Die Geschichte einer Geschichte: Ein Lehrer und Game of Thrones

Diese Geschichte zeigt eindrucksvoll die Verkreuzungen und Weitertragungen, die bei guten Geschichten passieren können – und lehrt so mit auch eine Menge über uns.

Die Webseite Dontonchat – ein Wortspiel mit dem englischen Chat natürlich – hat unter den Top3 der Artikeln einen, der eine faszinierende Geschichte erzählt. Dabei muss man vorausschicken: Die Webseite sammelt französische-sprachige Chat-Dialoge, die witzig oder auch skurril sind. Seit 2005 schon und die Quellen stammen aus MSN-Mitschnitten, IRC-Dialogen – kurz – ob die Geschichten, die man sich hier erzählt wirklich wahrheitsgemäß sind ist die Frage. Im Dialog, der momentan die Runde macht unterhalten sich zwei Schüler über etwas, was einerseits tatsächlich passiert sein könnte, andererseits aber auch gut in den Fundus der modernen Legenden passen könnte. „Mein Mathelehrer ist ein Genie“, steht da und auf die Frage, warum das sei kommt die Antwort, dass nachdem Unruhe im Klassenraum war und zudem wohl der Lehrer schon einige Male um Ruhe – erfolglos gebeten habe – er einfach seine momentane Tätigkeit unterbrochen und die Frage gestellt habe, wer in der Klasse Game of Thrones sehen würde. 3/4 der angeblich 70 Personen – hier könnte man sich fragen welche Schule in Frankreich solche Klassengröße hat oder ob einfach nur ein Vertipper besteht – hoben die Hand. Der Lehrer fuhr fort, dass wenn die Klasse nicht ruhig sein würde er die Namen und die Todesarten der Charaktere für Stafel 3 an die Tafel schreiben würde. Er habe alle Bücher gelesen und wüsste daher wer überlebt und wer nicht. Nachdem das von einigen angezweifelt wurde hat er es dann tatsächlich auch gemacht – und die letzte Stunde sei eine religiöse Stille in der Klasse gewesen.

Ob diese Geschichte wahr ist oder nicht – keiner weiß es. Sie hat definitiv Züge der bekannten „Spinne in der Yucca“-Palmengeschichten – urbane Mythen und Legenden, sie lässt sich nicht direkt verorten außer man würde nachrecherchieren wer sich hinter den Pseudonym der beiden Schüler verbirgt. Aber die Zutaten für eine moderne Legende sind durchaus gegeben: Sie ist ortsunabhängig – das ganze kann sich in Frankreich, in Belgien oder irgendwo abgespielt haben wo französisch gesprochen wird. Es nimmt Bezug auf einen populären Sachverhalt – Game of Thrones. Und wie bei modernen Legenden gibt es auch eine Moral: Die unruhigen Schüler wurden am Ende bestraft, die Schalen der Waage sind im Gleichgewicht. So weit so gut. (Übrigens hat die Webseite selbst eine ausführliche Stellungnahme online gestellt. Demnach sei die Geschichte unmöglich zu verifizieren, es bedeute aber nicht, dass sie wirklich ein Fake sein müsse. Dazu komme ich aber noch später.)

Geschichten verändern sich beim Weiterzählen – selbst heute noch

Interessant ist, dass mir die Geschichte jetzt mehrmal über den Weg gelaufen ist – und wie sie sich im Laufe des Wegs, den sie für mich genommen verändert hat. Zunächst ist da ein Tweet vom 26.03., recht aktuell also, der ein Photo von einer gedruckten Pressemitteilung über die Geschichte hat, die nicht vollständig ist. Entweder weil das Photo nicht komplett ist oder es nur eine Kurzmeldung ist. Neues Element: Die Geschichte wird hier in Belgien verortet. Zudem reicht hier schon die Drohung des Lehrers aus um die Klasse ruhig zu stellen.

