Gothaer2Know, Laurin und Podcast-Weltpremiere

Heute habe ich mal vergleichen können. Vergleichen zwischen dem Portal für das ich ab und an – wie der Macher meint auch leider viel zu wenig😉 – schreibe und dessen Organisationsstruktur ich kenne und DEM Vorbild der kollaborativen Blogs im Ruhrpott. Stefan Laurin war nämlich als Keynote-Speaker heute in Köln beim Event der Gothaer anwesend. Und plauderte komplett ohne Manuskript darüber wie die Ruhrbarone organisiert sind. Endlich auch mal Gelegenheit Stefan Laurin persönlich zu erleben. Denn wir kennen uns eigentlich nur aus diesem Internet.

Eigentlich ging es ja um das Blog der Gothaer mit dem Namen Gothaer2Know sowie dem Podcast, dessen Weltpremiere wir heute erleben durften. Um Meinungen und Anregungen zu bekommen hatte die Gothaer nach Köln eingeladen. Was ich nicht schlecht fand: Dialogbereitschaft auf Augenhöhe ist für ein Blog unabdingbar, Köln als Medienstadt für die erste Veranstaltung dieser Art – Berlin und Hamburg meine ich folgen noch, steht aber auch im Gothaer-Blog – gut gewählt und Impulse mitzunehmen ist für beide Seiten immer wieder gut. Die anschließende Diskussion war jedenfalls auch gehaltvoll, wenn auch die Ansichten wie ein guter Podcast denn nun auszusehen habe nicht so ganz übereinstimmend zusammengelegt werden konnten – da muss die Gothaer halt ausprobieren. So wie wir alle das ja mal gemacht haben.

Alles im Fluss außer zwei Rubriken

Ich erzähle wohl nichts Neues in dieser Hinsicht: Bei den Ruhrbaronen gibt es nur feste Rubriken, die Links am Morgen und den Veranstaltungstipp, ansonsten ist nichts geplant – was am Tag erscheint weiß Stefan Laurin als Kopf des Ganzen oftmals gar nicht. Mich würde das als Macher zwar etwas beunruhigen hinsichtlich der rechtlichen Konsequenzen ehrlich gestanden, aber da ist jeder Mensch wohl anders. Das Blog wirft auch keine großartigen Gewinne ab, was reinkommt reicht für die laufenden Kosten, zu denen auch Abmahnungen gehören. Einmal im Jahr gibts eine Party, es gibt keine Redaktion und keinen Chefredakteur. Die Autoren haben ihre Zugänge und es gab bisher nur einmal den Fall, dass ein Autor nicht ganz zum Team passte. Nachträglich fiel mir auf, dass Stefan die Printausgabe nicht erwähnt hat – aber da es in erster Linie ums Blog ging… Luxus bei den Ruhrbaronen: Da sie nicht finanziell von irgendwas abhängig sind müssen sie auch nicht die Schlagzahl der Mitbewerber im Onlinebereich liefern. Wenn an einem Tag nichts passiert, dann steht nichts in den Ruhrbaronen – andere Blogs greifen für tägliche Inhalte dann auf die Blaulicht-Berichterstattung zurück. (Etwas ähnliches habe ich Anfang des Jahres ja auch schon in Dortmund gehört als es um die Einstellung der WZ ging: Blaulicht-Berichterstattung zeichnet einen Großteil der regionalen Blogs aus. Zu Beginn von Xtranews haben wir ja auch das Blog mit solchen Dingen bestückt, da gings aber auch um das Erzeugen von Grundrauschen.)

