Crash Boom Bang

Jetzt ist es passiert. Der Wagen ist gegen die Wand gefahren. Totalschaden. Nichts mehr zu retten. Was annähernd funktioniert hat ist der Airbag. Benommen steht man also da, die eingefahrene Tür in der Hand, vielleicht auch nur die Klinke und denkt im ersten Moment: Scheitern ist total scheiße. Und den Satz möchte man doppelt und dreifach unterstreichen… Scheiße, Crash Boom Bang und das bei einem an sich todsicherem Ding…

Gründe warum man Dinge an die Wand fährt gibts viele. Persönliche. Sachliche. Dinge, die man selbst beinflusst hat und selbst beeinflussen kann – Dinge, auf die man keinen Einfluss hatte und haben konnte und vielleicht auch Dinge, die dazwischen liegen. Vielleicht merkt man sehenden Auges, dass die Katatstrophe auf einen zusteuert und ist das Kaninchen, welches sich aus den Augen der Schlange nicht befreien kann. Manchmal laufen Dinge einfach aus dem Ruder ohne dass man irgendwie was dafür kann, manchmal versucht man gegenzusteuern und macht die Sache nur noch schlimmer. Kurzum: Scheitern tut sauweh.

Kein Wunder, wenn man sich körperlich auf die Fresse legt tut es auch sauweh und Scheitern muss nochmal eine Steigerung dieses körperlichen Schmerzens sein, weil sich hier die Seele auf die Fresse gelegt hat und im ersten Moment nach dem Moment des Scheiterns erstmal mit einem „Aua, tut weh, aber hey, das heißt ja auch ich lebe noch“ aufrappeln muss. Und je nachdem wie stark man körperlich fällt kann man ja auch seelisch äußerst unangenehm fallen. Und ja, ich schreibe es nochmal hin: Im ersten Moment nach dem Knall ist Scheitern einfach nur scheißendreckiger Bockshornmist.

Natürlich gehts einem miserabel. Schließlich ist gerade eine ganze Portion von Gefühlen zerbrochen und von Erwartungen. Was hatte man sich nicht alles von diesem oder jenem Projekt versprochen, hey, hatte man sich im Vorhinein gedacht, wenn das einmal läuft dann … dann bin ich glücklicher, zufriedener, ein rundum anderer Mensch als zuvor. Genau. Wenn das und das und das funktioniert, dann hoffe ich dass es mir besser geht als zuvor. Das kostet alles Energie. Das Sich-Aus-Malen. Das Hoffen. Das Glauben. Das Herumstolzieren auf dem Dach und die Tagträumereien – nicht zu vergessen von all den Mühen, die man sich macht um einen guten Eindruck zu hinterlassen, die Tage der Vorbereitung, das Feilen an den Konzepten, die Überlegung welche Schriftart nehme ich denn jetzt am Besten oder mache ich da noch eine Verzierung dran, vielleicht doch besser die rote statt der grünen Jacke, doch besser den leichteren Schal gegen den, den einem die Freundin als Glücksbringer mitgibt … da geht ein Haufen zu Bruch wenn man scheitert. „Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht und mach dann noch ’nen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht“, spottete schon Brecht, der übrigens nach der Dreigroschenoper enorm mit dem Nachfolgestück gescheitert ist. Das tröstet einen zwar momentan nicht im Geringsten, aber vielleicht kann sich der Gedanke ja später noch nützlich erweisen. Scheitern tut weh weil die ganzen Energien, die man vorher verwendete auf einmal verpuffen – abgesehen davon, dass das Selbstwertgefühl natürlich auch erstmal einen „auf den Hut“ gehaun bekommt. Ob es davon gut wird, lieber Brecht, ist ja erstmal zu bezweifeln. Erstmal nämlich tut alles weh.

