Paradoxe Intervention: Einfach machen und gezielte Strategien

Ja was denn nun? Einerseits ruft Frank Tentler aus: „Schluss mit Lustig“ und fordert auf dass Social Media Arbeiter endlich daran gehen Strategien und Werkzeuge zu entwickeln um Content bestmöglichst zu vermarkten. Andererseits war jetzt auf der Tagung „Offene Archive?“ mit dem Archivar Christian van der Veen ein Niederländer zu Gast, der mehr Spaß und „Einfach Machen“ als Prinzip vorstellte. Und wenn man mich fragt antworte ich gelassen mit „Social Media macht Spaß, aber auch verdammt viel strategische Arbeit – und es kommt drauf an.“

Das Problem des Lebens: Es hat Widersprüche. Wir tendieren gerne dazu diese irgendwie auflösen zu wollen, weil wir in der Regel eine harmonische Umgebung haben möchten in der wir uns bewegen. Wir ersinnen die Beste Aller Möglichen Welten und versuchen dieses Ideal zu erschaffen. Manchmal jedoch geraten wir ins Stolpern, weil die Realität uns dummerweise zwei Sachen präsentiert, die beide funktionieren, die beide wichtig sind, die jedoch beide vollkommen auf den anderen Seiten des Skala stehen. Und die muss man einfach mal so stehenlassen können – auf der einen Seite ist so der Anspruch da ein authentisches, persönliches Marketing zu gestalten bei dem man den Menschen als Person ernstnimmt und bei dem man nicht versucht Rollen zu spielen, andererseits scheint das aber mit der Idee eines strategischen Vorgehens mit Routinen, Automatismen, ja, mit der Vorstellung der Manipulation zu  kollidieren. Was in der Diskussion auf Facebook, dem Haupt des Zeus praktisch aus dem dieser Beitrag und der von Frank Tentler entspringt, heftig diskutiert wurde. Und manchmal extrem merkwürdige Züge annahm.

Auf der einen Seite ist die Strategie. Das Schritt für Schritt zum Blog vom A – Z mit Kommunikationskonzept, mit den Werkzeugen, mit dem Wissen darum wie Muster in der Kommunikation funktionieren – manchmal fällt das „böse Wort“ Manipulation in dem Zusammenhang – mit dem Wissen um Neuronales Marketing, auch ein Buzzword eigentlich🙂, um Routinen, Maschinen, kurz – auf dieser Seite ist der Stratege und der Techniker zu Hause. Jemand der langfristig im Voraus denkt soweit das im Social Web geht, jemand der Dinge miteinander verzahnt, der Growth Hacker, der weiß welche Mittel man anwendet um Dinge zu verstärken – im Guten wie im Bösen, denn man erinnere sich: „Nicht die Dinge selbst sind gut oder schlecht, sondern unser Denken macht sie dazu“ – der die Klaviatur von Radian6 oder ähnlichen Instrumenten kennt, weiß wie man Zahlen zu deuten hat und Spaß – aha – an der Strategie-Entwicklung hat.

Andererseits heißt dann die Devise: „Einfach mal Machen“. Spaß haben. Verrückte Projekte entwickeln. Mit lustigen Hüten und Kuchen sich als Social Media Arbeiter zu treffen und einfach mal auch Dinge auszuprobieren. Grenzen sprengen. Mit Spass inne Backen die ganzen tollen Werkzeuge nehmen und mal probieren ob die kaputtgehen wenn man sie zweckentfremdet. Geplantes Chaos mit dem Barcamp-Format als Mitarbeiter-Schulung. Einfach mal Hacker einladen und anbieten, mit den eigenen Inhalten etwas Cooles anzustellen – innerhalb gewisser Regeln, die sein müssen. (Womit wir schon dezent auf Etwas gekommen sind übrigens.) Einfach mal so bekloppt sein eigenes Material frei ins Internet zu stellen und zu gucken, was passiert. Hey, die bisher offene API bei Twitter hat ja einen Effekt gehabt! Dass die davon wieder abrücken ist nicht so schön, aber „Nobody died and no animal was harmed“ so Christian van der Veen. Manchmal muss man einfach machen um zu zeigen, dass das alles gar nicht so schlimm ist wie man sich das vorstellt.