Näher an der ursprünglichen Quelle bleibt der Express, vom 25.03., der sehr vorsichtig mit Konjunktiven hantiert, auch hier reicht die reine Drohung aus um die Klasse ruhig zustellen. Der Express beruft sich dabei aufs Nieuwsblad – vom 20.03. – und bis auf den ersten Absatz ist das tatsächlich eine recht nahe Übersetzung des Artikels. Das Nieuwsblad hat aber die Pointe mit dem zur Tat schreitenden Lehrer, der dann wirklich Personen und Todesursache an die Tafel schrieb zum Schluss. Das lässt der Express weg. Das Nieuwsblad verweist auf die Webseite Don ton chat und schreibt dazu, dass diese Geschichte nicht unbedingt verifizierbar sei. Daher vielleicht auch die Konjunktive im Express. Wobei im Express von Schülern die Rede ist, die die Aktion gut fanden. Das stimmt nur dann wenn man die Kommentare zur DTC-Meldung dazuzählt.

Sehr nah am Original ist eine Meldung, die die DTC-Seite dann selbst eingescannt hat.  Sie ist vom 20.03. übrigens und recht nahe an dem Chat-Transkript – allerdings abschließend auch mit der Feststellung, dass man nicht genau sagen könne ob die Geschichte gut erfunden oder wahr sei. Wann genau der Chat-Transkript online gestellt wurde ist leider nicht feststellbar. Vermutlich aber, sagten die Macher der Seite, ist der wohl etwa zwei, drei Monate alt.

Ebenfalls nah am Original ist die Meldung in METRO. Am 23.03. meldet das Blog / Magazin die Geschichte, fügt dann noch an dass die Klasse dann Divisoren und ähnliches in aller Ruhe gemacht habe nachdem der Lehrer seine Drohung wahrgemacht habe.

Bildschirmfoto 2014-03-27 um 01.04.19Der Sprung von Englisch zu Deutsch: TIMES, Huffington Post, Regionalblätter, SZ

Google News mag vielleicht nicht wissenschaftlich exakt sein, vermittelt aber ein schönes Bild über die Verbreitung der Geschichte: Im englischen Sprachraumschafft es die Meldung am 24.03. in die TIMES – hier ist es ein belgischer Lehrer – die sich auf die bekannte Meldung im Niewusblad bezieht, aber auch hier nur die Drohung des Lehrers berichtet. Allerdings ist die Meldung selbst während der letzten Tage immer wieder in den englischsprachigen Medien zu lesen gewesen – diverse Blogs griffen sie auf, so IO9 etwa. Dass dann die Huffington Post UK aufspringt bringt die Meldung natürlich viral nach vorne. CNET berichtet noch am 25.03 – auch hier wieder: Belgien als Ort der Geschichte – danach ist die Meldung allerdings in der englischsprachigen Welt durch. Man konzentriert sich dann eher auf Daten und Fakten zur kommenden Staffel 4. Wobei: Die Annahme, es sei ein belgischer Lehrer gewesen kommt wohl durch die Hauptquelle, die die meisten Zeitungen anführen: Nieuwsbad ist ja tatsächlich eine belgische Zeitung, allerdings hätte man hier ja noch mal genauer hinschauen können…

