Solange Regeln in der Regel nur den Redner edeln: Schubladen und Generationen

Dass Dinge einfach mal so sind ohne dass sie etwas sein müssen ist schwer auszuhalten für uns Menschen. Das bricht sich immer wieder an Grenzen und Dingen auf wenn es um bestimmte Klassifizierungen geht. Diese Bruchstellen sind etwas, was wir definitiv immer gerne vermeiden – Bruchstellen schmerzen und Schmerz ist doof. Wenn es also im Folgenden um irgendwie und sowieso eine Generationenbeschreibung geht und deren Kritik daran, dann ist dieser Text nicht mehr als der unzähligen weiteren Plateaus von denen man auf eine Sache blicken kann. Ein Plateau wäre dieser Text, der viel kritisiert wurde und über den zu reden ist. Ein Blogtext.

Schubladen sind praktisch, aber nicht wenn man Wasser darin aufbewahren will

Allenthalben jedenfalls wird über DIE Generation Y geredet. Wie sie so tickt. Was sie so bewegt. Zeitschriften wie NEON sind übrigens eine hervorragende Recherchengrundlage was das anbelangt wenn man nicht gerade mit Leuten, die momentan auf der Uni sind oder sich im Leben einrichten müssen redet. Klar ist: DIE Generation Y ist so vielfältig wie jede andere Generation vorher, da aber Arbeitgeber geneigt sind in Kategorisierungen zu denken braucht man für die Arbeit offenbar ein Label, dass eine Generation beschreibt die so viele Erfahrungen gemacht hat wie keine andere bisher.

„Ihre Eltern wiederum, Lucies Großeltern, wuchsen während in der Wirtschaftskrise auf und erlebten den Zweiten Weltkrieg. Knallharte Zeiten, eine Ära der Depression.“

Depression. Burn-Out. Krise. Der Euro. Die Wirtschaft. Die Banken. Ich könnte Dutzende von Krisen aufzählen, die momentan da sind. Was einen nicht heiterer stimmt. Leider. Die Generation Y erlebt in der westlichen Welt – und auch das ist ein Problem, wir fragen nicht wie die Situation auf der anderen Seite der Erdkugel eventuell aussieht, das blenden wir komplett aus – eine „aus den Angeln geratene“ Welt/Zeit, in der keineswegs sicher ist dass das, was versprochen wurde – ein Arbeitsplatz, die Rente, das Häuschen im Grünen – auch gehalten werden kann. Die Generation nach ihr – Generation Facebook? Generation Z? – als deren Erben würde dieses Schwanken, dieses ständige Kippen auf der Suche nach Idealen und dem eigenen Leben sicherlich als eine der Kernfragen der anderen Generation vor ihnen ausmachen. Wenn man verallgemeinern würde und man merkt: Das ist verflixt schwer es nicht zu tun. DIE Generation Y gibt es nicht. Es gibt Individuen, die in einem bestimmten Zeitraum geboren wurden, von Leuten in eine Schublade gesteckt wurden und die als gemeinsamen Hintergrund etliche Voraussetzungen haben, die vielleicht generell gedeutet werden können. So wie das schon erwähnte Schwanken der Welt heute von den Individuen der jüngeren Generation wahrgenommen wird. Den passenden Slogan – falls es einen gäbe – wäre „Ich möchte gerne Spießer werden“. Denn Spießer und der Neo-Biedermeier, der unsere Zeit prägt – abgesehen von einigen Eruptionen wie Stuttgart21, der Wutbürger ist auch so eine Schublade bei der man sich fragt wie die momentan hingeraten ist – versprechen die Idylle, die in dieser schwankenden, unsicheren Zeit Halt geben wird.

Ständige Projektemacher

Es gibt aber kein zurück mehr. Es gibt nur eine Chronologie – eine Legende, in der Baby Boomer vor der Generation X stehen und die Generation Praktikum sich irgendwie reinquetscht; die Generation Golf einzusortieren wäre ebenso anstrengend wie die Generation Digitale Demenz. In dieser Chronologie nicht enthalten sind die zahlreichen Brüche, Verwerfungen, Paradoxa. In ihr enthalten sind Modelle, Landkarten, die nicht das Gebiet darstellen aber bequem sind um eine Sache erstmal zu fassen zu bekommen. Dagegen ist nichts zu sagen – für den ersten Eindruck wäre das Etikett „Generation Y“ weil es die Wirklichkeit reduziert nicht schlecht. Unser Problem ist aber, dass wir nur immer die Mitte dieser Landkarten sehen und selten die Ränder, wir navigieren mit dem Finger durch die Hauptstraßen, loten die Nebenstraßen und Nebenwege aber nicht aus. Daher kann eine Landkarte nicht komplett sein und wird es nie, weil es immer Ausnahmen gibt, Verfransungen.

Auch Lucy hält es für selbstverständlich irre erfolgreich zu werden, es ist nur eine Frage der Zeit.