Es gibt nur wenige Fälle in denen die Macher wirklich von ihren Blogs leben können. Das liegt auch teilweise an der Sprache, weil deutsch nun mal nicht Weltsprache ist. Blogs sind eine Ergänzung der Medien und können das, was Zeitungen und Verlage liefern nicht auffangen. Die Entwicklungen im derzeitigen Markt sieht Laurin kritisch: Im Endeffekt steht die Demokratie auf dem Spiel wenn Zeitungen nach und nach dicht machen. Die Behauptung, die Tageszeitung an sich werde es nicht mehr geben hält er allerdings für eine waghalsige Hypothese und auch dass Verschlafen des Internets sei vielleicht nur scheinbar so. Verlage mit einer Rechtsabteilung können ihren Mitarbeitern den Rücken freihalten bei schwierigen Themen, nicht jedes Blog kann zudem Mitarbeiter in Ratsitzungen oder andere Veranstaltungen schicken. Was mich aufhorchen ließ: Laurin meinte, dass die Nachrichtenportale der großen Anbieter noch kostenfrei seien. Das Wörtchen „noch“ lässt gewaltig viel Freiraum für eigene Gedanken… Kritisch sieht Laurin das, was man aktuell bei RedBull, Servus.TV oder Coca-Cola wiederfindet. Nennt sich Content Marketing, Storytelling, Content Curation – wie auch immer: Die Vermarktung von Inhalten, die nicht sauber zwischen PR und Journalismus getrennt sind.

Einschub: Ja, ich bin einer derjenigen die glaubt dass Tageszeitungen über Kurz oder Lang verschwinden werden. In der von uns gewohnten Form. Sicherlich wird’s Verlage auch weiterhin geben und wir werden weiterhin unsere Zeitung im Kasten haben – aber ich sehe jetzt schon dass Angebote wie der Lokalkompass – dahinter steht die Westdeutsche Verlags- und Werbegesellschaft mbH & Co. KG – mehr und mehr Leuten als reine Informationsquelle im Print reichen. Ob auch diese über kurz oder lang wegen des Einbruchs im Anzeigengeschäft im Print dahinsiechen werden ist die Frage. Ich glaube nicht, denn ich vermute mal die sind schon sehr, sehr auf Kosten-Nutzungs-Leistung hin optimiert. Dass Leuten auch das reicht, was Samstags den Briefkasten verstopft und die Plastikmeere anwächsen lässt muss man kritisch werten: Wer sich jedoch von den Kundenmagazinen wie Alverde von DM, dem Infoblatt von ALDI bestens unterhalten fühlt wird kaum bereit sein eine Tageszeitung noch zu kaufen. Vor allem dann – was aber jetzt zu weit führt – wenn die Tageszeitung vor Ort in erster Linie Agenturmaterial wiederkäut und die Qualität der Vor-Ort-Berichterstattung sinkt. Den Teufelskreis „Zu wenig Reporter – sinkende Qualität – zu wenig Verkäufer – zu wenig Gewinn – Personalentlassung – zu wenig Reporter“ zu durchbrechen ist schwierig. Und am Beispiel von Dortmund kann man sehen was passiert wenn schlussendlich Redaktionen dichtgemacht werden: Was die Ruhrnachrichten – Zulieferer auch bei der Webseite vom DerWesten übrigens – nicht berichten, das passiert nicht.

