#WDR3Forum oder braucht die Kultur das Social Web?

 

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Tyne & Wear Archives & Museums: Blind visitors to Sunderland Museum, examining models of the old and new bridge across the river Wear. – Quelle: Flickr Commons

Wenn ich mir das richtig notiert habe, dann ist WDR3 seit knapp 8 Wochen im Social Web. Ein Engagement das mir natürlich aufgefallen ist, ich beschäftige mich halt viel mit Kunst und Kultur im Internet. Vermutlich deswegen kam dann auch die Einladungsmail zum Vorort-Dabeisein des WDR3Forum zustande. „Hashtag Kultur“ war die Überschrift und es stellte sich mal wieder heraus: Für Livebegleitung ist Twitter immer noch die beste Wahl – vor allem dann wenn eine Twitterwall anwesend ist.

Die Frage, ob eine Twitterwall den Moderatoren eher ablenkt oder nicht –  seien wir ehrlich: Wenn es eine Veranstaltung ist und wenn darüber live gewittert wird sollte der Moderator und sollte das Panel zumindest die Möglichkeit haben die Reaktionen auf einer Twitterwall zeitgleich wahrzunehmen. Das nennt sich dann Augenhöhe, hat was von einer gewissen Fairness und war mit dem kleinen Monitor vor der Panelrunde gut gelöst. Alle anderen hatten die große Twitterwall im Blickfeld. Wie dann der Moderator eines Panels mit der Twitterwall umgeht ist ja dann die andere Frage – und wenn jemand nicht so ganz bewandert damit ist, dann ist es auch nicht schlimm wenn die Redaktion im Hintergrund die Highlights rausspickt und einspielt. Aber ich denke die Diskussion wie man eine Twitterwall handhabt oder nicht brauchen wir nicht wirklich zu führen.

Braucht die Kultur das Social Web?

So sehr lagen die Standpunkte der vier Panelteilnehmer – man folge oben dem Hyperlink, ich schreibe die jetzt nicht alle einzeln nochmal auf wenn das Internet das schon getan hat😉 – eigentlich gar nicht bei der Frage auseinander – weswegen ich den Eindruck hatte, dass der Moderator ab und an etwas an Schärfe zulegte um die Diskussion in Gang zu bringen. Durchaus legitim, schließlich waren ja noch Radiohörer an den Geräten „da draußen“, die sicherlich sonst abgeschaltet hätten.
Wenig überraschend kam unvermeidlich die Frage auf: Was bringt das Ganze eigentlich? Die berühmt-berüchtigte Frage nach dem ROI – wie definiert man den eigentlich für die Institution? Sind das „harte Zahlen“? Oder ist das Social Web nicht eher ein Branding-Instrument, bei dem Zahlen zwar schön, die Interaktion mit den Fans aber weitaus wichtiger ist? Warum macht man das Ganze eigentlich auf Facebook, wenn die jungen  Hipster da angeblich schon wieder weg und zu anderen Plattformen ziehen? Wie immer: Den Heiligen Gral des Social Media ROI hat – auch wenns Fachbücher dazu gibt, neulich die Tage eines vom O’Reilly-Verlag – noch keiner so recht gefunden. Und es ist schade, dass die Diskussion hier nicht in die Tiefe ging – es mag auch sein dass ich nicht so ganz verstanden habe wie das Herforder Museum die Social Media Kanäle sieht.