Scheitern tut weh und ist doof und scheiße und dieses „Begreife Scheitern als Chance“ klingt erstmal hölzern, abgeschmackt und envuiert. Na klar, Scheitern als Chance begreifen. Können ja auch nur die sagen, so stellt man sich jetzt trotzig, die noch nie im Leben gescheitert sind. Denen immer alles flott von der Hand ging. Die Sonntagskinder, die sich nur am Sonntag in den Wald stellen müssen, das Glasmännlein irgendwie schief anreimen und hoppla-hopp Wünsche erfüllt bekommen. Gegen die hat man eher momentan das, was der Holländer-Michel als Wehwechen gegen alles verschreibt: Ein steinernes Herz in der Brust. Ein verstocktes, sich taub stellendes Herz, dass erstmal gar keinen Raum dafür hat um Dinge wie „Ach, wird schon“, „wirst schon sehen, war besser so“ zu hören. Was selbstverständlich erstmal legitim ist, da man erstmal mit sich selbst ins Reine kommen muss, man muss erstmal das Sterben der Gefühle bewältigen, das Begraben der Hoffnungen, das Verbrennen der Möglichkeitsbrücken. Oh Gott, was werden die jetzt von einem denken? Verdammt, mein Renommee! Da kann ich nie wieder irgendwas tun, da ist verbrannte Erde und wenn sich das rumspricht – und prompt bläht sich das Drama in Opera Seria Manier auf und momentan ist noch kein Deus Ex Machina anwesend um einen zu retten. Man fällt die ganzen neun Kreise der Hölle bis in die Eiseskälte Satans, der Judas zermalmt hinunter. Wenn nicht noch mehr. Persönliche Höllen haben unendlich viele Stockwerke…

Irgendwann aber dann hat man die Wahl zwischen Schmollen, Asche aufs Haupt streuen und im Bußsack herumgehen, sich von der Engelsburg zu stürzen oder man ist erwachsen genug um sich einzugestehen – was der erste Stein des Besserungsweges ist: Ja, okay, ich hab da eine Entscheidung getroffen, ich hab da dem Schicksal ins Lenkrad gegriffen, ich hab den Wagen an die Wand gefahren. Scheiße, ja, es ist vielleicht ein Totalschaden aber moment mal: Mir ist doch jetzt nicht ernsthaft körperlich was passiert. Also nicht wirklich. Ich meine, okay, ja, da sind ein paar Blessuren, die Frage nach der Größe des Selbstwertes möchte man auch nicht unbedingt zu diesem Zeitpunkt verhandeln – aber erstmal hat man doch den Crash an sich überlebt. Klar. Lädiert. Ja: Den Totalschaden kann man nicht wegleugnen, der ist immer noch, unschön, aber moment mal – mir gehts doch erstmal einigermaßen gut.Vielleicht sogar so gut, dass man jetzt in die Traubenphase kommt: Na ja, war eh alles zu sauer. Warum hab ich mich da überhaupt abgemüht. Also, war ja klar: Ich und hier eine Chance haben? Nee, lass mal. Sowieso alles blöd gewesen. Klar. Nee, nee, das musste ja schiefgehen weil … und jetzt zählt man alle Dinge von A bis Z, Alpha bis Omega, Punktzeichen und Strichzeichen auf warum man selbst ja scheitern musste und warum das Ergebnis eh nicht die Mühe wert war. Nee, die Trauben da oben sind zu sauer obwohl ich keine Ahnung habe wie die schmecken. Aber andererseits dann wieder, man hätte ja auch bewußt aus der Niederlage einen Sieg machen können! Natürlich hätte man das. Und wie man das hätte tun können. Stier – Hörner – packen – drüberspringen – hic Rhodus, hic salta mein Junge aber sowas von. Klar, die hätten gegen einen doch keine Chance gehabt wenn … ähm … wenn … also, irgendwer oder irgendwas anderes außer einem selbst hielt einen davon ab auf den starken Mann zu machen, das Ruder rumzureißen – genau – sie wars, ähm, er wars, er wars, er wars der Jehova gesagt hat.
Ach Unsinn, mann war doch noch viel zu gut die ist noch eine der Reaktionen, die man so häufig hat. Pah, die verstanden einen nicht. Man ist halt was Besonderes und das versteht halt nur der, der es verstehen will und die Anderen sind eh alle zu tumb um auch nur den Nachklang der göttlichen Bedeutung des einzige wahren Sonder-Seins zu verstehen – hach, und jetzt rasch noch unter die Lichtdusche, der Heiligenschein ist schon wieder so matt…

