Bücher zwanghaft ins Internet – ist das die Zukunft?

Jemand wie Sascha Lobo, der bekanntermaßen ein Unternehmen aufgestellt hat welches dieses Social Reading propagiert – und welches sich immer noch in einer Beta-Test-Phase befindet – muss natürlich propagieren, dass Bücher zwangsweise und gesellschaftlich ins Netz gehören:

 

Vorangeschickt sei, dass das Spekulieren über die Zukunft des Buches auch Fachleuten Kopfzerbrechen bereitet und es momentan keine finalen Antworten gibt. Zwar sagt Tim Renner durchaus Richtiges über das eBook und die Probleme, die es damit gibt – endgültige Trends oder gar Visionen fehlen aber. Und da ist es natürlich nett wenn jemand sagt: „Das Verschmelzen von Buch und Netz ist gesellschaftlich zwingend.“ Das hat wenigstens den Anflug einer Vision, wenns auch relativ schwach da steht wenn man es sich genauer betrachtet.

Zunächst: Von welcher Gesellschaft reden wir? Von der, die momentan auf der republica versammelt ist? Oder von denen, die zu Hause momentan sitzen und ihre eBook-Reader oder die anderen Devices angestellt haben um ein eBook zu lesen? Das sind schon mal zwei Gesellschaften, die nicht auf dem gleichem Level sind. Während Geeks und Nerds auf der republica über Themen reden, die für sie relevant sind interessiert das, was dort momentan in Berlin von sich geht sonst in der Gesellschaft kaum. Wäre es so, hätten wir längst einen ZDF Brennpunkt zur besten Sendezeit über das Thema „Netzpolitik“ oder „Datensicherheit“ gehabt. Haben wir aber nicht und nicht allein deswegen weil die große Erzählung für dieses Thema fehlt. Es interessiert schlichtweg einfach nicht denjenigen, der im normalen Alltag jenseits von Agenturen und hippen Startups sein Brot verdient.

Zwingend gesellschaftlich notwendig?

Bücher und Kunstwerke haben eines gemeinsam: Sie werden erst lebendig wenn man über sie redet. Bis dies aber der Fall ist, ist das Buch – außer bei den Gelegenheiten zu denen wir uns gezielt versammeln, Lesungen etwa – ein Erlebnis, das für sich steht und das jeder allein erlebt. Mit dem Buch zieht man sich  zurück und lässt die Außenwelt erstmal komplett sein um entweder unterhalten zu werden oder neue Erkenntnisse zu gewinnen. Oder beides. Das Buch konsumiere ich erst mal für mich allein. Mit Ausnahmen wenn ich jemanden vorlese oder wenn mir vorgelesen wird. Dazu braucht es erstmal das Internet nicht. Selbst bei einem eBook brauche ich das Netz nur dann, wenn ich eBooks kaufe und auf meine Geräte übertrage. Manchmal braucht man dazu noch ein Kabel, manchmal ist das bei den neuesten Geräten schon eingebaut. Das Netz hat erstmal mit dem grundlegendem Erlebnis des Buches an sich nichts zu tun. Stelle ich das WLAN ab, kann ich die heruntergeladenen Bücher auch so lesen. Papierbücher haben zudem noch keine Akkunachteil. Notwendig ist das Internet also hier nicht.

Wenn mich ein Buch begeistert, dann rede ich darüber. Das kann offline als auch online passieren. Ich kann Zitate direkt aus dem Buch teilen oder ich kann Sätze abtippen, ich kann Twitter, Facebook, Whatsapp oder sogar Snapchats nutzen. Ich kann eine Rezension in einem Blog veröffentlichen oder ich kann die Bücher bei Amazon mit Sternchen bewerten. Dafür brauche ich tatsächlich das Internet als Trägermedium. Allein: Das sind Tätigkeiten, die meistens nach dem Lesen der Lektüre passieren. Es mag sein, dass es Leute gibt die direkt eine Anmerkung nach dem Lesen aus dem eBookreader via Twitter in die Welt hinaustragen. Damit unterbricht man aber den Lesefluss, den Sog des Textes. Wer danach wieder komplett wieder sofort einsteigen kann ins Buch und nicht erst wieder ein paar Sätze braucht: Glückwunsch. Vermutlich aber ist das nicht generell der Fall.

Es sind also zwei Bereiche, die getrennt voneinander zu sehen sind: Einmal das Leseerlebnis, der Sog, der mich die Handlung verfolgen und eine Nacht durchlesen lässt und dann das Reflektieren darüber, was ich gelesen habe, wie ich es fand, ob es sich gelohnt hat oder nicht. Sind diese beiden Ebenen gesellschaftlich zwingend? Zwingt mich also mein Umfeld dazu Bücher zu lesen? Und muss ich anschließend weil ich sonst ein gesellschaftlicher Paria bin lauthals darüber reflektieren was ich gelesen habe? So sehr diverse Initiativen sich das auch wünschen: Es ist nicht gesellschaftlich zwingend notwendig Bücher zu lesen, außer es ist Schullektüre. Das Lesen von Fachbüchern ist nur dann notwendig wenn ich einen gewissen Bildungsgrad und -abschluss erreichen möchte. Das Ziel des Abiturs ist aber nicht jedermanns Sache. Ebenso ist es nicht gesellschaftlich zwingend dass ich darüber nachdenke was ich gelesen oder wie ich gelesen habe. Wäre das der Fall, hätte die BILD noch mehr Leserverlust als ohnehin schon.

Verschmelzung gesellschaftlich notwendig?