Etwas zucken musste ich als gemeint wurde, dass Kultur „fest“ sei und sie sich erst mit dem Social Web quasi verflüssigt habe. Kultur also quasi neu eintauche in liquide Ströme, in Erlebnisräume des Einzelnen. Gerade wenn dann das Stichwort „orale Kultur“ fällt bin ich mir absolut sicher, dass auch schon vor Urzeiten Kultur nicht an sich „fest“ und in Stein gehauen wurde – auch wenn in Köln ein großartiges Zeugnis dieser Kultur in Bahnhofsnähe steht – sondern Kultur schon immer an sich flüssig war. Ein Geschichtenerzähler, der von seinem Job leben musste, hat die selbe Geschichte dem Publikum angepasst sonst bekam er kein Geld. Kultur war und ist immer an sich im Fluss, verändert sich mit den Zeiten und Gegebenheiten und das muss auch so sein weil wir Menschen uns zivilisatorisch weiterentwickeln. Sicherlich ist eine Statue oder ein Bild etwas „Festes“, dass eine Aura hat – womit wir wieder unwillkürlich bei Walter Benjamin landen, der das im Zeitalter der Reproduzierbarkeit bekanntlich durchdeklinierte. Die Aura aber ist es letzten Endes, die die Menschen immer noch in Scharen zur Mona Lisa in den Louvre führt – auch wenn man den tausendsten Kunstdruck, die xte Warhol-Variante – diese hat aber wieder ihre eigene Aura! – oder die Postkarte vom Eiffelturmstand mitgenommen hat. Kultur ist flexibel, sie hinterlässt – das ist wahr – ihre Abdrücke in „festen“ Gebilden, sie lässt im Raum ihre „Fossilien“ aber diese sind ja immer nur ein Ausschnitt, ein Teil der Kultur an sich. Man kann tausendfach Expressionisten gesehen haben, ohne die Zeit, die Gegebenheiten, die Künstlerateliers und das Umfeld in dem diese Kunst entstand zu verstehen und von ihr zu wissen ist das immer nur ein Abglanz der Kultur des Expressionismus. Genauso wie ein Dinosaurierskelett an sich nun nur die Größe eines Tieres der Urzeit vermittelt wenn man es sich als Besucher anschaut. Vielleicht ahnt man noch, dass man aufgrund der Zähne feststellen kann was das Tier mal gegessen hat – aber das Zeitalter der Dinosaurier erschließt sich einem erst durch das Wissen, dass man sich zusätzlich dazu aneignet. Und selbst das ist ja bekanntlich in der Forschung auch immer wieder im Fluss.

Museen hinken hinterher – wirklich?

Dass Museen im Social Web hinterhinken – wie das in der Runde behauptet wurde – und dass Museen nie wirklich vorne mitspielen können bei Social Media – auch hier ein Augenrunzeln. Ich hatte um das Jahr 2010 herum den Eindruck, dass Museen die Vorreiter im Social Web waren, die vor allen anderen Kulturinstitutionen auch bei Konferenzen wie der stART oder Barcamps oder anderen Formaten gerade im Social Web vorne waren und Dinge ausprobierten. Museen haben sich in meinem Sichtwinkel auf diese Szene durchaus als Orte verstanden an denen über Kunst geredet und gesprochen werden durfte – durchaus mit neuen, anderen Vorgehensweisen. Und Orchester und Opernhäuser in Deutschland waren teilweise zu diesen Zeiten noch lange nicht so weit wie einige Museen.

Museen sind nicht Avantgarde? Ich denke dass sehen gerade Institute, die sich momentan mit Medienkunst oder der Frage auseinandersetzen wie das Museum der Zukunft aussehen soll nicht so. Dass einige Museen sich gerne als Institution verstehen, in der Kunst aufgebahrt wird und in der man um Gotteswillen nur flüstern darf um die Leichen nicht zu wecken – auch das gibt es. Aber: Museen dürfen und müssen sich Gedanken darüber machen wie Kunst und wie Kultur in der Zukunft dargestellt, gesehen und rezipiert werden soll und kann. Wenn Museen das nämlich nicht machen kommt Google daher und macht einfach ein Kunstprojekt und wir Europäer reagieren dann mit „wir brauchen aber ein EU-Kunstprojekt“ und sind empört weil ein Konzern sich anmasst Kunst und Kultur einzuverleiben. Museen sind das Orte des Gedenkens, sie sind aber auch Orte das Nachdenkens die Impulse für die Zukunft liefern sollten, könnten und müssten. Dazu müssen sie dem Besucher Raum lassen, sie müssen ihm erlauben mit der Kunst in Kontakt zu treten und ihn partizipieren zu lassen. Und dazu gehört auch die Erweiterung des Museums in den digitalen Raum um Menschen zu erreichen, die bisher noch nie im Museum waren – ob nun Jugendliche oder Erwachsene, die über die berühmte „Schwellenangst“ verfügen ist ja erstmal an sich egal. Dazu braucht man aber wie auch für die analogen Formen ein Konzept, ein Strategie, eine Herangehensweise. Wenn diese nämlich festgelegt wird, wenn mir klar wird wie ich mit dem Besucher sprechen möchte, wie ich das Museum sehe – vielleicht als „Kraftwerk“ für neue Ideen, vielleicht aber auch als Ort an dem man sich der Muße hingeben kann und darf – sind die Plattformen des Social Web mit ihrer Veränderbarkeit und ihrer Wechselhaftigkeit dann nichts Einschüchterndes mehr. Muss das Museum nicht wie ein Kaninchen immer wieder nach dem grünsten Löwenzahnblatt gieren sondern kann die Tools von Social Media zu dem nutzen was Teil von Social Media ist: Zur Kommunikation mit den Nutzern.

