Hallo Echoraum, ich liebe dich

Das Merkwürdige ist ja: Im sogenannten Realen Leben haben wir alle unsere Filterblasen und Echoräume. Nur dass sich dann darüber keiner aufregt. Erst beim Umsetzen ins Digitale ist das auf einmal anders.

Ich bin bekennender Filterblasen-Liebhaber. Ich danke Facebook dafür, dass es mir nur Nachrichten von Leuten anzeigt mit denen ich interagiere – zugegeben, man könnte auch mal einen Tag sich hinsetzen, die ganzen Fanseiten-Likes anschauen und überlegen, ob man die wirklich noch haben möchte, aber wer macht das schon… Ebenso bin ich dankbar dafür, dass auch Twitter in gewisser Weise filtert. Oder sagen wir eher: Ich habe dafür durch die bewußte Auswahl von Leuten denen ich folge vorgesorgt. Und ja, ich finde Echoräume nicht so verkehrt, man muss sich halt nur bewußt sein dass es welche gibt. Abgesehen mal davon, dass man die Thesen von Watzlawick damit hervorragend unterstützen kann – „in deiner Internetwirklichkeit kann das ja so sein, in meiner Internetwirklichkeit, die ich mir so konstruiert habe, ist das aber ganz anders und wir können uns irgendwie in der Mitte drauf einigen“ – ist allen Kritikern von Filterblasen offenbar nicht bewußt, dass wir im normalen Leben ganz genau so handeln.

Oder seid ihr wirklich mit Jedem in eurer Umwelt befreundet?

Natürlich nicht. Auch im normalen Leben ist es nicht so, dass wir ungefiltert durchs Leben gehen. Wir selektieren auch hier, sortieren, verwerfen, manchmal um eine eigene Meinung zu bestärken, manchmal um streitlustig gegen andere Meinungen anzugehen. Wir sind nicht gut Freund mit Herrn Jedermann, wir schätzen aber gute Bekannte, die wir uns ausgesucht haben weil sie uns sympathisch sind. Das hat Gründe, die wir teilweise kennen, teilweise auch nicht. Aber der Echoraum in einer Kneipe – gemeinhin Stammtisch genannt – unterscheidet sich im Endeffekt nicht von dem was im digitalen Raum passiert. Hier wie da sitzen Menschen zusammen, die die gleichen Interessen oder etwas Gemeinsam haben, und reden darüber. Ab und an passiert es dann, dass eine überraschende Erkenntnis, eine neue Information im Gespräch verwendet wird, die man vorher noch nicht kannte, die aber eng mit dem eigenen Interessensgebiet verknüpft ist. Und für uns ist das alles eine ganz normale Filterblase, wir merken das nur nicht unbedingt.

Stimmenklang im Schallgewirr

Kippt man aber das analoge Verhalten ins Digitale so wird schnell der Vorwurf laut, dass Facebook und Algorithmen die Wirklichkeit verzerren würden, dass man nicht alle Informationen bekäme, die man haben wollen würde. Letzteres mag sein (vorausgesetzt man setzt voraus, dass es eine absolute Wirklichkeit gibt, siehe Link oben), liegt aber zumindest bei Facebook und vermutlich auch anderen Diensten eher am eigenen Verhalten – wobei Facebook im Grunde genommen das Grundmuster der Kommunikation abbildet und das in Bezug auf Fanseiten von Firmen nochmal zugespitzt wird. Ich interagiere in der Kommunikation, ich interagiere ja auch dauernd und ständig und kann nicht nicht kommunizieren. Klicke ich also Profilseiten oder Fanseiten an, dann setze ich damit den Kommunikationsvorgang in Gang, der für mich wichtig ist. Vergleichbar ist das mit der Ansprache eines Passanten um die Uhrzeit zu erfahren: Ich habe ein Bedürfnis – in diesem Fall möchte ich etwas Wissen – und kann es auf diese Art und Weise stillen. Dabei ist die Art und Weise wie das Gegenüber mit mir interagiert allerdings nicht festgelegt: Er kann mir eine Antwort geben, er kann mich auch ignorieren. Facebooks Algorithmen lernen, welche Informationen ich gerne im Stream haben möchte dadurch, dass sie sich anschauen wie häufig ich mit wem interagiere. Im wirklichen Leben rede ich durchaus auch nur intensiv mit einigen guten Freunden. Ein Unterschied: Kann der angesprochene Passant sich aus verschiedenen Kommunikationsarten sich die auswählen, die zum Gemüt, Stimmung, Situation passt so kann Facebook nur auf eine Art und Weise reagieren. In dem es dank der Algorithmen mehr und mehr sich auf mein Kommukationsvorgehen einstellt. Richtig reagieren kann Facebook nicht, reagieren können nur die Personen oder Persona hinter den Accounts. Insofern: Wenn ich alle Informationen von allen Seiten bekommen möchte, liegt es letztendlich am eigenen Kommunikationsverhalten damit ich sie bekomme. Das aber bedeutet Beziehungspflegearbeit.

