Wer nicht experimentiert, verliert? – Neue Education-Formate und Nachhaltigkeit

Fast eine Woche ist es her, dass sich das Format der DORTMUNDER Philharmoniker klassische Musik mit jungen Grooves zu verbinden – #Groophy – zum zweiten Mal ereignete. Ein ausverkauftes Haus, ein faszinierender Wechsel zwischen Klassik und House-Musik und ein Publikum, dass deutlich unterhalb der üblichen Silbersee-Altersgruppen das Haus beseelte. Voller Erfolg also.

Und gewinnt man durch Remix-Fassungen und Live-Twitter klassischer Werke tatsächlich ein neues Publikum? Denn das Publikum am heutigen Abend war zwar deutlich jünger als in traditionellen Sinfoniekonzerten, aber senken solche Formate tatsächlich die Schwelle, auch andere Konzerte in Zukunft zu besuchen? Oder lassen sich diese Publikumsschichten nur mit Crossover und harmlosen Orchesterloops erreichen?

Fragt dagegen Kakakiri, die an dem #groophy-Event teilnahm. Da schwingt eine gehörige Portion von Skepsis mit und mancher wird da zustimmen: Das ist alles so flach heutzutage, das geht nicht in die Tiefe, Jugendliche werden kaum für ein normales Konzert wiederkommen, das Konzerthaus verkommt zur Disko und die heiligen Hallen zum kurzfristigen Event das keine Nachhaltigkeit – das beliebteste Blasenwort derzeit übrigens – erbringt.

Ich nehme diese Besorgnis durchaus ernst und sehe sie als das, was sie auch ist: Als ein Teil der guten Kraft, die Bewahren und Erhalten möchte. Das Wort Tradition in die Tasten zu nehmen wäre vielleicht etwas überstrapazierend, aber natürlich ist das Altbewährte bekannt, beliebt und geschätzt. Ketzerisch lässt sich aber hier schon ein leiser Einwurf wagen: Werden denn alle, die ein Kinderkonzert besuchen, werden alle Familien die ein Familienkonzert erleben oder werden die Kindergarten- und Schulkinder, die von Orchestermitgliedern besucht werden denn alle ein Konzert besuchen? Das sind ja schließlich erprobte und gern genommene Formen wenn das Orchester versucht neues Publikum zu erschließen oder erstmal an die klassische Musik heranzuführen. Dazu müsste man dann auch gezielte Umfragen durchführen, forschen, die Besucher fragen ob sie auch mal im „großen Konzert“ gewesen sind. Da man ja allerdings wie bekannt keine Mittel dazu hat wird das in der Regel kaum gemacht.

Das Neue ist unbequem

Anfang Januar 2014 schreckte die klassische Musikwelt auf – eine Studie der Körber-Stiftung, durchgeführt durch Forsa, ergab ein Bild, das für Orchester alles andere als schmeichelhaft ist: Jugendliche interessieren sich immer weniger für klassische Musik. Und einer der Gründe – neben Zeit- oder Geldmangels: „25 Prozent der Jungen finden die Atmosphäre in Konzerthäusern elitär.“ Oder anders formuliert: Jugendliche fühlen sich nicht willkommen und ja, obwohl man sich immer mit Händen und Füßen dagegen sträubt – Jugendliche möchten eventuell auch ein wenig Vergnügen finden. Wenn Orchester das Wort Fun vernehmen ist es immer so als ob man den Teufel mit Weihwasser bespritzt hätte, aber warum gehen Menschen ins Konzert? Weil sie Vergnügen, Spaß, Lust und ja auch diesen merkwürdigen Fun-Faktor finden.

„Harmlose Orchesterloops“ wie Kakakiri oben bemängelt sind vielleicht nicht das, was ein eingeschworener E-Musikhörer unter Fun versteht. Der richtige Klassikexperte wird auch die Nase rümpfen wenn Jacques Loussier Bach interpretiert oder Satie, wenn Rondo Veneziano aufspielt – da wäre zu fragen, was machen die eigentlich? Neo-Klassik-Pop? – oder wenn der gute Garrett auftritt. Das Phänomen, dass kritisch beäugt wird wenn Klassik auf einmal Spaß macht und sich in neuen Formen zusammenfindet ist ja nun nicht neu. Remixt hat man allerdings schon immer – es nennt sich dann nur „Fantasie über Themen aus Carmen/Don Giovanni/Rigoletto…“ Klassik darf, so scheint es, überhaupt keinen Spaß machen. Für die Klassik muss man eingeweiht, muss man höhere Weihen empfangen haben. Das ist das Bild, das halt vermitteln wird. Wie will man dann Jugendliche ansprechen? Mit den bewährten Konzepten erreicht man sie nicht mehr, es gilt daher erstmal Schwellenangst abzubauen und ja, wenn man dafür Häppchenklassik anbieten muss dann ist das so – mag es dem normalen Klassikhörer gefallen oder auch nicht.