Es sind nur Tools, wirklich!

Denn: Wir reden alle immer gerne über Twitter und Facebook, über Google+ und Whatsapp, über Instagram und Pinterest und vergessen – was bei der Diskussion auch leider nicht immer ganz so rauskam – dass das alles nur – ja nur – Werkzeuge sind. Es sind Tools mit denen echte Menschen hinter den Avataren und vor den Bildschirmen mit der Welt in Verbindung treten und mit ihr kommunizieren. Das Social Web macht es für uns alle leichter uns zu verbinden, in Kontakt zu treten, es senkt Hindernisschwellen und so provozierend die Aussage von Christoph Müller-Girod auch war – zusammengespitzt „do or die“ – Museen werden bestimmte Gesellschaftsschichten eben nicht erreichen, wenn sie nicht im Social Web unterwegs sind. Wir wissen heute nicht wie die richtigen Digital Natives, die heute drei, vier Jahre sind, in Zukunft mit Museen umgehen werden. Und es mag Menschen geben, die von Social Media nichts wissen möchten und sich dann halt auf Audioguides oder Führungen verlassen, es wird Menschen geben die sich auch einfach mal nur berieseln lassen wollen und nicht interagieren möchten. Keine Frage. Die wesentliche Frage aber ist: Wie kann ich als Museum in Zukunft auch weiterhin Kunst vermitteln? Wie schaffe ich es weiterhin in Zeiten der vielen, vielen Ablenkungen Aufmerksamkeit zu generieren und dadurch dann sozusagen nachfassend meine Inhalte weiterzugeben?
Und letzten Endes meine Berechtigung als Institution nachzuweisen in Zeiten in denen Kultur gerne mal rasant im Stadtsäckel als „nicht so wichtig“ erachtet wird?

Auf die Frage was es dem Museum oder der Institution letztendlich bringt gibt es – leider – keine generelle Antwort. Manches Museum schaffte es in der Vergangenheit durch Social Media eine Fangemeinde aufzubauen und an sich zu binden die mit Begeisterung und freiwillig Aktionen entwickelte, die aus reiner Liebe zur Institution geboren wurden. Bisweilen auch ein wenig verrückt, aber wenns zum Museum passt… Ob dadurch dann mehr Besucher kamen – natürlich. Sie kamen weil das Museum mit ihnen durch Social Media in Kontakt trat und den Besuchern vermittelte, dass sie willkommen waren. Gerade auch dann wenn sie etwas lauter, bunter, schräger waren. Wenn Social Media das vermag ist das jenseits der Frage nach mehr verkauften Tickets eine großartige Investition in die Zukunft. Und die Frage nach der Qualität des Ganzen? Nun, wir sind Deutsche. Wir haben nicht nur gleich fünf Verbände für dieses #Neuland sondern auch eine ISO-Norm. Nummer 9001. Und da steht mehr oder weniger sinngemäß: Qualität definiert nicht die Institution, Qualität definiert der Besucher für sich. Ob mir eine Opernaufführung gefällt oder nicht gefällt, ob mir ein Kunstwerk passt oder nicht – das entscheidet ja nicht die Institution, die stellt den Raum zur Verfügung um die Kultur darzustellen – in welcher Form auch immer. Aber letzten Endes entscheide ja ich als Mensch. Hinter dem Avatarbild. Vor dem Bildschirm. Und dort erreicht man mich per Blog, per Twitter, per Facebook-Nachricht, per Whatsapp (oder Threema) oder, oder, oder. Aber letzten Endes erreicht man mich. Und darin liegt der Wert eines Hashtags für die Kultur.

