Wo ich bin ist mein Social Web

Frank Tentler war zwei Tage lang in Berlin und hat von dort einiges an Gedankenstoff mitgebracht den ich um meine eigenen Zusätze erweitern möchte – wobei es tatsächlich einige Dinge gibt, die mir seit einigen Tagen durch den Kopf schiessen und die wir deckungsgleich empfinden. Bei mir wirkt zu dem noch die Auftakt-Veranstaltung von Mittwoch nach, in der das Ruhrgebiet sich mal wieder versucht zu deuten, was diese Kreativwirtschaft eigentlich für die Region sein könnte – und meines Erachtens nicht viel weiter ist als 2010, weil gewisse Dinge einfach nicht im Blick sind. Dies ist schade, denn gerade das Ruhrgebiet wäre optimal für ein „Social Valley“, wie Frank das auch selbst schon meinte.

Dieses “neue” Web, geprägt durch die Netzwerke und Interaktions-Gewohnheiten des Social Web und technisch ermöglicht durch bessere mobile Bandbreite, mehr WLAN-Angebote, nutzerfreundliche Location Based Technologies/Services, smartere Smartphones und Nutzer, verlangte nach neuen Strategien, Ideen und Produkten.

Dass dieses neue Web kommt steht auch für mich außer Frage. Wir sollten nur dran denken, dass wir als Vorreiter und Vordenker – ich würde mich nicht so bezeichnen wollen übrigens, nicht dass man das falsch versteht – also als Vormacher dann natürlich schon daran sind den Gipfel der Machbarkeit zu besteigen während andere immer noch zufrieden ganz unten im Tal verharren. Dass sich etwas ändert ist aber definitiv absehbar und irgendwie scheinen das auch die Macher hier im Ruhrgebiet – also diejenigen, die etwas von Kreativwirtschaft verstehen, wenn sie sie denn verstehen – so allmählich zu ahnen. Ich hatte auf der Auftakt allerdings nicht das Gefühl, dass diese neuen Technologien gesehen werden – ich finde momentan leider die Veranstaltung selbst nicht mehr auf der ECCE-Webseite, aber selbst wenn könnte ich sie auch gar nicht verlinken, das sieht die Webseite nicht vor. Womit glaube ich schon ein wesentlicher Zug des Ganzen sichtbar wird: Einerseits ist diese Kreativwirtschaft ja „der Motor der Wirtschaftsförderung in NRW“, andererseits programmiert man Webseiten auf denen einzelne Meldungen noch nicht mal richtig verlinkt werden können. Geschweige denn, dass sie für dieses Soziale Web aufbereitet sind. Wenn Firmen wie EVONIK derzeit sehr viel Techniken des Social Webs und der Open Innovation innerhalb der Firma arbeiten ist das ein Fortschritt. So sehr dann auch der offene Geist bewundert werden kann und darf – wobei ich mir nicht sicher bin ob das alles wirklich so toll funktioniert wie dargestellt – brauchen neue Strategien, Ideen und Produkte gewisse Dinge damit sie wirken können. Und diese Dinge scheinen – was Frank ja auch schreibt – in Berlin besser zu funktionieren als hier. Warum das so ist – ob das an der Geschichte des Ruhrgebiets liegt oder daran, dass die Mehrzahl der momentanen Entscheider so alt sind wie sie sind? Gute Frage.

Wir nutzen das Web heute nicht nur zur spontanen, multimedialen Interaktion, sondern auch, um Orte damit zu belegen. Hier eine Konferenz, dort ein Konzert, eine Hochzeit, eine Wanderung, Radtour…unserem Mitteilungsdrang sind keine Grenzen gesetzt. Netzwerke bieten uns dafür die Darstellungsform, Bandbreite und WLAN den Zugang und Location Based Services die örtliche Ver-Bindung. Das Web, unser ganz persönliches Web, ist da, wo wir sind.

Genau das muss verstanden werden: Es reicht nicht zu sagen „wir verschließen uns den Sozialen Netzwerken nicht“ ohne vorher wenigstens den Hashtag für die Veranstaltung zu formulieren. Ebenso kann man über Kreativwirtschaft reden ohne einige Kreative und Akteure an Bord zu haben. Wir – jeder, der ein Smartphone nutzt – schafft mit der Anwesenheit und der Nutzung sich sein Social Web. Er bringt seine Kontakte mit, er ist eingebunden in eine Art der Kommunikation, die befremdlich wirken kann – andererseits ist es auch befremdlich wenn ich versuche mich mit einem Einheimischen aus dem brasilianischen Regenwald zu unterhalten und dessen Sprache nicht kann.

Unternehmen müssen dort interagieren, wo ihre Produkte zu finden sind. Museen müssen Smartplaces einrichten, um die Interaktion der Besucher zu führen, Teil ihrer Interaktionswelt zu werden.

Seltsamerweise war das den Teilnehmern bei der Auftaktveranstaltung überhaupt nicht klar. Schließlich möchten Unternehmen ja von den Kenntnissen der Kreativen profitieren – diese haben ja schon bereits angefangen mit den Produkten von Unternehmen umzugehen und die ein oder andere Idee ist sicherlich in irgendeiner Garage in der hintersten Winkel einer Schublade versteckt.  Aber es wird nicht dazu kommen, dass diese Idee entdeckt wird weil davon ausgegangen wird, dass man sich nur hinstellen braucht und die Kreativen kommen dann von alleine weil das Unternehmen so toll ist. Wenn man mal realistisch sein darf: Sie werden nicht kommen, nur weil ihr es gebaut habt. Was auch immer. Inkubatoren. Netzwerke. Wettbewerbe. Und da reicht es nicht irgendwelche Modelle aus Mannheim vorzustellen und „Clusterbildung“ in den Mittelpunkt zu stellen. Da müssten Unternehmen flexibel, agil und neugierig sein.

