Von der Glaubwürdigkeit im Social Web: Postillion und Pofalla

Unter SIO-Gesichtspunkten ist das, was der Postillion in Sachen Pofalla gemacht hat durchaus interessant. Der Fall dass eine Agenturmeldung von einer Satireseite um einen Tag zurückdatiert wird, so dass es für den Unbedarften aussieht als hätten alle Medien eine Falschmeldung abgeschrieben, verdeutlicht wie sehr wir im normalen Alltag das Social Web mit Twitter, Facebook und Co in der Regel nutzen. Und es offenbart wir leicht REMOTE-Mechanismen im Hintergrund uns steuern können ohne dass wir das auch nur bemerken – was in Bezug auf die Geheimdienste das Internet noch um einen Faktor der Schwarzgründigkeit erweitert.

Vielleicht war es bisher noch nicht jedem klar, aber das System Zeitung beruht auch größtenteils darauf dass das, was Agenturen melden in erster Linie verlässlich und wahr ist. Schließlich können die Regionalzeitungen für ihren Welt-Nachrichten-Teil nicht immer einen eigenen Mann vor Ort haben, der exklusiv für die Zeitung selbst schreibt. Und Korrespondetennetze werden auch in Zeiten von Redaktionskürzungen wohl kaum noch etabliert sein. Allenfalls vielleicht noch am ehesten bei Blättern wie der TAZ und der FAZ, aber auch diese können nicht in jedem Land, für jeden Brennpunkt der Welt einen Mann vor Ort haben. Daher beruht das System Zeitung auch auf der Tatsache, dass es Dienste wie Reuters oder die Deutsche Presse Agentur oder ähnliche Dienste gibt, die die Zeitungen mit einem Teil der Nachrichten versorgen. Wem das bisher nicht so ganz klar war, wird das im Fall von Pofalla wohl deutlicher erkannt haben. Zeitungen müssen also darauf vertrauen, dass die Agenturen Meldungen liefern, die glaubwürdig und wahrhaftig sind. Dass diese Meldungen dann meistens entweder leicht oder gar nicht umgeschrieben im Blatt landen sieht man ja seit Google News – und vielleicht lässt sich dann fragen warum es eigentlich heißt, man müsse für eine Nachricht immer zwei Quellen haben, wenn andererseits die Meldungen von Agenturen – oder nur einer, die alle Zeitungen versorgt – von einer Quelle teilweise ungeprüft übernommen werden.

Zeitungen hecheln im Zeitalter des Social Web

Da aber in der heutigen Zeit Zeitungen mehr und mehr von der Personalseite ausgedünnt werden bleibt Redakteuren offenbar heute keine Zeit mehr sich bei einer Nachricht noch um eine weitere Recherche zu kümmern – desöfteren liest man „wie der Spiegel meldet“ oder im Fall von Pofalla „wie die Saarbrücker Zeitung verlautete“. Immerhin, dpa und Reuters haben als Agenturen hierbei noch nachgehakt. Weiterhin hecheln Online-Journalisten dem Sensationsfaktor hinterher. Beim News-Sprint wollen sie stets schneller als andere sein, das ist natürlich ihr Geschäft. Dass die Pofalla-Meldung allerdings mehr oder weniger von einer Quelle ausgehend sich durch das Web verbreitete – ungefragt übernommen und nur umgeschrieben – zeigt einen deutlichen Fehler im Mediensystem des 21. Jahrhunderts. Statt der Qualität der Nachricht, dem „Qualitätsjournalismus“ der alten Schule, hat sich die Schnelligkeit der Verbreitung der Nachricht in den Vordergrund gedrängt. Wem das bisher nicht klar war, der wird bei der Pofalla-Meldung gesehen haben wie unsauber und unreflektiert unsere Medienlandschaft bisweilen ist. Auf der Suche nach der nächsten Sensation bleibt da das Vertrauen der Leser bisweilen auf der Strecke. Insofern zeigt der Fall erstmal die Sollbruchstellen des Systems Online-Journalismus auf. Der Begriff der Glaubwürdigkeit und des Vertrauens in die Medien sollte nach dem Postillion-Coup erneut diskutiert werden.

