Die Tageszeitung sagt leise Servus

Über den Wegfall der WR im Ruhrgebiet kann – und sollte – man sich aufregen. Nach dem Tod diverser Zeitungen im letzten Quartal des Jahres 2012 scheint der allgemeine Zeitungssterbe-Trend allmählich den Schönreden derer Hohn zu sprechen, die stets behaupten den Zeitungen gehe es blendend. Von Meinungsvielfalt lassen wir mal in diversen Regionen NRWs mal ganz die Finger – allenfalls gibts bei NRZW oder WAZ mal das eine oder andere feine Detail was das anbetrifft.

Nun kann man wie der Kollege von Labkultur einen Artikel über die WR schreiben, der für Zeitungen als notwendiges Medium generell plädiert. Ja, da bin ich ganz bei ihm – die Zeitung als Format an sich, die dem Leser die Welt ordnet, die Zahlen, Daten und Fakten einsortiert ist ebenso wie das Radio oder das Fernsehen wichtig. Ebenso glaube ich, dass wir auch noch eine Weile mit Printerzeugnissen umgehen werden – nachdem Thorsten Knüwer vor kurzem treffend beschrieb, warum keiner Zeitungsapp mag sowieso.

Allerdings sollte man sich fragen: Gelingt es denn den regionalen Zeitungen – und um die gehts ja, nicht um die überregionalen und der Wochenzeitung ZEIT zum Beispiel gehts prächtig wie man gestern noch las – sorry, #LSR-Link wegen nichts Besserm gefunden – noch das abzubilden was die Kernaufgabe einer Zeitung an sich ist? Ich glaube, das ist der Punkt, den viele lokale Angebote nicht oder nicht wieder verstanden haben: Lokale Zeitungen sind nicht dazu da, mir die Angelegenheiten von Angela Merkel zu erklären. Schön, wenn sie es tun und klar ist das ein Zusatznutzen, aber im Zeitalter des Internets habe ich diese Informationen von Reuters, DPA oder anderen Agenturen schneller, aktueller und meist kostenloser. Damit fällt zumindest ein Drittel, vielleicht auch zwei Drittel des Interesses von mir weg.

Der Kern dessen was eine lokale Zeitung auszeichnen sollte ist doch die Berichterstattung über das, was in der Region vor sich geht. Noch genauer formuliert ist die Essenz einer guten lokalen Tageszeitung die Geschichte, die im Ort passiert. Das wollen die Leute lesen, das ist die Zielgruppe, das sind die Abonnenten. Die gut recherchierten Geschichten aber, die ja genau das tun was Journalisten tun sollten – sortieren, einordnen, erklären – findet man in den lokalen Blättern nur wenig. Ja, ab und an mal David Schraven bei der WAZ oder so, zugegeben. Mangelnde Qualität oder fehlendes Interesse merkt man als Leser nicht sofort, aber irgendwann doch – und dann fragt man sich, warum hat man das Papier eigentlich im Abo wenn die wichtigeren Geschichten eh online zu haben sind.

Nun, genau das wäre ja mal der Weg in die Zukunft, den die Zeitungen ja seit einigen Jahren versuchen zu gehen, aber dieser Online-Journalismus scheint in den Verlagshäusern immer noch ein adoptiertes Kind zu sein – man machts, weil es alle machen. Innovatives ist selten bei den Lokalzeitungen – überregional sieht das vielleicht doch ein wenig anders aus, aber lokal gesehen hat man meistens halt nur die Artikel, die im Print eh schon drinstehen – wenn auch nicht alle, irgendwas muss der Leser noch kaufen – und eventuell noch Videos und Bilderstrecken. Kann man machen. Ob man damit aber neue Abonnenten gewinnt ist die Frage.

