Von Elfenbeintürmen, Talkshows und Kuchen mit obligatorischer Sahne

So high
In my
Lovely Ivory Tower of Babel
(babble, babble, babble, Babble, babble, babble, babble)
high above the
Rabble
(rabble, rabble, rabble, Babble, Rabble, babble, babble, rabble, babble)
Greatest mind of history
Solving life’s sweet mystery
So listen to me (so listen to me)
Know how life should be (know how life should be)
Oh, what does it matter if they don’t agree?

Godspell, Stephen Schwartz

Ja, ja, da sitzen sie alle: Die Philosphen und Weisen, die Dichter und Denker, Theologen und Skeptiker – da sitzen sie alle in ihrem Elfenbeinturm hoch über dem gewöhnlichen Volk, fernab von jeder Gegenwart, abgeschottet von den Verhältnissen der eigentlichen Welt und – babbeln halt wie mans im Dialekt sagen würde. Sie reden, reden, reden und alle drehen sich in diesem Turm um sich selbst. Sie erzeugen nicht nur Sprechblasen, nein, sie sind in einer Blase eingefangen und haben jeglichen Kontakt mit dem Erdboden verloren. So siehts für Außenstehende halt aus: Nach der Dotcom-Blase jetzt die nächste große Social-Media-Blase und irgendwie ist das alles natürlich fernab vom Boden jeglicher Realität und der normale Mensch sollte sich lieber damit beschäftigen wie er in der nächsten Zeit seinen Kühlschrank vollbekommt…

Und er hat ja auch Recht damit, der Guenther Dueck, wenn er auf der republica zwar den Flauschfaktor der Veranstaltung lobt – sinngemäß – aber wenn er auch sagt, dass schon fünf Meter weiter die Realität ganz anders aussieht. Dass der daraus jetzt aber nicht den Schluss zieht dass generell jetzt alles Mist ist sondern Gesellschaftsmodelle aufzeigt – seit dem Vortrag sollte einem klar sein, warum es nichts nutzt Talkshows zu gucken, wenn man neue Erkenntnisse gewinnen will – und seine Kritik konstruktiv anbringt. Dueck als Hofnarren der Netzgemeinde zu bezeichnen ist zwar vielleicht nicht unbedingt schmeichelhaft, aber schon bei Shakespeare sind es die Narren, die ungeschminkt Wahrheiten sagen dürfen ohne gleich einen Kopf kürzer gemacht zu werden. Und klar, ab und an schaue ich mir diverse Konferenzen an und frage mich auch ob wir, die wir uns beruflich mit Social Media beschäftigen nicht einen an der – gelinde gesagt – Waffel haben. Ob das relevant ist, was wir da tun und ob die kritischen Stimmen nicht recht haben, dass wir alle nur in einer Blasenwelt leben, eine Scheinwelt in der alles toll und super ist – grad wie halt bei der New Economy.

Experten ziehen Experten an…

Es ist in der Regel oftmals so, dass Experten sich mit Themen befassen, die die breite Öffentlichkeit irgendwie nicht so interessiert. Emailverschlüsselung oder Datensicherheit interessiert den Otto Normaluser einfach nicht, auch wenn der NSA-Skandal da die ein oder andere Schlagzeile liefert oder noch liefern wird. Die Frage, ob die Kunst der Fuge nun für Tasteninstrumente gedacht war oder vielleicht nicht doch besser wäre das mit Soloinstrumenten zu besetzen – wen juckts? Was ist der Unterschied zwischen dem Mindestlohn der CDU und der SPD? Interessiert das irgendjemanden da draußen? Nein. (Das ist jetzt wenigstens kein Thema, das bei Gesprächen mit Freunden oder Familie aufs Tapet kommt, so von sich alleine.) Es gibt Themen, die interessieren den Mainstream nicht obwohl sie ihn interessieren sollten. Da machste halt erstmal nix. Ist so. Doof, aber nun ja. Darüberhinaus kommt noch dazu, dass sich Experten natürlich gerne mit anderen Experten austauschen um ihr Wissen zu erweitern und ja, da ist natürlich eine gewissen Elfenbeinturm-Mentalität drin, Experten haben halt den Hang auch gerne mal in Fachbegriffen miteinander zu reden. Das ist allerdings in jedem Fachgebiet so und wenn mir jemand versuchent zu erklären wie eine Waschmaschine aufgebaut ist und was da für Teile drin sind – nee, lass mal.