Doch Glaubwürdigkeit hat der Postillion durchaus und deswegen ist der Fall doppeltkodiert. Obwohl die Seite eindeutig als Satire-Wohnort zu betrachten ist, gibt es immer wieder Rückmeldungen von Leuten für die der Postillion offenbar einfach nur eine weitere News-Webseite im Internet ist. Sie nehmen die Meldungen durchaus für wahre Münze. Der Witz der Pofalla-Meldung liegt nun darin, dass sie beim ersten Lesen angezweifelt werden muss; „das ist Satire, das kann nicht stimmen“; und daher für den Moment für den Leser eigentlich nicht wahr sein kann. Andererseits aber bestärkt dieses Verhalten die Leser, die im Postillion eine weitere Quelle der Wahrheit sehen. Das Verwirrspiel ist daher auch mit der Auflösung des falschen Datums nicht zu Ende, im Gegenteil setzt es sich weiterhin fort. Weil in Zukunft jetzt jede Meldung – und sei sie noch so satirisch angehaucht – auf der Webseite ja tatsächlich wahr sein könnte. Oder aber auch nicht. Oder dann doch? Schrödingers Katze als Webseite: Das hat der Postillion geschafft.

Das Hecheln der Social Web User

Vom SIO Gesichtspunkt offenbar der Fall ein Besorgnis erregendes Verhalten im Social Web, das nicht neu ist und das man Menschen eigentlich auch nicht vorwerfen kann. Der Mensch im Social Web leitet offenbar ohne weiteres Nachdenken und ohne Klicken auf Links bei Twitter oder Facebook Meldungen weiter. Es wird beim Verbreiten von Nachrichten offenbar gar nicht mehr nachgesehen ob die Nachricht, ob die angehängten Links stimmen sondern innerhalb von Sekunden wird einfach auf Weiterleiten gedrückt und sich ereifert ohne nachgesehen zu haben. Der Filter des menschlichen Verstandes scheint bei einer Nachricht, die so klingen könnte als wäre sie wahr – egal ob sie stimmt oder nicht – irgendwie ausgeschaltet zu sein. Uns ist es wichtiger die Nachricht schnell zu verbreiten als einmal innezuhalten und nachzuschauen woher sie eigentlich stammt. Und in diesem Verhalten sind wir allemal nicht besser als Journalisten – obwohl wir genügend Zeit hätten um den einen oder anderen Links nachzuschauen und uns zu fragen ob das stimmen könnte, was da steht. Im Zweifelsfall aber leiten wir einfach weiter ohne zu hinterfragen was wir tun.

Wir scheinen genau in die selbe Falle wie Journalisten zu laufen: Wir vertrauen darauf, dass Dinge, die von „Freunden“ bei Facebook geschrieben werden, die unsere Follower bei Twitter verbreiten wahr sind. Meistens funktioniert dieses gegenseitige Vertrauen auch und es ist nun nichts ehrenrühriges auf den Postillion hereingefallen zu sein. Im Gegenteil ist das äußerst positiv, zeigt uns der Vorteil doch die Schwachstellen der Vertrauenswürdigkeit auf. Zeigt das Ganze doch wie einfach es ist die Glaubwürdigkeit von Medien an sich zu untergraben. Dazu genügte eine einzige richtige Meldung, die nur einen Tag zurückdatiert war. Und das sollte uns zu denken geben. Dringend.