Zwei total unterschiedliche und widersprüchliche Konzepte also. Die passen nicht zusammen. Man kann die einfach nicht vereinen. Abgesehen mal von der Frage ob das Chaos nicht doch einen Rahmen braucht um Dinge hervorzubringen – sicher ist ein Barcamp erstmal zu Beginn für den Erstbesucher verwirrend, aber auch ein Barcamp hat ja eine gewisse Art und Weise des Vorgehens: Man trifft sich zuerst, man stellt sich vor, man präsentiert die Themen in der Runde und dann gibts einen Programmplan. Hmmmm… Also so gesehen – und überhaupt – und generell…
Und dann wiederum greift das Chaos, der Spaß, das Unvorhergesehene ja immer im Leben aktiv ein und bringt die ganzen schönen Weltgebäude zum Einsturz. Weniger vielleicht was bestimmte Methoden des „Ranwanzens“ oder der „Manipulation“ oder der Strategie betrifft, wie ich meine Inhalte von denen ich brennend überzeugt bin, bei denen ich persönlich, offen und authentisch als Vermittler auftrete – und dann muss man irgendwie darauf reagieren und vielleicht gibts dann doch noch eine neue Art und Weise, eine neue Methode, eine neue Erkenntnis wie ich noch besser Routinen und Maschinen benutzen kann. Hmmmm…

„Das Leben“, seufzt Marvin im „Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams, „erzähl mir nichts vom Leben.“ Das ist jetzt nicht nur eine dahingeworfene Äußerung einer Maschine, eines Roboters sondern eines Roboters bei dem die Designer sich dachten, sie hätten jetzt eine Maschine mit dem perfekten menschlichem Image geschaffen – also Technik mit Seele, was ja auch ein Paradox an sich ist. Sondern auch weil Marvin in dieser Szene weder uralt noch weise ist sondern wie das Raumschiff eigentlich niegel-nagel-neu … Douglas Adams Feinheiten schätze ich deswegen so sehr. Marvin ist ein lebendiger Widerspruch und dennoch mögen wir ihn als Leser. Ja, Social Media macht Spaß und ja, „nobody died and no animal was harmed“ während wir persönliches und authentisch geprägtes Arbeiten in den Vordergrund stellen, Regeln sprengen und neue Dinge tun, verbunden mit der Prise Individualität die man als Mensch braucht – weil Social Media Gesichter, Stimmen, Emotionen braucht, „Menschen reden nicht mit Marken“ in der Regel.

Andererseits brauchen wir aber doch auch immer wieder einen Rahmen. Technische Gegebenheiten. Resourcen. Das Wissen darum was passiert wenn ich bei dieser Maschine diesen Knopf betätige, der wiederum dieses Zahnrad mit diesem in Bewegung setzt, was wiederum andere Komponenten antreibt. Man braucht die Zahlen, Daten, Fakten, Statistiken, Matrix-Zahlenvorhänge. Man muss messen können ob etwas Erfolg hat oder nicht weil man sonst Resourcen verschwendet – ganz klar kann man sich das als Unternehmer nicht leisten und geht über kurz oder lang pleite. Und jetzt: Betroffen dastehen, Vorhang runter, Fragen aber offen?

Würde ich die endgültige Antwort, den EINEN Plan haben, die EINE Strategie – ups – wie man beides geschickt miteinander verbindet, wäre ich sicherlich längst auf Hawai und würde schwimmen gehen. Ich hab keine endgültige Antwort, weil jemand der Menschen berät darauf vertraut, dass der Mensch an sich schon längst die Fähigkeiten für die Lösung seiner Probleme in sich trägt – er weiß nur in diesem Moment nicht, dass er sie hat und wie er an sie drankommt. Vielleicht macht es in unserem Fall ja eine gesunde Mischung für das Unternehmen. Vielleicht muss man erstmal um Widerstände zu beseitigen darangehen strategische Konzepte zu erstellen um dann anschließend auch mal so nebenbei Spaß zu haben wenn die Hauptargumente vorgetragen wurden – „Kuchen!“ – aber manchmal muss man eventuell auch einfach mal sagen können: „Okay – den Widerspruch muss ich aushalten.“ Oder man pfeift auch darauf und die Strategie ist halt Spaß zu haben und das zu vermitteln.

Jedenfalls: Das Leben ist kompliziert und es ist komplex und es ist widersprüchlich. Ab und an müssen wir diese Widersprüche auch aushalten können – und das ist eine hohe Kunst…