Traumzeit-Festival-2010-Archiv: Drei

Dies ist ein Archiv-Beitrag, der zur Sicherung aus dem Posterous-Blog der Traumzeit rüberkopiert wurde.

Traumzeit Tag Drei

Schlagwirbel, Jazzpunk und Intensivindependent

Normalerweise stehen Perkussionisten im Orchester ja sehr versteckt hinter all den Geigen, Trompeten, Posaunen und Bässen. An diesem Traumzeit-Tag aber standen die Schlagwerker der Duisburger Philharmoniker im Rampenlicht und eröffneten den Schwerpunkt Perkussion, während Blood Sweat Drum ’n Bass den Schwerpunkt Big Band beendeten. Faszinierend, was in drei Tom-Toms ans Klängen steckt. Ebenso faszinierend, dass Vibraphon und Marimbaphone ebenfalls ins Repertoire der Schlagwerker einzuordnen sein – die Komposition „Schatten und Differenzen“ von Frank Zabel verwob die Klänge der beiden Instrumente mit einer elektronischen Komponente. Welche Vielzahl an Instrumenten sonst noch normalerweise nur versteckt im Orchester zu finden sind zeigte dann das Stück „Fiesta del Sol“ mit karibischem Einschlag.

 

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Photo: Christoph Müller-Girod

 

In der Anmoderation wurden sie als die beste Vollversammlung von Musikern des Ruhrgebiets bezeichnet: The Dorf aus Dortmund sprengten fast die Bühne am Gasometer und sind die Einzigen, die im Programm bei den Mitgliedernamen eine zweite Spalte brauchten. The Dorf schauen gerne über den Tellerrand des Jazz hinweg, nehmen sich die Freiheit auch mal rockige Töne anzuschlagen und sind mit einer Spielfreude gesegnet, die sich hören ließ. Optisches Highlight: Dirigent Jan Klare im Kilt. Soundliches Highlight: Das Sousaphon. Nach dieser Traumzeit werden The Dorf sicherlich kein Geheimtipp mehr bleiben.

 

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Photo: Christoph Müller-Girod

 

Mit etwas Verspätung begann das Konzert von Efterklang, denen der Landschaftspark Nord sehr gut gefällt: „Pretty place you have here“. Efterklang überziehen ihr Publikum mit Klangflächen, die man vermutlich recht schnell in die Ecke Independent packen könnte. Wobei es schwierig wird genau zu beschreiben was für ein Independent dies sein soll, schillert die Musik doch einerseits vor sangbaren Melodien, andererseits bricht sich das immer wieder mit überraschenden Effekten. Ein ungewöhnlicher frischer Sound.

 

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Photo: Christoph Müller-Girod

 

Ibrahim Maaloufs Trompete hat vier Ventile. Das ist vielleicht eine Tatsache, die man achselzuckend zur Kenntnis nimmt – dann aber ruft man sich in Erinnerung, dass die Trompete doch eigentlich nur drei Ventile zur Tonerzeugung hat? Warum es bei Maalouf vier sind war schnell klar als der Trompeter mit seiner Band die Gießhalle betrat. Zu hören waren nämlich Anklänge an die arabische Musik und die hat Zwischentöne, die man mit der normalen Trompete nicht spielen könnte. Maalouf erweitert also die Trompete und er erweitert auch den Jazz. Rocklastige Klänge zum Kopfnicken wechseln sich ab mit sanften Tönen zum Hinhören, perfekte Melange die zu den Temperaturen passte. Sogar Heavy-Metal-Anklänge flossen in das Konzert mit hinein, was man bei Maalouf nicht unbedingt erwarten würde.

 

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Photo: Christoph Müller-Girod

 

Musikalische Genregrenzen kennt ebenfalls die Blood Sweat Drum ’n Bass Big Band aus Kopenhagen nicht. Den langen Reiseweg – seit fünf Uhr war die Band unterwegs – merkte man den Musikern nicht an und so legten sie mal ihre sanften Seiten an den Tag. Bezaubernd: Sängerin Lauridsen. Um dann Knall auf Fall den Zuhörer eine Ladung Rock vom Feinsten um die Ohren zu hauen, wiederum gibt’s dann Platz für experimentelle Stücke. Eine Reise zu allen Genres der Musik. Die Pat Metheny Group schaltete im Vergleich zu der Big Band einen Gang zurück: Ausgeprägt ruhige improvisatorische Jazzlandschaften mit Stücken von an die zehn Minuten Dauer waren in der Kraftzentrale zu hören. Nachdenkliche wirkende Kompositionen, Stücke die in einander übergingen.

 

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Photo: Christoph Müller-Girod

 

Was soll man noch zu The Notwist schreiben was nicht längst geschrieben wurde? Dass die Band seit 20 Jahren einerseits ihre Songgebilde in regelrechtem Chaos enden lassen kann um dann dann wieder poetisch langsame Zartheit walten zu lassen? Dass die Gruppe sich mit Elan und Verve in ihr Konzert warf? Dass Musik von The Notwist sich eigentlich jeder Schublade entzieht, weil sie längst eine eigene Kategorie für sich geschaffen hat? Was man bisher noch nicht über The Notwist geschrieben hat – die Band schafft es beim Traumzeitfestival die Generationen zu vereinigen. Trotz oder vielleicht gerade ihres teilweise recht schrägen Sounds. Wahrlich eine unübertroffene Leistung, die das Traumzeit-Festival würdig beschloss. Jedenfalls für den Großteil der Zuhörer, wer nach The Notwist sich noch etwas Entspannen wollte konnte dem weichem aber unter der Oberfläche komplexem Jazz des Sebastian Gahler Trios lauschen.