Quantified Self: Die Angst des Normalos

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IMG_0204Sie tun es bereits. Sie sammeln Daten. Sie wissen wieviel Schrittmengen man läuft, wieviel Sport man am Tag tut und sie wissen auch ganz genau wann man etwas gegessen hat. Deutsche Krankenkassen machen das bereits. Wie die DAK und die AOK Nordost. Sie bieten Apps an mit denen man sich selbst vermessen kann – im Gegenzug gibts dafür, wie immer bei solchen Angeboten entweder Rabatte – und wir Deutschen LIEBEN RABATTE! Anders kann ich mir den Siegeszug von Payback nicht erklären – oder man bekommt Prämien – und wir Deutschen LIEBEN PRÄMIEN! Anders ist der Siegeszug von Payback… Ihr versteht schon.

Insofern würde es mich nicht wundern wenn wir – natürlich total freiwillig – demnächst auch all unsere Daten in einer Krankenkassenapp sammeln und weitergeben. Sieht man ganz schwarz kommt es vielleicht sogar dazu, dass man sowas tun muss damit man seinen Status nicht verliert. Und wer kein Smartphone hat oder sich weigert wird einfach ein wenig schlechter gestellt. Ja, das kann durchaus sein. Deswegen nehme ich auch alle Vorbehalte ernst und das, obwohl ich selbst ein Jawbone besitze und die App nutze. Schockierend, oder? So als Datenschützer müsste ich das doch konsequent und strikt ablehnen?

Es hat einen Nutzen, daher nutze ich es

Fangen wir aber erstmal anders an: Als „Märchenstunde“ möchte ich den Beitrag des Bayerischen Rundfunks über die seit 2009 bestehende „Quantified Self Bewegung“ generell nicht abtun – anders als Buggisch.  Der Beitrag, da hat er Recht, ist in einigen Details nicht ganz sauber. Blutdruckmessung per App wäre ja echt toll, kommt vielleicht mit der Smartwatch von Apple demnächst. Wer weiß. Generell erwarte ich zwar auch eine sauberer Recherche bei Öffentlich-Rechtlichen, aber Fehler passieren. Und ja, die sind ärgerlich. Zugegeben. Andererseits hatte ich nicht den Eindruck, dass der Beitrag nun generell für oder generell gegen QS wäre. Er hat sich bemüht beide Seiten darzustellen – einmal mit dem Quantified-Selfer, andererseits mit Wissenschaftlern. Und die Grundfrage ob solche Apps gesünder machen oder nicht scheint – ich bin mir nicht sicher, ob es in den USA schon Studien gibt – ebend noch nicht geklärt. Und ja, klar, es gibt bei Technik generell immer Chancen und Gefahren.

Wenn wir jetzt mal die Gefahren aufzählen bin ich ganz im Datenschutzelement: Natürlich werden bei diesen Apps Daten gesammelt. Natürlich landen die in der Regel auf irgendwelchen Servern in den USA und natürlich liest sich kein Mensch vorher die AGB durch bevor er irgendwas runterlädt und nutzt. Vor allem bei kostenlosen Apps wäre ich sehr, sehr vorsichtig – irgendwie müssen die sich ja dennoch finanzieren. Mulmig wird mir bei dem Gedanken was Krankenkassen mit diesen Daten anstellen könnten und da ich bei der DAK versichert bin – kann man ja nicht ahnen sowas – wäre die Versuchung groß zu sagen: „Okay, mir egal – Bonusprogramm ist super!“ Ich bin mir sicher, das werden auch etliche Deutsche tun, für Bonussysteme sind wir ja auch anfällig. Vielleicht nicht so sehr wie die Amerikaner, aber klar ist Geiz geil und wenn ich vermeintlich was bekomme ohne eine Gegenleistung zu erbringen – klar doch. Dabei. Natürlich bezahle ich mit meinen Daten, aber – das ist ein Element dabei: Ich spüre oder sehe das ja nicht. Ich hole ja keine Daten aus meinem Portemonnaie und habe die beim Bezahlen in der Hand. Was ja mit ein Problem bei Snowden ist: Wir haben kein Gefühl dafür entwickelt – bisher – wie Daten sich als Währung aufführen. Ist halt kein Kleingeld. Kann man nicht anfassen. Und vor allem ist es bisher auch ein Thema, das keine Emotionen an sich auslöst. Was sich gerade durch die aktuelle Berichterstattung etwas ändert und der normale Bürger hat halt Angst vor neuen Technologien, die er nicht versteht. Das ist normal und kann ich nachvollziehen. Ich verstehe BitCoin auch nicht und werd diese Währung auch nicht nutzen. Ich könnte das ändern, aber ich finde – das ist echt zu kompliziert. Ist halt so.

Sintemal der Mensch aber etwas nutzt weil er darin einen Nutzen sieht – überraschende Erkenntnis? Genau! – werden ihn auch fünftausend Fingerwisch-Gesten beim Akzeptieren der AGB nicht daran hindern sich eine App für die Gesundheit herunterzuladen, sich bei der DAK anzumelden. Er wird dann auch nicht auf den verkniffen-spießigen Datenschützer hören, der mit dem Finger droht und sagt: „Du, du, du! Böse, böse, böse. Datensparsamkeitsprinzp verletzt! Nicht gut!“ (Verdammt, ich klinge jetzt wie Thilo Weichert, oder?) Ich möchte allerdings feststellen, dass sich bitte hinterher keiner bei mir als Datenschützer beschweren kommen soll weil er freiwillig seine Daten irgendwohin gepustet hat und das jetzt bereut. Der Job eines Datenschützers ist es genau diese Risiken der Technik anzumahnen – letztendlich ist der Datenschützer dann aber raus wenn ihr eure Einwilligung gebt. (Ab und an könnte man eventuell noch was richten, aber eigentlich – eher nicht so.) Das ist die ganz pragmatische Sichtweise.

