Relevanz definiert Der Andere

Mit welcher Hybris sind wir Menschen eigentlich gesegnet, dass wir als Einzelpersonen entscheiden wollen was für Andere relevant oder nicht relevant ist?

„Wir müssen relevanter werden“ scheint das inoffizielle Motto des Januars 2014 zu  sein; überall wird heftig darüber debattiert was denn nun „relevant“ ist oder sein soll. Der Eine glaubt, das Internet sei nicht mehr relevant für seine Ideen, der Andere wiederum denkt Unternehmensblogs seien unrelevant und  dieser Internetdienst da, der hat doch keine Relevanz für die Masse, nein, das sei doch Nische und damit müsse man sich nicht beschäftigen. Aber was ist denn eine Relevanz eigentlich? Relevanz, lehrt die Wikipedia – und die muss das ja alles richtig wissen – sei „eine Bezeichnung für die Bedeutsamkeit oder Wichtigkeit, die jemand etwas in einem bestimmten Zusammenhang beimisse.“ Aha!

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Total unrelevantes Bild für diesen Artikel: [Eagle Fruit Store and Capital Hotel], Lincoln, Nebraska (LOC) Quelle: Library of Congress Flickr Commons
Jemand misst etwas in einem bestimmten Zusammenhang eine Bedeutsamkeit bei. Damit kann ich durchaus was anfangen. Das heißt nämlich: Relevanz definiert erstmal jeder für sich selbst. So wie auch jeder Qualität für sich definiert und natürlich seine eigene Wirklichkeit, so ist das auch mit der Relevanz. Die lege ich also erstmal für mich selbst fest. Ich messe einem Zustand, einem Ding eine Bedeutsamkeit bei. Das gilt dann aber – auch – nur – für – mich. Ich kann daher also eigentlich nicht entscheiden, was der Andere für relevant zu halten hat. So finde ich persönlich Sendungen wie „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ total unrelevant, für Millionen von Fernsehzuschauern ist das aber ein Ding, dem sie für ihr Leben eine Bedeutsamkeit beimessen. Genau so wenig aber wie – eigentlich – sie ihre Relevanz von Dingen mir überstülpen dürfen, genauso so wenig kann ich ihnen die Relevanz von Schönberg verordnen. Das funktioniert nicht, weil wir verschiedene Wirklichkeiten haben in denen Dinge jeweils anders bewertet sind. Die Wirklichkeit sollte man dabei von der Realität unterscheiden – letztere wird es vermutlichscheinlich sogar geben, aber wir sehen von ihr ja nur einen Teil, ultraviolettes Licht etwa bleibt uns verborgen wie auch andere Hörfrequenzen, daher können wir nur eine Art von Wirklichkeit für uns generieren. Und die unterscheidet sich dann nochmal von der der Anderen, weil diese andere Erfahrungen und andere Einsichten im Leben hatten.

Schlussendlich: Wenn wir in Sozialen Netzwerken oder Marketing davon reden, dass etwas „kundenrelevant“ sein müsse, müssten wir eigentlich unser Scheitern eingestehen. Ich weiß ja auch nicht ob der Leser diese Artikels diesen für sich als relevant einstuft – und ich kann diese Relevanz auch nicht planen. Ich kann – und daran sollte man sich erinnern – zwar vermuten was relevant sein könnte. Dazu kann ich Zahlen heranziehen, Erfahrungswerte, kann Personen befragen, kann versuchen meine Zielgruppe einzuschätzen. Ich kann versuchen eine gewisse Empathie zu entwickeln. Ich kann mich einfühlen in das, was die Leser von diesem Blog wollen, ja, das kann ich. Empathie aber ist mehr als „kundenrelevant“ zu sein. Empathie ist Fingerspitzengefühl, ist Bauch, ist vielleicht etwas Wissen, ist ein Hauch von Geist. Wenn ich „kundenrelevante Inhalte“ schaffen möchte kann ich natürlich Feedbackfragebögen verteilen und mir Statistiken anschauen. Ob ich damit richtig liege oder nicht, kann ich letzten Endes nicht ganz genau wissen – aber ich kann versuchen, mich annäherungsweise zu nähern. Und das wird bei der Diskussion leider vergessen. Relevanz liegt im Auge des Betrachters.

Und bye the way: Sich nur an der Relevanz zu orientieren kann manchmal auch verkehrt sein. Das Zitat von Henry Ford, der auf die Frage was seine Kunden denn gewünscht hätten antwortete, diese hätten schnellere Pferde verlangt statt des Automobils weist ganz genau wie Steve Jobs Anspruch, dass der Kunde manchmal das bekomme, was er sich nicht gewünscht habe weisen auf diese Gefahr hin. Orientiere ich mich nur an Inhalten, die Kunden gut finden lande ich schnell in einem Beliebigkeitsstrom. So wie Kulturinstitutionen Angst vor der Boulevardisierung haben können in etwa. Letzten Endes muss auch hier eine Balance gefunden werden, was nicht so einfach ist und wofür es leider keine wunderbare 5-Punkte-die-einen-garantiert-was-bringen-Liste gibt. Relevanz, so weh uns das auch tut, liegt nur dann in unserem Auge wenn wir sie für uns definieren. Und wir sind nicht Der Andere. Sind nicht das Gegenüber, das Relevanz anders wahrnimmt oder versteht. Daher: Falls das nächste Mal wieder jemand von „Relevanz“ in einer Diskussion daherplappert – einmal tief durchatmen und an Watzlawick denken. Hilft.

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