Die Balance zwischen dem Alten und dem Neuen: Social Media während des Konzertes

Umbrüche haben es so an sich, dass sie verunsichern und das bisher Gewohnte in Frage stellen. Das muss man aushalten können ist aber des öfteren schwierig. Vor allem dann wenn neue Bräuche in alte Formen einziehen. Was bei Popkonzerten kein Problem darstellt ist beim Besuch eines Konzertes im „offiziellerem Rahmen“ der Philharmonie eines. Das Leuchtfeuer von Handydisplays gegen die hehre Konzentration des Programmblätterns: Wie bekommt man da die Balance hin? 2011 war das für einige Orchester in den USA kein Problem. Für Twitterer gab es dort einzeln ausgewiesen Plätze von denen man aus das Geschehen verfolgen konnte. In der Saison 2012/2013 gab es auch Twitterplätze im Mariinsky in St. Petersburg. Dort dann zum dritten Mal in Folge. Allerdings: Twittern im Konzert ist laut einer Umfrage im September d. J. von „What’s on Stage“ – wobei man berücksichtigen muss, dass die Umfrage nicht repräsentativ ist und nur unter den Nutzern durchgeführt wurde – nicht gerade beliebt.

Respekt vor der Form versus Frechheit der Jugend?

Man kann es nachvollziehen: Seit Jahrhunderten hat sich mit dem Konzert eine Form eingebürgert, die als Hort der Abgeschiedenheit und als Parnass des Kulturgenusses empfunden wurde. Allerdings: Auch das Konzert an sich als Form ist so wie wir es kennen nicht gerade uralt oder in Stein gemeißelt. Nun kann der Abend des 22. Dezember 1808 nicht gerade als ein normales Konzert für die Zeit betrachtet werden, aber Stehvermögen musste ein Besucher in der Vergangenheit schon haben. Insofern: In Stein gemeißelt ist die Form des Konzertes nicht. Der Respekt aber und die Tradition wie man ein Konzert zu besuchen hat – mit andachtsvoller Miene kennerreich nicken und bloß nicht zwischendurch klatschen! – hat sich durch das Bildungsbürgertum hindurch tradiert. Dagegen sind Pop-Rock-Jazz-Punk-etc.-Konzerte eine relative neue Angelegenheit, die durchaus auch schon gewisse Traditionen hervorgebracht haben.

Wer in einem Punk- oder Metallkonzert in der ersten Reihe steht sollte sich darauf gefasst machen von anderen Besuchern etwas unsanft bei der Tanzform des Pogens angefasst zu werden. In Popkonzerten ist es üblich bei langsamen Stücken Feuerzeuge hochzuhalten und sanft hin- und herzuschwenken. Ein Ritual, das in einem Instrumentalkonzert bei einem Adagio völlig undenkbar ist. Und beim Gospelkonzert ist nicht unüblich sich vom Sitz zu erheben, zu klatschen und lauthals mitzusingen. Jede Konzertform entwickelt also so ihre durchaus eigenen Traditionen, die auch vom Publikum dann als einhaltbare Konventionen erwartet werden. Ein Smartphone in einem Instrumentalkonzert stört da natürlich die übliche abgedunkelte Beleuchtung und kann zu Irriationskonzentrationsstörungen beim Nachbarn führen.

Wenn man aber Jugendliche ins Konzert einlädt und wenn man das auch gezielt will, weil alle Orchester feststellen, dass der Nachwuchs verdammt schwer in den Saal zu kriegen ist bei normalen Philharmonischen Konzerten, dann kann man sich nicht darauf verlassen dass Jugendliche ihre gewohnten Verhaltensweisen an der Pforte des Musentempels ablegen. Vor allem dann nicht wenn sie keine regelmäßigen Konzertgänger sind, wie sollen sie also die Konventionen im Bereich kennen?