Jawbone und ich – bewusstes Risiko

Abgesehen mal davon, dass ich es großartig finde wenn die Medizin eine App gegen Depressionen entwickelt und damit feststellen kann ob eventuell beim Therapeuten ein bestimmter Tag besonders besprochen werden muss; das ist ja im oben verlinktem Tagesspiegel-Artikel mit drin und im Ratgeber Internet vor kurzem bei der ARD auch als Beispiel zu sehen – und dass damit auch die Chancen für diese neue Technik gezeigt werden – abgesehen davon also: Ja, eigentlich müsste ich als Datenschützer total gegen das Jawbone und die App sein. (Immerhin hab ich keine Paybackkarte, dummerweise muss ich mir aber diese Shopkick-App wegen der iBeacons ansehen – irgendwas ist ja immer. :-()

Rausreden könnte ich mich mit „Ich muss mir das ansehen, weil das zum Berufsfeld Datenschutz gehört“ – dann müsste ich aber echt alle wichtigen Apps und Tracker testen, das von Microsoft, Fitbit etc. pp. Ich will mich auch gar nicht rausreden: Ja, ich nutze das Jawbone weil ich ein sehr visuell denkender Mensch bin. Andere Leute reagieren halt besser wenn sie Zombies im Hintergrund hecheln hören um besser zu Joggen – ich brauche ein visuelles Interface. Jetzt könnte ich mir die Mühe machen das berüchtigte Ernährungstagebuch in einem Notizbuch zu führen. Klar. Als ob man immer und überall das Notizbuch mit sich führen würde – könnte man sich antrainieren. Aber dann müsste man die Kalorien per Hand nachtragen, nachsehen wie Kohlehydrate verteilt sind – wenn man denn Low-Carb leben will – und – also – ich schaff das nicht. Echt nicht. (Falls ihr meint, das besser zu können: Bitte, dann notiert mal für zwei Wochen exakt immer das was ihr trinkt und esst. Jeden – Schluck. Viel Spaß. Macht es nämlich nicht.) Sprich: Ich muss was sehen. Ich – brauche – Balken!
Ein klassisches Pedometer funktioniert bei mir auch nicht – ich vergaß in der Vergangenheit immer das anzustellen, mitzunehmen, dann fiel das runter, dann waren die Schritte nicht mehr drin weil das zufällig auf den LÖSCHKNOPF FIEL… Da ist mir dann doch ein Chip, der meine Schritte annähernd misst lieber. Vergesse ich nicht an und einzuschalten. Und ja, wenn das Teil auch noch Schlafphasen misst – okay.

Bin ich mir bewußt, dass die Daten auf einem Server in den USA gespeichert werden? Ja. Bin ich mir bewußt, dass die eventuell mit anderen Daten zusammengeführt werden könnten? Ja. Sehe ich die Gefahren des Ganzen? Durchaus. Ist mir der Nutzen in diesem Fall mehr wert als das Risiko für MICH PERSOENLICH? – DAS ist ja die eigentlich Frage, die jeder für sich selber beantworten muss. Ja, ich habe mir die AGB angesehen, ja, ich weiß, dass ich auch mit meinen Daten bezahle. Allerdings ist das Jawbone nun nicht kostenlos, weswegen ich mir das vorher noch mal gründlich überlegt habe. (Wie HALTBAR die Dinger sind ist dann noch eine andere Frage. Da ist noch Nachbesserungsbedarf wenn man mich fragt. Hüstel.) Ja, das ist als Datenschützer per se etwas seltsam. Aber immerhin weiß ich, was ich tue und könnte notfalls auch noch vor den Risiken und Nebenwirkungen des Ganzen warnen. (Ja, ja, Ausrede, Schmausrede.)

Angst sollte nicht die Neugierde besiegen

Wie geschrieben: Ja, ich kann die Angst des normalen Bürgers, der sich mit dem Thema momentan auseinandersetzt verstehen und ich werte das auch nicht ab. Was ich allerdings komplett ablehne ist eine reine Panikmache was das Thema betrifft, ebenso wie eine Glorifzierung. Das bringt keinen weiter. Ausgewogene Berichte, die das Für und Wider erläutern schon eher. Und da macht der Bayerische Rundfunk von einigen Details abgesehen durchaus eine gute Figur – ebenso wie der Tagesspiegel. Von dem Artikel der ComputerBILD kenne ich nur die OTS-Fassung, von daher: Keine Ahnung. Ich kauf doch keine ComputerBILD wegen eines Artikels. Nee. (Allerdings: Ich finde dann eine unkritische Berichterstattung auf der Webseite nach diesem Terzschlagen des OTS-Beitrags – hmm. Abgesehen vom typischen Klickpimp-Verhalten. Über 30 Bilder? Zum Klicken? Pah.)

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