Transmedia Storytelling: Neuer Wein – alte Schläuche?

Auf der Tagung „Offene Archive?“ brachte Klaus Graf angesichts meines Vortrages über Transmedia Storytelling die Frage auf, ob dies nicht neuer Wein in alten Schläuchen sei – seine Reaktion bezog sich auf das Zitat von Henry Jenkins, der 2007 einen längeren Blogpost zum Thema schrieb – eigentlich eher ein Handout für seine Studenten, das er ins Blog stellte weil es sowieso schon geschrieben war🙂 – und darin die Form des Transmedia Storytelling auf den Punkt brachte. Klar gibts den Begriff an sich seit 1991 und wer mag, lese die Geschichte in der englischen Wikipedia nach – aber Jenkins hat einerseits die passenden Worte für das Feld an sich gefunden und nochmal einige Gedanken dazu aufgeschrieben, die bis heute gültig sind. Ergänzt hat er das alles 2011 übrigens nochmal in seinem Blog.

Exkurs: Wobei ich ja diesen Artikel auch sehr schön finde: „He-Man and the Masters of Transmedia„, vor allem weil ich glaube, dass sich hier etliche Punkte von Christoph Deeg über das Fansein und über das Verhalten von Fans bzw. Gamern angleichen und vor allem weil hier nochmal ein wichtiger Punkt betreffs des Themas „Mythologie“ aufscheint. Kann man sich gerne nach dem Lesen des längeren Artikels hier nochmal zur Gemüte führen. Und ich finde es spannend zu fragen, warum man in Deutschland den Begriff anscheinend bisher nicht so Recht kannte wenn der seit 1991 existiert und warum es in den letzten Jahren hier so akut geworden ist. Darauf habe ich keine Antwort, aber immerhin: Da unten sind die Schultern der Riesen… 

Ich habe jetzt mal dieses Zitat mit dem Wein und den Schläuchen in den synoptischen Evangelien nachgeschlagen um nochmal genauer zu schauen worauf sich das Gleichnis eigentlich bezieht, da es durch die Tagung als geflügeltes Wort geisterte. (Wen es interessiert: Das Internet hat natürlich auch eine Nebeneinander-Darstellung der verschiedenen Wortlaute der Szene zu bieten – Synopse.) Nun bin ich zwar kein Pfarrer, ich bin aber als evangelischer Christ auch durchaus der Meinung, dass man die Bibel auch als Laie mal interpretieren darf. Danke, Martin. Also Luther, nicht dass sich jetzt jemand persönlich…

Das Zitat des Weines steht in Zusammenhang mit der Frage, warum Jesu Jünger nicht wie die Anhänger von Johannes fasten bzw. gewisse Regeln wie die Pharisäer einhalten. Findet man einige Zeilen vor dem Text. Die Jünger brechen mit Traditionen und tun etwas Neues, Unerwartetes, Ungehörtes. Etwas später wird darauf nochmal Bezug genommen und Jesus begründet das neue Verhalten mit einem uraltem Beispiel. Was schon wieder interessant ist: Der Bruch, das Neue wird mit einem Beispiel aus dem Alten Testament – David und die Schaubrote – begründet. Man kann sich schon fragen was hier Neu und was Tradition ist und ich glaube, Jesus hat hier doch ein bißchen mit den Augen gezwinkert beim Erzählen der Geschichte.

Zurück zum Wein: Natürlich hat Jesus hier die Lebenswelt der Zeit vor Augen. Natürlich füllt man keinen neuen Wein in alte Schläuche denn sonst „zerreißt der Wein die Schläuche, und der Wein wird verschüttet, und die Schläuche verderben; sondern neuen Wein muß man in neue Schläuche tun.“ Dauerhaft wird man das auch nicht tun. Insofern: Klar – Storytelling an sich ist nichts Neues. Ich erinnere aber daran: Jesus erzählt diese Geschichte – wohlgemerkt, es ist eine Geschichte – als Antwort auf eine bestimmte Frage – warum tun deine Junger eigentlich nicht das, was sich gehört? Warum halten sie sich nicht an die Regeln?