Sichtbarmachung des Unsichtbaren

Die Bereitstellung von speziellen Plätzen für Twitterer/Facebooker/Instagrammer etc. ist auf jeden Fall schon mal ein Schritt, den man andenken kann und sollte. Irgendwann hat man sich ja auch mal gedacht es wäre nett, wenn der Adel einen besonderen Platz im Theater hätte und so erfand man irgendwann die Logen. Heutzutage in modernen Häusern meistens nur noch im Preisverzeichnis aufgeführt. Das ist zumindest eine Annäherung an die Gewohnheiten derjenigen, die Twitter und Facebook nutzen. Das Problem des Twitterns auf den normalen Plätzen hat sich dadurch allerdings nicht unbedingt erledigt – nicht jedes Orchester hat solche Twitterplätze. Also dann doch ganz verbieten, das „Handys bitte ausschalten“-Schild und die passende Ansage im Saal? Kann man machen und sicherlich respektieren die Besucher das dann auch – dann aber entgeht dem Orchester der Mehrwert von Social Media während des Konzerts. Wenn ein Orchester damit zufrieden ist vor und nach dem Konzert eine Berichterstattung zu bekommen, dann ist das in Ordnung.

Was allerdings dem Orchester dann entgeht ist die Reaktion auf ihre Musik – direkt, hautnah. Nicht, dass man da auch ohne Twittern als Ausführender mitbekommen würde, dazu ist man zu intensiv in die Noten vertieft und achtet auf den Klang und seinen Einsatz – deswegen ist der Auftrag eines Social Media Managers an dieser Stelle als Knotenpunkt zu agieren und zu vermitteln, was selten während des Konzerts gemacht wird obwohl man das eigentlich tun sollte; das Einrichten eines Social Web Command Centers ist für Instrumentalkonzerte alles andere als üblich und ein Experiment wäre es wert. Da man den Besuchern nicht in die Köpfe schauen kann ist die Frage, wie die Musik den Besucher berührt eine die nicht beantwortet werden kann außer man fragt direkt hinterher. Viel interessanter ist aber dann das Vertexten eines Konzertes, weil man so direkt sehen kann wie das Erlebnis Konzert mitgefühlt und mitgefiebert, mitgedacht wird. Das ist eine Ebene, die man sonst nicht mitbekommt. Doch wie integriert man das Neue ohne die Stammbesucher zu vergraulen?

Erklären, erklären, erklären

Dies wäre eine Aufgabe für die Musikvermittlung in den Orchestern: Einerseits das Neue zu tolerieren und vorerst erstmal separate Bereiche für die neue Form der Nutzung von Medien im Orchester zu ermöglichen – separate Sitze bei denen möglichst kein normales Publikum beisitzt sind schon ein Anfang. Bei Angeboten die Regeln vorher gut und klar ansagen, so dass der Besucher sich drauf einstellen kann dass in diesem Konzert eventuell auch Smartphones hochgehalten und getextet wird.

Das Wichtigste aber ist: Erklären, erklären, erklären. Es spricht nichts gegen eine Twitterwall an einem prominenten Platz während der Konzertpause. Generell ist die Abwesenheit des digitalen Zusatzangebots eine merkwürdige. Eine Präsentation der besten Tweets oder der schönsten Instagram-Bilder als „Bildschirmschoner“ laufen zu lassen ist nicht üblich. Damit vergibt man sich allerdings einige Chancen.

Es spricht auch nichts dagegen wenn man die gesammelten Tweets als Ergänzung nach der ersten Aufführung des Konzerts dem Programm beilegt. Seltsamerweise ist man sonst ja eher stolz darauf wenn Zeitungen oder andere Medien über einen berichten und druckt die Zitate dann auch gerne mal ab – warum also nicht auch mal Tweets im Konzertheft? Es gibt noch einige anderen Möglichkeiten Offline-Online-Symbiosen zu bilden und was mit Apps möglich ist hat #WIGA schon gezeigt.

Das alles mag ein Spezialbereich sein für den man im Orchester den Social Media Manager braucht, im Endeffekt aber ist das Erklären und das Verstehen-Machen bei der Musikvermittlung angesiedelt. Und hier wäre es keine schlechte Idee sich zusammenzusetzen und zu schauen wie man das Neue mit dem Alten verbinden kann. Letztendlich wird es nur eine Frage der Zeit sein bis sich beide Gruppen von Konzertbesuchern angenähert haben; Musikvermittler sollten allerdings begreifen, dass auch sie dabei gefragt sind.