Selbstverständlich? Nein. Wer sich mit Leuten unterhält, die momentan auf der Uni sind und den Sprung ins Arbeitsleben machen wird Dutzende von Lebensentwürfen finden, die generell so unterschiedlich sein dürften wie die Entwürfe und Pläne der Eltern. Gemeinhin könnte allenfalls ein, dass es einen Pragmatismus gibt. Wenn man das Gute Leben nicht so gestalten kann wie man möchte bleibt einem auch nichts Anderes übrig. Wissen gerade Arbeitslose. Und „irre erfolgreich“ zu sein – das ist schon je nach Schulbildung und Chancen unterschiedlich. Zudem: Wie definiert man allgemein „erfolgreich“? Falls diese junge Generation, die wir nicht begreifen können weil wir eine andere Weltsicht und eine andere Bildung hatten – wir können uns allenfalls mit Gesprächen und Dialogen deren Sichtweise annähern, mehr nicht – wirklich etwas Gemeinsam haben, dann vielleicht das: Sie haben gelernt, dass alles im Fluss ist. Das Leben als Baustelle. Das Leben als ständiges Wandern von Projekt zu Projekt – ob nun der ehrgeizige Englisch-Unterricht schon im Babyalter oder die Früherziehung, die unbedingt schon das Wissen für die MINT-Fächer legt – und die Ahnung davon, dass diese Projekte vielleicht mal länger dauern können – und vielleicht enden sie eines Tages in dem Projekt Spießer auf Lebenszeit mit sicherem Einkommen und Häuschen im Grünen oder Wohnung unweit der hippen Städte der Republik. Vielleicht ist das so. Sicher ist das nicht. Aber was ist in diesen Zeiten des Wandels schon sicher außer der Raute der Bundeskanzlerin? Und das Nichts zwischen den Fingern?

Verwöhnt, egoistisch, fordernd oder Herr und Frau Rossi suchen das Glück?

Was hingegen Glück stiftet, kostet nicht einmal Geld: Herr über die eigene Zeit sein. Selbstbestimmung ist das Statussymbol meiner Generation.

Schreibt Kerstin Bund herausfordernd. Nun ist Selbstbestimmung allerdings ein Wert, der bei Maslow und seiner Pyramide an oberster Stelle steht und erst durch andere Werte so richtig erreichbar wird. Und dass Selbstbestimmung ein individueller Wert ist daran muss wohl auch nochmal erinnert werden. Während die Glücksformel bei dem Lucy-Blogartikel auf eine einfache Rechenaufgabe gebracht wird; was scheitern muss, wenn wir wüssten was das Glück ist würden wir nicht dauernd neue Ratgeber bei diversen Verlagen veröffentlichen als Menschheit – wird das Glück, das DIE Generation Y sucht und für die Bund spricht; im Endeffekt spricht sie nur für ihre eigene Lebensumwelt – wird also dieses Glück bei Bund begriffen als ein Zusammenspiel von Selbstbestimmung, Sinnhaftigkeit und eine Neuorganisation der Arbeit. Diese sollte man nicht mit dem Begriff der „New Work“ verwechseln, manchmal sind die Begriffe deckungsgleich, „New Work“ an sich ist aber nicht Home-Office oder Facebook am Arbeitsplatz.

Dagegen wäre einzuwenden, dass das so in der Form derzeit nicht immer eingelöst werden kann und zudem vermutlich von jeder Generation so eingefordert wurde – man möchte arbeiten, aber Spaß an der Arbeit haben ist ja nun keine neue Forderung. Und es gab schon in den 70gern im Bereich der Autoindustrie Modelle, bei denen man in Projektgruppen gearbeitet hat und in denen die Hierarchien flach waren. Gut, damals hat das keiner gefordert, aber im Grunde genommen ist das also auch nichts Neues. Ebenso soll die Arbeit einen Sinn haben – man frage mal seine Eltern ob das kein Ideal war bei dem Entwurf der Lebensplanung. Insofern ist das also alles nichts Neues. Und kennzeichnet auch keine Generation an sich. Die Ausprägungen und das Ausleben dieser Ideale, das eine große Mehrheit der Generation Y tun soll ist daher wohl im Grunde so unterschiedlich wie sie selbst. Natürlich gibt es Trends und Entwicklungen, die diese neue Generation hat die in der Vergangenheit nicht da waren. Und diese Trends darf und muss man auch benennen weil wir sonst keine Griffigkeit für diese Dinge haben. Ob sie aber eine Generation als solchen bestimmen können und dürfen ist die Frage.

Ist das so oder ist das vielleicht viel leichter?

Ein endgültiger, festgefügter Schluss wäre für diesen Artikel eh nicht von Vorteil. Ebenso wie ich feststellen möchte: Die Wahrheit ist auch in den Zwischenräumen dieser Zeilen nicht verborgen sondern nur das, was ich selbst bei Gesprächen und bei Beobachtungen gesehen und gehört habe. Und das ist keineswegs wissenschaftlich definiert oder festgelegt. Wobei: Wenn ein wissenschaftlicher Beitrag als Grundlage für das Bild der Generation Y (im Bereich der Medizin) eine Internetsuche zu den Stichworten „Generation Y und Medizin“ hat, darf man mit „Wir sind Helden“ wirklich fragen: „Ist das so, ich meine muss das so?“ Und selbst wenn Studien zitiert werden sollte man sich fragen, wie diese zustande kommen und ob die nicht vielleicht eine Erfüllung des Wunschbildes des Wissenschaftlers oder der Forschung sind. Und von daher sollte man sich immer wieder fragen bevor man eine Schublade eröffnet, bevor man Dinge einsortiert – wir müssen das als Menschen tun, weil wir sonst verloren sind im Fluss der Dinge:

Wer hat das abgestimmt?
Wer hat das vorgeschlagen?
Ich glaub es stimmt bestimmt,
aber ich wollte doch mal fragen:

Sag mal ist das so, ich meine muss das so?
(…)
Ist das so, oder ist es vielleicht viel leichter?

Übrigen ist Judith Holofernes 1976 geboren und je nachdem wie man das definiert gehört sie der Generation Y an. Oder auch nicht. Denn so wirklich sicher wann die Generation Y beginnt ist man sich auch nicht. Willkommen im Schwanken.