Traumzeit-Festival-2010-Archiv: Eins

Da das ehemalige Traumzeit-Blog demnächst wohl im Datennirwana verschwinden wird kommt es zu einer sehr kuriosen Situation momentan. Schließlich hab ich für die Traumzeit vor Zeiten ja auch einige Texte für Blog geschrieben und zudem hat Christoph Müller-Girod auch nette Bilder für die Texte gemacht. Insofern bleibt daher wohl momentan nur die Lösung „neue alte“ Beiträge hier zu erstellen… Das sind immerhin ja Belege für meine/unsere Arbeit und ja, ich war echt in Panik… Bitte die nächsten Beiträge einfach ignorieren, ich hoffe ich erwische alle.

Traumzeit Tag Eins

Von Bergmansjazz zu Shout Out Louds

Foto: Christoph Müller-Girod

Selbst wer versuchte wenigstens in alle Konzertacts des heutigen Tages hineinzuschnuppern wird eine ganze Reihe von Koordinierungskunst gebraucht haben – dabei sind an diesem ersten Tag nur drei Bühnen bespielt, die Gebläse- und Pumpenhalle folgen dann morgen und übermorgen. An diesem ersten Tag allerdings gab es schon etliche Highlights.Zu denen gehörten auf jeden Fall die Fusion von traditionellen Bergmannsliedern mit Jazz – der MGV Concordia bewies Experimentierfreude, Angelika Niscier Sublim kleidete die traditionellen Lieder in Jazz-Arrangements, die den Kern der Volkslieder bewahrten aber auch neue Akzente setzten. Etwas zum angenehmen Zuhören an diesem Abend.

Foto: Christoph Müller-Girod

Jazzig blieb es dann mit Tonspur – die sich nicht scheuten eine Vuvuzela auf die Bühne zu bringen. Während Angelika Niscier Sublim eher traditionelle Pfade beschritt wagte die Band auch ab und an mal einen kleinen Seitensprung in experimentellere Pfade. Kopfkino war da Programm – Länder, in denen Schokoladenberge sich am Horizont erheben und Milchströme fließen wurden lebendig, melancholische Szenen flogen aus dem Gedächtnis hervor und vermischten sich mit freudigeren Erinnerungen. Die neue Bühne am Gasometer mit Sandstrand und den Bändern in den Bäumen ist durchaus eine Bereicherung für das Festival.

 

Foto: Christoph Müller-Girod

Babylon Circus mischen munter Pop, Ska, Reggae miteinander, garnieren das mit einer Prise fanzösisch klingender Folklore und unterlegen das ganze mit treibenden Beats. Diese Mischung fährt durch den Körper und nach den ersten Takten ist es da, das Gefühl unbedingt vom Stuhl aufspringen und tanzen zu müssen. Babylon Circus sind zudem enorme Bühnenunterhalter – beim Liebeslied, das der Angebetete singt sinkt der Gitarrist auf die Knie und imitiert eine Geige, während Sänger Jo sich als abweisende Geliebte gibt. Dabei sind die Texte von Babylon Circus auch durchaus gesellschaftskritisch, was man bei allem Spaßfaktor nicht vergessen sollte.

Foto: Christoph Müller-Girod

Ganz charmant und elegant beginnen die Chansons von Eva Kurowski, die vom Brendel-Quartett der Duisburger Philharmoniker begleitet wurde. Wie gesagt: Alles ganz harmlos – bis Eva Kurowski dann ganz leicht mit einer Ironie um die Ecke kommt, die den Hörer umhaut. Es ist eine gewisse Bodenständigkeit, die die Sängerin umgibt und die gar keinen Zweifel darauf aufkommen lässt dass ihre Chansons durchaus vergnüglich, aber eben auch mit einem leichten Hauch von schwarzem Humor gesegnet sind.

Foto: Christoph Müller-Girod

Danach als Kontrast: Jose Gonzales. Der Singer-Songwriter bezaubert das Publikum allein mit seine Stimme und seiner Gitarre. Seine Songs sind dabei alles andere als popkonform, es dauert einige Zeit bis man sich eingehört hat in diese raffinierten Strukturen – da endet ein Song mit einer sehr langen Coda, ein anderer wird abrupt beendet während Jose Gonzalez nicht nur über die Liebe sondern in den neuen Songs auch über die Kompliziertheit des Lebens singt. Herzzerreissend dann die beiden Zugaben: „Teardrop“ von Massive Attack – dass dieser Song, der eigentlich viel auf die Elektronik vertraut auch akustisch zum Tragen kommt hätte man nicht vermutet. Natürlich durfte dann „Heartbeat“ von den Knifes nicht fehlen. Ein sympathischer Mensch, der da auf der Bühne stand.

Foto: Christoph Müller-Girod

Furioser Abschluss des Tages: Die Shout Out Louds – während ihr Landsmann Jose Gonzales eher ruhig und in sich versunkene Musik macht, rocken die Schweden die Bühne mit Indie-Rock in Reinkultur, teilweise unterstützt von den Duisburger Philharmoniken. Manchmal meint man ein kleines Stück „The Cure“ zu hören, manchmal ein wenig Kaiser Chiefs. Aber Shout Out Louds haben sich längst eine eigene Kategorie geschaffen, ihre Musik wurzelt im Independent, streckt aber auch zarte Fühler in Richtung Pop aus oder bisweilen sogar in Richtung des Mainstreams – nur ganz kurz bevor wieder der Indie-Rock sich Geltung verschafft. Junge, energiegeladene und vor Spielfreude strotzende Musik als Abschluss des ersten Tages – besser kanns doch gar nicht sein. Der zweite Tag ist dann mit Brad Mehldau, Helge Schneider und Chili Gonzalez sowie Get Well Soon als den Headlinern besetzt.