Daraus folgt natürlich auch gerne ein Kreisen der Experten um Experten – aber auch das ist nun nichts was irgendwie NUR bei Social Media der Fall ist. Das passiert in der Phantastik genauso wie beim Kegelabend, SchnickSchnackSchnuck (es gibt da tatsächlich einen Weltverband) oder beim Stricken. Und bei einigen von diesen Dingen stellt sich bei mir natürlich auch die Frage nach der Relevanz: Wichtig ist SchnickSchnackSchnuck nun nicht, ich brauchs fürs Leben nicht unbedingt. Ich würde es für mich nun nicht als wirklich relevant einstufen, aber ich weiß dass es für andere Leute eine Relevanz hat. Social Media ist für das Alltagsleben – bitte Experten weghören – tatsächlich nicht wichtig. Da sind bei Maslow noch andere Bedürfnisse vorgeschaltet und bevor die nicht befriedigt werden sind braucht man nicht mit Social Media kommen. Andererseits auch nicht mit anderen Dingen. Aber ich schweife ab, Mythenmetz verschwinde…

Erdung – ja bitte, aber…

Der Elfenturm, die Blase also und die Tendenz dass Experten in einem Fachgebiet letztendlich nach dem Gleichheits-Effekt  beieinander hocken und abgehoben über Dinge sprechen, die außerhalb ihrer eigenen Welt keinen interessieren. Das scheint unvermeidlich zu sein – und ist es auch. Weil natürlich rasch auch bei den Experten der Eindruck entsteht, dass selbst wenn sie in einigermaßen verständlichen Worten zu den Leuten unterhalb des Elfenbeinturms reden, sie keiner versteht. Oder keiner verstehen will. Oder vielleicht wissen die da unten ja eh alles besser, also warum sich mit denen rumschlagen… „Oh, what does it matter if they don’t agree?“ Und – man kennt das ja – im Gegenzug schaut dann die Allgemeinheit bedröppelt drein und murrt, dass die da Oben ja nun wirklich nichts Gescheites zustande bringen, total abgehoben irgendwie und überhaupt – die in ihrer Blase, ist besser man bleibt schön am Boden der Tatsachen und gut ist. Politiker? Lass mal, die sind eh nicht ehrlich und arbeiten nur für ihre eigenen Taschen, egal was sie sagen und tun…

Dummerweise brauchen wir aber Experten, die sich auf gewisse Dinge verstehen. Ich kann meine Waschmaschine nicht im Alleingang reparieren, da muss ich den Handwerker rufen. Ums mal ganz platt zu machen. Abgesehen mal vom Anschließen eines Herdes oder auch dem Herstellen eines Pullovers mit Stricknadeln und Garn. Wenn jeder alles könnte wären wir eine Gesellschaft der Wunder, ob wir dadurch wunderbarer würden bezweifle ich. Insofern – Experten werden sich nicht vermeiden lassen. Und natürlich ist die Erdgebundenheit eines Handwerkers stärker als die eines Entzifferers der Rollen vom Toten Meer – nehme ich mal an. Insofern hat man Recht man der Meinung ist ein bisschen mehr Erdung ab und an, eine Tuchfühlung mit den Problemen des gemeinen Mannes auf der Straße, der im Schweiße seines Angesichtes sein Brot verdienen muss täte Experten gut. Ja. Sicher. Hab ich auch nichts gegen.

… vielleicht dann mit ein wenig mehr Feingefühl auf beiden Seiten?

Wenn aber Seiten miteinander reden wollen, hier Experten, dort die Allgemeine – läuft das – und das ist bei Social Media nun zugespitzt zu beobachten – tatsächlich meistens so nach dem ab was Dueck in seinem Vortrag auch herausbrachte: Man diskutiert nicht miteinander, man tauscht nur noch Argumente aus. Das ist dann keine Diskussion, dass ist Selbstzweckgerede. Das kann man jeden Abend in der Woche bei Illner, Jauch und Konsorten erleben und auch dann wenn mal nicht Wahlkampf ist.  Das mag für einen Außenstehenden in gewisser Weise so faszinierend sein wie das Anschauen eines Unfalls – man kann einfach nicht wegschauen – es bringt aber nun keinen weiter. Es wird Zeit, dass wieder mehr parliert wird. Dass man bereit ist sich die Ansichten eines Anderen anzuhören und nicht sofort im Schnappbeißmodus zurückzugeifern weil man sich angegriffen führt. Das passiert aber – und ich habe gerade das aktuelle Beispiel der Huffington-Post-Blogger-Bezahlungsdebatte vor Augen – gar nicht. Oder nur selten. Nein, gerade bei bei der Frage ob die Huffington-Post nun Blogger bezahlen soll oder nicht verfällt man wieder viel zu schnell in alte Muster. „Wer da mitmacht ist blöd“ – „Ich mach aber damit weil..“ – „Nee, du bist trotzdem doof, weil…“ – Mit Verlaub, das ist sowas von langweilig, dass man im Fernsehen längst abgeschaltet hätte.

Was ja wirklich mal schön wäre und vielleicht hoffe ich da einfach auch idealistisch zu viel: Wenn die Blasenkritiker und die Experten sich mal in Ruhe zusammensetzen würden, so an einem Sonntagnachmittag bei Kaffee und Kuchen, Sahne optional, und wenigstens mal ansatzweise versuchen würden sachlich miteinander zu reden. Das wäre schön. Es würde nicht den Weltfrieden bringen, aber so ab und an vielleicht könnten wir dann mal gemeinsam miteinander versuchen Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und einen echten Dialog in Gang werfen. Anstatt uns in RTL-Trash-Talk-Manier hysterische Szenen zu liefern. Wäre ja mal eine Idee…