Wenn also zwei Ebenen nicht gesellschaftlich notwendig sind – außer bei Ausnahmen – ist dann die Verschmelzung von Buch und Internet notwendig? So steigen die eBook-Verkäufe mehr und mehr in die Höhe und lassen die Papierauflagen hinter sich. Das liegt auch daran dass Amazon und Apple es einem sehr leicht machen eBooks zu kaufen – und sie liefern auch die passenden Geräte gleich dazu bzw. die passenden Anwendungen. Wer aber intensiv fachwissenschaftlich arbeitet braucht in der Regel zitierfähige Angaben und wird daher notgedrungen zu einer Papierausgabe greifen. Unterstreichen und Anmerkungen machen kann man natürlich auch in eBooks, da hängt es aber davon ab wie bequem das bei den Geräten gestaltet ist. Wer beim einfachen Kindle mal die Suchfunktion für den Shop betätigt fühlt sich an das Eingeben seiner Initialen nach einem gewonnen C64-Spiel erinnert.

Momentan stehen wir was eBooks betrifft sicherlich noch im Zeitalter der Wiegendrucke – Drucker kopierten damals ja auch möglichst treffend die handgeschriebenen Manuskripte inklusive schöner Initialen und wir übertragen das momentan von einem Medium ins andre. Ist also nichts Neues. Irgendwann mal stellte sich dann heraus, dass das Drucken von Büchern weniger kostete und schneller ging. Passt auch zur Entwicklung bei eBooks, ist also auch nichts Neues. Gesellschaftlich zwingend ist eine Verschmelzung von Büchern und Netz, das Aufnehmen und Verarbeiten von Inhalten, das Lesen von Texten aber nun nicht. Solange unterschiedliche eBook-Fomate existieren werden, werden die Möglichkeiten der Evolution von eBooks eh ausgebremst werden. Außerdem haben wir jetzt schon eher den Hang zu Buch-Apps als zu eBooks an sich.

Social Reading geht als Gedanke davon aus, dass die Leser tatsächlich während des Lesens mit anderen interagieren wollen, Anmerkungen austauschen, Absätze kommentieren und dann Diskussionen über das Gelesene machen. Auch das ist nun nichts Neues: Lesegruppen und Lesezirkel waren in vornehmen Salons des Bürgertums nun die Regel. Leseclubs haben Bibliotheken immer noch zur Förderung von Lesekompetenz, an den Schulen nennt sich das LeseAGs.  In diesen Fällen kann man vielleicht von zwingend gesellschaftlich notwendig reden, allerdings ist die Analphabetenquote in Deutschland nun auch nicht gerade niedrig. Es ist nicht so, dass das erlernte Verhalten wie man ein Buch liest – nämlich für sich und alleine – nicht änderungsfähig ist. Das Leise-Lesen haben ja auch erst die Klöster so richtig populär gemacht. Um aber den Inhalt eines Buches zu erfassen und zu verstehen gehe ich in der Regel – es mag Leute geben, die beim Fernsehen lesen – bewußt in die Isolation. Das ist ein Verhalten, das in der Gesellschaft immer noch gang und gäbe ist.

Nun mag sich das Leseverhalten ändern – man spricht auch schon vom „Fetzenlesen“ wenn es um Tweets oder kurze Informationen geht, Blogger haben schon immer lange Texte gerne zusammengefasst und auch das ist, mit Referenz auf die „gekürzten“ Romane beim Bertelsmann Buchring seinerzeit nicht neu. Doch selbst das Lesen eines Tweets geschieht in erste Linie für sich bevor man den Inhalt weitergibt oder das Display des Smartphones seinem Nachbarn zeigt. Ein direktes Eingreifen in den Leseprozess wie das Social Reading sich das vorstellt ist in etwa so prickelnd wie die Werbeanzeige während des Lesens der Onlinezeitung.

Erweiterung? Ja, aber zwingend notwendig? Nein

Social Reading kann allerdings seine Vorteile haben. Wenn ich bei einer Textstelle nicht weiterkomme. Wenn ich Fragen zu Personen im Text habe. Wenn ich auf eine interessante Meinung stoße und die mich beim Lesen weiterbringt. Wenn ich mir ansehe wieviele Leser welche Stellen als wichtig im Buch erachtet haben. Es ist nicht so, dass Social Reading an sich unnütz ist. Fürs Social Reading jedoch braucht man nicht nur die Software und die Hardware – man braucht auch zuerst das Verständnis des Textes. Das ist zwingend notwendig. Nur wenn ich sicher bin oder gar glaube verstanden zu haben was der Autor meint, erst dann kann ich in die Konversation eintreten. Und das ist etwas, was das Social Reading sicherlich erleichtert. Es ist aber nicht gesellschaftlich zwingend. Selbst wenn wir demnächst neue Displays haben und vielleicht neue Arten um Texte zu lesen – wer weiß schon was die Zukunft bringt – eine gesellschaftlich zwingend notwendige Verschmelzung von Internet und Buch ist nicht absehbar. Wozu auch, wenn beide Ebenen auch unabhängig voneinander funktionieren. Zwingend notwenig wäre mal darüber zu reden warum eBooks DRMgeschützt sind, warum ich Apple-Inhalte nicht auf meinen Amazon-Reader bekomme, zwingend notwendig zu debattieren wäre auch: Setzen wir beim eBook-Reader auf falsche Pferd und könnte nicht irgendwas anderes als Gerät infrage kommen? Demnächst lesen wir vielleicht von der Smartwach? Oder bekommen die Inhalte per Schnittstelle direkt ins Gehirn, wie William Gibson das prophezeite? Wenn eine Gesellschaft etwas für zwingend notwendig erachtet, dann kommt leider meistens so was wie die Debatte um Pirincci und Sarrazin heraus. Leider.