Beziehungen pflege ich aber nur dann, wenn ich glaube und denke dass sie es wert sind gepflegt zu werden. Genau das ist dann die Krux bei den meisten Firmenfanpages: Sie strengen sich nicht genug an um für mich persönlich eine besondere Wertigkeit zu erreichen und werden dann gnadenlos vom Facebook-Algorithmus aussortiert. Das vielfältige Stimmengewirr im Klangraum, dass zu Beginn da ist, dünnt sich also nach und nach aus bis nur noch das da ist, was mir persönlich als wichtig erscheint. Im normalen Leben ist das ganz genau so, da nur wenige Freunde mich das ganze Leben lang begleiten. Wir nehmen das offenbar nur nicht ganz so wahr und als gegeben hin während das im Digitalen auf einmal zum Skandalon stilisiert wird. Das Digitale hat immer noch den Beigeschmack des Künstlichen, des Unechten, des „falschen Lebens“; deswegen – und wohl auch weil natürlich eine Kommunikationsebene fehlt, nämlich die analoge – scheinen wir das Digitale schärfer ins Auge zu fassen und unser Unwohlsein hier eher auszudrücken als im normalen Leben. Während digitale Überwachung kein großes Thema ist wäre das durchaus anders, wenn im „Real Life“ man ständig von Männern in Schlapphüten und grauen Mänteln überwacht werden würde. Ob hinter dem netten Profilnamen von Facebook nicht doch ein Hund steckt wissen wir nicht.

Wer den Echoraum verlässt fällt aus der Komfortzone

Das Beziehungen Arbeit sind leuchtet ein. Arbeit aber strengt an, auch wenn sie bisweilen Spaß macht. Noch mehr Arbeit ist das Verlassen des Echoraums. Es kostet einerseits Energie, andererseits muss man dadurch auch die Gemütlichkeitsblase verlassen, die oftmals dazu führt dass man Dinge postet, die vielleicht besser nicht gepostet hättet werden sollen. Der Begriff Freund ist bei Facebook auch deswegen nicht gerade glücklich gewählt, denn bei Freunden kann man sich schon mal gehen lassen oder sein Herz ausschütten – ob man das bei Facebook tun sollte muss jeder selber wissen. Gut, auch im „richtigen Leben“ kann man mal an den Falschen geraten, zugegeben. Die Gemütlichkeitsblase aber verleitet natürlich dazu, weil „das sehen ja nur meine Freunde und dank der Privateinstellungen kann ich auch da ganz sicher sein, dass das sonst niemand sieht“. Dies ist tatsächlich eine berechtigte Kritik an der Filterblase, allerdings keine die mir bisher bei Anderen begegnet ist. Das Verzerren der Informationswirklichkeit als Argument dagegen kann mit Watzlawick beantwortet werden: Da wir unsere Wirklichkeit selbst konstruieren steht es uns auch frei die selbstgewählte Komfortkommunikationszone jederzeit zu verlassen, umzusortieren, umzuschichten. Was aber würde eine Filterblase eigentlich verzerren? Oder gar an Informationen unterdrücken? Als Antwort wird meist geliefert, dass man ja keine Informationen bei Facebook von den Seiten bekommt, die man geliked hat und dass man diese Informationen eigentlich brauchen könnte.

Der spannende Punkt dabei: Kann ich vorab wissen welche Information für mich nützlich sein wird oder nicht? Ich kann mich dezidiert auf die Suche nach einer Problemlösung begeben oder nach der Uhrzeit, dem Wetter oder den Zugfahrzeiten. Hier kann ich natürlich sagen, dass ich diese Info auch schon vorab brauchen werde, einfach weil ich das Bedürfnis habe danach zu suchen. Der Newsfeed bei Facebook aber bringt mir Informationen, die ich vielleicht als nützlich erachte, vielleicht auch nicht – hier kann ich das im Vorhinein aber nicht wissen, ich kann das hier nur während des Streamlesens beurteilen. Ich weiß nicht vorab welche Information von welcher Seite der Newsfeed beinhaltet weil ich nicht weiß wie der Algorithmus an sich funktioniert – nur, dass Interaktion, Liken, Teilen oder ähnliches einen Einfluß auf die Gewichtung hat. Was aber genau bei Facebook an Informationen zu mir kommt kann ich nicht vorhersagen. Vielleicht können das einige Leute durchaus, aber den Meisten wird es auch nicht gelingen. Deswegen ist das Browsen – ob durch Bücherregale oder durch die Zeitschriftenartikel – ja so reizvoll: Ich vermute, dass ich an Informationen komme die für mich wichtig sind, ob das aber der Fall ist weiß ich nicht schlussendlich. Was Amazon mir als nächstes Buch vorschlagen wird weiß ich genau so wenig…
Erzeugt also der Echoraum nur immer „Mehr desselben“? Ja, aber der Echoraum schallt mir nur das wieder, was ich für mich als wichtig bewerte – für den Moment. Damit kann ich eigentlich im Leben gut umgehen. Zudem: Interessen verändern sich. Wichtig ist nur zu wissen, dass es Filterblasen und Echoräume gibt. Denn nur dann kann ich – wenn ich das möchte und es ist verdammt viel Arbeit und mühselig – die Komfortzone verlassen und mich anderen Ortes umsehen. Das aber müsste ich dann auch regelmäßig im „realen Leben“ tun wenn ich der Kritik an Filterblasen gerecht werden möchte. Wann also waren wir denn mal bei einer Konferenz, bei der es NICHT um Facebook, Twitter oder das Social Web ging? Ebend.