Schwellenangst nehmen, einfach Fallenlassen

Denn es ist ja schließlich wirklich so, dass ein klassisches Konzert seine eingeschworenen Rituale hat, dass es gewisse Traditionen gibt und dass dieser Pompast abschreckend wirkt. Wenn Formate wie #groophy erstmal eins bewirken, dann ist es das Senken der Schwellenangst. Das ist enorm wichtig. Letzten Endes ist das Konzerthaus auch nur ein Raum – ein Raum, der natürlich gewisse Klangqualitäten berücksichtigt, aber diesen Raum zu betreten kostet eine enorme Überwindung wenn man das nicht gewohnt ist. Wir als Experten vergessen das gerne mal, weil wir mittlerweile wissen: Wir müssen keinen Frack und Zylinder anziehen wenn wir ins Konzert gehen – wir können das wenn wir besondere Anlässe zelebrieren, aber steif und vornehm tun müssen wir nicht unbedingt. Turnschuhe, Jeans, T-Shirt – geht auch.

Und was Formate wie #Groophy oder andere zeigen ist ja auch dieses: Du, Zuhörer, brauchst eigentlich in der Regel kein großartiges Vorwissen darüber was ein Sonatenhauptsatz ist, was die Dominante der Dominante ist, du brauchst eigentlich um ein Konzert zu genießen nur Zeit und vielleicht die Bereitschaft sich auf etwas einzulassen, was sonst nicht in deinem Alltag vorkommt. Du kaufst dir wie sonst auch einfach eine Karte und setzt dich hin. Fertig. Urteile nicht nach dem was du wissen solltest und vergiss einfach den überkandidelten Quatsch – zwinker – der dir im Musikunterricht so gerne auferlegt wird. Hör einfach hin. Hab Spaß. Kann sein, dass dir das nicht gefällt was du hörst. Kann aber sein, dass du dennoch entdeckst dass viele Popmusiker sich dann doch bei der Klassik bedient haben. Stravinsky könnte auch ein Metal-Head gewesen sein.

Häppchenklassik zum Vertrautwerden

Wenn also wie bei #Groophy – was Kakakiri im Blogbeitrag ja auch erwähnte – durchaus klassische Stücke angespielt werden, deren Themen dann weiterverarbeitet werden ist das vielleicht „Häppchenklassik“, wie man auch gerne Formate wie Klassikradio nennt. Solche Formate sind aber durchaus nötig – ebenso wie die alteingesessenen – um Menschen an die Klassik heranzuführen und heranzubringen. In der Regel spielt Klassik in einigen Gesellschaftsschichten keine Rolle. Deswegen gibt es Education. Deswegen gibt es Experimente wie ein Konzert für Ungeborene – Düsseldorf – oder #Groophy oder Konzerte in denen Musik von Computerspielen aufgeführt wird. Oder aus bekannten Filmen. Wobei die letzten beiden Formate ja fast schon wieder alteingesessen sind.

2010 schrieb Christoph Lieben-Seutter in der Sonderbeilage der NMZ zur „Art of Music Education“-Tagung folgende Sätze:

Klassik ist ein Erlebnis, dem sich auch junge Zuhörer nicht verschließen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Zunächst müssen wir sie auf eine Weise ansprechen, die der Zielgruppe angemessen ist, was nicht nur eine Frage des richtigen Tons ist, sondern vor allem auch der Kommunikationskanäle. (…)  Deshalb ist es falsch, ausgerechnet den aufnahmebereiten Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu signalisieren, dass sie erst mit 35 wieder erwartet werden. Dazu müssen wir uns regelmäßig in ihr Denken hinein versetzen und uns fragen, an welcher Stelle unseres Angebotes etwas in ihnen widerhallt.

Dieses „Sich in das Denken hineinzuversetzen“ ist die Herausforderung. Die Herausforderung auch des Experimentes, des Ausprobierens und auch des Scheiterns.

