Traumzeit-Festival-2010-Archiv: Zwei

Dies ist ein Archivbeitrag, der aus dem Posterous-Blog der Traumzeit für Archiv-Zwecke rüberkopiert wurde.

Zweiter Tag der Traumzeit

Traumzeit-Festival – Tag 2: Regen, Fußball, Verkehrshindernisse

Wahre Sturzfluten fielen vom Himmel herab und sorgten dafür, dass nicht nur Autos eher schwammen als fuhren sondern auch für diverse Verspätungen im öffentlichen Personennahverkehr. Letzterer hatte noch unter anderen Auswirkungen zu leiden, denn feiernde Fußballfans legten die Linie 903 nach dem Spiel Deutschland gegen Argentinien mal eben lahm. Da hieß es Umdenken und den Bus nehmen. Als Ausgleich für die Strapazen gabs aber dann neben großen Stars wie Helge Schneider oder Get Well Soon auch die ein oder andere Neuentdeckung. Und genau diese Mischung macht das Festival immer wieder zu einem Erlebnis.

4759771728_02c3a335a1

Photo: Christoph Müller-Girod

Eine Entdeckung: Der Jazz von Jean-Marie Machado, der im letzten Jahr solo zu Gast war und dieses Mal von seinem Nonett „Danzas“ unterstützt wurde. Tänze aus allen Welten und allen Zeiten prägen das Programm „Fiesta Nocturna“ – die etwas altertümlich schreitende Sarabande im Halben-Tempo wird gefolgt von einem Stück, das Anleihen an irische Reels nimmt, sich dabei dann aber zu einem gewaltigen Jazz-Abenteuer ausweitet. Immer wieder schimmern die Vorlagen durch – Tango, marokkanische Musik, Tarantella. Die Arrangements lassen aber immer wieder Raum für Ungewöhnliches – da ist das Blech offenbar so gelangweilt dass alle drei Musiker improvisierend zusammen loslegen ohne auf den anderen zu hören. „Danzas“ ist keine Musik, die wirklich zum Tanzen gedacht ist, in ihr wird die Erinnerung an den Tanz aufbewahrt.

4759772402_08ed2b1575

Photo: Christoph Müller-Girod

Ein gewagtes Stück, die Auftragskomposition II an diesem Tag. Die Duisburger Philharmoniker zusammen mit Peter Bolte und Jim Campbell. Da trafen Streicherflächen in denen immer wieder das selbe Motiv wiederholt wurde auf experimentelles Improvisieren des Alt-Saxofons Peter Boltes. Dessen Parfource-Ritt durch sämtliche Spieltechniken des Instruments wurde untermalt von der Elektronik Jim Campbells, der zuvor gespieltes Material verfremdete. Als Echo in den Raum zurückwarf, von verzerrten Streichern untermalt. Während man bei den Streicherblöcken durchaus Jazz-Harmonien heraushören konnte, so schwebten die Töne in der Improvisation frei im Raum, um wucherten die Themen der Streicher. Herausfordernde aber lohnende Musik für ein auserlesenes Publikum.

4759156021_555826ae66

Photo: Christoph Müller-Girod

Was passiert wenn man zwei Weltklasse-Pianisten, die nicht nur Jazzmusiker sind sondern auch begabte Komiker sind – was passiert wenn man diese an zwei Klaviere setzt? Heraus kommt ein einmaliges Konzerterlebnis, eines, von dem man – und ich übertreibe hier nicht – seinen Enkeln noch erzählen wird. Beide Herren – Chilly Gonazales und Helge Schneider – werfen sich gegenseitig musikalische Phrasen an den Kopf, greifen tief in die Klassik hinab zur „Mondscheinsonate“ um eine Sekunde später „Bruder Jakob“ in Moll zu intonieren. Die Kraftzentrale vibriert bei beiden Künstlern, die mühelos nicht nur ausgezeichneten Boogie-Woogie oder den Säbeltanz darbringen können, sondern das Klavier mitunter auch als Schlagzeug gebrauchen. Hinzu kommt die einmalige Komik Helge Schneiders, die in der von Gonzales einen ebenbürtigen Partner gefunden hat. Es ist als ob beide schon seit Urzeiten zusammen musizieren würden. Helge Schneider einen Telefonanruf mitten im Konzert mit „Bin auf der Arbeit“ zu beantworten hören ist einfach sensationell.

4759778620_4390254c5f

Photo: Christoph Müller-Girod

Zum Schluss kam Get Well Soon – ihr ersters Album war bei den Campusradios NRW das Album das Woche, Songs aus dem zweiten gab es heute auch noch zu hören. Und zu sehen, denn hinter der Band lief auf großer Leinwand das entsprechende Video zum Song. Die melancholisch instrumentieren Songs von Konstantin Groppe und die Bildsprache der Videos waren so perfekt abgestimmt, dass beim Song „We are Ghosts“ die Band quasi Liveplayblack machten – während sie selbst auf der Leinwand zu sehen waren, hörte man aus dem Dunkel die Band. Es entstand ein eindrucksvolles Konzert, das mit Sicherheit zu den Höhepunkten des Tages gerechnet werden kann. Live wirken die Songs mit Vibraphon und Violine noch intensiver als auf den bisher vorgelegten Alben. Passender hätte der Ausklang an diesem zweiten Tag nicht sein können.

Text. Christian Spließ