2 thoughts on “#WDR3Forum oder braucht die Kultur das Social Web?

  1. Das ist dann auch das Problem mit den Twitter-Kommentaren: Das Zitat „Wir sind nie die Avantgarde, wir sind das Gedächtnis“ war weit entfernt von einem generellen Statement, sondern bezog sich auf die Aktivitäten Jurgendlicher in den sozialen Netzwerken – und es ist eigentlich eine Bisenweisheit. Es entbehrt bisweilen nicht einer gewissen Peinlichkeit, wenn Institutionen sich wie Jugendliche gerieren. Wir erheben für unser Museum durchaus den Anspruch, mit Impulsen, Ideen und Aktionen ganz vorne mit dabei zu sein, Trends, Zeichen und Themen zu setzen. Aber wir werden den Entwicklungen, Vorlieben und Interessen Jugendlicher immer nur folgen können – aufmerksam, interessiert und wandlungsfähig, aber nie als Teil der Bewegung. Und das ich auch richtig so, denn nichts ist grauenhafter als wenn jegliche Form der Individualisierung und des aufbegehrenden, erobernden Aufbruchs umgehend von den Institutionen adaptiert und vereinnahmt wird. Wir müssen den Peergroups auch ihre Räume lassen und nicht meinen, alles gleich beherrschen und besetzen zu müssen …
    Ansonsten: Interessante Nachbetrachtung!

    1. Ich glaube, Museen müssen diese Räume für die Peergroups innerhalb der eigenen Einrichtung zulassen. Sie müssen den Raum für Partizipation geben und Raum zur Entfaltung von neuen Formaten und neuen Ideen geben. Sicher hat das Museum auch eine Glaubwürdigkeit, die es – vielleicht – aufs Spiel setzt wenn es nur versucht nachzuahmen. Wobei Nachahmung aber immerhin auch schon mal ein Schritt sein kann um Etwas in Gang zu setzen. Vielleicht kommt es aber auch auf das Museum oder die Institution an: Ich erwarte von der Pinakothek nicht unbedingt einen Technorave, könnte mir das aber für das ZKM in Karlsruhe schon vorstellen.
      Es reicht aber dann nicht nur das Bereitstellen des Raumes, sondern die Partizipation muss auch ge- und erlernt werden. Das ist einer der Vorteile des Social Web: Hier geht das Lernen und Mitmachen relativ einfach und ohne Hemmschwellen. Das ist bei Aktionen innerhalb oder außerhalb von Institutionen ja noch ein wenig Anders: Wenn ich an die IHEARTRUHRYORK-Aktion mit dem ausdrücklicher Aufforderung eine Wand zu bemalen denke – keine Frage, das hat damals viel Spaß gemacht, aber bis die Besucher sich getraut haben den Pinsel in die Hand zu nehmen hat das ja doch immer noch ein wenig gedauert…
      Zurück aber zum Bereitstellen des Raums: Wenn das Museum von sich als Plattform denkt, als Ort der Befähigung und der Möglichkeiten – dann ist das schon ein wichtiger Schritt. Zwei Jahre lang hat die plastikBar das im Lehmbruck ja auch gezeigt, dass eine Ermächtigung der Fans – abwechselnd mit Programmpunkten, die vom Museum selbst gestaltet wurden – hervorragend funktioniert. Dass man nicht jedem Trend hinterherrennen muss – unbestritten. Dass man vorher darüber nachdenken sollte ob man es tut – das ist zumindest etwas, was Kuratoren und Direktoren tun sollten.

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