Verständlich ist das alles. Aber leider auch alles irgendwie absoluter Kindergarten über den man als erwachsenes Wesen hinausgekommen sein sollte – dummerweise gretscht einem da dieses blöde kleine innere Kind zwischen die Beine ab und an und dann verhält mich sich doch so wie oben beschrieben. Sollte man aber nicht. Denn tatsächlich ist Scheitern erstmal scheiße aber Scheitern heißt auch gleichzeitig dass wir lernen. Sofern wir uns eingestehen: Okay. Da war die Vorbereitung nicht wie sie sein sollte. (Wenn man jetzt grollt: „Die haben auch nicht genau Deutlich gesagt, was sie jetzt wollen“ wäre das wieder das innere trotzige Kind in einem, das lassen wir mal besser drin.) Man hatte nicht alle Informationen die man brauchte. Oder man hatte alle Informationen, hat bei der Vorbereitung das Ein oder Andere vergessen. Scheiße, ja, das war nicht NICHT die neue Version von Microsoft Office sondern eine drunter, aber man selbst hat nur für die neue Version mit den blöden neuen Formaten seine Unterlagen optimiert. Oder man merkt: Mist, ich hab die Größe und Dauer des Projekts überschätzt. Der Termin ist zu eng. Die Druckertinte liegt in den letzten Zügen und das Formular, das man da vorliegen hatte sah scheiße aus. Kurz und gut: Man war einfach ein Idiot. Warum zum Teufel nochmal hat man sich das Ganze auch aufgehalst?

Jetzt erst ist uns bewußt, dass wir vom Totalschaden Abstand genommen haben, dass wir jetzt erstmal angefangen haben den Schaden auseinanderzunehmen und uns zu fragen: Aus welchem Motiv habe ich eigentlich mich in dieses Unterfangen gestürzt und würde ich beim nächsten Mal wieder so handeln? Natürlich nicht! Logisch! Fehler kann man machen, aber man macht Fehler doch nicht zweimal. Gut, bestimmt nicht dreimal. Oder man macht den Fehler zum Quadrat, dass ist dann aber höhere Scheiternsmathematik. Na gut. Ja. Okay, der Totalschaden sieht immer noch nicht glücklich aus – wie auch – aber beim nächsten Mal, wenn ich wieder in dieser Situation, in dieser Lage bin dann weiß ich wenigstens, dass ich die Bremse eher ziehen sollte. Vielleicht reicht es auch ein wenig vom Gas zu gehen, ein bewußtes NEIN aus dem Fenster zu werfen, den nächsten Wagen werde ich sicherlich anders fahren. Vorsichtiger. Werde bewußt auf den Ölstand achten, ja, auch Sommer- gegen Winterreifen tauschen. Kurzum: Beim nächsten Mal, beim nächsten Projekt, beim nächsten Versuch werde ich frühzeitiger auf Dinge reagieren können.

Seltsam oder? Über Erfolge kann und darf man sich freuen, beim Scheitern gelingt einem das erstmal so gar nicht obwohl es doch auch tatsächlich eine Freude sein kann. Die Freude nämlich es a) zumindestens mal versucht zu haben und dann festzustellen, dass diese Richtung, diese Idee, dieser Plan nicht der richtige war und b) aus dem Scheitern seine ureigensten Erfahrungen mitzunehmen. Wir lernen nicht mit dem Erfolg. Wir können eventuell mit unseren Aufgaben wachsen – das klappt aber nur wenn ich und die Aufgaben gleichzeitig maßvoll wachsen, sonst wächst einem nämlich alles über den Kopf, was viel schlimmer und unangenehmer ist – wir lernen aber nur durch das Scheitern. Dadurch, dass uns – je nachdem was man hier einsetzen möchte – einen Klaps auf den Detz gibt, dass wir stolpern, dass wir hinfallen, dass wir aber auch wieder aufstehen und wissen: Gut. Das war vielleicht nicht das Passende für einen, aber eigentlich sieht dieser andere Wagen auch nicht unschicker aus als der, den man gerade an die Wand gefahren hat. Hey, moment, der hat ja noch eine bessere Zusatzausstattung und schau mal, also eigentlich ist doch…

One thought on “Crash Boom Bang

Kommentare sind geschlossen.