Doch zurück zum Print. Das Problem hier ist, dass Allerweltsnachrichten im Netz schneller zu bekommen sind. Im Zeitalter des Schnell-Schnell-Schnell, das im Artikel des Kollegen ja charakterisiert wird, ist das allerdings ein Vorteil. Und: Die nachkommenden Generationen können zwar vielleicht eine Zeitlang mit ZEUS und Co. für Zeitungen konditioniert werden, aber das Leseverhalten ändert sich. Das Medium an sich. Tontafeln habe ich auch nicht mehr im Keller. Ja, die Zeitung sortiert und ordnet ein. Nur möchte das der aktuell heranwachsende Erwachsene so etwas vielleiccht nicht mehr am Stück weil er gewohnt ist seine Informationen mit diversen Tools selbst aus allen Quellen zusammenzusuchen. Warum sollte man sich von einer Printzeitung diktieren lassen was man wie liest? Schön, hat man schon früher auch nicht – man überblättert eh immer Einiges. Dennoch: Das Leseverhalten bei Zeitungen ändert sich, damit müssen Tageszeitungen klarkommen. Und wir reden mal nicht von der Alterspyramide in Deutschland bzw. dem Wegbrechen von altvertrauten Abonnenten aufgrund – ähm – natürlicher Tatsachen. (Uiuiuiuiui, da habe ich was postuliert…)

Warum die ZEIT nun seltsamerweise gegen den Trend schwimmt? Ich glaube: Weil diese eine Wochenzeitung ist und überregional. Sieht man sich mal die ganzen Statistiken zum Thema an fällt einem auf, dass zumindest Wochenzeitungen auf Dauer ihre Lese halten können. Weil sie offenbar das können, was Tageszeitungen, die das Getriebe des Alltags offenlegen möchten, nicht gelingt: Lange, gute, lesbare Artikel zu bringen, die in die Tiefe gehen und für die Leser Qualität haben. (Schließlich bestimmen immer noch die Leser was Qualität für sie ist, nicht umgekehrt, aber das vergisst man so leicht bei der Debatte wieder.) Eine Wochenzeitung mit einem Thema kann dieses natürlich viel besser und viel eher unter verschiedenen Blickwinkeln diskutieren als eine Tageszeitung – diese hat einfach eine andere Aufgabe. Wenn daher gemeint wird, es sei komisch dass Leute lange Texte lesen wollten, aber Tageszeitungen am Kiosk nicht mehr mögen würden dann ist das aus einer falschen Sichtweise konstruiert. Bei einer Tageszeitung kann ein einzelnes Thema vielleicht mit zwei, drei Artikeln abgehandelt werden. Das ist aber selten – eher gibts die Verbindung aus Kommentar und einem Artikel zu einem Thema. Dies kann natürlich dem Leser genügen, offenbar tut es das aber nicht mehr so ganz. Sonst würden Tageszeitungen ja nicht konsquent einbrechen.

Eingebrochen ist allerdings auch – und deswegen ist der Tod der WZ nun gerade AUCH dem Online-Wesen geschuldet, dem bösen – Fakt, dass die Anzeigenkunden wegbrechen oder auf die Idee kommen, ein eigenes Magazin herzustellen – siehe ALDI-Aktuell. Nachvollziehbar, weil sie hier das Design in der Hand haben und bestimmen können wo was steht. Und wo investieren die traditionellen Print-Anzeigenkunden nun? Richtig. Dort wo sie die Zukunft vermuten und das könnten die Online-Kleinanzeigen-Märkte, die Kalaydos und anderen Dazugeschäfte der Mediengesellschaften sein. Tageszeitung? Wie löchrig doch das Gedächtnis der Kunden ist was das anbelangt – erinnert sich den wirklich jeder an die Werbung, die gestern in der Zeitung stand? Gut. Ich erinnere mich auch nicht an die Online-Werbeanzeigen, aber wenn die WAZ das derart übertreibt schalte ich halt den Adblocker an. Und Prospekte? Gibts auch bei der WAZ online wenn ich die gucken will. Schont Bäume.

Nein – das Format Zeitung selbst, gute Journalisten, spannende Themen und Inhalte werden überdauern. Doch die Form wird sich ändern. Es könnte einen Versuch wert sein wenn eine Lokaloffensive tatsächlich mal das ist was sie verspricht: Man lässt einfach mal den Mantelteil weg, konzentriert sich auf gute lokale Themen und schaut was passiert. Natürlich macht das keiner. Außer Online. Diese Dinger, die als Hyperlokal-Journalism bezeichnet wurden. Ja, auch von denen haben nicht alle Erfolg. Immerhin aber wäre das ja mal ein Experiment wert – und immer mehr dieser Portale gehen ja auch in den Printbereich. Könnte zu denken geben. Insofern: Danke, Tageszeitung, war nett mit dir…