Die Blogosphäre lebt: Sie ist nur anders

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IMG_0438Ja, ja, die Zeiten von 2004 sind schon lange vorbei als wir unsere Trackbacks noch selbst gehäkelt haben und froh waren, dass es Blogrolls gab weil man sonst ja nicht auf andere Blogs stiess… Hach, diese Zeit mit dem SofaBlogger, Antville und der Blogbar, diese Zeit in der große Themengebiete in Blogs diskutiert wurden wie „Journalisten sind keine Blogger“ oder „Blogs sind Literatur und keine PR-Plattformen.“ Und auch: „Darf ich bei Links eigentlich Textzitate drunterschreiben oder verklagen mich dann alle?“ Ja, ja, dieses Früher. Wo man immer so uneigennützig war. Und wo man halt Dinge auch mal teilte. Oder Links in Blogs weitergab.

Heutzutage ist das ja eine kalte Welt. Da hilft man sich nicht mehr gegenseitig beklagt das Affenblog. Da schert sich jeder nur um sich selbst, Verlinkung ist nicht mehr und überhaupt ist das „Geben und Nehmen“ ausgestorben. Das ist in den USA natürlich alles irgendwie anders und besser. Da kommentiert man mehr und so. Und deswegen haben deutsche Blogs auch keinen Erfolg.

Marketingwelt

Allerdings: Die Sicht des Affenblogs ist die Sicht von jemanden, der das Blog als Marketinginstrument nutzt. Damit habe ich kein Problem, warum auch. Hilft allerdings den Artikel etwas einzuordnen. Aus Marketingsicht gesehen ist ein Blog ein weiterer Vertriebskanal und wenn man damit Geld machen möchte braucht man halt Erfolg. Der Artikel spricht zwar einige Punkte an, die nachdenklich machen – allerdings: wenn der Verfasser dann einen Artikel weiter stolz darüber ist, dass ein Blogartikel von ihm viele Likes hervorbrachte, nicht Kommentare, Likes, liegt da doch ein Klafter Diskrepanz finde ich.

Funktionenwechsel

Dabei wird immer so getan als ob die Blogosphäre durch Twitter und Facebook vollkommen verschwunden sei oder an den Rand des Niedergangs gedrückt werde. Das ist natürlich nicht der Fall, es ist nur so dass die neuen Sozialen Netzwerke Funktionen übernommen haben, die früher Blogs vorbehalten waren. Wenn also beklagt wird, dass nicht mehr kommentiert wird in Blogs so liegt das daran, dass die Kommentierung und das Reden über den Inhalt sich auf Facebook verlagert haben. Zwar wird der eigentlich geteilte Blogartikel immer noch angeklickt und gelesen – das kommentieren scheint aber in Blogs zu mühsam zu sein. Nein, nicht ganz: Das Kommentieren in verschiedenen Blogs mit verschiedener Software ist zu mühsam offenbar. Solange ich mich nämlich nur einmal einloggen muss um in verschiedenen Blogs kommentieren oder teilen zu können ist das halt bequemer. Kommentarsysteme wie Disqus etwa ermöglichen ja genau das für Tumblr, WordPress.com hat ebenfalls diese Funktion.

Auch das Teilen von Links hat sich gewandelt. Früher war es üblich einen Link mit einer Kurzbeschreibung ins Blog zu werfen – etwas was der Schockwellenreiter immer noch macht etwa – oder einen sogenannten Linkdump auf der rechten oder linken Seit zu haben in dem nur die Links reinflossen. Heute schmeißt man Links bei Twitter oder Facebook rein. Das ist bequemer und schneller als mal eben einen Artikel zu schreiben oder ständig einen Entwurf zu bearbeiten wenn man nicht dauernd Einzel-Links posten möchte. Früher hatten diese Funktion halt Blogs, jetzt haben sie die Sozialen Netzwerke – das hat sich gewandelt, ja.