Wir müssen erkennen, dass der mobile Webnutzer nicht mehr nur einen Ort aufsucht, er übernimmt den Ort mit seinen Medien, seiner Kommunikation und wird zu einem Leuchtturm, der seinen Eindruck und seine Erlebniss in seine Community strahlt. So erhalten Orte ein von aussen definiertes Image und nicht immer stimmt diese Fremddarstellung mit der Selbstdarstellung überein.

Womit die PR an ihre Grenzen stößt – es ist nicht mehr damit getan eine Pressemitteilung zu verfassen, real vor Ort zu sein und Interviews in die Kamera zu reden. Öffentlichkeitsarbeit erstreckt sich auch auf – einzelnen – Besucher – einer – jeden – Veranstaltung. Das war schon immer so, aber das hat man nicht so wahrgenommen. Die Meinungen der Teilnehmer an einer Konferenz blieben ohne WLAN höchstens in den Notizblöcken stecken. Heute schwirren sie in Echtzeit gleichzeitig durchs Netz. Und das macht Angst und wenn Stichworte wie Big Data fallen schauen alle bei Diskussionen über die Kreativwirtschaft immer etwas verstört. Außer die Fachleute, die dann erklären wie schlimm das alles werden könnte. Aber natürlich nicht, wenn man das für die Smartcity anwendet oder für Apps für den Nahverkehr.

Daher ist es für eine Markenführung unerlässlich, ein Teil dieser Kommunikation, ein vorbildlicher Gastgeber zu werden. Aufmerksam, grosszügig, freundlich, hilfsbereit, im besten Fall persönlich anwesend. Der Gastgeber schafft das digitale Ökosystem, dass Gastfreundschaft erst möglich macht. Er schafft einen Raum, der den Bedürfnissen des digitalen Gasts entspricht. WLAN, Bandbreite, Strom. Er heisst seinen Gast willkommen, hilft ihm, sich zurechtzufinden, zu orientieren und sich mit den anderen Gästen bekannt zu machen. Durch diese Führung zeigt der Gastgeber, dass er den Besuch schätzt und ein geschätzter Gast ist ein höflicher, wenn nicht freundlicher Gast. Auch das strahlt er in seine Commuity. So wird der eigentlich vom Gast selbst erschaffene digitale Erlebnisraum unmerklich zum Spielfeld des Gastgebers.

Das müssen Veranstaltungen wie die Auftakt echt noch begreifen, nicht zu Unrecht schrieb ich sarkastisch, ich wäre lieber auf einem Barcamps als gerade jetzt in dieser Veranstaltung. Ähnliche Gedanken gingen mir aber die Tage auch in Bezug auf Kulturinstitutionen durch den Kopf, angeregt natürlich auch von den Vorträgen über smARTPlaces, die ich natürlich zum Teil schon kannte, aber man erinnert sich ja nicht immer an alles. Teilweise sind wir noch in einem Stadium wo der Besucher nicht als Gast sondern eher als notwendiges Übel wahrgenommen wird, das allerdings notwenig ist weil man sich mit den Besucherzahlen rechtfertigen muss. Bedürfnisse der Gäste sollten vorher aktiv abgefragt werden – man sollte sich auf die Themen der Besucher auch einstellen können – man sollte flexibel reagieren können. Das gilt für einen Kongress genau so wie für Konzert übrigens. Dieses Taktgefühl muss gelernt werden sonst hat man schlechte Karten.

Wir müssen uns davon verabschieden, Räume in analog und digital zu unterscheiden. Die Nutzer tun das schon lange nicht mehr. Für sie existieren Räume in beiden Welten zugleich und sie nutzen diese auch gleichzeitig.

Das zu vermitteln ist unheimlich schwer. Und unheimlich kompliziert. Vermutlich weil die Verlängerung der Lebenswelt im Internet nicht greifbar ist, ohne Gestik, Mimik und andere Signale daherkommt die deutlich machen würde wie unmittelbar das Eine mit dem Anderen verbunden ist. Die Summe der Einzelteile sind größer als das Ganze und auch wenn ich den Rechner schließe ist ein Teil von mir noch im digitalen Raum vorhanden – das ist gespenstisch, aber wir gewöhnen uns allmählich dran. Außerdem sind wir ja immer always on, oder?

Als Frank beim Foursquare-Barcamps meinte, das Ruhrgebiet sei der Ort für ein „Social Valley“ war das ein sehr positiver, ermutigender Gedanke. Als ich dann allerdings bei der Auftakt-Veranstaltung die Leute beobachten konnte, die die Strukturen für dieses „Social Valley“ schon 2010 hätten legen können und immer noch darüber stritten, ob einzelne Städte jetzt als Leuchttürme für gewisse Zweige ausgelobt werden sollten oder ob man nicht in jeder Stadt etwas von allem haben sollte – wo man doch dachte, 2010 hätte irgendwas in Richtung Kooperation der Städte gebracht – musste ich den Kopf schütteln. Da streiten sich die Leute herum wohl um den Wert der Kreativwirtschaft, sie ahnen, dass da etwas ist was längst vor der Tür steht und was auch sie betrifft, aber sie sind noch zu sehr damit beschäftigt alte Strukturen und Vorgehensweisen an die neue Welt anpassen zu wollen. Das ist dann das Einfüllen von neuem Wein in alte Schläuche.