Eine Lösung des Dilemmas kann ich nun auch nicht bieten. Allerdings: Wenn die WAZ vor Ort mit „noch näher am Lokalen“ wirbt – wie Anfang des Jahres geschehen – sollte sie ihr Versprechen auch einhalten. Die Welt hat mal Bloggern gestattet eine Ausgabe zu der Zeitung zu gestalten. Nicht, dass ich das jetzt für toll finden würde, aber warum man nicht einfach mal wirklich die Kernkompetenzen des Lokalen hervorholt und vielleicht auf diesen Mantelquatsch verzichtet, den die Überregionalen oder die Nachrichtenagenturen besser können – keine Ahnung. Was wiederum nun nicht das Problem im Überregionalen Tagesgeschäft löst, da verlieren Zeitungen auch an Marktteilen. (Die TAZ ist ein Sonderfall, deswegen gilt die nicht.)
Wenn aber DIEZEIT verkündet, man habe die beste Auflage seit Jahren eingefahren, es zudem immer mehr Magazingründungen gibt – wenn auch  das Torrent-Magazin für Serielles Erzählen sich nicht lange im Print hielt, bin ich immer noch stolz drauf – und laut IVW-Zahlen Wochenzeitungen sich auch einigermaßen halten – dann ist da ein Trend, den man nicht übersehen kann finde ich. Kurz und gut: Wir werden irgendwann mal dahin kommen, dass Gratisblätter uns in der Woche alles liefern was wir an News brauchen. Dass das in Köln Ende der 90ger nicht so ganz geklappt hat, zugegeben. Dass diese Blätter dann nicht unbedingt guten Journalismus machen werden, zugegeben. Dass wir uns unsere Informationen dann aber lieber wieder gut sortiert, kritisch recherchiert und ausgewogen am Wochenende liefern lassen – das ist mehr als wahrscheinlich. (Ebenfalls denkbar: Dass wir per Push von Zeitungsverlagen immer dann was Neues auf unsere Cloudgeräte bekommen wenn ein für mich interessanter Autor, ein für mich interessantes Gebiet oder ähnlich Neuigkeiten für mich hat. Und was iPad und Co anbelangt stecken die Apps allesamt noch in den Kinderschuhen und auch hier hat ausgerechnet die Alverde-App vom DM die Nase vorn, auch wenn der noch Social Media Anbindungen fehlen.) Was Zeitungsverlage online tun oder nicht tun werden und wie da eine Finanzierung aussehen kann; dies ist eine schwere Frage und nicht leicht zu beantworten. Paywalls funktionieren nur bei besonderen Informationen einigermaßen. Ein Allheilmittel habe ich auch nicht, aber die Zeitung in dem Format wie wir sie kennen – egal ob 2 oder 6 Spalten – wird es nicht mehr lange geben.

Zielgruppe: Alle

Zurück zum Blog der Gothaer, das man sich ja mit obigem Link anschauen kann. Bißchen problematisch fand ich die Definition, dass es ein Blog für die „Zielgruppe Alle“ sein soll. Hmm. Die „Zielgruppe Alle“ ist schwer zu bedienen meiner Erfahrung nach und es kann dazu verleiten, dass das Blog zu beliebig wird weil jeder bedient werden soll und dann der rote Faden fehlt. Aber schön, vielleicht bilden sich da ja noch Themen raus die später dann als Kategorien eingetragen werden – laufen lernen muss jeder selber und Fehler kann man nie für andere machen. Schreiben sollen alle Mitarbeiter, die Lust haben und es möchten und man ist für alle Themen generell offen. Das ist schön, aber – wie man dann beim Diskutieren über den Podcast merkte – Google Glass ist zwar ein tolles Techie-Thema, fehlt der Bezug zum Unternehmen ist das aber auch nur Linkbaiting. (Über SEO haben wir übrigens gar nicht gesprochen, ebenso wenig habe ich vergessen nachzuhaken wie es denn mit Monitoring aussieht.) Die Gothaer wird Kritik dann auch – soweit sie bestimmte Grenzen nicht überschreitet – generell zulassen. Man darf gespannt sein, Versicherungen sind ein sehr schönes Reservoir für Trolle in den Kommentaren…

Generell gilt: Schauen wir mal wie sich das Ganze entwickeln wird. Dass man als Versicherung dem Kunden im „digitalem Lebensraum“ begegnen muss ist logisch, ebenso schön die Erkenntnis dass der Kunde die Regeln für den Dialog setzt und nicht der Anbieter. Was letzten Endes aus dem Blog und dem Podcast wird, muss man abwarten. Und was die Ruhrbarone und Xtranews als Blogs betrifft – so viele Unterschiede gibts da wirklich nicht. Gut zu wissen.