges?

Genau das frage ich mich gerade und ich weiß nicht ob Sie eine Antwort für mich haben. Eine, die mich mehr überzeugt als in der Streaming-Veranstaltung, in der Sie den Stream an sich ja auch gar nicht für Unnütz befunden haben. Nur das Argument an sich, das störte mich. Ich erwarte auch nicht, dass Sie sich die Zeit für eine Antwort nehmen – das muss auch nicht unbedingt sein, dazu bin ich wirklich nicht wichtig genug – sonst würde ich im Feuilleton veröffentlichen, was ich nicht tue, meine Bereiche sind, wie Sie sicherlich anhand der anderen Beiträge hier im Blog feststellen werden durchaus andere. Alles kann, nichts muss. Was übrigens ein schönes Motto für die Streaming-im-Theater-Diskussion sein könnte. Ich hoffe, dazu werden diese Worte noch.

Mit freundlichem Gruß,

Christian Spließ