Wir vergessen das im Alltag meistens und nutzen das Zitat gerne als Vorwurf wenn der neue Wein schon da ist, wir aber noch nicht wissen wie eigentlich die Schläuche auszusehen haben in dem wir ihn füllen könnten. Im Sinne der Klage des Predigers nämlich: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ – aka – „Alles schon mal dagewesen, was macht man denn für einen Lärm darum, auch das geht irgendwann wieder vorbei.“ Jesus gehts jedoch um eine Lebenseinstellung – um etwas Neues was die Fragenden nicht einordnen können – eine neue Art und Weise das Traditionelle zu sehen. Ich denke, so kann man das Gleichnis auch deuten: Als Anregung über das Alte nachzudenken und zu schauen ob das Neue noch zum Alten passt oder ob man nicht neue Gewohnheiten, neue Sichtweisen braucht um den neuen Wein tatsächlich später genießen zu können.

Denn was da auch mitschwingt ist ja: Der neue Wein ist ja noch gar nicht mal fertig! Da passiert beim Füllen in die alten Schläuche ja noch etwas. Da ist ja noch ein Prozess im Gange. Da kann ja noch eine Menge passieren, klar kann der neue Wein die alten Schäuche zerreißen und klar kann der verderben und versickern. Es kann aber auch sein dass der alte Schlauch erstmal herhalten muss weil nichts Besseres da ist um den Wein zu transportieren und der nur ein Übergangsbehälter ist bis der neue Schlauch da ist. Es könnte ja so sein – und – das war bei den ersten Blogs doch auch so siehe Wikipedia, Blog, Geschichte des Blogs: „Die ersten Weblogs tauchten Mitte der 1990er Jahre auf. Sie wurden Online-Tagebücher genannt und waren Webseiten, auf denen Internetnutzer periodisch Einträge über ihr eigenes Leben machten.“

Was passierte denn da? Nutzer haben den „neuen Wein“ – nämlich die Einträge über das persönliche Leben – auf stinknormalen HMTL-Webseiten notiert – in „alten Schläuchen“ – denn sowas wie WordPress, Antville, Cafepress also CMS-Systeme gabs ja damals noch nicht. Es gab dafür zuerst auch keinen Bedarf, für eine Zwischenzeit reichte die alte Form ja auch aus. Bis man dann halt drauf kam: Es gibt vielleicht doch bessere und bequemere Art und Weise sowas zu gestalten.

Genau das passiert gerade in einem Teilbereich des Social Web: Da taucht eine neue Art und Weise auf darüber nachzudenken wie Dinge transportiert werden können – ja, der zitierte Blogeintrag stammt von 2007 und ja, natürlich hat auch der Godfather of Storytelling seine Vorbilder und Anregungen und sicherlich beziehen sich Transmedia Storyteller auf uralte Modelle um Geschichten gut zu erzählen. Es ist aber etwas Neues dazugekommen, eine neue Sichtweise, ein neuer Bestandteil: Das Aufbrechen von Grenzen. Ich habe gesagt: „Die Geschichte sprengt auf einmal die bisherigen vorhandenen Medien“ – das ist das Neue. Auf einmal werden Kanäle auf eine neue Art und Weise genutzt. Es ist wie bei einer Film-DVD – Vergleiche hinken, aber mir fällt momentan kein Besserer ein, es sei denn ich versteige mich zu der These die Geschichte hat auf einmal rhizomatische Züge, um Himmelswillen, das wird mir garantiert auseinanderzerpflückt – also auf einmal gibts den Hauptfilm und das Zusatzmaterial, geschnittene Szenen, zwei drei Kommentare – aber – das Zusatzmaterial zur Geschichte ist nicht mehr auf der selben DVD zu finden. Noch nicht mal auf einer zweiten DVD. Früher gabs mal die Variante, dass man die DVD ins Computerlaufwerk schob und man dann per Code Zugriff auf Internetseiten mit Zusatzmaterial hatte. Das war Transmedia, ist also auch nichts Neues, gabs schon immer – alter Wein und so weiter. Im Idealfall unterstützt das Zusatzmaterial den Hauptfilm und hat neue Aspekte, es kann sein dass sogar ein eigner Geschichtenkosmos entsteht wie bei World of Warcraft – gut, ob Bücher zum Computerspiel mit neuen Geschichten wirklich unter Transmediales Erzählen fallen darüber grübele ich auch immer noch nach und auch diese Dinge sind ja nicht neu, nein.

