Nachdenken über Metauniversen im Comic

Alle Jahre wieder starten Marvel oder DC ihr Universum neu und erzählen die Geschichten der Superhelden für eine neue Generation. Während dieses Red-Con-Gehabe manchen Fans auf die Nerven geht – man muss ja schon wieder anfangen zu sammeln, das ist ja wohl auch Sinn und Zweck des Ganzen – stellt sich die Frage: Warum klappt dieser Neustart eigentlich mehr oder weniger immer? Warum hat nach den Spiderman-Filmen von Sam Raimi jetzt schon wieder die nächste Filmreihe angefangen und warum ist nach den Batman-Filmen sofort wieder eine neue Verfilmung im Gespräch? Und vor allem: Warum klappt das – na ja, okay, Superman und Batman und Robin waren ja eher so Rohrversenker – bei Comics eigentlich so gut?

Wenn man allein Spiderman nimmt, trifft man auf eine unendliche Vielfalt von erzählerischen Perspektiven, die einen schwindelig machen können – „Eine deutsche Ausgabe setzt sich meist aus zwei US-Ausgaben der Reihen „The Amazing Spider-Man“, „The Spectacular Spider-Man“, „Marvel Knights: Spider-Man“, „Spider-Man Unlimited“ sowie diversen anderen Mini-Serien und Einzelausgaben zusammen.“ Um mal die Wikipedia zu zitieren. Womit man unweigerlich ob man will oder nicht im Konzept der Storyworlds angelangt ist. Ob wir jetzt noch einen Schritt höher gehen müssen um ein Metauniversum zu postulieren ist die Frage. Vielleicht ist das gar nicht nötig, denn Storyworlds an sich gestatten ja durchaus auch Cross-Overs, Spin-Offs, das Setzen von Nebenfiguren in den Mittelpunkt. So wie Buffy und Angel zwei Seiten eines Universums sind.

Warum funktioniert es?

Warum funktionieren diese Neuansätze, diese Neubeginne in der Regel? Eine grundlegende Erklärung habe ich dafür nicht, aber es fällt natürlich auf dass die Helden von Comics in der Regel feste Konstanten in ihrer Geschichte haben: Spiderman muss von der Spinne gebissen werden, ob diese heute noch radioaktiv verstrahlt ist oder nicht – unwichtig. Bei Spiderman muss Onkel Ben von einem Gangster ermordet werden. Ob die Zeilen „Mit großer Macht kommt große Verantwortung“ vor Sam Raimi überhaupt erwähnt werden: Unwichtig. (Obwohl auffällt wieviel von Raimis Bildeinfällen bei den Nachfolgern mit einfließt. Da Geschichten aber immer im Fluss sind, wird sich herausstellen ob diese Punkte wirklich zu Konstanten werden oder nicht.) Ob der  Mord nun passiert wenn Peter Parker jünger oder älter ist spielt für die Geschichte an sich keine Rolle – es ist ein „fixed point in time and space“ (Steven Moffat) und im Laufe der Geschichte muss dieser Punkt passiert werden. Ob nun Sam Raimi oder sein Nachfolger: Sie kommen nicht um die Mythen des jeweiligen Helden drumherum, sie können eventuell eine Freundin von Mary-Jane Watson erfinden, sie können das Verhältnis zu Harry Osborne anders auffassen – letztendlich wird Harry aber auch irgendwann mal zum Green Goblin werden müssen weil dies ebenfalls eine Konstante der Geschiche von Peter Parker ist.Wie dies aber geschieht, das ist Interpretationssache.
Wir als Publikum wiederum sind durch das Weitererzählen, durch die Grundmythen des Helden und seiner Reise geschult. Wir wissen durch Tradition und Überlieferung dass Peter Parker Superkräfte erlangen wird und wären enttäuscht, wenn dies nicht passieren sollte. Andererseits gibt es auch genügend Facetten bei Comics in denen gerade der Bruch des erwarteten Status Quo reizvoll ist. Oder wie im Amalgam-Universum kurzerhand ein komplett neues Universum erfunden wird, in denen es Echos der bekannten Storyworlds gibt. Aber: Dies sind nun mal die Regeln und die Tradition, die wir als Zuhörer und als Publikum von den ursprünglichen Erfindern auf den Weg bekommen haben. Wir erwarten also durchaus dass diese Regeln eingehalten werden – mitunter dürfen diese auch sehr gedehnt werden wie bei „Smallville“ aber Regeln sind Regeln. Jeder Superheld trägt seine eigene Saga in sich, ebenfalls wie die Justice League of America eine Ursprungsgeschichte hat – obwohl die auch manchmal beim Neustart übergangen wird. Allerdings ist das Ignorieren der eigentliche Saga bei Teams leichter und der Neuanfang einfacher weil – wir das als Tradition auch schon kennen. Es gab eben verschiedene Superhelden-Teams mit verschiedenen Superheldenzusammenstellungen und im Grunde reicht es wenn wir den Namen „Justice League“ oder „Mutantenkorps“ hören um ein Bild zu haben. Doch auch hier haben wir durch das Erzählen durchaus auch tradierte Muster im Kopf – und deswegen war es so reizvoll Marvel bei den „Avengers“ – den „Rächern“ – zuzuschauen, wie die Filme von einzelnen Superhelden nach und nach in einem großen Team-Up zusammenliefen. Was allerdings nicht transmediales Erzählen sondern eher nur cross war. Also wenn überhaupt. Es war ja in einem Medium, dem Film. Obwohl ich da vielleicht auch Comichefte…

Jedenfalls scheint das eine Beziehung zu sein, die aus Erwartungen gespeist wird: Wir als Comic-Leser und Filmsehende haben Erwartungen an den Film, die irgendwie nicht so ganz in Richtung Brecht passen wollen aber da wir gewisse Eckpfeiler und Konstanten der Handlung kennen, konzentrieren wir uns eher auf den Gang der Handlung und grübeln darüber nach ob dieses Element nun schon vorher im Universum des Helden zu finden war oder ob es eher eine Konstante ist. Darüberhinaus entwickeln sich die Geschichten um diese Eckpunkte herum auch weiter. Denn ob die Worte „Mit großer Macht kommt große Verantwortung“ wirklich vor Sam Raimi im Spiderman-Universum zu finden waren kann ich jetzt guten Gewissens offen lassen – allerdings wenn dieser Spruch eine Erfindung von Raimi ist, entwickelt er sich mehr und mehr zu einer Konstanten, zu einem Zitat dass wir in Zusammenhang mit Spiderman durchaus kennen und schätzen. Und darin liegt vermutlich auch der Reiz des Neustartes: Das Abgleichen der alten Bilder und Geschichten in unserem Kopf mit dem, was die neuen Autoren uns auf der Leinwand darbieten. Das kann durchaus klappen wenn die neuen Bilder und neuen Geschichten sich gut in die bisherigen einführen. Allzu drastisch aber dürfen diese Brüche mit dem Gewohnten nun nicht sein – ebensowenig wie die alten Geschichten nicht zu oberflächlich zitiert werden sollten. Im Endeffekt wohl zählt der respektvolle Umgang mit dem Stoff.