In Deutschland bringen am 25.03. laut Google News zum ersten Mal der Stern und Nordbayern.de die Geschichte. Damit schwappt sie nach dem Rundlauf durch die bedeutenderen Medien der englischsprachigen Presse – UK und US – zu uns nach Deutschland. Nordbayern bezieht sich auf den Guardian als Quelle – und gibt „Brüssel“ als Ort für die Meldung an. Hier ist es mal die dritte Staffel, mal die vierte Staffel mit der der Lehrer droht. Offenbar ein Übersetzungsfehler, ein kleiner Seitenhieb auf die FAZ darf dann auch noch drin sein. Der Stern hat: „Offenbar“ und „angeblich“ habe ein „französischer Lehrer“ die Schüler mit Spoilern bedroht – aber auch hier fehlt die Durchführung der Tat. Allerdings verlinkt der Stern auf die Quelle und ordnet das Ganze noch kritisch ein: Ob es wahr ist oder nicht, es ist eine nette Idee. Und empfiehlt den Lehrern dann gleich mal George R. R. Martins Bücher zu lesen…
Kurios wird’s in der Meldung von 20minuten – aus unerfindlichen Gründen ist hier Holland der Schauplatz der Geschichte. Obwohl das im Metro-Artikel, der als Quelle genannt wird, eigentlich gar nicht so steht. Es fällt allerdings auf – wie schon bei den meisten englischen Meldungen – dass die Tat des Lehrers die Namen an die Tafel zu schreiben in Deutschland meistens völlig unter dem Tisch fällt.
N24 hat mal wieder Belgien – Serienjunkies auch. Wobei Serienjunkies zu Recht auf Don Ton Chat hinweist – allerdings ohne Link – und damit wissen könnte, dass es nicht unbedingt Belgien als Ort gewesen sein muss. Ebenso haben die Schüler das nicht gebloggt…
Ein etwas blumiger Stil ist für die WAZ bei „Peoplenews“ nicht ungewöhnlich. Woher sie allerdings das „regelmäßig“ nimmt? Schön, es ist in der Geschichte selbst so angelegt, aber wird das offensichtlich wirklich erzählt? Ja, ja, EXPLOSIV halt… Interessant: Hier droht der Lehrer das nicht erst an sondern gehet sofort an die Tafel und die Schüler haben das natürlich im Internet verpetzt. Boulevard halt.

Dann wären noch die Mittelbayerische – laut Google relativ zeitnah zur Nordbayern-Meldung – auch hier fehlt die Ausführung der angedrohten Tat, ebenfalls neu ist hier, dass die Schüler den Mathelehrer als Genie bezeichnen. Das ist – wie schon oben erwähnt – im Dialog zwischen den beiden Chat-Teilnehmern zwar der Fall und in den Kommentaren zum Original auch, aber ob die Kommentare von der Schulklasse kommen ist ja doch zweifelhaft.
Zuletzt bisher – alle deutschen Meldungen stammen übrigens vom 26.03. – schaffte es die Meldung in die SZ.  Diese ist sehr nah am Original-Beitrag von DTC, schleppt aber ebenfalls Belgien als Ort der Handlung mit.

Eine Geschichte ist eine Geschichte ist eine Geschichte

Was lernen wir daraus?

Erstens: Eine Geschichte kann sich auch heute noch durch den Transport im Internet und über Medien hinweg verändern. Bei dieser Meldung passiert das relativ leicht, weil sie nicht verifiziert werden kann – was etliche Online-Medien auch eingestehen. Sie könnte überall spielen. Und wenn man nicht besonders intensiv recherchiert und nur eine belgische Tageszeitung als Quelle annimmt, dann schleicht sich Belgien als Tatort mit hinein und wird vom Großteil der Journalisten übernommen. Bei einer Reportage über das Schulwesen in Frankreich, die auf verifizierbaren Tatsachen beruht wäre das nicht möglich. Hier aber entzieht sich die Geschichte den Tatsachen. Ob sie wirklich so passiert ist – das ist die Frage. Hier kann sie aber getrost offen gelassen werden.