Repostproblematisch

Ebenso gewandelt – obwohl die Gesetze damals auch schon galten – ist das Problem mit dem Hinweisen auf andere Inhalte. Mein Gott, wir waren 2004 halt jung und naiv, da hat man schon mal ganze Bilder gepostet ohne zu wissen ob man das jetzt durfte oder nicht. Oder gescannte Zeitungsartikel online gestellt. Oder all das gemacht, wofür man heute eine Abmahnung bekommt – damals gabs die auch schon, die waren aber nicht so häufig weil Blogs eine kleine Nische waren. Allerdings: Die Impressumspflicht gabs damals noch nicht glaube ich. Heutzutage ist das alles anders und komplizierter. Wir sind als Blogger bewußter darin, wo wir gesetzliche Grenzen überschreiten und vorsichtiger geworden was das Teilen von Inhalten anbelangt. Bei Facebook könnten wir uns noch in der (falschen?) Sicherheit wiegen, dass Inhalte für einen bestimmten Freundeskreis und nicht für die Öffentlichkeit geteilt eventuell noch so gerade okay sind. Aber Blogs sind eine öffentliche Angelegenheit, es sei denn man schützt sie mit einem Passwort und gibt das nur den Leuten, denen man vertraut. Das gabs um 2004 rum auch, ist aber eher seltener geworden. All die rechtlichen Fragen kamen ja erst nach und nach in unseren Bewusstseinen auf – und deswegen ist Bloggen heute anders als früher.

Tumblreinfachung

Wenn Bloggen heute anders als früher ist heißt das nicht, dass es schlechter sein muss. Im Gegenteil: Betrachtet man sich Tumblr-Blogs sind die was das Teilen von Inhalten anbelangt ganz weit vorne. Weil Tumblr es natürlich auch sehr einfach macht, das Teilen per Buttonklick gabs 2004 nicht. Das war Handarbeit damals. Und mal eben ein Bild einstellen – mal eben – hah! 2004 tippten wir dafür noch den HTML-Code ein! Nichts mit Anfassen-und-Fallen-Lassen wie heute. War nicht alles Zuckerschlecken damals, von wegen. Aber gerade Tumblr zeigt doch, dass Blogs durchaus auch heute noch eine enge soziale Komponenten verbindet. Auch im deutschen Raum.

Gerade aber weil Tumblr und andere Plattformen das Bloggen heute so einfach machen ist die Zahl der Blogs enorm gestiegen – und wenn das Affenblog beklagt, man würde selbst bei Blogs des eigenen Themenkreises nicht mehr kommentieren, so liegt das denke ich auch auch daran, dass es zu einer Reihe von Spezialthemen unendlich viele Blogs gibt aber der Tag nur 24 Stunden – minus Schlaf, minus Arbeit, minus Alltag – hat. Früher war das einfacher, da konnte man seine Lieblingsblogs an einer Hand abzählen und hat täglich einmal am Tag geguckt – URL ins Browserfenster eingegeben! – und dann auch lebhaft kommentiert. Heute ist das fast ein Ding der Unmöglichkeit wenn man keinen Feedreader besitzt. Und da Facebook eine Auswahl von Themen für einen vornimmt ist das natürlich übersichtlicher im Zeitstrahl und dadurch neigt man auch dazu Kommentare dort abzuliefern. Vor allem weil man auch relativ schnell eine Rückmeldung sieht. Nicht jeder schaut alle paar Minuten in die Emails ob auf einen Blogkommentar eine Antwort gekommen ist – und diese Option gibts auch nicht in jedem Blog. Also sich die Reaktionen aufs Blog nach Hause liefern zu lassen.

Vielfaltfreude

Vielleicht ist das aber mal wieder ein typisch deutsches Verhalten: Statt die Vielfalt an die Brust zu schließen und zu sagen, es ist toll, dass es heute neben Blogs noch so viele Möglichkeiten für die Konversation gibt hegt man halt lieber eine grimmige Haltung und meckert darüber, dass in deutschen Blogs so wenig Flausch vorhanden ist. Und so. Und überhaupt. Klar, Kommentare im Blog sind das Höchste, was der Blogger an Applaus bekommen kann. Genauso gut sind es aber auch Likes bei Facebook und Retweets bei Twitter. Und wenn sich heute auch nicht mehr grundsätzlich alles in Blogs abspielt: Wenn Blogs total unwichtig wären, wären sie längst verschwunden. Sind sie aber nicht. Glücklicherweise.