Aber zurück zum eigentlich Wein, denn die Geschichte hat ja noch eine Pointe. Nicht im Markusevangelium, da ist sie nach einigen Sätzen auserzählt und bereitet sozusagen den Boden für die nächste Szene, das Ausrupfen von Ähren am Sabbat was Jesus dann – und er muss dabei gezwinkert haben, ich kann mir das nicht anders vorstellen – mit der Tradition begründet. Bei Lukas hat sich das Gleichnis verlängert, hier gibts nochmal was obendrauf. Ein I-Tüpfelchen, Kirsche auf der Sahne mit Schokosträusel in Bunt: „Und niemand will, wenn er alten getrunken hat, alsbald neuen, denn er spricht: Der alte ist besser.“

Darüber musste ich erstmal etwas nachdenken, weil es ja eigentlich die Kritik bestätigt: Der alte Wein schmeckt halt besser, deswegen ist der neue nichts und kann auch nichts sein. Ich musste dann aber doch grinsen: Der neue Wein wird ja irgendwann mal zum Alten. Irgendwann ist der Prozess ja abgeschlossen, irgendwann haben sich Wein und Schlauch aufeinander eingestimmt, werden gelagert, werden gereift sein. Abgesehen mal davon, dass hier auch ein bißchen zwischen den Zeilen durchschimmert, dass man ja erstmal eine Vergleichnismöglichkeit haben muss um sich entscheiden zu können ob der alte Wein nun besser schmeckt als der Neue.

Wie schade wäre es denn, wenn wir gar nicht vergleichen könnten? Seien wir doch froh, dass es Transmedia Storytelling gibt, dass es Storytelling an sich gibt, dass es daneben natürlich auch noch den alten Wein gibt  – das gute alte Buch, in dem eine Geschichte komplett aus einer Sichtweise und in einem Medium erzählt wird, auch wenn die Geschichte im guten alten Buch auch zusätzlich noch in ein neues Medium namens eBook transferiert werden kann und immer mehr wird. Es ist doch gut, dass wir vergleichen können und uns für oder gegen etwas entscheiden können.

Es ist in Ordnung Kritik zu üben, keine Frage  – und ja: Es ist nichts grundlegend Neues. Der Aspekt des Storytellings als Methode eh nicht, siehe Wikipedia. Die Uni Mainz fasste eine Tagung zum Transmedia Storytelling unter den Begriff des „kollektiven medialen Erzählens“ und brachte „Medienkonvergenz“ ins Spiel. Das sind jetzt etwas ältere Schläuche, denn Medienkonvergenz ist ein Begriff, der auch schon seine Geschichte hat, ich kenne ihn mindestens seit 1998… Gut. Aber es gibt beim Erzählen von Geschichten, bei der Methode, bei der Heransgehensweise an Problematiken auf einmal einen neuen Aspekt. Ob man ihn geschmackvoll findet oder nicht, mag oder nicht – meine Güte, wenn ich daran denke wie sich beim Wein desöfteren die Geister scheiden… Immerhin aber hat man die Wahl und kann vergleichen und bewußt auswählen. Übrigens:  „Ich habe eine Blogsoftware in C gehackt, mit dietlibc, libowfat, unter gatling laufend und mit einem tinyldap-Backend.“ Schreibt FeFe.

Insofern…