Beeinflussung ist so einfach

Bisher haben wir die Tatsache, dass die NSA Daten aus dem Netz abfischen kann ja mit Schafsgeduld ertragen. Vielleicht, weil das Ganze zu technisch, zu kompliziert und zu weit von der Lebenswirklichkeit der Ich-hab-nichts-Verberger entfernt ist. Trotz erwiesener Sicherheitslücken wird Whats App immer noch fleißig von denen genutzt, die darin einen Vorteil sehen. Aber andererseits: Wir sind natürlich immer dabei wenns einen Vorteil gibt ohne darüber nachzudenken ob das auch ein Nachteil sein kann. Das Leben im Payback-Land kann sehr bequem sein. Doch wenn eine einzige Meldung die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in die Medien erschüttern kann – und da draußen sind bestimmt noch etliche, die immer noch glauben, der Postillion hätte doch eine Satire-Meldung abgesetzt – wie schnell sind wir eigentlich in diesem Vertrauenssystem der Sozialen Netzwerke beeinflussbar?

Nehmen wir folgendes an: Die NSA oder der BND horcht nicht nur ab, sie steuert auch schon durch bewusste Falschmeldungen in Sozialen Netzwerken unsere Meinung über gewisse Dinge. Sie lanciert über Presseagenturen Falschmeldungen, die dann als wahr von allen Medien gebracht werden und die so geschickt geschrieben sind, dass die gar nicht als Falschmeldungen an sich auffallen. Das klingt jetzt nach Verschwörungstheorie und höchst unglaubwürdigem Unsinn. Betrachtet man aber unser Verhalten angesichts der Pofalla-Meldung – das unreflektierte Weiterleiten von Links, das massenweise Für-Wahr-Halten in den Sozialen Netzwerken – und das, was die Medien angesichts einer einzigen Quelle meistens ohne viel Nachfragen getan haben…

Wir sind darauf angewiesen, dass wir Leuten Vertrauen schenken können. Anders könnten wir in dieser Welt wohl auch nicht überleben. Wir haben auch gelernt, dass wir nicht allem vertrauen können. Der Werbung etwa. Den Bewertungen bei Amazon. Weil vertrauenswürdige Leute – sagen wir mal Stiftung Warentest – uns wiederum gesagt haben, dass wir der Werbung für ein gewisses Produkt nicht vertrauen können. Ob wir der Stiftung Warentest aber wiederum vertrauen können oder ob die geschickt von Lobbyisten genutzt wird damit wir Vertrauen in Produkte setzen können – darüber denken wir schon gar nicht mehr nach. Ebenso denken wir nicht mehr darüber nach ob eine Meldung von einem „Freund“ bei Facebook nun auch stimmt oder nicht. Und wenn wir selbst darüber nicht nachdenken haben Geheimdienste und das Ministerium für Wahrheit leichtes Spiel.

Vertrauen und Verstand

Insofern zeigt sich: In einer komplexen Welt neigen wir offenbar dazu es uns so einfach wie möglich zu machen. Wir investieren daher keine Zeit mehr sondern leiten einfach weiter und vertrauen darauf, dass die Medien in der Online-Welt uns zumindest die Wahrheit so nahe wie möglich bringen. Medien vertrauen wiederum darauf, dass Agenturen ihnen richtige Meldungen zuliefern. Was der Vorfall gezeigt hat: Dieses Vertrauenssystem hat seine Schwachstellen. Nicht alles was verbreitet wurde ist auch wahr. Wir neigen jedoch dazu guten Geschichten zu glauben, auch wenn sie nicht stimmen.

Insofern sollten wir in Zukunft etwas vorsichtiger sein was Meldungen von guten Freunden in Sozialen Netzwerken anbelangt. Schließlich werden auch Automatismen immer besser und besser und man mag sich nicht ausdenken was passiert wenn in Zukunft ein Geheimdienst mit gut programmierten künstlichen Avataren im Netz unterwegs ist, alle so glaubhaft wie eine Person, und dann darangeht unser Verhalten zu beeinflussen. Besinnen wir uns auf eine gute sokratische Tugend: Fragen wir doch einfach. Nein, hinterfragen wir doch im Jahr 2014 bei Nachrichten generell woher sie kommen und wem die Verbreitung eventuell nutzen könnte. Und hoffen wir, dass die Dunkelhüte nicht schon längst dabei sind uns per REMOTE-Funktion zu beeinflussen…

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