Wenn Nachhaltigkeit in Frage stellen, dann aber bitte für alles

Die Skepsis ob durch Sonderformate Jugendliche komplett demnächst in den Philharmonischen Orchestern zu finden sind ist natürlich – und ich hab das Eingangs auch geschrieben – berechtigt. Deswegen aber zu sagen, man verzichtet generell auf solche Experimente ist auch nicht der richtige Weg. Dass Kinder heute die Abo-Konzertkarten der Eltern erben und damit der Fortbestand des Orchesters gesichert ist – das ist heute nicht mehr so. Ebenso locken heutzutage auch mehr Angebote für die Freizeitgestaltung als je zuvor. Und da geht das Angebot des Orchesters vor Ort halt auch einfach mal unter. #Groophy hilft dabei es ins Gedächtnis zu bringen.

Doch wenn gefragt wird wie „nachhaltig“ solche Konzepte sind sollte man nicht mit zweierlei Maß messen: Einerseits ist die Nachhaltigkeit durch die Abrufe auf der Webseite des Orchesters oder der Zunahme bei Kartenbestellungen – wobei dann allerdings auch keiner weiß wie alt der- oder diejenigen ist – oder anderen Kriterien durchaus messbar. Diese Kriterien können dann auch für anderen eingespielte Formen der Education angewendet werden. Zweitens ist die Frage auch nicht immer die, ob man durch solche Veranstaltungen jetzt das jüngere Publikum dauerhaft im Konzert sitzen hat – das ist wünschenswert – aber #Groophy sorgt für ein enormes Branding, für ein Bekanntmachen des Orchesters, für die Lustbarkeit an klassischer Musik. Ob und inwieweit #Groophy nachwirkt, das ist eine Aufgabe die man per Umfragen ermitteln kann, durchaus. Dann aber sollte man die Ergebnisse der etablierten Formate neben die neuen legen.

Last but not least; die Frage, ob Twitter was bringt hat Rouven Kasten eigentlich schon beantwortet, der als Konzerttwitterer beim 3. Philharmonischen Konzert in Dortmund anwesend war:

Tatsächlich haben Personen aus meiner Timeline, die nicht im Konzertsaal waren, auf Twitter ihre Begeisterung für klassische Musik geäußert oder schrieben davon, dass sie durch meine Berichterstattung in 140 Zeichen dazu animiert wurden, in Kürze mal wieder zu einem Konzert gehen zu wollen. Ein eindeutiges Indiz dafür, dass solche Aktivitäten dafür sorgen können, selbst Künstler wie die Dortmunder Philharmoniker wieder ins Bewusstsein junger Zielgruppen zu rücken.

Und daran anknüpfend kann man das nächste Mal fragen, warum die Besucher ins Konzert kommen und wie sie darüber erfahren haben oder ob die Twittersitze störend wirken. Dazu muss man nicht unbedingt das Forsa-Institut beauftragen.

One thought on “Wer nicht experimentiert, verliert? – Neue Education-Formate und Nachhaltigkeit

  1. Mit #groophy habe ich in keiner Weise daran gedacht, ein neues Publikum zu erschließen. Der Remix auf Modest Mussorgski ist ein Versuch, zwei musikalische Welten sich näher kommen zu lassen. Dies setzt eine ebenbürtige Wertschätzung beider Stile, nämlich House & Klassik voraus. House trivialisiert Mussorgski nicht, solange es daselbst als musikalischer Stil anerkannt würde. An dieser Stelle entbrennt ein seit einem guten Jahrzehnt bestehender Streit: Klassikliebhaber haben bereits Anfang 2000 House und Techno als Unmusik bezeichnet. Aber House ist nicht gleich House und Klassik nicht gleich Klassik, es kommt darauf an, welche Idee dahinter steht und wie die Musik erzeugt wird. Bei #groophy, bei Super Flu waren es ehrwürdige Instrumente wie die TR 808 oder die SH 101. Super Flu wollte bewusst den Mussorgski an den House bringen. Und ich wollte ganz bewusst ein Crossover zweier zunächst unvereinbarer Musikstile machen. Ohne Hintertürchen und ohne den Zwang, neues Publikum generieren zu müssen. Der Saal war ausverkauft und die jungen Menschen, die da waren, waren total begeistert. B.Volkwein

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