Zweitens: Die Geschichte an sich funktioniert, weil sie so erzählt wird wie wir Geschichten kennen. Der Lehrer ist zu Beginn eine bemitleidenswerte Figur, mit der man sich identifizieren kann, es gibt drei Handlungen, die wir so aus Märchen kennen – einmal die Umfrage, dann die Drohung, dann das Anschreiben an die Tafel. (Streng genommen müssten noch die Versuche, die Klasse vorher zu beruhigen dazukommen bei denen der Lehrer scheitert – wir kennen das im Märchen auch, die ersten Prinzen bestehen die Proben definitiv nicht, allerdings ist das hier eher die Ausgangssituation und nicht die Prüfung selbst.) Und am Ende siegt die Gerechtigkeit: Die bösen Schüler sind bestraft, der Lehrer geht als Held aus der Geschichte hervor. Das kann man so in der Form tatsächlich auch weitererzählen und man behält es so im Gedächtnis. Und dank der Pointe erzählt man die auch gerne weiter. Zudem: Sie schließt eng an die Popkultur an – Game of Thrones kennt fast jeder vom Hörensagen, auch wenn man die Serie oder die Bücher an sich nicht kennt weiß man doch, dass das Verraten von Inhalten vorab eigentlich ungehörig ist. Das Schadenfreude-Element ist jedenfalls sehr hoch bei der Geschichte. David gegen Goliath.

Drittens: Es spielt keine Rolle ob die Geschichten wirklich so passiert ist oder nicht – die Geschichte vermittelt eine Moral. „Wer sich nicht benimmt, wird bestraft.“ Das wäre an sich keine große Überraschung, entspricht aber unserem Verlangen nach einer gerechten Welt mit einem Happy End. Wir wollen Gerechtigkeit. Wir wollen, dass am Ende des Krimis der Täter im Gefängnis sitzt, die Bösen bestraft sind. Das bringt die Geschichte an sich gut rüber und aktualisiert praktisch die alte Moral mit den Mitteln der neuen Zeit.

Eine Geschichte kann wahr sein. Sie kann nicht verifizierbar sein – das ist ein Unterschied übrigens – aber durchaus so passiert sein. Was aber, wenn die Geschichte tatsächlich nur ein Fake sein sollte? (Ohne dass ich den Artikel kannte kommen wir zum gleichen Schluss, die Geschichte  ähnelt sehr einer modernen Legende a la Spinne-Yuccapalme.) Die Antwort haben die Macher von DTC schon selbst gegeben als sie merkten: Die Geschichte schlägt Wellen.

On ne peut pas vérifier chaque quote, c’est strictement impossible. Ce qu’on peut faire, c’est se demander si c’est plausible ou pas. Si tel est le cas, ça nous suffit ! Si ça a été inventé : tant pis. Savoir que ça „aurait pu“ se passer, c’est tout ce qu’on a. Et peut-etre même que ça s’est déjà passé sans que personne n’en fasse une quote… ? On n’en sait rien.

„Wir können nicht jedes Zitat überprüfen, das ist grundsätzlich nicht möglich. Aber was wir tun können ist uns zu fragen ob es plausibel ist oder nicht. Ist diese der Fall, dann genügt uns das völlig! Wenn es erfunden wurde, dann sei es so. Wir haben nur Möglichkeit, dass es passiert sein könnte. Und vielleicht ist es sogar passiert ohne dass jemand dies in einem Zitat aufschrieb…? Ausschließen können wir das nicht.“ So sehr auch – vielleicht mit Recht – darauf geschimpft werden kann, dass scharenweise Journalisten ein – vermutliches – Gerücht oder eine nicht überprüfbare Meldung verbreitet haben: Die Kritik übersieht etwas. (Abgesehen davon, dass auch bei mehr Fakten wohl der Eine vom Anderen dezent „zitiert“ hätte.) Diese Geschichte ist nämlich tatsächlich wahr, aber in dem Sinne in dem Geschichten generell an sich wahr sind. Sie sind wahr, weil sie Werte und Moralvorstellungen vermitteln, weil sie es schaffen uns zum Schmunzeln oder zum Nachdenken zu bringen. Und mag es auch eine moderne Legende sein: Der Fall der schnellen viralen Verbreitung zeigt uns wie hungrig wir nach guten erzählten Geschichten sind. Wenn sie nicht wahr ist, dann aber ist sie wenigstens gut erfunden.

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